Direkt zum Hauptbereich

Der Sucher von Tana French - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Der Sucher 


von Tana French

Gesprochen von Wolfgang Wagner
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 13 Std. und 52 Min.


Der Anfang: 

Als Carl aus der Hintertür tritt, haben die Krähen gerade Beute gemacht. Sechs von ihnen hüpfen im hohen nassen Gras und dem gelb blühenden Unkraut herum und hacken auf irgend-was ziemlich Kleines ein, das sich noch bewegt.


Cal Hooper, ehemaliger Cop aus Chicago, hat nach seiner Scheidung den Dienst quittiert und sich im Westen von Irland niedergelassen, um seinen Ruhestand auf dem Lande zu genießen. Er hatte sich ein einsam gelegenes Cottage gekauft, ist dabei, es Stück für Stück zu renovieren. Im Dorf nimmt man ihn freundlich auf, aber noch mit Distanz zum merkwürdigen Ami, wettet darauf, dass er es nicht länger als ein Jahr aushält. Plötzlich fühlt sich Cal beobachtet und entdeckt ein Kind, das um sich sein Haus herumtreibt. Ganz langsam schafft er es, einen Draht zu dem Jungen zu finden, der sich aus der Deckung heraustraut und ihm bei der Renovierung eines alten Sekretärs behilflich ist. Der Junge, Treyn, hatte gehört, Cal sei ein Cop. Und irgendwann rückt er mit seinem Anliegen heraus. Sein großer Bruder Brendan sei seit Monaten verschwunden und er glaube, der sei entführt worden, bittet Cal, ihn zu suchen. Der dreizehnjährige Treyn ist ein wilder Typ, misstrauisch und scheu bis unter die Schuhsohlen. Cal bekommt heraus, dass die Familie im Dorf geächtet ist, niemand will etwas mit ihnen zu tun haben. Dabei hat es die Mutter nicht leicht, die von ihrem Mann mit einer Schar Kinder von ihrem Mann sitzengelassen wurde. Cals Mitgefühl regt sich für die bitterarme Familie auf, die sich mehr schlecht als recht durchschlägt. Seine Cop-Neugier ist erwacht und er verspricht Treyn, sich umzuhören. 


Was geht vor in Ardnakelty?


Cal blickt zur Hecke, als er sich nach der Säge bückt. ‹Wenn du schon zuguckst›, sagt er,  ‹kannst du dir  auch aus der Nähe anschauen, was ich hier mache. Komm her und hilf mir ein bisschen.›

Die Stille hinter der Hecke ist absolut. Cal spürt sie förmlich vibrieren. 

Er sägt die Laufleiste ab, pustet den Staub weg und hält sie probeweise an die alte. Dann wirft er sie lässig und locker Richtung Hecke, gefolgt von einem Bogen Schleifpapier. ‹Hier›, sagt er zur Hecke. ‹Schmirgel das glatt.›


Auf den umliegenden Farmen kommen Schafe zu Tode. Die Einwohner tun das lässig ab, doch Cal glaubt, hier liegt ein Dorfgeheimnis verborgen. So beschließt er, ein wenig enger in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Nicht einfach, denn das Misstrauen in Ardnakelty gegenüber Fremden ist groß. Es gibt ungeschriebene Regeln, gegen die man als Fremder schnell verstoßen kann, weil man sie nicht kennt. Auch wenn sein Nachbar ihn mit der ein oder anderen alleinstehenden Frau verkuppeln will: Er ist und bleibt der Cop aus Chicago. Und die Männer von Ardnakelty geben ihm unmissverständlich zu verstehen, dass seine Nase nicht in Dinge hereinzustecken hat, die ihn nichts angehen. Cal ist ein moralischer Mensch, lässt sich so leicht nicht einschüchtern. Hier draußen, im wilden Irland, muss er sich auf seinen Instinkt verlassen. Weder steht ihm die Spurensicherung noch ein technischer Dienst für polizeiliche Abfragen zur Verfügung, kein Partner steht an seiner Seite. In der abgelegenen Gegend der Berge und Moorlandschaften kann es gefährlich werden ...


