Direkt zum Hauptbereich

Cloris von Rye Curtis - Rezesion

Rezension

von Sabine Ibing



Cloris 


von Rye  Curtis


Es ist schon erstaunlich, dass eine Frau den Herbst ihres Lebens erreichen kann, nur um festzustellen, dass sie sich selbst bislang im Grunde gar nicht recht gekannt hat.


Cloris Waldrip, 72 Jahre alt, und ihr Mann haben sich in den Bergen eine Hütte gemietet. 1986, das kleine Flugzeug, in dem sie anreisen, fängt an zu stottern, stürzt in den Bitterroot Mountains in Montana ab. Cloris überlebt unverletzt, ihr Mann und der Pilot sind tot. Sie kann noch einen Notruf auf dem Funkgerät absetzen, bevor es verreckt. Bleiben und auf Rettung warten oder gehen? Sie entscheidet sich für das Gehen. Dem Piloten nimmt sie die warme Jacke ab, findet ein Beil im Cockpit und als Trinkgefäß packt sie einen Stiefel ihres Mannes in ihre Handtasche ein, der unter dem Baum liegt, in dem der Besitzer hoch oben in den Ästen gestorben ist. Time Magazine, ein Streichholzbriefchen, Karamellbonbons, ein Regenschirm sind auch dabei.


Eine einfältige Protagonistin

Die alte Dame stellt sich ziemlich dämlich in der Wildnis an, Augenrollen ist bis zum Ende des Buchs angesagt. Doch sie hat Glück – ein heimlicher Retter hat das Unglück beobachtet und gibt ihr stille Hilfe. Gegen Abend findet sie stets ein kleines Feuer, daneben liegt ein Stück Fleisch oder ein Fisch. Als es Clovis gesundheitlich dreckig geht, kommt der Helfer aus der Deckung, den Kopf allerdings mit einem T-Shirt überzogen, in das er Augenlöcher geschnitten hat. Der Leser ahnt, wer dieser Mann sein könnte. Die Texanerin erzählt uns aus ihrem Leben und vom vogelgesichtigen Mr. Waldrip, wie sie ihren Mann stets bewundernd nennt. Eine elegante Dame der alten Schule, die allein bei dem Gedanken an das Wort Sex rote Ohren bekommt, die als Hausfrau ihr Dasein fristet.


Zu viel Merlot macht kirre!


Das Problem bei Mr. Plant ist, dass wir nicht wissen können, ob diese Tiere das, was er mit ihnen angestellt hat, gut fanden. Ich kenne Mr. Plant nicht, aber ich habe noch nie davon gehört, dass es einem Mann gelungen ist, ein Schwein zum Geschlechtsverkehr zu überreden. Ich kenne ja kaum Männer, denen das bei einer Frau gelingt.


Forest Ranger Debra Lewis lebt seit ihrer Scheidung vor elf Jahren in einer abgelegenen Waldhütte. Sie macht sich auf die Suche nach Cloris, mal mehr, mal weniger intensiv. Die Merlotsüchtige führt stets Rotwein in der Thermoskanne mit sich, säuft ihn zu Hause direkt aus der Flasche – auch schon mal aus dem Glas. Das Wort Merlot machte mich irgendwann kribblig, weil das Merlotgesaufe in Verbindung mit der Protagonistin drei Mal pro Seite vorkommt. 77 Tage muss der Leser durchhalten! Cloris (Ich-Perspektive) hätte gerettet werden können, hat es sich plötzlich anders überlegt. Sie begeht einen dummen Fehler nach dem anderen – der Kapuzenmann richtet es wieder. Debra Lewis, frustriert vom Leben (personale Perspektive), säuft Rotwein gegen ihre innere Leere, rekelt sich im Whirlpool mit einem Mann und fängt auch was mit dessen Tochter an, die ihre Praktikantin ist. 


Abstrus und konstruiert

Der Anfang war gut und stimmig, eine alte Dame, die nicht weiß, was sie tun soll, wartet erstmal ab, versucht mit der Situation fertigzuwerden. Die Leichen beginnen zu stinken, sie muss sich überwinden, dem Piloten die Jacke abzunehmen. Wie soll es weitergehen? Irgendwann haben mich beide Protagonistinnen genervt und gelangweilt. Seit diesem Roman weiß ich, dass Merlot mich aggressiv machen kann, ebenso schusslige Damen. Über kurz oder lang habe ich nur noch kopfschüttelnd quergelesen. Die Sprache ist in den Metaphern teils skurril gestaltet, teils makaber, der Autor macht sich über seine eigenen Figuren lustig, indem er Slapstickeinlagen bringt, die nicht wirklich witzig sind, merkwürdige Anekdoten zum Besten gibt. « … und dann saß ich da, die Arme um die Schultern geschlungen, dass es aussah wie die Scharniere am Schrank unter meinem Spülbecken.» Dem Humor konnte ich nicht viel abgewinnen. Der Retter der alten Dame ist ein Soziopath, anscheinend einer dieser versteckten Witze. Alles in allem ist die Story um den Flugzeugabsturz völlig abstrus und konstruiert. Mein Buch war das nicht.


