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Die zerbrechliche Zeit von Donatella Di Pietrantonio - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Die zerbrechliche Zeit 


von Donatella Di Pietrantonio 


‹Unmöglich. Du hattest dieses Grundstück doch verkauft.› Das habe er lange versucht, es sei ihm aber nicht gelungen, gesteht er. Ich schweige eine Weile im Chor der Vögel. In regelmäßigen Abständen das Solo des Kuckucks. 
‹Nach dem, was geschehen ist, wollte es niemand mehr, nicht einmal geschenkt.› Es klingt fast, als wolle er sich rechtfertigen. 
‹Ich auch nicht, der Platz macht Angst.› Ich habe lauter gesprochen, das Echo wirft die letzten Silben zurück. Notgedrungen wird es meins sein, ich bin seine einzige Erbin.


Das Land unter dem Wolfszahn in den Abruzzen, gehört der Familie von Lucia. Hier existierte ein einfacher, in die Jahre gekommener Campingplatz, auf dem sich vor vielen Jahren etwas Schreckliches ereignet hat. Als ihre Tochter Amanda ihr Studium abbricht, in ihr Dorf in den Abruzzen zurückkehrt, erkennt ihre Mutter sofort, dass etwas nicht stimmt. In den ersten Tagen in Mailand hatte ihre Tochter den Glanz der Stadt in den Augen, doch nach dem Raubüberfall scheint sie nur noch verschwinden zu wollen. Besorgt nimmt Lucia das Schweigen Amandas wahr und erinnert sich an jene Nacht vor dreißig Jahren, in der nur ein Zufall sie vor dem Schlimmsten bewahrt hat und auch sie zunächst ihr Studium abbrach.


Wie wird sich Lucia entscheiden?


‹Für die Reichen ist die Natur schön, nicht, wenn du wie ein Sklave arbeiten musst.› Daran hatte ich noch nie gedacht, der Satz rüttelte mich auf. Mit der Zeit begriff ich, dass er nicht nur für den Schäferknecht galt. Ciarango, Osvaldo, mein Vater: Keiner hatte das Leben im Tal gewählt. Sie waren am einzig möglichen Ort geblieben, dort, wo sie geboren waren. Sie hatten nie etwas anderes gesehen und konnten sich auch nichts anderes vorstellen. Sie waren Sklaven einer Notwendigkeit. Das betraf auch meine Mutter, auch mich.

Heute interessiert sich ein Immobilienspekulant für sämtliche Ländereien um den Wolfszahn, bietet Lucia 60.000 Euro für ihr Land. Der Campingplatz war damals eine Attraktion, die Spieße vom Grill eine Sünde wert. Alle waren an jenem Abend hier versammelt: die Schäfer, die Besitzer des Campingplatzes, die Jäger, die Carabinieri, die Alten und die Jungen, das ganze Dorf. Alle, außer den Mädchen … Aber das ist lange her. Lucia will dieses Land nicht haben, das ihr Vater ihr nun überschrieben hat, die Verantwortung abschob mit der Ausrede, so Erbschaftssteuer zu sparen. Der Pächter des Zeltplatzes, Osvaldo, ein Freund ihres Vaters, drängt sie, zu verkaufen, weil der Investor ihm helfen wird, einen modernen Ort für Camper daraus zu machen, mit allerlei Luxus. Man könnte Osvaldo den Erlös für das Land geben, denn der hatte sich für den Campingplatz hoch verschuldet, so der Vater. Und natürlich liegt der Immobilienhai ihr in den Ohren. – «Die ganzen Jahre habt ihr den Campingplatz verkommen lassen, und jetzt plant ihr, ihn mit Beton zuzuklotzen?», fragt die Tochter. Die Naturschützer und die Schäfer wehren sich gegen den Verkauf der Ländereien. Wie wird sich Lucia entscheiden?


Ein kriminelles Ereignis wird Stück für Stück enthüllt


Wie grün diese Wiesen sind. Aber darunter wimmelt es von Würmern, die Erde ist faulig.