Ein Sucher auf vielen Ebenen


Am Berghang ist es kälter als unten im Weideland. Außerdem hat die Kälte auch eine andere Qualität, als Cal das von seinem neuen Zuhause kennt. Sie ist beißender und anstrengender, geht im schneidenden Wind direkt auf ihn los.


Ein literarischer Thriller, der mit Sprache und Atmosphäre besticht, komplexe Figuren, die sich fein gezeichnet langsam aufblättern. Ein Kriminalroman, der sich geruhsam entwickelt, von der ersten Seite hereinzieht, den Thrill spüren lässt, der wie ein fernes Gewitter immer weiter dunkel heranzieht. Der Sucher, ein passender Titel. Cal sucht nach sich selbst, sucht nach dem, was er in seinem Leben falsch gemacht hat, im Job, in der Ehe, in der Kindererziehung – sucht nach einem Neuanfang, sucht nach Zugang zu den Menschen im Dorf. Doch er ist auch der professionelle Schnüffler, der nach einem jungen Mann sucht, versucht, Dorfgeheimnissen auf dem Grund zu gehen. Atmosphärisch schildert Tana Frech das harte Dorfleben, junge Leute ziehen weg, ein Mikrokosmos der eigenen Gesetze, eine karge Landschaft. Empfehlung!


Tana French begeistert Krimi- und Literatur-Liebhaber:innen gleichermaßen. Mit ihrer eindrücklichen Sprache zeichnet die irische Autorin ​markante Gesellschaftsporträts und schaut tief in die Seelen der Menschen. Tana French wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet; ihre Romane stehen weltweit auf den Bestsellerlisten. Sie wuchs in Irland, Italien und Malawi auf, absolvierte eine Schauspielausbildung am Trinity College und arbeitete für Theater, Film und Fernsehen. ​Tana French lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im nördlichen Teil von Dublin.



Tana French
Der Sucher
Gesprochen von Wolfgang Wagner
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 13 Std. und 52 Min.
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Originaltitel: The Searcher
Kriminalroman, Thriller, amerikanische Literatur, Irland
Argon Verlag, 2021
S. Fischer Verlag, 2021, Hardcover, 496 Seiten





Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

  Der Kinder- und Jugendroman entblättert sich als packendes Survivalabenteuer vor dem Hintergrund des Klimawandels in der Arktis. In einem Rutsch durchgelesen – ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen: Zunächst lernen wir abwechselnd Bee und Yutu kennen, deren Wege sich später kreuzen werden – ein Kampf ums Überleben beginnt, und der gegen die Männer, die Bee auf der Spur sind, sie gefangen nehmen wollen. Abenteuer in der Arktis und Freundschaft bis zum Limit. Hervorragender Kinder- und Jugendroman ab 10/11 Jahren und weit darüber hinaus. Weiter zur Rezension:   Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

Rezension - Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall

  Die Kunst des guten Essens vor dem Essen Der Aperitivo gehört in Italien schon lange zur Alltagskultur, wie in der Schweiz der Apero, und auch hierzulande wächst der Trend, den frühen Abend mit Sarti Spritz und Negron zu feiern. Und welche regionalen Unterschiede gibt es zwischen Turin , Mailand , Venedig , Rom und Palermo ? Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall stellen die Aperitivi und Bitter vor, auch die  alkoholfreien Alternativen. Dann folgen die Rezepte zu den kleinen Köstlichkeiten, die zum Feierabendritual gehört. Wer Anregungen zum Mixen von Aperos sucht, Rezepte zu kleinen Appetithappen als Beilage, wird hier auf jeden Fall fündig! Weiter zur Rezension:    Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall 