Rye Curtis stammt aus Amarillo, Texas. Er hat einen Abschluss von der Columbia University und lebt in Queens. «Cloris» ist sein erster Roman.


Rye  Curtis 
Cloris
Originaltitel: Kingdomtide ‎
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Cornelius Hartz
Roman, Abenteuerroman, amerikanische Literatur, zeitgenössische Literatur
Hardcover mit Lesebändchen, 352 Seiten
C.H. Beck Verlag, 2021


Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Drainting: Die Kunst, malen und zeichnen zu verbinden von Felix Scheinberger

  Als Drainting bezeichnet Felix Scheinberger die intuitive Kombination von Malen und Zeichnen. Damit hebt er die jahrhundertealte heute vollkommen unnötige Trennung zwischen Flächen malen und Linien zeichnen auf und verbindet das Beste aus beiden Welten. Früher machten wir einen Unterschied zwischen Zeichnen und Malen und damit fingen die Schwierigkeiten an. Wo es nämlich gar keine Umrisslinien gibt, gilt es, diese abstrakt zu (er)finden. Die intuitive Kombination aus Zeichnen (Drawing) und Malen (Painting) garantiert gute Ergebnisse und unendlichen Spaß! Eine gute Einführung erklärt das Knowhow und Grundsätzliches zum Malen und Zeichnen – gute Ideen, die man selbst umsetzen kann. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Die Kunst, malen und zeichnen zu verbinden von Felix Scheinberger 

Rezension - Der Kaffeedieb von Tom Hillenbrand

  Gesprochen von Hans Jürgen Stockerl Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 12 Std. und 7 Min. Wir schreiben das Jahr 1683. Der junge Engländer Obediah Chalon, Spekulant, Händler und Filou, hat sich in London gerade mit der Investition von Nelken verspekuliert und eine Menge Leute um ihr Geld gebracht, das mit gefälschten Wechseln. Conrad de Grebber, Direktoriumsmitglied der Vereinigten Ostindischen Compagnie bietet Obediah  die Möglichkeit, der Todesstrafe zu entgehen: Er wird auf eine geheime Reise geschickt, um etwas zu stehlen: Kaffeepflanzen. Spannender Abenteuerroman rund um den Kaffee. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Der Kaffeedieb von Tom Hillenbrand

Rezension - Lügen, die wir uns erzählen von Anne Freytag

  Helene hätte ihren Mann, Georg, verlassen können – damals – für Alex. Aber sie hat es nicht getan. Und jetzt hat ihr Mann sie verlassen – weil er sich in eine andere verliebt hat. ‹Es ist einfach passiert.›, sagt er, zieht bei Mariam ein. Aber vielleicht ist das Ende gar kein Ende? Vielleicht ist es ein Anfang für die Mittvierzigerin. Vielleicht ist sie gekränkt weil Georg einfach ging – eifersüchtig, eben auch, weil die Kinder diese junge Yogalehrerin mögen. Doch gleichzeitig ist sie jetzt frei – vielleicht für Alex, denn die beiden haben sich seit ihrer Studienzeit in Paris nie aus den Augen verloren. Eine verdammt gut geschriebene Familiengeschichte. Empfehlung!  Weiter zur Rezension:     Lügen, die wir uns erzählen von Anne Freytag

Rezension - So weit der Fluss uns trägt von Shelley Read

  Am Fuße der Elk Mountains in Colorados strömt der Gunnison River an einer alten Pfirsichfarm vorbei. Hier lebt in fünfter Generation in den 1940ern die 17-jährige Victoria mit ihrem Vater, dem Onkel und ihrem Bruder Seth. In der Stadt begegnet sie Wilson Moon, und beide fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Dramatische Ereignisse zwingen Victoria, selbst das Leben in die Hand zu nehmen. Ein wenig schwülstig, doch gut lesbar, atmosphärisch, ein Familienroman, ein Coming-of-age – gute Unterhaltung … eine Hollywood-Geschichte. Die Pilcher-Fraktion wird begeistert sein!  Weiter zur Rezension:    So weit der Fluss uns trägt von Shelley Read