Donatella Di Pietrantonio liefert mit der Icherzählerin drei Stränge, die miteinander verknüpft sind. Zwei schwierige Mutter-Tochter-Verhältnisse werden psychologisch feinziseliert dargestellt. Überhaupt ist die Figurenzeichnung aller Protagonisten empatisch, sehr gelungen. Im zweiten Strang geht es um die Geschichte des Campingplatzes, in die wiederum, dritter Strang, ein kriminelles Ereignis von grundlegender Bedeutung für alle Beteiligten impliziert ist. Auch Lucias Schuldgefühle spielen hierbei eine große Rolle. Diese Sache brodelt von Anfang an in der Geschichte mit, wird Puzzelteil für Puzzelteil langsam, bis zum Schluss dann gänzlich enthüllt. Das verleiht der Erzählung Beunruhigendes, hebt den Spannungsbogen auf eine zweite Ebene. Die Sprache ist fragmentiert, zeigt die harte Tonalität einer harten Region. Hier wird einem nichts geschenkt. Ein Wandel der Zeit für die Schäfer, für den Tourismus, umgeben von Landwirtschaft, die den Bauern einiges abgewinnt. Eine Autorin, die gleichzeitig mit Liebe für diese Region und ihre Menschen schreibt. Ein feiner Heimatroman aus den Abruzzen, ein literarischer Thriller letztendlich ebenso. «L’età fragile», das neue Buch dieser Schriftstellerin, wählten im Juni 2024 Schülerinnen und Schüler aus mehr als 100 Schulen als Gewinner des Premio Strega Giovani aus, und wenig später vergab auch die 400-köpfige Jury des Premio Strega den wohl renommiertesten italienischen Literaturpreis an diesen Roman. 


Donatella Di Pietrantonio wurde 1962 in Arsita, in einer 750-Seelen-Gemeinde in der Provinz Teramo nahe des Gran Sasso in den Abruzzen geboren und verbrachte dort ihre Kindheit bis zum neunten Lebensjahr. Heute arbeitet sie als Kinderzahnärztin und lebt heute in der Nähe von Pescara. Sie gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Italiens, ihre Romane wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Ihr Debütroman «Meine Mutter ist ein Fluss» gewann mehrere renommierte italienische Literaturpreise. Bei der Verleihung des Premio Strega für »Die zerbrechliche Zeit« sagte sie: »Ich verspreche, dass ich mich in Wort und Schrift für die Rechte einsetzen werden, für die meine Generation von Frauen so hart gekämpft hat und die heute anscheinend nicht mehr selbstverständlich sind.«




Donatella Di Pietrantonio 
Die zerbrechliche Zeit
Originaltitel: L’età fragile
Aus dem Italienischen übersetzt von Maja Pflug
Zeitgenössische Literatur, Abruzzen, Heimatroman, literarischer Thriller
Hardcover mit Schutzumschlag, 224 Seiten
Verlag Antje Kunstmann 2024







Arminuta von Donatella di Pietrantono

Die Eltern geben sie ab bei den realen Eltern, einfach so, wie man einen Hund im Tierheim abgibt. Die Dreizehnjährige hatte nichts geahnt, noch hat sie gewusst, dass es noch andere Eltern gab, Geschwister. Vom verwöhnten Einzelkind aus der Stadt am Meer zurück in eine ziemlich arme, kinderreiche Familie im Dorf. Wortlos. Sie begreift nichts. Sie muss sich abfinden. Ab sofort ist sie die Arminuta, die Zurückgekommene.

Weiter zur Rezension:   Arminuta von Donatella di Pietrantono


Borgo Sud von Donatella Di Pietrantonio

Dies ist der zweite Teil zum Roman «Arminuta». Ich war gespannt, wie die Schwestern sich weiterentwickelt haben. Die Mutter ist bereits verstorben. Donatella Di Pietrantonio erzählt die Familiengeschichte von Arminuta weiter, in Rückerinnerungen setzt sich dieses Mal die Entwicklung bruchstückhaft zusammen. Wer den ersten Teil nicht kennt, mag diesen Roman mögen, die Vorgeschichte muss man nicht kennen. Aber ein zweiter Teil, der sich an einen großartigen ersten Teil anreiht, muss sich messen lassen. Doch der hier liegt erzählerisch weit im Schatten. Zwei unterschiedliche Schwestern, zwei, denen die Liebe der Eltern versagt blieb, zwei, die Liebe in der Beziehung suchen, sie auch hier nicht finden.

Weiter zur Rezension:   Borgo Sud von Donatella Di Pietrantonio


Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman


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