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Chinesisches Roulette von Desmond Shum - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Chinesisches Roulette 

von Desmond Shum


In China verschwinden regelmäßig Menschen ohne jede Erklärung. Die Kommunistische Partei hat das absolute Machtmonopol. ... Mittlerweile entführen von der chinesischen Regierung entsandte Einsatzkräfte sogar im Ausland Journalisten, Geschäftsleute, Buchhändler und Dissidenten, die der KCPh ein Dorn im Auge sind.


Ich war etwas überrascht, nach dem Klappentext eine Autobiografie vorzufinden, die von Desmond Shum. Aber nichtsdestotrotz ist gerade dieses ein gutes Beispiel, um in die wirtschaftliche Entwicklung Chinas der letzten Jahre einen Einblick zu bekommen. Abstürze und Aufstiege während der kommunistischen Ära. Die Familie von Desmond Shum entstammt einer bürgerlichen Kaufmannsfamilie Shanghais, die unter der kommunistischen Regierung unter Mao alles verlor: Geschäfte, Haus und Land. Die Familie lebte zunächst unter ärmlichen Verhältnissen in Shanghai. Man bezeichnete sie als ehemalige gebildete Kaufleute als eine Familie mit «schlechtem Hintergrund». So wurden sie auch behandelt. Die Eltern arbeiten als miserabel bezahlte Lehrer. Nach ein paar Jahren flohen nach Hongkong, wo sich bereits viele Familienmitglieder aufhielten. Die Eltern von Shum arbeiteten sich mühsam wieder in die Mittelschicht hoch. 


Abstieg und erster Aufstieg


Es war eine wilde Zeit in China. Behörden stritten sich um Land, Ressourcen und Lizenzen ... Rivalisierende Telefongesellschaften schickten Leute los, welche die Leitungen ihrer Konkurrenten herausrissen ... Bürokraten setzten im Kampf um Immobilienprojekte Schlägertrupps ein, die sich mit anderen Schlägertrupps bekriegten. Rivalisierende Hersteller von Bussen entsandten Banden über Provinzgrenzen, um Angestellte ihrer Widersacher zu entführen.


Shum selbst wurde in Shanghai zunächst als Schwimmtalent entdeckt: In der Schule wurden die Kinder ärztlich untersucht, kategorisiert und man bestimmte, Shum hätte Schwimmerqualitäten. So wurde der em Schwimmteam zugeordnet. Da er aber gar nicht schwimmen konnte, brachte es ihm der Vater im Eilverfahren bei. Hartes Training in eisigem Wasser brachte Shum nach vorn, lehrte ihm eiserne Disziplin. Nach dem Umzug schaffte er es fast ins Olympiateam von Hongkong, nur kapp verfehlte er die Aufnahme. Schwimmkarriere zu Ende; also fasste der die Mathematik ins Auge, studierte Wirtschaftswissenschaften in Wisconsin und war danach als Analyst für eine amerikanische Private-Equity-Firma tätig, die ins kapitalistische China expandierte. Obwohl man ihm Jobs in den USA anbot, wollte er in China sein Glück versuchen. 


Plötzlich verschwand der Flughafenchef


Die alten Gesetze waren nicht mehr anwendbar. Aber wenn die Partei neue Gesetze entwarf, schufen die Ministerien absichtlich große Grauzonen, damit die Behörden stets die Möglichkeit hatten, missliebige Marktteilnehmer zu verfolgen.


Er lernte Whitney Duan kennen, heiratet die erfolgreiche Geschäftsfrau mit besten Verbindungen in die Crème de la Crème der Kommunistischen Partei, in die «rote Aristokratie». Whitneys beste Freundin war «Tante Zhang», die Frau des Premierministers Wen Jiabao. Dank der Beziehungen baute das Ehepaar ein Immobilien-Imperium mit Börsengängen auf, wobei es immer wieder extrem risikoreich agierte. Das größte Projekt war am Ende ein internationaler Cargo-Terminal auf dem Flughafen von Peking und das Bulgari-Hotel samt Einkaufszentrum und Büros in der Innenstadt. Plötzlich verschwand der Flughafenchef, und das Vorhaben kippte. Ein Zufall halft weiter: Shum rettet einem wichtigen Planungsfunktionär während einer Reise in den USA das Leben. Das Projekt lief neu an. 


Ohne guangxi läuft gar nichts


... während sich die Familien hoher Parteifunktionäre dank der Wirtschaftsreformen bereicherten. Die Söhne und Töchter der Parteioberen hatten sich in eine Art Aristokratie verwandelt: Sie heirateten untereinander, führten ein Leben, das nichts mit dem des Normalbürgers zu tun hatte.


Desmond Shum war der Organisator und Macher, Whitney Duan diejenige, die mit «guangxi» Kontakte schaffte für Genehmigungen und Zuschläge. Nichts lief ohne teure Einladungen und Geschenke, eine Einladung – z.B. ein Abendessen, bei denen allein die Suppe umgerechnet 1000 Euro gekostet habe. Stiftungen müssen finanziert werden. Was gestern als legal galt, ist plötzlich durch rückwirkende Gesetze kriminell. Für Geschäftsleute der Ritt auf der Rasierklinge. Hier blättert sich ein absolut korruptes System auf, von Willkür, Rechtsunsicherheit, Korruption, geistigem Diebstahl geprägt, bei dem sich Politiker und Staatsbeamte bereichern, klammheimlich zu Millionären aufsteigen. Der Machtkampf zwischen Bo Xilai und Xi Jinping riss einige Leute mit in den Abgrund – natürlich auch Geschäftsleute.


Die reichsten Chinesen der Aufstiegszeit sind still


Dies war einer der vielen Fälle, in denen der Westen glaubte, mit einer Förderung nach einem freien Markt in China auch die Entwicklung einer pluralistischen Gesellschaft zu unterstützen, während die Kommunistische Partei in Wahrheit die westlichen Finanzinstrumente einsetzte, um ihre Herrschaft zu festigen.


Whitney verweigerte sich die neuen Strukturen wahrzunehmen, und so verließ Desmond Shum China 2015 zusammen mit meinem Sohn allein – fast pleite, da seine Frau das Firmenvermögen, das auf ihren Namen geschrieben war, nicht teilen wollte. Immer mehr Leute wurden verhaftet, verschwanden plötzlich – niemand wusste wohin. Shum bat seine Frau, mit nach Großbritannien zu kommen, es sei für sie gefährlich, zu bleiben. Es wehte ein neuer Wind mit neuen Machthabern. Auch griff der Staat immer weiter in private Firmen ein. Doch Whitney ist sehr chinaverwachsen, spricht kein Englisch und vertraute weiter den alten Seilschaften und dem chinesischen System der Geschäftsverbindungen. Shun berichtet, dass circa ein Drittel der reichsten Chinesen der Aufstiegszeit verstorben sein dürfe (eines nicht natürlichen Todes), ein Drittel sitze im Gefängnis und das letzte Drittel sei bankrott: «Chinesisches Roulette». Plötzlich ist auch Whitney verschwunden – kein Lebenszeichen von ihr ist zu vernehmen, niemand weiß, wo sie steckt. Auf keinen Fall sei sie freiwillig verschwunden, so ihr Exmann. Als Shums Buch erscheinen sollte, bekam er von Whitney einen Anruf: «Bitte veröffentliche dein Buch nicht!» – «Wie würde es sich für dich anfühlen, wenn unserem Sohn etwas zustößt?» Shum vermutet, es handelte sich um einen erzwungenen Anruf.


Eine aufschlussreiche Autobiografie


In vielen Teilen der Welt würde man das natürlich als Korruption bezeichnen, aber in China ist das der Preis, den man zahlt, um Geschäfte zu machen. ... Du musst Deinen Reichtum mit dem System teilen – das ist China.


Wer in China zu hohe wirtschaftliche Macht erlangt, gerät in den Focus der Partei, der Regierung – ein gutes Beispiel ist Jack Ma, der Besitzer des Onlinehändlers «Alibaba», der das chinesische Wirtschaftssystem im Oktober 2020 ungewöhnlich scharf kritisierte, für einige Zeit verschwand und heute öffentlich nicht mehr in Erscheinung tritt. Desmond Shum hält es für einen fatalen Fehler des Westens, der glaube, China durch Handel ändern zu können. Wo steckt Whitney – lebt sie noch? Niemand weiß es. Ein spannendes Buch, die Autobiografie eines Multimillionärs, der fast alles verlor, da die Firmen offiziell seiner Exfrau gehörten. Ein spannender Einblick in das chinesische Wirtschaftssystem. Und eine Warnung, die Augen zu öffnen, diesem System nicht zu vertrauen! Man könnte nun sagen, Desmond Shum und seine Frau hätten selbst ihre Millionen durch Korruption erwirtschaftet, jetzt darauf zu schimpfen, wäre nicht legitim – aus unserer Sicht. Doch blicken wir uns das von der chinesischen Seite aus an: Shum und Whitney sind in dieses System hineingeboren, das auf «guangxi» basiert. Weder hatten sie ein Schuldbewusstsein, da sie nichts anderes kannten, noch hatten sie in China andere Möglichkeiten, um ihre geschäftlichen Visionen zu verfolgen. Sie haben sich ihrem System angepasst und spielten «chinesisches Roulette». Desmond Shum deckt dieses System einer breiten Öffentlichkeit auf, damit wir es verstehen, und um uns zu warnen. Ein sehr interessantes erzählendes Sachbuch – eine aufschlussreiche Autobiografie. Empfehlung! 


Desmond Shum, geboren 1968, wuchs auf in Shanghai und Hongkong. Nach dem Bachelor in Finanzmanagement an der Universität Wisconsin-Madison startete er durch als Finanzinvestor in Beijing. Heute lebt er mit seinem Sohn in England. Mit seiner Ex-Frau ist nach wie vor kein offener Austausch möglich.



Desmond Shum
Chinesisches Roulette
Aus dem Englischen übersetzt von Stephan Gebauer
Sachbuch, Erzählendes Sachbuch, Autobiografie, China
Hardcover mit Schutzumschlag, 301 Seiten
Droemer Knaur, 2022






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