Direkt zum Hauptbereich

Saubermann von Ken Bruen - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Saubermann 


von  Ken Bruen


Der Anfang: 

R & B wurden sie genannt. Wenn Chief Inspector Roberts den Rhythmus gab, dann war Brant der dunkelste Blues.

Oder ignorant wie ein Schwein, wie es auch hieß.


Der Krimi ist der Knaller! Gleich die ersten zwei Seiten ziehen dich vom Hocker. Ich finde, man sollte als Autor schockieren dürfen, die dunkle Seite der Macht darstellen dürfen. Viele Autoren haben jedoch Angst davor, mit ihren Figuren verwechselt zu werden, darum gibt es so wenig von dieser Literatur. Nein, man muss Hauptfiguren nicht mögen, man muss sich nicht mit ihnen identifizieren können. Und der Lesende muss sich auch nicht dafür rechtfertigen, dass er diebischen Spaß an ihnen hat. Das hier ist böse, richtig böse: Bullenschweine, die übelst sexistisch sind, übelst brutal mit ihrem Klientel umspringen, korrupt sind, Essen, Zigaretten, Getränke mafiös erpressen, mit den eigenen Frauen wie mit Vieh umgehen, Frauen im Allgemeinen. Das Ganze ist gespickt mit ziemlich viel Humor, Slapstick – Brit-Pulp im Retrostil. Chief Inspektor Roberts und Sergeant Brant mobben sich durchs Revier und durch ihr Leben. Was sie besonders gut können? Andere Menschen erniedrigen. Was sie nicht so gut beherrschen? Ihre Arbeit, denn Fleiß ist nicht ihr Zauberwort, die Ermittlung überlassen sie lieber den anderen und die hellsten Jungs sind sie gerade auch nicht. Die Interne räumt gerade in den Revieren auf, die beiden stehen ganz oben auf der Liste, man kann ihnen garantiert einiges vorwerfen, das wissen sie. Drum brauchen sie eine Saubermannverhaftung – einen großen Fall lösen und den Gangster unter Beifall ins Kittchen schieben, danach in TV-Shows auftreten. Das könnte ihre Köpfe retten! Da kommen ihnen zwei Serienmorde genau recht! Eine Gang namens E-Crew tötet Dealer, und ein Irrer ist hinter einem Cricket-Team hinterher, um die Spieler einzeln zu liquidieren. Wenn R & B diese Täter verhaften, dann ist alles egal, was vorher war – dann sind sie unantastbar.


Leroy hatte bergeweise Kohle. Das Drogenbusiness blühte, und er fand, es schadete nicht, das Produkt zu testen, das war gut fürs Geschäft. Dass er inzwischen hoffnungslos süchtig war, entging ihm. Er sagte immer: ‹Gut fürs Hirn – in diesem Geschäft muss man klar im Kopf bleiben.› Das Hämmern an der Tür drang zunächst nicht durch. Das Koksgehämmer seines Herzens machte ihn taub. Als die Angeln nachgaben und die Tür bebte, stutzte er. Dann flog die Tür auf, und vier Männer stürzten herein. Er bekam die Overalls und Sturmhauben halb mit, konzentrierte sich aber auf die Schläger – Baseballschläger. Sie waren das Letzte, das er scharf sah. Zwanzig Minuten später baumelte er mit gebrochenem Genick an einer Laterne. Um seinen Hals hing ein weißes Plakat mit den Worten: E – ENDE.


Eine hinterhältige Zweckgemeinschaft

Es gibt eine Menge Anspielungen auf die Popkultur und Polizeiromane, ein wenig zu viel für meinen Geschmack – egal. Brant ist ein Fan von Krimiautor Ed McBain und besitzt in seiner schäbigen Wohnung eine riesige Sammlung von seinen Büchern. R & B, keiner kann sie leiden und ihre Beziehung untereinander ist auch nicht besser, denn eigentlich will jeder dem anderen mal so richtig ans Bein pieseln. Für beide gilt das Zitat von Tarantino: «Nur weil du ein Charakter bist, bedeutet das nicht, dass du einen Charakter hast.» (Mr. Wolf in Pulp Fiction) Brant ist vernarrt in Fiona, Roberts Frau, wartet auf eine Gelegenheit, sie flachlegen zu können – wobei gleich klar ist, dass Fiona, sollte er das schaffen, nicht so ganz freiwillig dabei sein wird. Andererseits sind R & B sich sehr ähnlich und brauchen sich gegenseitig, um sich zu decken, die Saubermannverhaftung hinzubekommen. 


Kriminalliteratur vom feinsten – garantiert kein Mainstream! 


