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Ein langer, langer Weg von Sebastian Barry - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing


Ein langer, langer Weg 


von Sebastian Barry


Der erste Satz: 

Er wurde geboren, als das Jahr starb.

Ein perfekter Satz, der ein Drama einläutet. 1896 wird Willie Dunne während eines Sturms geboren, das Baby wimmert wie eine Katze. Die Mutter verstirbt bei der Geburt der jüngsten Schwester, und so zieht der Vater seine drei Mädchen und Willi alleine groß. Der Vater hat einen hohen Posten bei der Dubliner Metropolitan Police, hoffte darauf, dass sein Sohn in seine Fußstapfen tritt. Doch zu seiner Enttäuschung wird dieser Hänfling nie die geforderten 1.80 Meter Mindestgröße erreichen. 

Als Willie sechs oder sieben war, kam der König von Irland aus England zu Besuch nach Irland

Ein Satz, der alles sagt und einläutet, was folgen wird. Willi erlernt das Maurerhandwerk, hofft inständig, noch zu wachsen. Als er sechzehn Jahre alt ist, trifft er auf Gretta und verliebt sich. Eine Liebe, die im Verborgenen bleiben muss. Gretta entstammt der typischen Arbeiterklasse, eine Verbindung, die der Vater nicht gutheißen würde. Hier beschreibt Sebastian Barry drastisch die Wohnverhältnisse: Ein großer Raum, den sich mehrere Familien teilen, die Wohneinheiten mit Stricken und Laken abgetrennt. Willie nimmt sich vor, trotz aller Standesdünkel, Gretta später einmal zu heiraten. 

Jeder hoffte, noch ein paar Kampfhandlungen zu erleben, bevor sie siegreich nach Hause geschickt würden.

Doch dann bricht der Erste Weltkrieg aus. In Dublin lehnen sich viele Iren im Osteraufstand 1916 gegen die britische Besatzung auf. Willie versteht nicht, was passiert, Politik interessiert ihn nicht. Er meldet sich gegen den Willen seines Vaters freiwillig als Soldat, eine Mischung aus Abenteuerlust und der Hoffnung, auf diesem Umweg später bei der Polizei aufgenommen zu werden. Eins ist sicher für ihn, das alles kann nur ein Paar Tage dauern. Andere Iren melden sich als Soldat aus Treue zur britischen Krone, Protestanten aus Ulster, die gegen die Selbstverwaltung  Irlands kämpfen. Einige glauben an die Zusage, die Briten, die eine Selbstverwaltung für Irland nach dem Krieg versprechen, wenn die Iren an der Seite der Krone mitkämpfen. So stellt sich eine bunte Truppe zusammen.

Jetzt waren die Bomben gefallen, genau auf die Jungs der Versorgungsstaffel. Nicht nur waren die Jungs zusammen mit den Erdklumpen Flanderns in die Luft geflogen und verkohlt. Auch die Suppe war verschüttet und verdorben. Der Rum geröstet. Der Tabak zu Asche verbrannt. Alles nur wegen dieser Scheißkerle aus Ostbayern.

Der 18-Jährige Willie erlebt in Flandern gleich einen der ersten Giftgasangriffe. Er steht etwas abseits, verfolgt ungläubig die gelbe Wolke, sieht, wie die Kameraden stürzen, andere in Panik rennen. Im eigenen Entsetzen rennt er, was das Zeug hält und kann sich retten. Krieg ist kein Abenteuer. Hunger, Kälte, Flöhe und Läuse bestimmen das Leben, allgegenwärtig sind Verletzung und Tod. Was zählt, ist Kameradschaft. Und irgendwann lassen ihn die Gedanken nicht los, an der ganzen Sache zu zweifen, welchen Sinn das alles haben soll: Ein Krieg, für wen eigentlich? – Für die Krone, die Freiheit? Briten und Iren kämpfen Seite an Seite gegen die Deutschen, hier auf dem Festland in Flandern. Zu Hause kämpfen Iren gegen Briten im Kampf um die irische Unabhängigkeit und Iren gegen Iren in religiöser Fehde, der Norden gegen den Süden der Insel. Hier in Belgen sind sie letztendlich alle Kameraden. Gretta ist für Willi allgegenwärtig, für sie hält er durch. 

Das Gas lag wie eine Bettdecke auf dem Graben; als noch mehr Gas herübergeblasen wurde, füllte es den Graben bis zum Rand und zog dann, gierig nach exquisitem Mord, in gespenstischen Horden weiter bis zu den Unterstützungslinien und den Reservelinien. Quigley war auf den schlammigen Boden gefallen und wand sich dort wie eine Pythonschlange, die Maske saß nicht mehr und seine geweiteten Augen waren wie schwarze Steine in einem Rote-Beete-Gesicht.

