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Tage ohne Ende von Sebastian Barry - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Tage ohne Ende 

von Sebastian Barry


Der erste Satz: Also, wie sie in Missouri ne Leiche aufbahren, das schießt wirklich den Vogel ab.

Man fängt an zu lesen, versinkt in die wundervolle Sprache, hält die Luft an, der Ereignisse wegen, und dann ist man plötzlich schon am Ende. Schade. Die Geschichte hätte 1000 Seiten weiterlaufen können. Thomas McNulty war als Kind allein nach Kanada ausgewandert, er hatte sich während der Hungersnot 1850 in Europa auf ein Schiff eingeschlichen, und selbst dieses Martyrium im Schiffsbauch überlebt. Seine Familie war bereits in Irland verhungert.

Der einzige Lohn in Amerika, der mieser war als der mieseste Lohn, war der Sold der Armee. Und abgespeist haben sie dich mit nem Fraß, dass deine Scheiße zum Himmel stank. Aber du warst froh, überhaupt Arbeit zu kriegen, denn wenn du in Amerika nicht arbeitest für deine paar Dollar, dann musst du hungern, diese Lektion hatte ich gelernt. Und das Hungern hatte ich satt.

Bekleidet mit einem alten Weizensack macht sich Thomas zu Fuß auf nach Missouri und trifft dort auf den gleichaltrigen John Cole, der dort geboren wurde. Sie werden Freunde und später Liebende fürs Leben. Die hübschen Jungen verdienen zunächst ihren Lebensunterhalt in einer Goldgräberstadt: Mangels Frauen jobben sie als Tänzerinnen in einem Saloon. Als der Bart sprießt, die Stimme sich verdunkelt, geht es zur Armee, im Kampf gegen die Indianer, danach kämpfen sie als Blaujacken im Bürgerkrieg.

Die Hälfte aus unserer Kompanie bestand aus bärbeißigen älteren Männern, wir wunderten uns, dass manche von denen überhaupt noch reiten konnten. Ist schmerzhaft für die Eier und fürs Kreuz, verflucht noch mal.

Ein hartes Leben in Wild West. Für die Jungen ist das raue Leben in Ordnung, sie haben weit Brutaleres hinter sich, sind Hunger und Kälte gewöhnt. Die Sprache von Barry ist glasklar, brutal; schnörkellos wird der Krieg dargestellt. Auf der einen Seite wehrt man sich gegen Indianer, aber größtenteils werden Massaker verübt, insbesondere gegen Frauen und Kinder, ganze Völker ausgelöscht. Der Major will »Caught-His-Horse-First« schnappen, was bei ihm zu einer fixen Idee ausartet. Die Geschichte erinnert an das Grattan-Massaker und die Folgen davon. Lange Märsche, kurze Kämpfe, Hunger, Kälte, abgefrorene Zehen und Finger, Barry lässt über die Schrecken des Krieges nichts aus.

Jetzt bewegten wir uns langsam auf den Herbst zu und die Vertragsindianer mussten in ihren Dörfern dem alten Mörder namens Hunger Platz machen. Dieser dürren, dreckigen, dunkelherzigen Kreatur, die Menschenleben als Lösegeld fördert.

Barrys Sprache ist aber nicht nur glasklar. Sehr poetisch sind seine Landschaftsbeschreibungen. Immer wieder gibt es emotionale Bilder, die bewegen. Thomas und John retten ein Indianermädchen, ziehen es auf und adoptieren es, »verdammt schönes schwarzes Haar. Blaue Augen wie der Rücken einer Makrele« … »Süßes kleines Gesicht, kühl wie ne Melone, wenn man’s n den Händen hält und sie auf die Stirn küsst.« Als die jungen Männer im Saloon tanzten, entdeckte Thomas für sich die Frauenkleider, zieht sie gern zu Hause an, was er auch zeitlebens beibehält.

Die Brise hat nach Osten gedreht, und jetzt bilden sich eine Million kleiner Wellen auf dem Fluss. Spitze von einer Million Klöpplerinnen. … in den Himmel sickert ein langer, hoher Streifen von der Farbe von Äpfeln. Die Berge, die ein schwaches Blau in der Ferne waren, werden dunkler und schwärzen sich ein.