Er kochte sich zwei Eier zum Frühstück und butterte drei Scheiben Brot, die er in schmale Streifen schnitt und ordentlich aufreihte. ‹Rührt euch, Männer.› Als die Eier fertig waren, nahm er einen Filzstift und tat das hier mit den Eiern (Zeichnung). Schrieb Jack und Jill obendrauf. Dann war er bereit zum Essen, setzte sich und schlug das Kreuz. Das hatte er bei den Waltons gesehen und fand es total cool. Gleichmäßig köpfte er die Eier. ‹Mütze ab bei Tisch Kinder.› Er nahm einen Brotsoldaten, stippte ihn in Jack und aß.


Trotz der derben Sprache, Brutalität, Rassismus und des Sexismus, konnte mich der Autor ins Buch hineinziehen. R & B sind hardboiled-Figuren, als Abschaum der Menschheit zu definieren – ein Polizeiroman, ein Noir-Krimi, der schwärzer nicht sein kann. Der Humor macht es aus - alles ist maßlos überzogen und irreal (oder vielleicht auch nicht), einfach nur zum Ablachen mit genialen Dialogen und Slapstick. Stereotype Darstellungen, die genau wegen ihrer Klischees gewählt sind, eben nicht stereotyp wirken zu lassen, ist eine Kunst, die hier gelingt. Kriminalliteratur, die unter Dark Places einsortiert wird – und wer die Kombination aus Noir und Satire mag, der wird hier eine Perle finden. Kriminalliteratur vom feinsten – garantiert kein Mainstream! Und am Ende gibt es einen geschichtlichen Rückblick zu Cop-Krimis von Alf Mayer.


1951 in Galway geboren, studierte Ken Bruen am Trinity College in Dublin und promovierte über Metaphysik. Ein Vierteljahrhundert lang lebte er in Asien, Südamerika und Afrika, bevor er seine schriftstellerische Karriere begann. Seine Bücher wurden mehrfach mit renommierten nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Bruen lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in seiner Geburtsstadt Galway.



Ken Bruen
Saubermann
Aus dem Englischen übersetzt von Karen Witthuhn
Krimi, Kriminalliteratur, irische Literatur, Noir, Pulp Fiction, Polizeikrimi, Hardboiled
Klappenbroschur, 224 Seiten
Polar Verlag, 2021



Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Doppeltes Spiel von K.L. Slater

  Ein luxuriöser Wolkenkratzer mit dem Namen Orbit, in dem die Reichsten der Reichen zusammenkommen: hier arbeitet die attraktive Alicia als Kellnerin. Als der charismatische Eigentümer des Orbit ihr das Angebot macht seine Freundin zu spielen und dafür ein großzügiges Gehalt zu erhalten, in seinem riesigen Apartment im Orbit zu wohnen, nimmt sie an. Immerhin ist es nur ein Spiel, denn er braucht eine Begleitung, will sich vor den vielen Frauen schützen … bis das Spiel plötzlich mehr zu sein scheint. Langweilig, uninteressant, voller Klischees, sprachlich kraftlos – mehr muss ich nicht sagen.  Weiter zur Rezension:   Doppeltes Spiel von K.L. Slater 

Rezension - Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter von Lukas Bärfuss

Nach «Vaters  Kiste» hat Lukas Bärfuss nun in einem autobiografischen Essay mit dem Leben seiner Mutter abgerechnet. «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod.» 1971 in Thun geboren, die Mutter wohnt eher allein mit ihrem Sohn, bzw. mit vielen Männern. Lukas Bärfuss wächst im Rotlichtmilleu auf; seine Mutter war eine Frau ohne Bildung, die von ihrem Freiheitsverlangen getrieben wurde, in das der Sohn nicht hineinpasste. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen, am Abend stand sie an einer Rotlicht-Bar. Als sie älter war, arbeitete sie als Putzfrau und in einer Wäscherei. Der Junge war nie gewollt, so wurde er auch behandelt – als Rabenmutter titulierte sie sich sogar selbst. Eine Mutter, die ihn hat sitzen lassen in seiner Kindheit und ein System, das dieses Kind hängenließ. Ein wundervolles Buch, schnörkellos geschrieben, das sehr zu Herzen geht. Weiter zur Rezension:    Königin der Nacht – Ein kurzes Buch ...

