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Trauriger Tiger von Neige Sinno - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Trauriger Tiger 


von Neige Sinno


Der Anfang: 
Porträt meines Vergewaltigers. Denn auch mich interessiert im Grunde vor allem das, was im Kopf des Täters vor sich geht. In die Opfer können wir uns alle hineinversetzen, das ist leicht. Auch wenn wir es nicht selbst erlebt haben - eine traumatische Amnesie, die Schockstarre, das Schweigen der Opfer -, so können wir uns doch alle vorstellen, wie es ist, zumindest glauben wir das. 
Der Täter ist da schon etwas anderes. Mit einem siebenjährigen Kind allein in einem Zimmer sein, eine Erektion bekommen beim Gedanken an das, was man ihm antun wird. Die Worte aussprechen, die bewirken, dass dieses Kind sich nähert, das erigierte Glied in den Mund des Kindes stecken, es dazu bringen, dass es ihn schön weit aufmacht.

Als Kind vom Stiefvater missbraucht, erzählt Neige Sinno von einem Familienleben, das um Lügen und Täuschungen herum gebaut ist. Und von den vielen Facetten ihrer Erinnerungen, den vielen Gesichtern eines Menschen in Ungeheuerlichkeit und Banalität. Wie werden wir zu denen, die wir sind? Kommt vor Gericht zur Sprache, was in Familien ungesagt bleibt? Neige Sinno erzählt keine Geschichte, sondern sie versucht im Prosa zu analysieren. Was ist das für ein Typ, der so was macht, wie kam er dazu, was fühlt er dabei. 


Präzise Analyse


Was genau ist ein Monster, wenn nicht ein Wesen so weit außerhalb der Norm, dass man es nicht verstehen kann, dass es sich selbst nicht verstehen kann? Warum sind sie keine Monster, diese Typen, die ihr erigiertes Glied in den Körper ihrer Kinder gesteckt und ihnen dabei ganz leise, damit niemand sie hört, ins Ohr geflüstert haben, sie liebten sie mehr als alles auf der Welt? Sie wollen nicht, dass man sie einzig und allein über ihre Taten definiert. Wahrscheinlich haben sie, wie meine Mutter sagt, auch gute Seiten.

Durch die prosaische Sicht hält sich Neige Sinno emotional auf Abstand, beschreibt aber genau, was vorgegangen ist, einschließlich ihrer widersprüchlichen Gefühle. Mal schreibt sie in essayistischer Reflexion, mal berichtet sie im Sachtext, zitiert Zeitungsartikel zu ihrem Fall oder entsprechende Literatur. Es ist eine präzise Sprache, eine präzise Analyse. Sie fragt sich, wie es einem Mann Spaß machen kann, eine Siebenjährige zu missbrauchen. Und sie nennt es beim Namen: er hat sie dauernd vergewaltigt. Sie beschäftigt sich mit dem «Lolita-Mythos», bei dem behauptet wird, die jungen Mädchen würden die alten Männer verführen. Immer wieder zieht sie Fachliteratur und Literatur hinzu, zitiert Virginia Woolf, Toni Morrison, Annie Ernaux, Christine Angot, Emmanuel Carrère, Emil Zola, Maupassant, Lautréamont, Vargas Llosa, García Márquez und Faulkner, setzt sich mit dem Missbrauch auseinander. 


Sie soll ihn Papa nennen


Der sexuelle Missbrauch eines Kindes ist keine Prüfung, kein unvorhergesehener Zwischenfall im Leben, sondern eine tiefe und systemische Erniedrigung, die die Grundfesten des Seins zerstört. Wer einmal Opfer gewesen ist, der ist immer Opfer. Selbst wenn man auf die Füße fällt, wird man es nie wieder ganz los.

Neige und Rose, Schneeweißchen und Rosenrot, wachen bei ihren Hippie-Eltern auf. Als die Autorin fünf Jahre alt ist, lernt ihre Mutter den charismatischen Künstler und Bergführer kennen. Sie zieht mit ihm und den Kindern auf einen alten Bauernhof in den französischen Alpen, heiratet den dominanten Mann. Der Vater hat nur noch selten Kontakt zu den Kindern, immer weniger, später gar nicht mehr. Die Autorin hatte nach den ersten Annäherungen des Stiefvaters gehofft, dass der Vater sie zu sich nehmen würde – doch das bleibt ein Traum. Der Missbrauch beginnt, als ihre Mutter zu ihren Eltern fährt, um den sterbenden Vater zu begleiten und ist somit sehr genau datiert. Sie soll den Neuen Papa nennen, was sie nicht tut, widersetzt sich ihm immer wieder. 


Den Missbrauch öffentlich zu machen


Sagen Sie die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Während der vierzehn Stunden, die der Prozess gedauert hat, bekennt er sich unter den erstaunten Augen meiner Freunde, meiner Familie, der Nachbarn aus dem Dorf, ehemaliger Lehrer und einer Reihe von Unbekannten …

Erst als Neige in den USA studiert, entschließt sie sich mit 21 Jahren, den Stiefvater anzuzeigen, um ihre jüngeren Geschwister zu schützen. Es kommt zum Prozess, er gibt alles zu und wird zu neun Jahren Gefängnis verurteilt – die Mutter ist entsetzt, will nichts bemerkt haben, trennt sich von ihm. Die Songs von Johnny Hallyday triggern die Autorin, der Lieblingssänger des Stiefvaters, für sie sind die Songs verbunden mit ihren Missbrauchgefühlen. Aber Neige berichtet auch von der Nähe, die sie mit dem Stiefvater gehabt hat, denn er teilte Geheimnisse mit ihr, erklärte ihr, wie sehr er sie lieben würde. «Auch ich habe mich - wenn auch aus etwas anderen Gründen - verraten gefühlt, als ich im Laufe des Strafprozesses erfuhr, dass er Affären hatte. Das hatte er mir nicht erzählt. Obwohl er mir viele Dinge erzählte. Er sagte, er würde mir alles sagen, das Uneingestehbare, er vertraue sich mir an, wie er sich noch nie jemandem anvertraut habe.» Zweisamkeit und Liebe vortäuschen, damit das Kind stillhält, diese Zweisamkeit nicht verrät, sich als etwas Besonderes fühlt. Neige Sinno will nicht schweigen, sondern aufdecken, was genau ihr Stiefvater mit ihr angestellt hat. Ja, es ist schwer zu lesen, zu ertragen – aber es ist richtig, das Schweigen zu brechen, den Missbrauch öffentlich zu machen. Viel zu häufig wird geschwiegen, das alles abgetan. Das Buch «Triste Tigre» wurde in Frankreich ein großer Erfolg und wurde weltweit mit unzähligen Preisen ausgezeichnet, darunter Prix littéraire Le Monde, Prix Goncourt des lycéens und der italienische Premio Strega Europeo 2024. Empfehlung!


Neige Sinno, geboren 1977 in der Region Hautes-Alpes in Frankreich, verbrachte viele Jahre in Mexiko und lebt heute im französischen Baskenland. Sie studierte amerikanische Literatur, die sie an der Universität lehrte, und arbeitete als Übersetzerin.



Neige Sinno
Trauriger Tiger
Originaltitel: Triste Tigre, 2023
Aus dem Französischen von Michaela Meßner
Zeitgenössische Literatur, Missbrauch, Französische Literatur
Hardcover, 304 Seiten
dtv, 2024 




Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman


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