Rezension - Lindis und der verschwundene Honigtopf von Viola Eigenbrodt

Bendix, der Häuptling des Keltendorfs Taigh, ist außer sich: Jemand hat seinen Honigtopf gestohlen! Lindis, der Ziehsohn der Dorfdruidin Kundra und dessen Freunde Finn und Veda wollen der Sache auf den Grund gehen. War der Dieb hinter der wertvollen Amphore her oder hinter deren speziellem Inhalt? War es einer der fahrenden Händler? Und dann ist auch noch die kleine Tochter der Sklavin verschwunden! Unter dem Vorwand, fischen gehen zu wollen, machen sich die drei Jugendlichen heimlich auf die Suche nach den Händlern und kommen dabei einem Geheimnis auf die Spur … Weiter zur Rezension:    Lindis und der verschwundene Honigtopf von Viola Eigenbrodt 

Rezension - Alt, fit, selbstbestimmt: Warum wir Alter ganz neu denken müssen von Lutz Karnauchow und Petra Thees

  Alter könnte so schön sein. Doch ältere Menschen werden in unserer Gesellschaft diskriminiert. Schlimmer noch, sie denken sich alt und grenzen sich selbst aus, sagen die Autor:innen. Das hat Folgen: Krankheit und Gebrechlichkeit im Alter gelten als normal. Altenpflege folgt daher dem Prinzip «satt, sauber, trocken». Und genau dieses Prinzip kritisieren Dr. Petra Thees und Lutz Karnauchow und gehen mit ihrem Ansatz neue Wege. Dieses Buch stellt einen neuen Blick auf das Alter vor - und ein radikal anderes Instrument in der Altenpflege. «Coaching statt Pflege» lautet die Formel für mehr Lebensglück im Alter. Ältere Menschen werden nicht nur versorgt, sondern systematisch gefördert. Das Ziel: ein selbstbestimmtes Leben. Bewegung, Physiotherapie und Sport statt herumsitzen! Ein interessantes Sachbuch, logisch in der Erklärung, ein mittlerweile erfolgreiches, erprobtes Konzept. Weiter zur Rezension:    Alt, fit, selbstbestimmt: Warum wir Alter ganz neu denken müssen von Lutz...

Helisee - Der Ruf der Feenkönigin von Andreas Sommer

  Im 10. Jahrhundert gehört der westliche Teil der heutigen Schweiz zum Königreich Birgunt, erzählt uns diese Geschichte. Es ist eine wilde Gegend voller Wälder und Sümpfe, wo viele Menschen noch im Glauben an die alten Götter und Geister leben. Die Mauren greifen das Land an. Die Königin Bertha schützt das Land tapfer gegen räuberische Einfälle der mediterranen Mauren. Als der Hirtenjunge Ernestus, den die Leute im Dorf Erni nennen, einer ausgerissenen Ziege in den Wald folgt, überschreitet er unabsichtlich die Grenze des verrufenen Landstriches Nuithônia, dem Land der Feen. Seit Menschengedenken ist es verboten, dieses Gebiet am Fuß der Alpen zu betreten. Und er findet dort einen besonderen weißen Kiesel … Ein epischer Roman der High Fantasy, ein wenig Schweizer Sagenwelt, gut zu lesen. Weiter zur Rezension:    Der Ruf der Feenkönigin von Andreas Sommer

Rezension - Der Gott des Waldes von Liz Moore

Im August 1975 findet wie jedes Jahr ein Sommercamp in den Adirondack Mountains für Kinder und Jugendliche statt. Als Barbara eines Morgens nicht wie sonst in ihrer Koje liegt, beginnt eine großangelegte Suche nach der 13-Jährigen. Barbara ist keine gewöhnliche Teilnehmerin: Sie ist die Tochter der reichen Familie Van Laar, der das Camp und das umliegende Land in den Wäldern gehören. Viele Jahre zuvor verschwand hier der achtjährige Bear, ihr Bruder, der seit 14 Jahren vermisst wird. Hängen die Vermisstenfälle zusammen? Liz Moore zeigt mit ihrem literarischen Krimi ein Gesellschaftsbild, bei dem Frauen nichts zu sagen haben. Spannender Gesellschaftsroman, ein komplexer Kriminalroman. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Der Gott des Waldes von Liz Moore