Rezension - Lázár von Nelio Biedermann

  «Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.», so wird von ihm geschrieben. Nelio Biedermann schreibt mit 20 Jahren sein erstes Buch und das Manuskript geht in die Versteigerung – die Verlage überbieten sich, es wird in 20 Sprachen verkauft, man redet über ein sechsstelliges Vorschusshonorar – über den neuen Thomas Mann . Uff. Ich war gespannt. Mich konnte der Familienroman nicht überzeugen – leider. Weiter zur Rezension:    Lázár von Nelio Biedermann

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Generation Glücklich: Dein Handbuch für mehr Spaß und Freiheit in einer Welt voller Bildschirme von Jonathan Haidt und Catherine Price

Stell dir vor, du wächst auf in einer Welt voller Smartphones , Likes und endlosem Scrollen, als wäre das Handy an der Hand festgewachsen. Das Handy ist das Erste, was du morgens, und das Letzte, was du abends anschaust – ganz schön viel für ein Kind, oder? «Generation Glücklich» richtet sich an Kinder zwischen 9 und 12 Jahren, die genau in dieser Welt ihren eigenen Platz finden wollen – ohne sich dabei virtuell selbst zu verlieren. Medienkompetenz , Selbstsicherheit, Selbstständigkeit im Umgang mit Medien – Fallstricke kennenlernen, Mechanismen auf Social Media verstehen an Hand von Comics und Übungen. Zu verstehen, wie Social Media funktioniert und wie sie das Gehirn verändert . Empfehlung!  Weiter zur Rezension:     Generation Glücklich: Dein Handbuch für mehr Spaß und Freiheit in einer Welt voller Bildschirme von Jonathan Haidt und Catherine Price

Recherche - Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton

  Die 12-jährige Bo Delafort ist eine «Schlammschwalbe» – Menschen die an der Themse leben, arbeiten als Schlammsucher, sie graben im Schlamm nach kleinen Schätzen und Angeschwemmtem, was man verwerten kann. Als Bo eine schimmernde Münze im Schlamm des Flusses findet, meint sie, der Fluss würde mit ihr sprechen. «Du wirst nicht verlieren …» raunt er ihr zu. Aber was bedeuten die Worte? Eine insgesamt spannende Fantasy ab 12 Jahren mit Tiefgang. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Rezension - Und dann gab’s keines mehr von Agatha Christie, Pascal Davoz und Callixte

Agatha Christie Classics Der Klassiker schlechthin! Der meistverkaufte Krimi von Agatha Christie als Grafic Novel . Zehn Menschen werden von einer Familie, die sie nicht kennen, aus unterschiedlichen Gründen auf eine kleine abgelegene Insel eingeladen. Entweder sollen sie dort arbeiten oder sich vergnügen. Einige von ihnen lernt der Lesende bereits auf der Anfahrt kennen. Acht Menschen treffen vergnügt im Hafen aufeinander, sechs Männer, zwei Frauen. Auf der Insel empfängt sie ein Dienerpärchen, von dem sie erfahren, der Gastgeber wird erst erst am nächsten Tag eintreffen. Doch gleich zum Begrüßungscocktail wird ihnen offenbart, wozu sie angereist sind: Alle Anwesenden werden sterben! Klasse umgesetzt als Comicadaption, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Und dann gab’s keines mehr von Agatha Christie, Pascal Davoz und Callixte 

Rezension - Simone von Nikolaus Heidelbach

  Wally und ihre Mutter gehen zum Babyschwimmen und lernen Simone kennen. Man findet sich sympathisch, und so wird das Flusspferd als Babysitter engagiert, wird die engste Vertraute von Wally. Bevor das Mädchen in die Schule kommt, keinen Babysitter mehr benötigt, begeben sich die beiden auf eine letzte abenteuerliche Flussreise . Sie erleben Wasserfälle , wilde Picknicks und ein fröhliches Schlammbad mit Simones Familie. Ein liebevoll, atmosphärisches Bilderbuch ab 4 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Simone von Nikolaus Heidelbach

Rezension - Meine Geschichten von Mutter und Tochter von Katharina Greve

  Woran ich zuerst bei der ersten Geschichte denken musste, war « Vater und Sohn » von Erich Ohser , der Comicstrip-Klassiker   – und richtig, Mutter und Tochter lesen eins dieser Bücher, amüsieren sich köstlich. Kleine witzige Alltagsgeschichten als Comic, Bilder ganz ohne Worte. Das Geld ist knapp und ein Restaurantbesuch ein Fest. Blöd, wenn der arrogante Kellner einen dann beharrlich ignoriert. Mutter und Tochter geben nicht klein bei, sondern lassen sich kurzerhand von einem Boten Pizzen ins Restaurant liefern. Der Abend ist gerettet – und der Kellner ziemlich sauer. Eine alleinerziehende Mutter hat es nicht leicht, weil sie nicht viel Geld hat. Aber dieses Team hat trotzdem viel Spaß, dank Kreativität – und mit ihnen der Lesende. Ich hatte jedenfalls genauso viel Freude wie damals bei den Jungs. Der Comic ist Allage – aber bereits ab 12 Jahren sich ein Vergnügen! Weiter zur Rezension:    Meine Geschichten von Mutter und Tochter von Katharina Greve