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Das Land in dem die Wörter wohnen von Clemens Sedmak - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Das Land in dem die Wörter wohnen 

von Clemens Sedmak


Da waren noch mehrere dieser großen Häuser, das Land der Wörter wird sorgsam verwaltet. Da wird genau festgelegt, welches Wort welche Rechte und Pflichten hat, welches Wort mit welchem Wort eine Verbindung eingehen kann, das Wort ›schön‹ kann nicht mit dem Wort ›grässlich‹ zusammengehen, wie klingt den das, ›grässlich schön‹?!

Wenn die Wörter streiken, weil sie vom Menschen die Nase voll haben … ein modernes Märchen für Erwachsene und Jugendliche, ein philosophisches Werk: Es war einmal ein Tag, da fiel Papa das passende  Wort nicht mehr ein – der ganzen Familie war das Wort entfallen, und es wurde immer schlimmer, immer mehr Wörter fehlten an diesem Tag. Am nächsten Tag waren alle Menschen in der Stadt sprachlos. Als der achtjährige Günther mit seinen Geschwistern die Buchhandlung betrat, fielen ihnen wieder alle Wörter ein. Der Laden füllte sich mit immer mehr Menschen, denn hier konnten sie endlich wieder sprechen – aber nur hier, an diesem Ort. Was war geschehen? Der Buchhändler lässt die Kinder in ein Wörterbuch steigen, hinab ins Reich der Wörter, sie sollen schauen, was dort vorgeht. Und hier erfahren die Geschwister, was passiert ist. Die Wörter ziehen sich zurück, weil die Menschen in ihrer Sprache verrohen, immer mehr schlimme Worte an Macht gewinnen, Lügen verbreitet werden, die Wörter wissentlich verfälscht benutzt werden, eine Verrohung der Sprache stattfindet.

Verbalia ist die Hauptstadt des Landes. … Wir kamen am Brummen des Murmelns vorbei, dessen Rauschen wie das Raunen einer Menschenmenge klang, wir legten unsere Hand auf die Mauer des Schweigens, an der sich die Wörter von Sprache, Klang und Gerede ausruhen konnten; kein Laut war an dieser Mauer zu hören. Wir hielten beim Denkmal des Vergessenen Wortes, das an all jene Wörter erinnerte, die im Lauf der Menschheitsgeschichte einfach vergessen worden waren …


Das Land der Wörter hat Städte und Dörfer

Das Buch ist aus der Sicht des Jungen Günther geschrieben. Mit viel Empathie wird den Kindern erklärt, wie die Häuser der Wörter entstehen, Wortfamilien, es gibt ein Standesamt, wo Wörter heiraten, sich zu einem neuen Wort zusammenfinden. Wörter die viel benutzt werden sind stark, und die, die von den Menschen wenig ausgesprochen werden, werden schwach, landen im Altersheim, wo sie irgendwann sterben. »Okay« wohnt in einem prächtigen Schloss, »Danke« hingegen in einer bescheidenen Hütte. Auf dem Sportplatz bekämpfen sich die Wörter, versuchen, sich gegenseitig mundtot zu machen.

Es ist nicht immer einfach, ein Wort zu sein. Ein Wort ist den Menschen ausgeliefert, es wird gedruckt und geschrieben, gesprochen und gesungen, geflüstert und geschrien. … Und nicht immer wollen die Menschen etwas Gutes, wenn sie ein Wort verwenden.

Ein einfühlsamer philosophischer Text, der zum Nachdenken anregt

Die drei Geschwister bitten Logos, den König der Worte, den Menschen die Wörter zurückzubringen. Doch so einfach wird das nicht zu machen sein. Sie müssen noch paar Abenteuer bestehen, zuvor den »Sumpf des Geschwätzes« durchqueren, sich von einem Fährmann über den »Fluss des Vergessens« über die Landesgrenze fahren lassen. Sie lernen die Insel Babel kennen, auf der sich die Menschen untereinander nicht verständigen können, weil jeder eine andere Sprache spricht. Im Königreich Malum treffen sie auf den König der Lügen, der sie hinters Licht führen will.

Ein einfühlsamer philosophischer Text, der zum Nachdenken über den Gebrauch von Wörtern anregt. Fake News, Beschimpfungen, eine gute Wortwahl, die Verführung der Menschen durch feingestrickte Lügen, etwas zu glauben. Eingewebt mit mythologischem Hintergrund, Fährmann – Münze – Brunnen – Insel usw., ganz im Stil der alten Märchen hat Clemens Sedmak hier eine wundervolle Geschichte erfunden. Wer sich für Sprache interessiert, emotional verpackt, der liegt hier völlig richtig. Ein schönes Geschenk für Alt und Jung.


Clemens Sedmak, geb. 1971, ist Theologe und Philosoph. Er ist Professor für Sozialethik an der University of Notre Dame (USA) und leitet das Zentrum für Ethik und Armutsforschung in Salzburg. Der Vater dreier Kinder ist Autor zahlreicher Bücher, die sich mit den Fragen nach dem Sinn des Lebens beschäftigen.

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