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Das Licht von T. C. Boyle - Rezenson

Rezension

von Sabine Ibing



Das Licht 


von T. C. Boyle

Sprecher: Florian LukasUngekürztes Hörbuch, Spieldauer: 14 Std.


Der Anfang: War es ein Gift? War es verboten? Ein unverantwortliches Risiko? Sie wusste es nicht, doch sie war den ganzen Tag nervös und angespannt, obwohl sie sich sagte, das sei töricht: Wenn irgendjemand in diesem ganzen Gebäude wusste, was er tat, dann ihr Chef. Seit sie vor etwas mehr als einem Jahr angefangen hatte, für ihn zu arbeiten, war ihm kein einziger Fehler unterlaufen – er war präzise, vorsichtig, durch und durch verlässlich und setzte weder seine eigene Sicherheit noch die seiner Laborantin aufs Spiel.

1943 forschte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann in seinem Labor der Sandoz-Arzneimittelwerke in Basel am Getreidepilz Mutterkorn, um ein kreislaufstimulierendes Medikament zu entwickeln. Er bekommt über den Finger aus Versehen einen Krümel in den Mund und hat intensive Farberlebnisse. Ein Selbstversuch mit der Probe «LSD-25» bringt ihm einen Horrortrip: Hexen und ekelhafte Fratzen tauchen in seiner Vision auf und er erleidet eine Panikattacke. Die Dosis war zu hoch geraten. 2008 starb Erfinder der Droge LSD, im Alter von 102 Jahren. Mit Ernst Jünger verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Sie trafen sich seit den 1950er-Jahren in Jüngers Forsthaus. Zuerst tranken sie heiße Schokolade und danach schmissen sie einen LSD-Trip ein.

Frei von sozialen Zwängen

Ich muss …›, begann er, lachte erneut und schwenkte den Arm vor seinem Gesicht, als dirigierte er ein Orchester, das nur er selbst hören konnte, ‹ich muss … es aufschreiben …› Im nächsten Augenblick nahm er seinen Stift und schrieb sehr langsam und akkurat in sein Notizbuch: 17:00  – Beginnender Schwindel, Angstgefühl, Sehstörungen, Lähmungen, Lachreiz.

Fitz Loney, seine Frau Joanie und ihr Sohn Corey sind die Hauptfiguren in T. C. Boyles neuem Roman, fiktive Personen, die sich glaubhaft in die wahren Begebenheiten um den legendären Drogenpapst Leary einpassen. Fitz ist Doktorand der Psychologie der Harvard University, lernt Professor Timothy Leary 1962 dort kennen. Er wird in die Gruppe der Anhängerschaft aufgenommen, die sich selbst als große Familie bezeichnen. Leary führt Experimente mit bewusstseinserweiternden Substanzen durch, LSD, Meskalin und Psilocybin (Magic Mushrooms), die er an seinen Studenten erproben lässt. Fitz hofft, eine Stufe der Karriereleiter bei der Erforschung der neuen Substanzen zu erklimmen. Dem Professor allerdings geht es weniger um Forschung, er erhofft eine neue Gesellschaftsform zu entwickeln, frei von sozialen Zwängen. Es ist die Zeit des Aufbruchs, die Hippiezeit, junge Menschen wollen sich befreien von gesellschaftlichen Zwängen, haben die Nase voll von Krieg, von gesellschaftlicher Ungleichheit und Rassismus es ist die Zeit von Jazz und Rockmusik, die Zeit der Frauenbewegung – es ist die Zeit des Aufbegehrens und sich Ausprobierens, Spaß haben am Leben: Sex and Drugs and Rock` n roll. Selbstverständlich eckt Leary im konservativen, strengem Wissenschaftsbetrieb von Harvard schnell an. Als dann noch herauskommt, dass er seine sogenannten Versuche nicht regelkonform randomisiert durchführt, obendrauf nicht ausschließlich Studenten an seinen Studien teilnehmen lässt, wird er vor ein öffentliches Tribunal gestellt – und entlassen. Learys Universitätskarriere ist damit am Ende.

