Direkt zum Hauptbereich

Lightseekers von Femi Kayode - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Lightseekers 


von  Femi Kayode


Der erste Satz: 

Die Oktobersonne ist heiß wie das Blut des wütenden Mobs.


Ein Lynchmob massakriert in einem Vorort der Großstadt Port Harcourt, Nigeria, drei Studenten und ein Vater will wissen, wie es dazu kommen konnte, dass sein Sohn getötet wurde. War er ein Dieb? Verkaufte er wirklich Drogen, gehörte er ernsthaft einem Kult an? Das alles passt nicht zu dem Bild, das enge Freunde von dem Studenten haben. Wurde der Mob etwa gesteuert? Wie kann es sein, dass plötzlich eine Menschenmenge drei junge Männer ergreift, ihnen Autoreifen überstülpt, sie mit Benzin zu übergießt und anzündet? Einige der Täter wurden gefasst und stehen vor Gericht. Die ganze Geschichte ergibt keinen Sinn. So engagiert der wohlhabende Vater eines Opfers Philip Taiwo, der Nachforschungen zum Ablauf der Handlung stellen soll, die Gerüchte auf Wahrheit überprüfen. Taiwo stammt aus Nigeria, er ist forensischer Psychologe aus den USA, eine Koryphäe zum Motiv Massenpsychologie und Gewalt. Das Thema des Romans betrifft genau das: Wie werden Menschen aufgehetzt, bis hin zu zornigen Gewalttaten?


Das Duo ist nicht willkommen


In diesem Land ergibt nichts einen Sinn.


Taiwo ist erst kürzlich nach Nigeria zurückgekehrt, er wohnt mit seiner Familie in der Hauptstadt Lagos. Vieles ist ihm in seiner Heimat fremd geworden. Sein Auftraggeber, Chiemeka Nwamadi, Geschäftsführer der drittgrößten Bank Nigerias, stellt Taiwo einen Chauffeur und Begleiter zur Seite, Chika, der weit mehr Qualitäten an den Tag legen wird. Wer ist dieser Mann, fragt sich Taiwo bald? Auf keinen Fall ein schlichter Fahrer mit Ortskenntnissen und guten Manieren. Kaum beginnen die beiden ihre Ermittlungen, stoßen sie auf Feindseligkeit. Niemand will mit ihnen reden, nicht einmal die Polizei, und die Hotelführung setzt das Paar nach einem Tag vor die Tür, obwohl die Zimmer im Voraus bezahlt wurden. Warum macht die gesamte Stadt dicht, wenn Ereignisse um den Lynchmob angesprochen werden? Taiwo stochert im Nebel. Das Duo ist nicht willkommen - und jemand setzt alles daran zu verhindern, dass sie die Wahrheit aufdecken. Und das wird brandgefährlich für das Team!


Fesselnder literarischer Thriller, der sich auf sozialkritische Themen konzentriert

Dieser literarische Thriller ist sehr komplex, da er nicht nur das Thema der Aufhetzung von Massen auf das Korn nimmt. Immer wieder fließen sozialpolitische Probleme Nigerias ein. Korruption, bittere Armut gegen Reichtum, Rassismus, Kriminalität, religiöse Konflikte, studentische Kulte. Der Roman basiert auf einen wahren Fall aus dem Jahr 2012, bei dem ein Lynchmord durch eine aufgestachelte Menschenmenge begangen wurde: Im Südosten Nigerias wurden vier Studenten von einer aufgebrachten Menge durch die Stadt gejagt und angezündet. Man nennt es «necklace killing», bei dem den Opfern Autoreifen übergestülpt werden, die mit Benzin übergossen sind und angezündet werden. Eine bekannte Foltermethode oder Bestrafung, die in Nigeria mehrfach angewandt wurde. Insgesamt ist es ein guter Thriller, der Einsicht in die nigerianische Gesellschaft gibt. Bei Taiwo habe ich mich stets gefragt, warum er seine Ausbildung nicht nutzt. Ein Psychologe hätte anders gefragt, mehr interpretieren können. Er benimmt sich eher wie ein unsicherer Privatdetektiv. Die weiblichen Figuren sind schrecklich stereotyp. Neben Taiwo als Icherzähler gibt es einen zweiten Erzähler (kursiv), der mit katholischer Internatsgeschichte doch auch recht abgedroschen ist. Fein sind die Wendungen und die Unterschiedlichkeit des Duos. Taiwo war lange in den USA, sieht heute sein Land aus der Distanz, ärgert sich über holprige Straßen, auf denen ständig die Polizei Straßensperren errichtet. Nur wer Wegegeld zahlt, wird durchgelassen. Gewalt und Korruption, etwas, das Taiwo erzürnt, das Chika aber als selbstverständlich akzeptiert. Chika, der Mann mit Charisma, umwoben von Geheimnissen. Ein insgesamt komplexer und fesselnder literarischer Thriller, der sich auf sozialkritische Themen konzentriert. Empfehlung!


Femi Kayode wuchs in Nigeria auf. Nach dem Studium der Klinischen Psychologie an der University of Ibadan in Lagos arbeitete er viele Jahre in der Werbebranche. Er war Stipendiat an der University of Southern California und der University of Washington, Seattle. Seine Arbeiten fürs Fernsehen wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. 2017 schloss er das renommierte Creative Writing Programm der University of East Anglia mit Auszeichnung ab. Kayode lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Windhoek, Namibia.



Femi Kayode
Lightseekers
Originaltitel:Raven Books, 2021
Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Jäger
Thriller, Literarischer Thriller, Nigeria, Nigerianische Literatur, Kriminalliteratur
Taschenbuch, 464 Seiten
btb Verlag, 2022

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Lázár von Nelio Biedermann

  «Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.», so wird von ihm geschrieben. Nelio Biedermann schreibt mit 20 Jahren sein erstes Buch und das Manuskript geht in die Versteigerung – die Verlage überbieten sich, es wird in 20 Sprachen verkauft, man redet über ein sechsstelliges Vorschusshonorar – über den neuen Thomas Mann . Uff. Ich war gespannt. Mich konnte der Familienroman nicht überzeugen – leider. Weiter zur Rezension:    Lázár von Nelio Biedermann

Rezension - In ihrem Haus von Yael van den Wouden

  Seit dem Tod ihrer Mutter lebt Isabel allein in dem großen, von der Zeit gezeichneten Familienhaus auf dem Land, ihre beiden Brüder wohnen in der Stadt. Die Tage ziehen ruhig und geordnet dahin. Isabel lebt mit ihren Erinnerungen, ihren Möbeln und Haushaltsgegenständen, mit denen sie redet, die sie ständig durchzählt, in Angst, das Dienstmädchen könnte einen Löffel stehlen. Doch als ihr Bruder Louis seine Freundin Eva bei ihr einquartiert, geraten Isabels stille Routinen ins Wanken, und das Haus, das Stabilität gibt, wird zum Schauplatz unheimlicher Veränderungen, die bis zum Holocaust zurückgehen, zur Sharia . Ein wundervoll subtiler Roman, der zu Recht auf dem Internationalen Booker-Preis stand. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   In ihrem Haus von Yael van den Wouden

Rezension - Balaclava von Campbell Jefferys

  Mara, eine Polizistin aus Berlin ist jeden Tag mit Gewalt konfrontiert. Die meisten ihrer Kollegen sind diszipliniert, korrekt. Aber es gibt auch gewaltbereite Typen mit rechten Sprüchen, die sich feindlich gegenüber Ausländern und Frauen verhalten. Mara stammt allerdings aus Hamburg und so liegt es nahe, dass man sie undercover nach Hamburg sendet, damit sie sich unter die linken Gruppen mischt, herauszufinden, wer bei einer Demo den einen Polizisten ermordet hat. Mara hat das Video gesehen – der Polizist sackt zusammen, neben ihm ein junger Mann, dessen Gesicht mit einer Balaclava verdeckt ist. Mara hat ihn erkannt! Diese Augen gehören ihrem Bruder! Und der würde niemanden umbringen. Ein Thriller mit Potential, allerdings zu aufgeblasen, zu viele handwerkliche Fehler. Weiter zur Rezension:     Balaclava von Campbell Jefferys

Rezension - Cascadia von Julia Phillips

  Gesprochen von Pegah Ferydoni Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 7 Std. und 38 Min. Auf einer Insel vor der Küste des Bundesstaates Washington im äußersten Nordwesten der USA lebt Sam mit ihrer Schwester Elena und der schwerkranken Mutter in ärmlichen Verhältnissen. Sam arbeitet auf der Fähre, die die wohlhabenden Urlauber zu ihren Feriendomizilen bringt, während Elena im Golfclub kellnert. Das meiste Geld geht für die medizinische Versorgung der Mutter drauf. Sie beide träumen von einem besseren Leben, davon, woanders neu anzufangen. Dann, eines Morgens erblickt Sam einen Braunbären direkt vor ihrer Haustür. Zwei Schwestern, die immer zusammengehalten haben, driften völlig auseinander. Die eine bleibt in den Kinderträumen verwachsen, die andere stellt sich der Realität. Weiter zur Rezension:   Cascadia von Julia Phillips 

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Rezension - Wo ist Walter? Ab ins Wasser von Martin Handford

  Knobelalarm für clevere Kids Wo ist Walter? Die kultigen Wimmelbuch-Bücher kennt wahrscheinlich jeder. Mit Walter auf hoher See! Ein Mitmachbuch für Kinder ab 8 Jahren mit vielen Rätseln, Suchbildern und Stickern. Klar, auch hier muss man Walter suchen , doch dies hier ist ein kunterbuntes Beschäftigungsbuch für unterwegs, am Strand oder für die Ferien mit Rätseln, Malen, Suchen: Mit Walter gibt es keine Langeweile, und dazu  gibt es mehr als 100 knallbunte Stickern für noch mehr Rätselspaß. Weiter zur Rezension:     Wo ist Walter? Ab ins Wasser von Martin Handford 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - Streng geheim: Spione, Agenten, Geheimnisse von Soledad Romero Mariño und Julio Antonio Blasco

  Die unglaublichsten Spionagegeschichten der Welt. Vom alten Rom über England zur Zeit der Tudors bis ins 20. Jahrhundert hinein hat sich die Kunst der Spionage enorm weiterentwickelt. Eines aber blieb immer gleich: Der grenzenlose Erfindergeist der Menschen, auf immer neuen Wegen an streng geheime Informationen zu gelangen. Philipp II von Spanien, Herrscher über ein Weltreich, investierte viel Geld für sein dichtes Spionagenetz, entwickelte eine ausgeklügeltes Chiffriersystem und das effizienteste Postsystem. Katharina von Medici bildete Spioninnen aus, um ihre Feinde zu kontrollieren. Der kleinste Spion war nur 58 cm groß. Doppelspion:innen, ausgeklügelte Systeme … ein spannendes Sachbilderbuch  ab 10 Jahren! Weiter zur Rezension:   Streng geheim: Spione, Agenten, Geheimnisse von Soledad Romero Mariño und Julio Antonio Blasco