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Alle außer mir von Francesca Melandri - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing







Alle außer mir 
von Francesca Melandri



Aber … wenn unser Vater sein Großvater ist, haben wir noch einen Bruder.

Angepriesen wurde dieses Buch als »Melandri – die neue Ferrante« … Elena Ferrante ist für mich eine großartige Schriftstellerin, ausgezeichnete Wortwahl, singende Sätze, feine Charaktere, sie schafft es, Historie und Erzählung wunderbar zu verweben. Durch dieses Buch habe ich mich hindurchgequält, hölzerne Charaktere, eine für mein Empfinden zu breite Erzählung, 600 Seiten, deren sprachlicher Klang mir nicht gefiel.

Wir sind verwandt

Es beginnt in Rom, hinter dem Bahnhof Termini, Richtung Kolosseum: In den Gassen riecht es nach Curry, nach Maghrebküche, ein Armenviertel, das allerdings aufsteigende Tendenzen zeigt. Hier hat Attilio Profeti seinen vier Kindern je eine Wohnung gekauft. Nicht das schönste Viertel, aber Eigentum gilt bei den Mietpreisen Roms als Schatz. Ilaria Profeti, Lehrerin, kommt nach Hause, auf der Treppe sitzt ein Farbiger, stellt sich als Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti vor, er suche Attilio Profeti. Der Bruder von Ilaria wohnt ihr gegenüber, aber schnell stellen die beiden fest, dieser Mann sucht nicht nach Ilarias Bruder, sondern nach ihrem Vater, Shimeta sei der Enkel von Ilarias Vater. Das kann gar nicht sein, sagt Attilia Profeti jun., denn dieser Äthiopier ist schwarz wie die Nacht, und wenn der Vater mit einer Schwarzen ein Kind gezeugt hätte, so müsste doch irgendwie Milchkaffee in dem Mann stecken, nicht Espresso. Ilaria erinnert sich, bereits Jahre zuvor beichtete der Vater den Kindern, eine uneheliche italienische Zweitfamilie, warum nicht auch eine in Äthiopien, denn dort hat er sich in jungen Jahren herumgetrieben. 

Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt blickte Attilio unverwandt durch das Autofenster nach draußen. Da, wieder eine Prozession von ausgemergelten Wanderern, alte Männer mit geradem Rücken, von Müdigkeit gezeichnete Kinder. Die Hungersnot hatte nun aus dem beständigen Menschenstrom eine wahre Flut gemacht, die sich in langen Reihen zu beiden Seiten der Straße in die Stadt ergoss. Ganze Familien, Frauen mit Bündeln auf dem Kopf, Männer denen der Hunger alles genommen hatte außer ihrer Autorität als Familienoberhaupt. Sie schützt den Kopf und Schultern vor der nächsten Kälte auf 2000 m Höhe mit Tüchern, Decken, Schleiern, Lumpen, Handtüchern – und liefen. Alle liefen.

Attilio Profeti wurde 1935 für Mussolinis Abessinienfeldzug angeworben, er arbeitete dort als Assistent eines Rassekundlers. Ilaria findet heraus, dass Mussolini damals in sämtlichen Bordellen Italiens Karten mit Fotos von mit äthiopischen Schönheiten auslegen ließ, mit Erfolg für die Rekrutierung. Aus dieser Zeit stammt das Lied von der facetta nera, dem schwarzen Gesicht der schönen Abessinierin, ein italienisches Soldatenlied.

Grausamkeit italienischer Kolonialpolitik

»Ihr talian hat uns geschlagen, habt eure Flagge auf dem gebi des Kaisers gehisst«, erklärte Ras Mesfin bei einem Abendessen in dem großen Salon den Familienobersten seine Gäste – so nannte und behandelte er die Evakuierten. »Dann haben wir fünf Jahre gegen euch gekämpft. Jetzt sind vor ein paar Wochen die Engländer gekommen und behaupten, sie hätten euch verjagt. Wir respektieren die Verlierer der Schlacht, nicht die, die uns den Sieg geraubt haben.«

Das Buch gibt Einblicke in die Grausamkeit italienischer Kolonialpolitik, bis hin zum Sturz von Haile Selassie, dem letzten Kaiser von Abessinien, und die Gründung der folgenden Militärdiktatur, die viele Menschen abschlachtete, die nicht gesinnungstreu waren. Auch die neue Zeit kommt nicht zu kurz, Gaddafis Besuch in Italien, Berlusconi. Es geht hier um das richtige Blut, Titel des italienischen Originals, Sangue giusto, Schade, dass er nicht übernommen wurde. Die italienischen Besetzer, die Äthiopien und Eritrea 1935 in einen barbarischen Krieg führten und das Land kolonisierten, wie sie es nannten, haben heute eine Verantwortung. Die Besetzer hatten angeblich das richtige Blut. Blut ist Blut, oder hängt richtiges, unrichtiges Blut von Staatsgrenzen ab, Blut, das über die Staatsbürgerschaft entscheidet?

Melandri ist keine neue Ferrante

Die Familiengeschichte der Profetis ist vielfältig. Ilaria findet heraus, dass Nonna Viola von deutschen Faschisten erschossen wurde, weil sie einen Halbjuden denunzierte, um ihren Sohn zu beschützen, den man als Soldaten einziehen wollte. Ilaria erinnert sich an ihre Akademische Abschlussfeier, bei der sich ihr Vater als Frau verkleidete, um der geschiedenen Ex-Frau seinen Anblick zu ersparen. Er bekennt sich zu allen vier Kindern, nur nicht zum äthiopischen Erstgeborenen, den er allerdings einmal aus dem Gefängnis herausholen ließ. In unterschiedlichen Erzählsträngen, Zeiten und wechselnden Perspektiven, detaillierten Schilderungen, Historisches unterpflügt, haben mich die Stränge immer wieder herausgeholt aus der Geschichte. Francesca Melandri schafft eben nicht, was Ferrante gekonnt in Szene setzt, eine Erzählung, die im Vordergrund steht, die Historisches unbemerkt untermischt. Hier steht Historisches im Vordergrund, um das eine Geschichte konstruiert wird, die Aufarbeitung der Kolonialzeit in Afrika, Faschismus und deren Auswirkung in die heutige Zeit, eben dem Flüchtling, der plötzlich vor der Tür steht, der eine qualvolle Flucht über das Mittelmeer hinter sich hat: ein Verwandter.

Der Arbeitsminister der Demokratischen Volksrepublik Äthiopien erstarrte wie ein im Regal vergessener Gegenstand, stierte stumm die fünf Karten auf dem Tisch an.


Sprachlich gesehen sind die Sätze nicht immer rhythmisch, mir fehlte der Wohlklang. Metaphern
werden in jede Seite gestreut, Metaphern, die mich staunend zurückließen, mich teilweise erschauderten. Wie hier jemand einen Vergleich mit Ferrante setzen kann, ist mir ein Rätsel. Geschichtlich ist der Roman interessant, aber man muss gut bei der Stange bleiben um die 600 Seiten hinter sich zu bringen.

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