Der Trip soll das Bewusstsein erweitern,

Er wandte den Kopf und starrte sie an, und sie sah, dass seine Pupillen so geweitet waren wie bei den Versuchshunden, von denen er erzählt hatte, so geweitet, dass das Schwarz alle Farbe verdrängt hatte. Normalerweise waren seine Augen karamellbraun, doch jetzt waren sie schwarz, glänzend und schwarz, und das merkte sie sich, damit sie es sich später notieren konnte, und warum verspürte sie mit einem Mal einen Stich im Bauch und musste an Dr. Jekyll und Mr. Hyde denken?

Die «Familie» bleibt dem charismatischen Leary treu. In den Ferien fahren sie nach Mexiko und im zweiten Jahr werden ihre ausschweifenden Aktionen auch dort mit Missbilligung betrachtet, die Gruppe wird ausgewiesen. Peggy Hitchcock, eine Anhängerin von Leary stellt der «Familie» eine riesige, versteckte Villa in Millbrook im Staat New York zur Verfügung. Der «innere Kreis» zieht ein und viele Anhänger besuchen die Gruppe für begrenzte Zeit, es werden wilde Drogen-Partys gefeiert. Zunächst genießen sie ihr freies, unverhülltes Leben. Doch immer mehr macht sich die Droge bemerkbar und und der Trug des Freiseins. Denn Offenheit ist nun der Zwang. Je ausschweifender das Leben wird, umso mehr bröckelt die innere Fassade der Gemeinschaft. Neid und Eifersucht breiten sich aus, das Geld wird knapp, denn von nichts kommt nichts. Joanie Loney will aussteigen, will sich retten, ihren Sohn retten – Fitz ist am Ende. Eigentlich passiert nicht viel in diesem Roman, letztendlich ist alles eine Wiederholungsschleife. Und auch ich wollte mich retten, spulte das ein oder andere Mal vor, denn irgendwann wurde es mir ein wenig langweilig. Ich liebe die Romane von T. C. Boyle, und auch dieser ist sprachlich absolut gelungen. Der Trip soll das Bewusstsein erweitern, irgendwann wird man das Licht sehen. Doch nach dem Trip ist nichts, alles ist wie vorher, tagein tagaus, Trip für Trip – das Licht hat bisher nur Leary sehen können, behauptet er zumindest. Es bleibt nichts. Allerdings löst sich die Persönlichkeit bei dem ein oder andern auf – und dann ist da nichts. T. C. Boyle wertet nicht, er berichtet als Beobachter von außen. Und am Ende ist da eben nichts:

Scheiß auf Gott“, sagte er. „Gehen wir auf Trip. 

Leary, ein Charismatiker

Ergänzung: Leary führte auch weiter ein bewegtes Leben, er war eine der wichtigsten Figuren der Hippie-Bewegung. Für die Konservativen war er der Teufel in Person, ein Staatsfeind. Sein Slogan «Turn on, tune in, drop out» wurde von deutschen Hippies frei übersetzt in: «High sein, frei sein, dabei sein.» Leary propagierte nie den unkontrollierten Gebrauch von Drogen wie LSD, sondern bestand darauf, dass ein Sachverständiger jeden auf seinem Trip begleitete. Er starb 1996 in Folge von Prostatakrebs.


T. Coraghessan Boyle, 1948 in Peekskill, N.Y., geboren, ist der Autor von insgesamt 28 Romanen und Erzählungen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Bis 2012 lehrte er Creative Writing an der University of Southern California in Los Angeles.


T. C. Boyle 
Das Licht
Sprecher: Florian Lukas
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 14 Std.
Originaltitel: Outside Looking in
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Dirk Gunsteren
Roman
Der Hörverlag, 2019, Audible
Hanser Verlag, Hardcover, 384 Seiten, 2019


Weitere Rezensionen zu Romanen von T. C. Boyle:

Wassermusik von T.C. Boyle



Zeitgenössische Literatur
Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Romane sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgnoessische Romane

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