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Der Rausch der Tiefe von Kyle Perrys - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Der Rausch der Tiefe 


von Kyle Perrys


Der Anfang: 

Der Junge schnappte nach Luft, den Mund voll nasser Haare, dann schleuderte ihn die nächste Welle zurück auf den Grund. Er überschlug sich, um ihn herum schäumende Gischt. 

Wieder kam er an die Oberfläche. Der nächste verzweifelte Atemzug. Brennende Augen suchten das Ufer. Im ersten Morgengrauen war das Meer nur aufgewühltes Grau, die dunklen Eukalyptusbäume zum Greifen nahe.


An der Küste der tasmanischen Halbinsel wird ein Junge angespült, übersät mit blauen Flecken und gebrandmarkt mit einem rätselhaften Tattoo, das ihn als Forest Dempsey identifiziert, jenen 13-jährigen Jungen, der vor sieben Jahren spurlos verschwand und seitdem für tot gehalten wurde. Die Dempsys, die reichste Familie in der südtasmanischen Stadt Shacktown, machen offiziell ihre Geschäfte mit der Abalonen-Fischerei, für die sie fast das Monopol haben. Doch das dicke Geld verdienen sie seit Generationen als Drogenkartell, heute mit Crystal Meth. Forest war damals samt Mutter und Vater verschwunden; sein Vater hatte zu der Zeit die Fäden des Geschäfts in der Hand. Nie wieder hatte man etwas von der Familie gehört. Der Bruder Davey Dempsey hatte übernommen. Doch der ist seit Forests Auftauchen unauffindbar. Ivy, die Mutter der Brüder ist das Clanoberhaupt, die nun niemanden an Forest heranlässt. Mackenzie, genannt Mackerel und Ahab Dempsey sind auf Suche nach Antworten. Mackenzie, der dritte Bruder war in Ungnade gefallen, da er vor Jahren versucht hatte, die Macht an sich zu reißen. Damals drogenabhängig, von Psychosen getrieben, war er größenwahnsinnig geworden. Heute lebt er verarmt bei seinem Kumpel, wartet auf einen Prozess. Cousin Ahab hatte sich von der Familie abgewandt, weil er mit deren Machenschaften nichts zu tun haben wollte, betreibt ein gutlaufendes Restaurant.


Dread Pirate Blackbeard bedroht das Geschäft


Abalonen-Fischerei war ein eigenartiges Geschäft. Die Meeresschnecken, auch als Seeohren bekannt, wurden von den Tauchern abgesammelt, die gerade jetzt da unten waren. Die dicke Innenschicht des  ohrmuschelförmigen Schneckengehäuses bestand aus schillerndem, farbenprächtigem Perlmutt, doch es war das Fleisch, das die Tiere so wertvoll machte – roh oder gekocht eine Delikatesse, war es in Asien so  begehrt wie Gold. Tasmanien lieferte etwa ein Viertel der weltweiten jährlichen Abalonen-Ernte.


Das Wiederauftauchen von Forest stürzt die Familie in eine Krise. In dieser toxischen Familie läuft einiges schief. Oberflächlich eine Einheit, intern jedoch kämpft jeder gegen jeden. Ist dieser Junge wirklich Forrest? Was ist damals geschehen, wo sind seine Eltern? Der Junge schweigt. Die Ermittlerin De Corrado will Mackenzie dazu bekommen, gegen seine Familie auszusagen. Doch soweit will er nicht gehen. Und es läuft das Gerücht, dass «Dread Pirate Blackbeard», ein großer Drogenring, das Geschäft in Shacktown übernehmen will. Niemand weiß, wer der Kopf dieser Gruppe ist. Die Dempseys können nur überleben, wenn alle zusammenhalten. Doch weder Mackerel  noch Ahab sind dazu bereit; schon gar nicht würde Ivy ihnen das erlauben. 


Nature Writing  mit starken Naturschilderungen aus Tasmanien


Forest griff nach einem Stück Seetang, wickelte es sich um denn Finger und hielt sich den Strang dicht vor die Maske. Als er am Rand der Kelpwiese einen roten Seedrachen vorbeischwimmen sah, wurde er völlig still.

Ahab ließ sich behutsam an das kleine Tierchen herantreiben und bewunderte seine grazilen Hautlappen, die wie Tang aussahen, aus der Nähe, betrachtete die winzigen Flossen, die wie Kolibriflügel hin- und hersirrten. Stumm und allein, ein Meister der Tarnung.


Der Thriller ist multiperspektiv gestaltet, abwechselt aus der Sicht von Forest, Ahab und Mackenzie. Toxische Männlichkeit ist das Thema. Was macht es aus einem, von einem gewalttätigen Vater erzogen zu sein? Ivy, eine dominante brutale Mutter ist dabei nicht hilfreich. Neben einer spannenden Rahmenhandlung kann Kyle Perry mit Nature Writing überzeugen, mit starken Naturschilderungen aus Tasmanien: der sogenannte bedrohliche Schwarze Wind, der über die Küste fegt, wunderschöne Tauchgänge mit Beschreibungen der Höhlen, Kelpwälder und gefährlich kalten Strömungen. Die kleinen Klischees und manche Wendung am Ende, die nicht ganz glaubwürdig ist, seien dabei verziehen. Ein spannender Noir-Thriller!


Zieht morgens der schwarze Wind heran, rette sich vom Meer, wer kann.


Kyle Perry arbeitet in verschiedenen Highschools, Jugendeinrichtungen und Entzugskliniken als Therapeut und Sozialarbeiter und lebt in Hobart, Tasmanien. Er ist mit dem tasmanischen Busch und dem Meer aufgewachsen, und die Natur spielt eine wichtige Rolle in seinem Leben und Schreiben. Sein Debütroman ›Die Stille des Bösen‹ stand u. a. auf der Shortlist für das Dymocks Book of the Year, das Indie’s Debut Fiction Book of the Year und die Best First Novel bei den International Thriller Writers Awards.



Kyle Perry
Der Rausch der Tiefe
Originaltitel: The Deep
Aus dem australischen Englisch übersetzt von Sabine Längsfeld
Thriller, Noir, Noirthriller, Kriminalroman, Kriminalliteratur, australische Literatur
Hardcover, 544 Seiten
Atrium Verlag, 2022





Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller


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