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The Narrows von Ann Petry - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



The Narrows 


von Ann Petry


Der war PhiBetaKappa-Student in Dartmouth, Hauptfach Geschichte, mit Auszeichnung von der Monmouth Highschool abgegangen, Footballstar, Basketballstar in der Highschool und in Dartmouth. War vier Jahre bei der Marine, Postüberwachung, Marinestützpunkt in Hawaii.


Link Williams ist ein gutaussehender und brillanter Dartmouth-Absolvent, der trotz aller Qualifikationen in der Bar «The Last Chance» jobben muss. Für einen afroamerikanischen Mann der 1950er-Jahre hat die amerikanische Gesellschaft nichts Besseres zu bieten. Eines Abends lernt er im Nebel am Kai in einer fiktiven Kleinstadt im Nordosten der USA, Camilo kennen. Sie verspürt in diesem Stadtteil plötzlich Angst im aufkommenden dichten Nebel, den sie aufgrund eines Zeitungsartikels aufgesucht hatte, bittet Link ihr zu helfen. Sie nehmen in einer Bar einen Drink – treffen sich wieder und es entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die gegen alle Konventionen verstößt, denn sie ist wohlhabend, weiß, verheiratet. Die Beziehung verletzt sämtliche gesellschaftlichen Codes der Stadt. Ann Petry ist eine Meisterin der Schilderungen von Orten und sozialen Milieus. Sie dringt tief in ihre Figuren ein, bis zur Nebenfigur, lässt sie in ihrem abgesteckten Umfeld agieren und blättert so die starren Verhaltensnormen auf, an die man sich zu halten hat. 


‹Es ging nicht nur um den Kai. Es ging um die ganze Gegend hier.›

‹Die Narrows. Ganzunten. Little Harlem. Die Höhle. Nadelöhr. Manche sagen einfach Dumble Street. Gemeint ist immer dasselbe. Und wo hast du was darüber gelesen?›

‹Im Chronicle. Die hatten eine Artikelserie über den Zusammenhang von schlechten Wohnverhältnissen und Kriminalität hier. Mit ein paar wunderbaren Fotos.›


Links Adoptivmutter Abbie Crunch hatte dafür gesorgt, dass er eine gute Ausbildung bekam – aus ihm sollte etwas werden, und Bildung und Fleiß sind der Eintritt dazu, mal abgesehen von der Hautfarbe. Zu ihrer Enttäuschung reicht es dann doch nur zum Barkeeper, trotz Eliteausbildung. Sie hatte es geschafft, sich ein kleines Haus zu kaufen, pflegt es, vermietet Wohnungen und Zimmer und schafft mit ihrem gelebten Kleinbürgertum eine Distanz zu den anderen Menschen in diesem Stadtteil, in der Dumble Street. Es sind die Feinheiten, die diesen Roman ausmachen – eine Abbie, die nicht dem schwarzen Klischee entsprechen will, schon deshalb nie Wassermelonen kaufen würde; eine aufrechte Frau, die Würde und Stolz vor sich herträgt. Link braucht eine Weile, bis er hinter das Geheimnis von Camilo kommt – denn sie ist nicht irgendwer. Und so hat Ann Petry auch dieses Mal eine keine Kriminalgeschichte mit eingeflochten, wie bereits in Country Place. 


Das Viertel hatte jetzt verschiedene neue Namen: Die Narrows, Nadelöhr, Ganzunten, Little Harlem, Finstereck, Niggertown, weil Negroes den Platz der früheren Einwanderer – Iren, Italiener und Polen – eingenommen hatten.