Sie wussten, wie zweitausend Leichen aussahen. Das stand fest.

Sprachgewaltig, teils verdichtet, dann wieder ins Detail ausschweifend poetisch beschreibt Sebastian Barry aus dem Blickwinkel des jungen Soldaten den Krieg. Wir fühlen seine Angst im Schützengraben, leiden mit ihm Durst, beobachten die Gaswolken, zählen die Toten. Aber es ist nicht nur der Erste Weltkrieg, der hier zum Tragen kommt, auch der Osteraufstand in Irland und seine Folgen sind einbezogen. Der Weltkrieg und der Bruderkrieg. Barrys Sprache ist präzise, Vorboten und Untertöne sind geschickt eingebaut, lassen den Leser tief durchatmen. Willie hält durch für Gretta, für seine Familie. Ein Verrat auf der einen Seite und ein Missverständnis auf der anderen nehmen ihm die Kraft. «Da alles, was er sich gewünscht hatte, dahin war, wünschte er sich nichts mehr. Er atmete ein und aus. Das war alles. Dahin hatte der Krieg ihn gebracht, dachte er.» Draußen in der Nacht im Feld ein letztes «Stille Nacht, heilige Nacht» und ein einziger Schuss in die Stille.

Das ist der Fluch, der auf der Welt liegt: Leute, die keine anderen Gedanken haben als solche, die man ihnen eingeflößt hat. Es sind nicht ihre eigenen Gedanken. Sie sind wie Kuckuckseier im Kopf. Ihre eigenen Gedanken werden aus dem Nest geworfen, stattdessen werden ihnen Kuckucksgedanken hineingelegt.

Sebastian Barry, 1955 in Dublin geboren, gehört zu den »besten britischen und irischen Autoren der Gegenwart« (Times Literary Supplement). Er schreibt Theaterstücke, Lyrik und Prosa. Bei Steidl erschienen bisher seine Romane Ein verborgenes Leben, Mein fernes, fremdes Land, Ein langer, langer Weg und Gentleman auf Zeit. Sein Roman Tage ohne Ende war ein internationaler Bestseller und wurde u. a. mit dem Costa Book of the Year Award ausgezeichnet. 2020 erschien die Fortsetzung Tausend Monde. Barry lebt in Wicklow, Irland.



Sebastian Barry
Ein langer, langer Weg
Historischer Roman, Erster Weltkrieg, Irland Osteraufstand 1916
Taschenbuch, 368 Seiten
Steidl, 2020



Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Ein wundervoller Roman, brutal-romantisch, Wild West. Zwei Jugendliche, Freunde für Leben, eine Liebe fürs Leben, sie tanzen und schießen, um zu überleben. Goldgräber, Bisonjagd, Soldatenleben im Kampf gegen Indianer, später im Sezessionskrieg gegen die Südstaatler, Farmersleben ... eine Sprache in Bildern auf der einen Seite – beinhart auf der anderen.

Weiter zur Rezension:   Tage ohne Ende von Sebastian Barry



Tausend Monde von Sebastian Barry 

Vor zwei Jahren erschien der in deutsche Sprache übersetzte Roman «Tage ohne Ende», der sich mit dem Sezessionskrieg beschäftigt, und ich war ich begeistert. Dieses Buch schließt an diesen Roman an. Dies ist die Geschichte der indigenen Winona, die in Tennessee, USA, nahe der Kleinstadt Paris lebt, die Nachwehen des Bürgerkriegs beuteln das Land. Sie ist um die siebzehn Jahre alt, sie ist intelligent, kann lesen und schreiben, besonders gut rechnen und sie beherrscht die Buchhaltung, die sie in der Stadt für einen Anwalt erledigt. Ein polnischer Einwanderer, Jas Jonski, ist in sie verliebt, will sie sogar heiraten. Kann man ihm trauen? Doch dann passiert ein schreckliches Ereignis ... 

Weiter zur Rezension:   Tausend Monde von Sebastian Barry 



Historische Romane und Sachbücher

Im Prinzip bin ich an aller historischer Literatur interessiert. Manche Leute behaupten ja, historisch seien Bücher erst ab Mittelalter.  Historisch - das Wort besagt es ja: alles ab gestern - aber nur was von historischem Wert ist. Was findet ihr bei mir nicht? Schmonzetten in mittelalterlichen Gewändern. Das mag ganz nett sein, hat für mich jedoch keine historische Relevanz.  Hier gibt es Romane und Sachbücher mit echtem historischen Hintergrund.
Historische Romane


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