Direkt zum Hauptbereich

Die Stimme der Kraken von Ray Nayler - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Die Stimme der Kraken 


von Ray Nayler


Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: ‹Das ist einer der Gründe, weshalb die Kommunikationsarten der Kopffüßer so schwierig zu knacken sind. Sie haben keine Grammatik und kein Vokabular. Alles ist entweder lokal - spontan erlernt, über eine kurze Lebensspanne - oder instinktiv. Außerdem vermischen sie Kommunikationsarten, sie benutzen Farben, Strukturen, Texturen und Gesten. Das wäre in etwa so, als würden wir parallel in gesprochener Sprache, Morsecode und Zeichensprache kommunizieren und müssten das alles gleichzeitig verstehen, damit irgendetwas davon einen Sinn für uns ergibt. Die größere Schwierigkeit besteht darin, dass Kopffüßer ihre primäre, gemischte Form der Kommunikation - Hautmuster, Textur, Färbung, die sie in einfacher Form anwenden, um einander abzuschrecken oder ein Gefühl auszudrücken - auch für viele andere Dinge verwenden: zur Tarnung, Verwirrung von Fressfeinden, Kampf-oder-Flucht-Reaktionen und so weiter. Und weil sie mit ihrer Hautoberfläche kein Licht emittieren, sondern das Umgebungslicht reflektieren, verändern sich die Farben, die sie produzieren, je nach den Lichtverhältnissen - wenn also Tintenfische Farben zur Kommunikation nutzen, sagen sie vielleicht ›Hallo, Bill‹ in hellem Licht, aber es klingt eher wie ›Chlorophyll, wenn gerade über ihnen ein Schatten vorbeizieht.›


Bezirk 3, der Autonomen Handelszone Ho Chi Minh, irgendwann in der Zukunft. Es finden sich neue Lebewesen in den tiefen Wassern vor der Insel Con Dao. Die Einheimischen halten sie für Monster. Für den Großkonzern, dem die Insel gehört, sind sie ein lukratives Geschäft. Für das Team der Wissenschaftler, unterstützt vom weltweit ersten Androiden: eine Offenbarung. Das Bewusstsein dieser Lebewesen ist anders als unseres. Ihre Körper sind formbar, beweglich, immer in Veränderung. Sie beherrschen intelligente Kommunikation. Und sie wollen, dass die Menschen verschwinden.


Eine Krakenart wurde entdeckt

‹Zwanzig. Vielleicht mehr. Er hatte aufgehört zu zählen. Er trank. Jetzt war das Bier fast schon warm. Nicht hier, um mich zu verurteilen. Aber er wusste, dass DIANIMA ihn verurteilt hatte, und alle anderen Ranger im Park. Deshalb hatten sie doch die Insel gekauft, oder? Deshalb hatte Da Minh kein Zuhause mehr. Natürlich, sie hatten ihm Geld gegeben. Das schon. Aber er hatte es ausgegeben - genauer gesagt verloren, als er versucht hatte, ein Geschäft aufzumachen mit diesem Schlitzohr. Wie auch immer, wenn sie ihm für diese Geschichte Geld geben wollten, war das in Ordnung. Das schuldeten sie ihm. Aber er war kein Dieb, kein Wilderer. Er war auf Con Dao geboren. Es war seine Insel. Er hatte nie darum gebeten, dass seine Heimat in ein Naturreservat verwandelt wurde. Er wollte einfach nur leben.


Der Tauchlehrer Lawrence berichtet einer Mitarbeiterin von DIANIMA von einem Erlebnis, das ihm Angst macht: Jemand hatte seinem Kunden unter Wasser die gesamte Tauchausrüstung geklaut und ihn in einem Wrack eingeklemmt. Eher etwas, nicht jemand … Was auch immer Lawrence dort gesehen hat, kurz nach der Unterhaltung ist er tot und die Insel wird evakuiert, zum Spreegebiet erklärt. Der Technologiekonzern DIANIMA hat den abgelegenen Archipel Con Dao abgeriegelt. Dr. Ha Nguyen erforscht mit dem KI-Androiden Evrim das Gehirn des Menschen; sie wollen wissen, was den Geist ausmacht. Eine Krakenart wurde entdeckt, die möglicherweise eine eigene Sprache und Kultur entwickelt hat. Die Meeresbiologin Dr. Ha Nguyen reist zu den Inseln, um mit der neuen Spezies Kontakt aufzunehmen. Mit in ihrem Team: eine kampferprobte Sicherheitsbeamtin und der erste Android der Welt. Sie versuchen, mit den Kraken zu kommunizieren. Die Oktopoden allerdings sind genervt, da Nguyen, sie nicht in Ruhe lässt. Illegale Fischer, die Sklaven arbeiten lassen, holen die wenigen noch verbleibenden Fische aus dem Meer. Umweltschützer hacken in KI und probieren zu retten, was zu retten ist. Die Kraken haben ein Geheimnis, und Menschen, die es knacken, müssen sterben.