Dieser Roman erschien 1953 in den USA, geschrieben von der afroamerikanischen Autorin Ann Petry, die für ihre Bücher gefeiert wurde. Stenge gesellschaftliche Regeln in einer Klassengesellschaft, Rassismus, Sexismus werden hier aufgezeigt. Aber auch innerhalb der afroamerikanischen Gesellschaft gibt es Klassenunterschiede. Die eingewanderten Volksgruppen untereinander diskriminieren sich ebenfalls gegenseitig. Im Nachwort werden die verschiedenen Schmähbezeichnungen erklärt, die beim Übersetzen natürlich nicht zu übertragen sind: «All diese Wörter haben ihre Geschichte im US-Sprachraum». Und manche Begriffe, die man heute als diskriminierend empfindet, galten damals als normale Bezeichnungen. Exzellent vollbringt Ann Patty die erzählerische Schilderung des Milieus; denn darum geht es letztendlich in diesem Roman. Die Liebesgeschichte, das Drama, dient nur dem Zweck. Sie schafft eine bedrückende Atmosphäre, ist Meisterin der Dialoge, die differenziert in der Tonalität das Milieu beschreiben. Ein weiterer Strang beschäftigt sich mit dem Boulevardjournalismus, mit der Skrupellosigkeit von Journalisten und Fotografen. Ein bitterer Gesellschaftsroman, meisterhaft erzählt.


Ann Petry (1908-1997) war Journalistin, Pharmazeutin, Lehrerin und Gemeindeaktivistin. Ihre drei Romane, zahlreichen Kurzgeschichten, journalistischen Texte und Kinderbücher beschäftigen sich mit der Frage, was es bedeutet, afroamerikanisch bzw. weiß zu sein, sowie mit Rassismus in all seinen Facetten. «The Street» war der erste Roman einer afroamerikanischen Frau, der sich über 1,5 Millionen Mal verkaufte. «Country Place» und «Harriet Tubman – Fluchthelferin bei der Underground Railroad – Aus der Sklaverei in die Freiheit» (Jugendbuch) wurden ebenfalls übersetzt.


Ann Petry
The Narrows
Aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann 
Zeitgenössische Literatur, Gesellschaftsroman, Drama, amerikanische Literatur, Rassismus
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 544 Seiten
Verlag Nagel & Kimche, 2022



Country Place von Ann Petry

Ein amerikanischer Klassiker von 1947. Lennox, ein kleiner Ort in Connecticut: Johnny Roane kehrt nach vier Jahren Kriegsdienst aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. Die Stadt entfacht in ihm Hassliebe. Kleinstadtmief, Getratsch, Enge, aber auch Heimat. Er freut sich auf Glory, seine Ehefrau, die er so sehr vermisst hat. Die Frage: Freut sie sich? Mit dem aufkommenden Sturm geht auch die Handlung einher: zunächst ein paar Blähungen, bis am Ende die Geschichte im Orkan zu Ende geht, der beileibe nicht nur unter Donnergrollen durch die Straßen fegt und Bäume entwurzelt. Eine spannende Erzählung, die das damalige amerikanische Gesellschaftsbild offenlegt – denn die Figuren sind scharf gezeichnet, fein auf den Punkt gebracht Ann Petry hat es geschafft, mich im Sturm zu erobern, mit ihrer Art der präzisen Beobachtung, die sie spannend präsentiert.

Weiter zur Rezension:   Country Place von Ann Petry


Harriet Tubman von Ann Petry

Harriet Tubman wurde als Sklavin geboren und träumte davon, frei zu sein. Durch die geheime «Underground Railroad» gelangt sie in die Freiheit. Slaven, die Mithilfe dieser Organisation flohen, wurden durch ein Netz von Helfern von Punkt zu Punkt weitergeleitet, bis sie in Sicherheit waren. Harriet war gerettet und von dem System fasziniert. Sie wollte helfen, noch viele Sklaven in die Freiheit zu führen. Das Jugendbuch, ein Klassiker, gibt einen guten geschichtlichen Eindruck der Zeit und präsentiert eine mutige, engagierte schwarze Frau, die mit allen Wassern gewaschen war, kämpferisch, die sich von niemandem einschüchtern ließ – ein Vorbild. Sie verhalf mehr als 300 Sklaven in die Freiheit. Ein spannendes Abenteuer, eine Reportage, geschichtliche Eckdaten. Ein klasse Buch ab 13 Jahren – nicht nur für Jugendliche. Empfehlung!

Weiter zur Rezension:   Harriet Tubman von Ann Petry


Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane


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