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Der Friedhofswärter von Ron Rash - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Der Friedhofswärter 


von Ron Rash



Der erste Satz: Jacob hatte Wachdienst, postiert am Ufer eines Flusses, der die beiden Armeen voneinander trennte.

Kein dickes Buch, trotzdem ein hochatmosphärischer, epischer Roman über Liebe, Freundschaft und Verrat. Blowing Rock, North Carolina, zu Beginn der 1950er Jahre: Der junge Blackburn Gant, seit seiner Kindheit von einer Polioerkrankung mit Gesichtslähmung und einer Gehbehinderung gezeichnet, wird aufgrund dessen gemieden und gemobbt. Er arbeitet als Friedhofswärter der kleinen Stadt in den Appalachen, wohnt zurückgezogen im Diensthaus am Friedhof. Sein einziger Freund ist seit Kindertagen Jacob.

Jacob wird nach Korea entsandt

Jacob war bereits verlobt, als er sich in die sechzehnjährige, mittellose Naomi verliebt. Seine Eltern besitzen ein Sägewerk und den Lebensmittelladen im Ort, haben ihre beiden Töchter bereits zu Grabe getragen. Die Verlobung von Jacob hatten sie eingefädelt. Sie drohen Jacob nun, ihn zu enterben, wenn er an Naomi festhält. Der lässt sich nicht beirren, heiratet Naomi, verlässt das Elternhaus. Die beiden kaufen eine heruntergekommene Farm und in harter Arbeit bringen sie Land und Haus auf Vordermann. Naomi ist schwanger, als Jacob nach Korea einberufen wird. Er bittet Blackburn, auf Naomi aufzupassen. Auch zwischen diesen beiden entsteht eine tiefe Freundschaft.


Ein guter Freund für beide


Die Toten konnten nichts tun, was die Lebenden ihm nicht bereits angetan hatten.

Blackburn haben die Lebenden verstoßen und so lebt er mit den Toten, spricht mit ihnen; er hebt die Gräber aus, pflegt sie, das Friedhofsgelände und die Gebäude. Zu den Mahlzeiten zerstückelt er sein Maisbrot, um es in Buttermilch zu tunken. Mit 16 Jahren hatte er den harten Job des Friedhofswärters angenommen – seine Eltern waren nach Florida gezogen, wollten ihn nicht mitnehmen. Er ist ein Grübler, und bevor er handelt, denkt der stille Mann lange nach, umreißt das Problem von allen Seiten. Naomi und Jacob interessiert nicht das Gesicht von Blackburn, sie erkennen den klugen, warmherzigen Mann in ihm, treten ihm als Freund entgegen. Auch sie sind isoliert, denn nicht nur die Schwiegereltern verachten Naomi; sie wird von der ganzen Stadt abgelehnt. Sie provoziert, als Antwort auf die Ablehnung, was sie weiter in die Ecke drängt, als Jacob in Korea als Soldat dienen muss. Und als Jacob schwer verletzt wird, sehen seine Eltern ihre Chance, den traumatisierten Jungen für sich zurückzugewinnen … 

Das Mädchen war mehr als schamlos. Parson hatte es mit eigenen Augen gesehen, sie mit ihrem dicken Babybauch in aller Öffentlichkeit mit einem Mann, der nicht ihr Ehemann war. Sie hatten zusammen einen Film im Yonahlossee angesehen und waren dann noch in Holder’s Soda Shop gegangen.

Drei Archetypen; Geld, Macht, Hass, Intrigen, Verrat gegen die Liebe

Jacobs wohlsituierte Eltern, Cora und Daniel Hampton, haben Macht im Ort, und das lassen sie Naomi spüren. Sie haben ihre beiden Töchter zu Grabe getragen und wollen nur das Beste für ihren Sohn, den Erben: eine standesgemäße Schwiegertochter. Ihnen widerspricht man nicht. Doch der Sohn bietet ihnen die Stirn, heiratet gegen den Willen der Eltern die Frau, die er liebt, schert sich nicht ums Erbe. Cora und Daniel sind empört und tief verletzt, dass ihr Sohn Familie, Geld und Macht ausschlägt für dieses Mädchen. Wider dem Kapitalismus – er steht zu seiner Liebe. Noami ist eine junge Frau, herzlich, ungebildet, naiv, unglaublich schön; sie verkörpert die Reinheit. Man hatte ihr im Ort unterstellt, sie hätte sich an Jacob herangemacht, weil er reich sei. Und siehe da, sie heiratet nun den armen Jacob, geht mit ihm fort. Blackburn verbindet diese beiden, er schreibt mit Jacob, der in Korea ausharren muss und Blackburn schaut regelmäßig bei Naomi vorbei, um sich zu vergewissern, dass es ihr gut geht. Doch er wird auf verschiedene Art und Weise in Versuchung geführt … Der Originaltitel «The caretaker» passt hier wesentlich besser. Denn an diesem Mann wird es liegen, wie die Geschichte ausgeht – wie auch immer. Der Freund – wäre auch ein passender Titel gewesen. Wechselnde Perspektiven, drei Archetypen; Geld, Macht, die hinterhältigen Eltern als Antagonist; Hass, Intrigen, Verrat gegen die Liebe. Wer wird das Spiel gewinnen? Ein typischer Stoff nach Shakespeare – und ich denke, der Roman wird garantiert von Hollywood verfilmt werden. Der Stoff, bei dem der Leser mitfühlt und leidet bis zur letzten Seite. 

Es waren so viele Lügen, die sie im Kopf behalten musste, und es würden noch mehr werden. Wie eine lange Reihe von Güterwagen an einem steilen Hang: Wenn auch nur einer ins Rollen geriet, konnte das eine Katastrophe verursachen.

Nach einer wahren Geschichte

Das ländliche North Carolina der Fünfziger, der Koreakrieg, fast jede Familie hat einen Sohn auf dem Schlachtfeld gelassen; wer überlebt, ist traumatisiert. Die Weite von North Carolina, Seelenlandschaften, harte Farmarbeit, Kleinstadtmilieu. Die Menschen sind miteinander verbunden, loyal, man fühlt sich verpflichtet füreinander einzustehen, bzw. wird gezwungen von denen, die etwas zu sagen haben. Auch hier zeigt Ron Rash sein literarisches Können. Atmosphärisch die Verortung, tief hineingehend in die Charaktere, ein Roman, wundervoll geschrieben, nach bekanntem Erfolgsmuster. Das muss gefallen. Angeblich hatte Rush die wahre Geschichte eines Soldaten inspiriert, der mit einer Frau durchbrannte, die seine Eltern missbilligten, bevor er nach Korea geschickt wurde. Die besten Geschichten liegen auf der Straße! Und das ist eine von ihnen.

Ron Rash, geboren 1953, ist Schriftsteller und veröffentlichte zahlreiche Romane und Short Storys. Er gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Gegenwartsautoren und unterrichtet an der Western Carolina University.




Ron Rash 
Der Friedhofswärter
Originaltitel: ‎The Caretaker
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Sigrun Arenz
Zeitgenössische Literatur, amerikanische Literatur
Hardcover mit Schutzumschlag, 240 Seiten
ars vivendi, 2024





Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane




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