Eine abwechslungsreiche Dystopie

Das Großartige und das Schreckliche an der Menschheit ist: Wir werden immer das tun, wozu wir in der Lage sind.


Ein anstrengender dystopischer Roman, der wissenschaftlich, so wie philosophisch geschrieben ist und sich mit Kommunikationssystemen auseinandersetzt. Ein umfangreicher Roman mit vielen Themen, streckenweise wirklich gut, zeitweise sehr spannend, dann wieder sehr theoretisch, abstrakt. Die Welt wird durch Interessenverbände regiert, die in einem gegenseitigen digitalen Krieg stehen. Dr. Ha Nguyen und Android Evrim versuchen, mit den Kraken in Verbindung zu treten, sind bemüht, ihre Sprache zu verstehen, aber auch sie werden von Gruppierungen beobachtet. Hier wird viel Personal aufgefahren. Große Firmen, Fischer, Taucher, Wissenschaftler, Umweltschützer, Piraten, Mönche und vielleicht sogar Außerirdische – ein komplexer Plot. Was ist Intelligenz und tierisches Bewusstsein, was Kommunikation? Der globale Wettstreit um Ressourcen und Herrschaft bestimmt diese Zeit. Eine abwechslungsreiche Dystopie, Spannung, ein wenig Science-Fiction, ein bisschen Wissenschaftsthriller, bzw. Öko-Thriller – auf jeden Fall interessant.


Ray Nayler, geboren in Quebec und aufgewachsen in Kalifornien. Fast sein halbes Leben war er im United States Foreign Service und dem Friedenscorps, u. a. als Beauftragter für Umwelt, Wissenschaft, Technologie und Gesundheit für das US-Konsulat in Ho-Chi-Minh-Stadt. Mit seinen Kurzgeschichten gewann er u. a. den Asimovs Readers Award. Er arbeitet an der George Washington Universitys Elliott School of International Affairs. Er lebt mit seiner Familie in Washington D. C. Die Stimme der Kraken wurde mit dem Locus Award der Los Angeles Times ausgezeichnet und war auf der Shortlist für den Nebula Award und den Ray Bradbury Prize. Benjamin Mildner, geboren 1984, hat Anglistik und Literatur studiert. Zu seinen bisherigen Übersetzungen zählen u. a. William Gibson und Shaun Prescott sowie mehrere Graphic Novels. Er lebt und arbeitet in Berlin.



Ray Nayler
Die Stimme der Kraken
Dystopie, ein wenig Science-Fiction, Wissenschaftsthriller, Öko-Thriller
Originaltitel: ‎The Mountain in the Sea
Hardcover, 464 Seiten
Tropen Verlag, 2024






Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman

Fantasy, Fantastic, Dystopien

Hier bin ich leider in letzter Zeit etwas ratlos. In dieser Rubrik wird wenig auftauchen. Leider habe ich das Gefühl, dass hier keine neuen Ideen kommen. Ich mag nicht immer wieder das gleiche Buch in Abwandlung lesen ... Aber auch hier lasse ich mich gern überraschen. Meist findet man unter den Dystopien doch mal was Neues.
Fantasy

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Der Fluch des Hasen von Bora Chung

  Bora Chungs «Der Fluch des Hasen» entzieht sich jeder literarischen Schublade und verwischt die Grenzen zwischen den Genres, ob magischer Realismus, literarischer Horror, Phantastik oder Speculative Fiction. Diese Kurzgeschichten sind klasse! Skurrile, unheimliche, intelligente Geschichten, die uns mit Gänsehaut überziehen. Die Titelgeschichte fand ich genial! Ein einfacher geliebter Haushaltsgegenstand ist mit einem Fluch belegt und bringt nun Unglück in eine Familie. Oder eine heftige Mensch-Android-Liebesgeschichte.  Oder «Narben», ein düsteres, gemeines Märchen. Klasse! Weiter zur Rezension:    Der Fluch des Hasen von Bora Chung 

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Rezension - Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adria von Ines Cali

  Iva Markulin, Staatsanwältin in Zagreb , lässt sich in diesem Politkrimi nach Pula versetzen, als ihr Mann bei einem Attentat ums Leben kommt. Wem galt die Autobombe, die an ihrem Auto befestigt wurde? Ihm oder ihr? Mit ihrem kleinen Sohn Matteo zieht sie zu ihrem Großvater, der auf dem Familiengut Terra Rossa in Istrien Olivenöl produziert. Hier ruft sie eine Sonderkommission ins Leben, als deren Leiterin sie die Mörder ihres Mannes ausfindig machen will. Sie hat den Ruf der «Mafiajägerin», lernt schnell das Who is Who an Istriens Küsten kennen, denen es nicht passt, dass ihnen jemand auf die Finger schaut.  Spannender Wirtschaftskrimi , Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adriavon Ines Cali

