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Wallace von Anselm Oelze - Rezension


Rezension

von Sabine Ibing



Wallace 

von Anselm Oelze


Der erste Satz: Es war heller Mittag, als die Königin der Nederlanden in die Bucht einlief. Ihre frisch gestrichenen weißen Planken glitzerten unter der grellen Sonne, die seit dem frühen Morgen schon im Zenit stand und zu Füßen des großen Vulkans, dessen grüne Hänge über dem kleinen Eiland aufragten, alles in eine träge, schläfrige Ruhe gezwungen hatte.

In Anselm Oelzes Roman geht es um einen Museums-Nachtwächter, der zufällig auf den fast vergessenen Naturforscher Alfred Russel Wallace stößt und sich für dessen Geschichte zu interessieren beginnt. Er ist Mitglied der Elias-Birnstiel-Gesellschaft (den musste ich erst mal googeln), eine Runde verstaubter intellektueller Kerle, die alles besser wissen – antiquarisch, passend in eine Museumsgeschichte.

Darwin hätte ihm mehr Anerkennung zollen müssen

In einem zweiten Erzählstrang begegnen wir einem bärtigen Mann bei seiner Arbeit, Alfred Russel Wallace. 1858 schreibt er von den Molukken aus einen Brief an Charles Darwin, beiliegend ein Manuskript über seine Theorie des Artenwandels. Darwin selbst war zu ähnlichen Ergebnissen gekommen, hatte sich bis dato nicht getraut, seine Forschung öffentlich zu machen. Mit den Ergebnissen von Wallace seinen zufügend, wurde am 1. Juli 1858 in der Londoner Linnean Society Wallaces und Darwins Theorie vorgestellt. Darwin vollendete in den folgenden Monaten in aller Eile sein Werk »The Origin of Species« (1859), heute bekannt als Evolutionstheorie, während Wallace noch bis 1862 in Südostasien verweilte und die erste Aufregung, Empörung, sowie Anerkennung um die Evolutionstheorie versäumte. Das einzige, was von Wallace übrigbleibt, ist die Wallace-Linie. Er hatte herausgefunden, dass zwischen den indonesischen Inseln Borneo und Celebes eine biogeographische Grenze existiert, bei der sich die Arten anders entwickelten als auf der anderen Seite. Wallace stand immer in Kontakt mit Darwin, sie hatten ein freundschaftliches Verhältnis und Darwin verhalf Wallace in finanzieller Not zu einem lukrativen Job, denn auch Wallace war zu Lebzeiten ein anerkannter Wissenschaftler. Trotzdem kommen immer wieder Gerüchte auf, er hätte neben Darwin erwähnt werden müssen, Darwin hätte ihm mehr Anerkennung zollen müssen, ihn beiseitegeschoben.

Aber es stimmt doch einfach nicht! Darwin ist nicht vor Wallace im Ziel gewesen! Er ist einfach nur früher losgelaufen! Es ist mir schleierhaft, wie jemand, der früher losläuft, aber zeitgleich mit dem Konkurrenten ins Ziel gelangt, am Ende den Sieg davontragen kann! Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Das muss man doch verhindern!

Bromberg - Wallace - mir fehlte das Zusammenbringen der Figuren

Nachdem viele Leser in Jubel ausbrachen, habe ich mich mit dem Buch etwas schwergetan – zumindest mit Jubel. Es lässt sich gut lesen und die Kapitel um Wallace fand ich nicht schlecht, doch mit meiner Sympathie zu dem Nachtwächter ist es nicht weit. Gut, der Mann versucht, Wallace zu rehabilitieren, ist selbst nicht sehr anerkannt mit seinem Beruf, trotz intellektueller Fähigkeiten, aber irgendwie hat mir der Zusammenhang zwischen den Kapiteln gefehlt. Wallace war ein anerkannter Wissenschaftler, einer der es anpackte. Bromberg hat nichts zu Ende bekommen, nichts angepackt. Die Erzählstränge um Wallace sind spannend, beginnen in Brasilien, wo der Wissenschaftler den Rio Negro hinunterfährt, ihn kartografiert, Tiere und Pflanzen sammelt, katalogisiert, zeichnet. Leider versinkt auf der Rückfahrt nach England durch ein Schiffsunglück fast sein gesamtes Material, 25.000 Objekte aus vierjähriger Arbeit, enthalten eine riesige Käfersammlung. Ein paar Jahre später fährt er nach Indonesien und stellt bei seinen Untersuchungen über die Weiterentwicklung der Arten einen Unterschied zwischen australischer und asiatischer Flora und Fauna fest.

Geschehen ist geschehen?

Die Geschichte ist geschehen, und ich fürchte, sie ist so zu akzeptieren, wie sie geschehen ist.

So rät einer der Mitglieder der philosophischen Runde Albrecht Bromberg, er solle die Sache ruhen lassen. Geschehen ist geschehen. Bromberg, bezeichnen wir ihn als intellektuellen Loser, der viele Studiengänge angefangen hat, aber nichts zu Ende brachte, dient als Museumswächter letztendlich dem philosophischen Zweck, zu diskutieren, ob die Wissenschaft immer nur den ersten, der es von sich gibt, rühmen soll, oder auch den anderen, der nicht schnell genug war oder nicht laut genug, oder nicht genügend Titel vorweisen konnte, posthum an gleiche Stelle zu setzen – also Wallace mit Darwin in einem Zug nennen soll – die Bücher umschreiben. Ich denke, Wallace hatte die Evolution ja kapiert: Der Stärkste setzt sich durch. Bereits Leibniz musste zurückstecken, nicht er, sondern Newton gilt als Entdecker der Infinitesimalrechnung. Wie so viel Wissenschaftler in einem Zug mit anderen genannt werden müssten.

Die Figuren berühren nicht

Worin der junge Bärtige in Amazonien einen Sandfloh aus seinem Fuß entfernt, ein Krokodil verspeist, auf Eingeborene trifft und sich im Urwald verläuft.

Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, warum Anselm Oelze eine so distanzierte Figur zu Wallace aufbaut, dessen Name in den historischen Strängen niemals auftaucht. Er nennt ihn den Bärtigen, bleibt in gutem Abstand zu seiner Figur. Der Schreibstil ist angepasst an das Wallace-Jahrhundert, man begegnet Vokabeln, die heute nicht mehr üblich sind, die Überschriften sind im Stil antiquarischer Bücher gehalten, auch die Kapitel im Jetzt. Verstaubte alte Männer – verstaubte Überschriften – ein Hinweis auf eine antiquarische Einstellung? Und es hagelt Adjektive, etwas, was einen tiefer in das vergangene Jahrhundert eintauchen lässt. Irgendwann dachte ich, habe ich mich daran gewöhnt? – Nein, der Adjektivregen lässt wirklich nach. Ich habe den Roman gern gelesen, auch wenn ich beim Nachtwächter schon mal geblättert habe. Der Text hat tiefsinnigen Humor und einige interessante Stellen zum Nachdenken. Letztendlich blieben mir alle Protagonisten auf Abstand, verstanden habe ich keinen von ihnen. Aber der große Wurf ist es für mich nicht. Ein T.C. Boyle mit »Wassermusik« geht mir viel näher, lässt mich tief in die Seele eines wissenschaftlichen Abenteurers blicken oder ein Daniel Kehlmann mit »Vermessung der Welt«.



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