Der Krieg gegen die Indianer ist gerade beendet, schon geht es weiter in den nächsten Krieg: Der Sezessionskrieg, ein grausamer Bruderkrieg, und wie Thomas feststellt, hier steht sich Ire mit Ire gegenüber. Für was kämpft man eigentlich? Man hat einen Job und der Major befiehlt das Kommando, »für Nigger rühr ich keinen Finger«, erklärt ein Kamerad. Sie landen 1864 im grausigen Camp Sumter bei Andersonville, im Kriegsgefangenenlager der Konföderierten. Dort waren rund 45.000 Gefangene unter unmenschlichen Bedingungen zusammengedrängt. Von ihnen starben 12.919 Insassen. Thomas und John überleben gerade so eben.

Es ist so still, man könnte schwören, dass der Mond lauscht. Die Eulen lauschen und die Wölfe. Ich ziehe meine Feldmütze ab und kratze mich an meinem verlausten Schädel. In ein paar Tagen, wenn wir weg sind, werden die Wölfe aus den Bergen kommen und sich durch die Steine wühlen, die wir aufgehäuft haben. Nichts ist gewisser als das. Deswegen bestatten die Indianer ihre Toten auf Pfählen.

Eine brutal-romantische Erzählung, eben ein Western. Einwanderer, Hungersnöte, bittere Armut, Kriege: Das war der sogenannte Wilde Westen. Und wer eine kleine Farm sein Eigen nennen konnte, musste sich abrackern und immer auf der Hut vor Wegelagerern und Banditen sein, vor Indianern. Aus dieser Zeit stammt die amerikanische Ideologie, einen Haufen Gewehre im Haus zu haben zu müssen. Ohne Gewehr war die Chance zu überleben eher gering. Sebastian Barry hat hier von der Überfahrt aus Europa über den Goldrausch, Bisonjagd, Kriege, Farmerleben, komprimiert das Leben der Einwanderer in den USA um 1850 wiedergegeben. Dieser Roman landet auf meiner Liste der Lieblingsbücher für 2018.

»Wir lachen, während wir schießen. Wir brüllen, während wir schießen. Wir weinen, während wir schießen.«

Sebastian Barry, in Dublin geboren, gehört zu den »besten britischen und irischen Autoren der
Gegenwart« (Times Literary Supplement). Er schreibt Theaterstücke, Lyrik und Prosa, war mehrfach auf der Shortlist zum Man Booker Prize. Er erhielt den  Costa Book of the Year Award für »Ein verborgenes Leben«, den Walter Scott Prize for Historical Fiction für »Mein fernes, fremdes Land«. »Tage ohne Ende« stand im vergangenen Jahr auf der Longlist des Man Booker Prizes, den schließlich George Saunders für „Lincoln im Bardo“ erhielt.


Das Herz geht einem auf, und die Seele singt. Voller Leben und zufrieden wie die Mehlschwalben unter den Dachtraufen.

Empfehlung zum Thema:

Wer gute Western mag, von diesem Buch angesprochen ist, dem empfehle ich diese zwei Romane:


Die Besiedlung der Weißen von Texas (Indianerkriege) - ein texanischen Clan, die McCulloughs, die während der letzten 150 Jahre um Land, Öl und Macht kämpfen - drei Generationen, drei Motivationen, bis in die 1960-er

Um 1870 finanziert Will Andrews, der Harward-Student aus Boston, Miller den Deal seines Lebens, eine Jagd auf die kostbaren Felle der Büffel in einem unbekannten Tal in den Rocky Mountains. 


Die Zerstörung der Natur durch die Einwanderer in Kanada und USA wird in diesem Familienroman sehr fein dargestellt: Aus hartem Holz von Annie ProulxDetailliert und kenntnisreich das harte Leben der ersten Siedler von 1693 bis in die heutige Zeit an Hand von zwei Familien: Thema Holz – Die Abholzung der USA.


Sessionskrieg USA:


Das grausame Camp Sumter bei Andersonville, 1864, Kriegsgefangenenlager der Konföderierten wird in folgendem Krimi gut dargestellt: Alte Feinde von Petra Ivanov

Die Zweige der Esche von Laird HuntDer Sezessionskrieg - amerikanischer Bürgerkrieg - Frauen kämpfen in Männerkleidung





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