Rezension - Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez

  Leigh Calvez erforscht als Wissenschaftlerin seit vielen Jahren das Leben der Wale. Hier erzählt sie sehr persönlich von ihren Begegnungen mit den Giganten der Tiefsee, darunter familiäre Orcas, weit wandernde Buckelwale oder uralte, tief tauchende Blauwale, die größten Tiere des Planeten.  Nebenbei erfährt man in diesem Buch viel über das Leben und Verhalten von sechs Walarten: Orcas, Buckelwale, Pottwale, Blauwale, Grauwale und Blainville-Schnabelwal, bzw. den Kleinen Schwertwal. Weiter zur Rezension:    Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez 

Rezension - Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

  Der Kinder- und Jugendroman entblättert sich als packendes Survivalabenteuer vor dem Hintergrund des Klimawandels in der Arktis. In einem Rutsch durchgelesen – ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen: Zunächst lernen wir abwechselnd Bee und Yutu kennen, deren Wege sich später kreuzen werden – ein Kampf ums Überleben beginnt, und der gegen die Männer, die Bee auf der Spur sind, sie gefangen nehmen wollen. Abenteuer in der Arktis und Freundschaft bis zum Limit. Hervorragender Kinder- und Jugendroman ab 10/11 Jahren und weit darüber hinaus. Weiter zur Rezension:   Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

Rezension - Verwandlung von Lara Swiontek

  Nach der Novelle von Mary Shelley Was fällt einem zu Mary Shelley ein? Wahrscheinlich «Frankenstein» oder vielleicht noch «Der moderne Prometheus». Die Verwandlung – Kafka, na klar. Aber auch Mary Shelley hat sich mit diesem Thema befasst: Verwandlung. Lara Swionteks hat diese Geschichte als Graphic Novel umgesetzt, eine Literaturadaption. Sie ist schnell erzählt: Reicher, gewissenloser Sohn verschleudert sein Erbe, stößt alle Menschen an den Kopf, die noch zu ihm halten und landet bildlich in der Gosse – hier ist es das Meer. Ein Schiff zerschellt vor seinen Augen – nur ein Zwerg mit einem Schatz überlebt und macht ihm ein Angebot ... Weiter zur Rezension:    Verwandlung von Lara Swiontek

Rezension - Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl

  Die Politiker reden im Fernsehen über die faulen Armen, während Sonjas Ehemann als Leiharbeiter am Bau seinen Rücken verschleißt. Sie verkauft im Bio-Laden teure Tees. Und trotzdem reicht es mit zwei Kindern am Ende des Monats vorn und hinten nicht. Als sie dann ihre Arbeit verliert, weil sie unbezahlten Urlaub nimmt, um im Krankenhaus bei ihrem Sohn zu sein, bricht alles zusammen. Bald hat sie eine neue Arbeit: Mit dem Profil einer schönen, jungen Studentin soll sie nichtsahnende Männern auf einer Datingplattform lange in der Leitung halten. Weiter zur Rezension:    Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl

Rezension - Marlas Bitcoin Abenteuer von Edwin Schotland

  Der Fall in den Kaninchenbau Was ist Bitcoin? So genau verstehen wir es ja selbst nicht. Also wie «das Geld aus dem Internet» Kindern erklären? Ist es stark wie ein Spinnennetz? Oder so schnell wie ein Gepard? Was ist dieses «Biencoin», fragt sich die Biene Marla, die ein Gespräch im Wald belauscht? Sie fragt verschiedene Tiere – doch die haben keine Ahnung, preisen nur ihre eigenen Stärken an. Zum Glück weiß Karl, das Kaninchen, dass es Bitcoin heißt und er erklärt Marla das digitale Zahlungsmittel. Bitcoin, Währungen, Kryptowährung, Blockchain, dieses Kindersachbuch erklärt das ganz gut – allerdings nur das Positive, keine Risiken. Es hinterfragt nichts – preist nur an; ist sozusagen eine Werbebotschaft. Bilderbuch ab 8 Jahren. Weiter zur Rezension:   Marlas Bitcoin Abenteuer

Rezension - Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall

  Die Kunst des guten Essens vor dem Essen Der Aperitivo gehört in Italien schon lange zur Alltagskultur, wie in der Schweiz der Apero, und auch hierzulande wächst der Trend, den frühen Abend mit Sarti Spritz und Negron zu feiern. Und welche regionalen Unterschiede gibt es zwischen Turin , Mailand , Venedig , Rom und Palermo ? Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall stellen die Aperitivi und Bitter vor, auch die  alkoholfreien Alternativen. Dann folgen die Rezepte zu den kleinen Köstlichkeiten, die zum Feierabendritual gehört. Wer Anregungen zum Mixen von Aperos sucht, Rezepte zu kleinen Appetithappen als Beilage, wird hier auf jeden Fall fündig! Weiter zur Rezension:    Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall