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Wir sind dieser Staub von Elizabeth Wetmore - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Wir sind dieser Staub 


von Elizabeth Wetmore


Der Anfang: 
Sonntagmorgen draußen auf dem Ölfeld, kurz vor der Dämmerung. Ein junger Bohrarbeiter liegt unbequem in seinem Pick-up ausgestreckt und schläft. Er hat die Schulter von innen gegen die Fahrertür gestemmt, die Stiefel aufs Armaturenbrett gelegt und sich den Cowboyhut so tief ins Gesicht gezogen, dass das Mädchen draußen im Staub nur sein bleiches Kinn erkennen kann. Seine sommersprossigen Wangen sind fast unbehaart. Er wird sie nie täglich rasieren müssen, egal wie alt er wird. Sie hofft, dass er jung stirbt.

1976, in der kleinen westtexanischen Stadt Odessa stinkt die Luft nach Öl, hier dreht sich alles um die Förderung von Rohöl: Hitze, Wüstensand, unbändiger Staub, Klapperschlangen und Skorpione, ein verdorrtes Land. Das schwarze Gold sorgt für Wohlstand in der Gemeinde. Auch wenn der Job gefährlich ist, weil es immer wieder zu schweren Unfällen kommt, arbeiten fast alle Männer in der Ölindustrie; ein paar Farmer fristen ein karges Auskommen. Die schwerverletzte mexikanische Glory Ramírez schleppt sich am Morgen des Valentinstags von einem Ölfeld zu einer nicht weit entfernten Farm, als ihr Vergewaltiger endlich im Auto einschläft. Sie hofft, jemand würde ihr die Tür aufmachen, und das, bevor dieser Mann aufwacht und sie einholen kann. Mary Rose Whitehead öffnet aufs Klopfen, registriert sofort, was dem vierzehnjährigen Mädchen passiert ist. Und schon ist eine Staubwolke am Horizont zu sehen, ein Wagen kommt auf die Farm zugefahren. Sie bittet ihre Tochter, den Sheriff und einen Krankenwagen zu rufen, nimmt ihr Gewehr, geht hinaus, um den Mann namens Strickland zu erwarten. Jetzt wünscht sie sich, sie hätte Glory nie hereingelassen. Der junge Mann zeigt keinen Respekt vor ihr, noch vor ihrem Gewehr. Er will Glory haben. Noch bevor die Situation mit Strickland vor der Tür eskaliert, kommt der Sheriff angerauscht. Der Mann wird verhaftet.


Vom Cheerleader zur Mutter und Hausfrau


Die Leute glauben, das Gefährlichste draußen auf den Ölfeldern wären die Klapperschlangen und die Skorpione, dabei sind die in diesem County noch das Harmloseste. Und die Klapperschlangen warnen einen wenigstens vor.

Nun erfolgt ein Martyrium für Mary Rose Whitehead – ihr Telefon steht nicht still. Der arme junge Mann! Will sie ihm mit ihrer Aussage vor Gericht das Leben verbauen? Es war doch nur eine Schlampe – eine Mexikanerin – die hat es doch gewollt. Mary Rose wird beschimpft und bedroht. Selbst ihr eigener Mann maßregelt sie, weil sie die Tür geöffnet hat. Auf der abgelegenen Farm ist sie nicht mehr sicher, und so zieht sie mit ihrer Tochter und dem Baby in die Stadt, wagt es nicht, ihre Tochter auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Eine Stadt voller Männer, Arbeiter. Männer sind anzubeten, zumindest hat man ihnen zu gehorchen; das wird den Mädchen mit der Muttermilch eingeflößt. Jedes Mädchen geht den gleichen Weg: Vom Cheerleader zur Mutter und Hausfrau, die nur noch Auflauf- und Kuchenrezepte austauscht; oft werden sie mit fünfzehn schwanger, aber spätestens mit siebzehn. Und ein paar wenige Frauen haben es geschafft, abzuhauen – die ganze Familie einfach stehen zu lassen. «Warum ist das kleine Jesuskind nicht in Texas zur Welt gekommen? Weil es hier keine drei Weisen und keine Jungfrau gab.» Doch hier kommen nicht nur Glory und Mary Rose zu Wort, sondern auch andere Frauen unterschiedlichsten Alters, die auf die ein oder andere Art miteinander bekannt sind. Eins verbindet alle sieben Charaktere: Die Kralle der Männer; und jede von ihnen geht anders damit um. Die Kapitel erzählen abwechselnd die Geschichten der Beteiligten. Frauen, die am Ende zusammenstehen werden.


Ein stimmungsvolles Setting und fein beschriebene Charaktere 


Und wie sterben die Frauen? Normalerweise, wenn Männer sie umbringen.

Es ist ein Ein spannender Genremix aus Western, Gesellschaftsroman und Justizroman. Atmosphärisch beschreibt Elizabeth Wetmore eine karge, raue Landschaft in der Wüste, die Gefahren mit Skorpionen und Klapperschlangen. Ödes, flaches Land, staubig und tot. Die Farmer haben immer mehr Schwierigkeiten zu überleben, denn die Rinderpreise fallen im Tiefflug, Fliegen und Würmer dezimieren den Viehbestand. Ölpumpen, die sich in stetigem Rhythmus auf und ab bewegen, zieren die Landschaft, so weit man blicken kann; der faulige Geruch der Ölförderung und das Abbrennen schwängert die Luft. Es werden ständig Arbeiter gesucht; die Psychopathen Amerikas versammeln sich hier. Männer sterben früh bei Arbeitsunfällen auf dem Ölfeld durch eine Pipeline-Explosion oder durch ein Gasleck oder wenn ein Rind sie tritt, sie auf die Hörner nimmt; wenn sie volltrunken Auto fahren, wenn sie betrunken vom Wasserturm fallen oder sich aus Versehen selbst beim Waffenreinigen oder der Jagd erschießen. Frauen, die in Bars und Restaurants arbeiten, verlassen gemeinschaftlich abends den Arbeitsplatz, achten aufeinander, bis alle im Auto sitzen und die Tür geschlossen haben. Mütter lassen ihre Mädchen nicht auf der Straße spielen. Sarkastisch wirft die Autorin immer wieder Texaswitze mit ein – die einem das Grinsen im Hals stecken lassen. Sexismus und Rassismus bestimmt das Leben. Trotz allem schafft Elizabeth Wetmore es, eine positive Stimmungslage in die Geschichte hineinzutragen. Ein stimmungsvolles Setting und fein beschriebene Charaktere runden den Roman ab. Klare Leseempfehlung!


Elizabeth Wetmore ist im westlichen Texas aufgewachsen und lebt heute in Chicago. Sie arbeitete unter anderem als Bartenderin und Taxifahrerin und lebte eine Zeitlang als Einsiedlerin in den Wäldern von Arizona. Dann begann sie zu schreiben. 




Elizabeth Wetmore 
Wir sind dieser Staub
Originaltitel: Valentine, 2020
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Eva Bonné
Zeitgenössische Literatur, Western, Gesellschaftsroman, Justizroman, amerikanische Literatur
Gebunden, 320 Seiten
Eichborn Verlag, 2021



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
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