Rezension - Der Fluch des Hasen von Bora Chung

  Bora Chungs «Der Fluch des Hasen» entzieht sich jeder literarischen Schublade und verwischt die Grenzen zwischen den Genres, ob magischer Realismus, literarischer Horror, Phantastik oder Speculative Fiction. Diese Kurzgeschichten sind klasse! Skurrile, unheimliche, intelligente Geschichten, die uns mit Gänsehaut überziehen. Die Titelgeschichte fand ich genial! Ein einfacher geliebter Haushaltsgegenstand ist mit einem Fluch belegt und bringt nun Unglück in eine Familie. Oder eine heftige Mensch-Android-Liebesgeschichte.  Oder «Narben», ein düsteres, gemeines Märchen. Klasse! Weiter zur Rezension:    Der Fluch des Hasen von Bora Chung 

Rezension - Verwandlung von Lara Swiontek

  Nach der Novelle von Mary Shelley Was fällt einem zu Mary Shelley ein? Wahrscheinlich «Frankenstein» oder vielleicht noch «Der moderne Prometheus». Die Verwandlung – Kafka, na klar. Aber auch Mary Shelley hat sich mit diesem Thema befasst: Verwandlung. Lara Swionteks hat diese Geschichte als Graphic Novel umgesetzt, eine Literaturadaption. Sie ist schnell erzählt: Reicher, gewissenloser Sohn verschleudert sein Erbe, stößt alle Menschen an den Kopf, die noch zu ihm halten und landet bildlich in der Gosse – hier ist es das Meer. Ein Schiff zerschellt vor seinen Augen – nur ein Zwerg mit einem Schatz überlebt und macht ihm ein Angebot ... Weiter zur Rezension:    Verwandlung von Lara Swiontek

Rezension - Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adria von Ines Cali

  Iva Markulin, Staatsanwältin in Zagreb , lässt sich in diesem Politkrimi nach Pula versetzen, als ihr Mann bei einem Attentat ums Leben kommt. Wem galt die Autobombe, die an ihrem Auto befestigt wurde? Ihm oder ihr? Mit ihrem kleinen Sohn Matteo zieht sie zu ihrem Großvater, der auf dem Familiengut Terra Rossa in Istrien Olivenöl produziert. Hier ruft sie eine Sonderkommission ins Leben, als deren Leiterin sie die Mörder ihres Mannes ausfindig machen will. Sie hat den Ruf der «Mafiajägerin», lernt schnell das Who is Who an Istriens Küsten kennen, denen es nicht passt, dass ihnen jemand auf die Finger schaut.  Spannender Wirtschaftskrimi , Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adriavon Ines Cali

Rezension - Wasser von John Boyne

Vanessa Carvin ist vom Festland auf eine kleine irische Insel geflohen, versucht, ihrem alten Leben zu entkommen. Sie ändert ihren Namen in Willow Hale, schneidet sich die Haare kurz und hofft, dass niemand sie erkennen wird. Sie hat ein gutes Leben geführt, das endete, als ihre ältesteTochter Suizid begann und kurz darauf ihr Mann, des Missbrauchs an jungen Schwimmerinnen angeklagt wird. War sie blind oder ahnte sie etwas, was sie nicht wissen wollte? Sie weiß es nicht. Das Psychogramm einer Frau, die versucht herauszufinden, was Schuld bedeutet. Empfehlung. Weiter zur Rezension:    Wasser von John Boyne 

Rezension - Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez

  Leigh Calvez erforscht als Wissenschaftlerin seit vielen Jahren das Leben der Wale. Hier erzählt sie sehr persönlich von ihren Begegnungen mit den Giganten der Tiefsee, darunter familiäre Orcas, weit wandernde Buckelwale oder uralte, tief tauchende Blauwale, die größten Tiere des Planeten.  Nebenbei erfährt man in diesem Buch viel über das Leben und Verhalten von sechs Walarten: Orcas, Buckelwale, Pottwale, Blauwale, Grauwale und Blainville-Schnabelwal, bzw. den Kleinen Schwertwal. Weiter zur Rezension:    Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez