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Bonuskind von Saskia Noort - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Bonuskind 


von Saskia Noort


Der erste Satz: 

Ich wache mit dem Gefühl auf, dass Mam tot ist.


Die fünfzehnjährige Lies wacht eines Morgens mit dem Gefühl auf, dass ihrer Mutter Jet etwas passiert ist. Ihr Bett ist unberührt, sie hat ihr Handy zu Hause gelassen; zum Frühstück ist sie nicht zurück auch nicht am Abend. Irgendetwas muss passiert sein! Ihre Eltern sind geschieden, die Psychologin und der Anwalt liegen im Streit um ihre beiden Kinder. Der Vater, wohnt mit einer jüngeren Frau zusammen in einer Luxusvilla, und er unterstellt der Exfrau, sie sei psychisch instabil, vernachlässige die Kinder. Er liegt auf der Lauer, etwas zu finden, um die Kinder zu sich zu nehmen, die auch in seinem Haus eigene Kinderzimmer haben. Durch das geteilte Sorgerecht wohnen die Kinder abwechselnd bei Vater und Mutter. Ihm ist es anscheinend recht, dass Jet verschwunden ist, denn er beschreibt bei der Polizei dies als typisches Verhalten ihrer fragilen Psyche. Sie mag abgehauen sein, habe die Kinder im Stich gelassen – vielleicht liegt auch ein Suizid vor. 


Lies ermittelt auf eigene Faust 

Ich dachte, eines Tages hört es auf, wie bei den Eltern all meiner Klassenkameraden, nämlich so wie bei diesem Thomas und seiner Frau; irgendwann ist Schluss mit der Wut, und sie werden Freunde. Da war ich mir sicher. Aber dieser Tag kommt nie. Sie wird in unseren Gedanken, immer einsam, wütend, traurig und verlassen sein.


Lies ist sich jedoch sicher, dass beides nicht zutrifft, niemals würde Jet die Kinder im Stich lassen. Denn sie hat selbst ihren Vater früh verloren, weiß, was das für die Kinder bedeuten würde. Weil Lies sich von allen Erwachsenen alleingelassen fühlt, ermittelt sie nun auf eigene Faust versucht sie herauszufinden, was passiert ist. Auf dem Rechner von Jet findet sie ein Tagebuch, dass sie sich herunterlädt. Kurz darauf löscht jemand von außen alle Daten auf dem Gerät; jemand, der Login und Daten kennt! Die Erwachsenen werten das als Ausstieg, Jet hat sich auf und davon gemacht. Die Mutter wird tot aufgefunden, ein Suizid diagnostiziert. Mit den Details aus dem Privatleben der Mutter geht Lies nun auf Mördersuche – der Freitod ist für sie ausgeschlossen. Sie findet heraus, dass ihre Mutter nach der Scheidung in eine depressive Phase gefallen war, nicht auf der Suche nach einer festen Beziehung gewesen ist – sie hatte mit der alten noch nicht abgeschlossen, immer in der Hoffnung, mit ihrem Mann wieder zusammenzufinden. Aber sie hatte sich in einer Onlinepartnersuche angemeldet, suchte nach erotischen Abenteuern an den kinderfreien Tagen. Gleich am Anfang kommt Jet in diesem Thriller zu Wort, es sind ihre letzten Stunden. Der Leser weiß, dass dies kein Freitod war. Im späteren Verlauf gibt es Auszüge aus ihrem Tagebuch. Stück für Stück nähert sich Lies ihrer Mutter und der Lösung des Falls.

 

Kleinkrieg ihrer Eltern

Bonuskind schließt mit einem unerwarteten Ende ab. Der Thriller beschreibt eine toxische Beziehung, eigentlich zwei, psychische Destabilität, die daraus entsteht. Thema ist das Ringen um Kinder, die zwischen zwei Haushalten traumatisiert hin und hergerissen werden, der Druck, der auf sie aufgebaut wird. Die Geschwister leben im Dauerstress, was bei Lies eine chronische Blasenentzündung ausgelöst hat. Anscheinend hat der erbitterte Kleinkrieg ihrer Eltern bei ihr eine Stressreaktion ausgelöst, die ihr Immunsystem geschwächt hat. Bei jedem Tiefschlag erleidet sie einen neuen Schub. Hier beschreibt die Autorin eindringlich, wie psychische Belastung für das Kind sich körperlich auswirkt.


Der andere Blick auf die Mutter

Das hat Saskia Noort hervorragend umgesetzt. Eine Coming-of-Age-Geschichte, wie vom Verlag propagiert, ist es für mich aber nicht. Und nun zum Manko: das Tagebuch. Niemand würde in diesem Stil ein Tagebuch schreiben. Dialogform im Stil eines Romans im Tagebuch? Wer würde so seine Gedanken und Erlebnisse niederschreiben? Genau das macht die Story wieder unglaubwürdig, ebenso die geschilderten erotischen Szenen. Auf der einen Seite ist der Roman ein Jugendroman, andererseits hat die Story eine Menge erotische Fantasien und Szenen, die eben nicht in das Genre passen. Der Europaverlag gibt das Buch auch nicht explizit als Jugendbuch heraus. Es ist ein Twitter, vom Stil ein Buch, das eigentlich Jugendliche ansprechen soll, aber doch wieder in diesem Bereich abdriftet, so das es für mich eindeutig in das Genre Young Adult gehört. Lies kennt ihre Mutter als liebende Mama – nicht als eine Erwachsene, die sexuelle Bedürfnisse hat, diese auslebt – eine Tatsache, mit der sie zunächst zu knabbern hat. Ein guter Thriller mit Abstrichen.


Saskia Noort, geb. 1967, ist eine niederländische Krimi-Autorin, Journalistin und Kolumnistin. Sie studierte Journalismus und Theaterwissenschaft in Utrecht. Gleich ihre ersten beiden 2003 und 2009 erschienenen Kriminalromane waren höchst erfolgreich, wurden verfilmt, sowie für den niederländischen Krimipreis Gouden Strop nominiert. Seither gilt Noort als die «niederländische Königin der Spannung». Ihre Bücher erreichen regelmäßig Bestsellerauflagen und werden in viele Sprachen übersetzt. Noort hat einen Sohn und eine Tochter und lebt in Amsterdam.

 


Saskia Noort 
Bonuskind
Aus dem Niederländischen von Annette Wunschel
Thriller, Young Adult, Drama, Familiendrama, niederländische Literatur, Kriminalliteratur
Klappenbroschur, 272 Seiten
Europaverlag, 2021




Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller

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