Direkt zum Hauptbereich

Fräulein Nettes kurzer Sommer von Karen Duve - Rezension


Rezension

von Sabine Ibing






Fräulein Nettes kurzer Sommer 

von Karen Duve 




Sprecherin: Karen Duveungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 15 Std. und 12 Min.



Annette von Droste-Hülshoff war eine Nervensäge.


Ein Romanporträt der jungen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff –  ich war ein wenig skeptisch, hoffte, es würde nicht zu trocken werden. Weit gefehlt – ich habe selten so viel gelacht. Im auktorialen Erzählstil trägt uns die Autorin in eine Zeit, in der Frauen das Sticken und Stricken oblag, Männer reisten in ferne Länder, führten politische Gespräche, unterhielten Dichterkreise und sie gingen auf die Jagd.

Ein Enfant terrible 

Nenn’ sie Hexe und Kokette – Aber nur nicht kleine Nette (so August, der Bruder)

Die junge Annette, genannt Nette hat kein Interesse an der Handarbeit, gern würde sie ferne Länder bereisen, sich in klugen Gesprächen mit Männern duellieren. Und sie schreibt Gedichte, was sich auch nicht ziemt für eine Frau. Da die intelligente Nette nicht auf den Mund gefallen ist, geradeaus redet, mischt sie sich gern in Gespräche der Männer, brüskiert den ein oder anderen Zeitgenossen gern. Man bezeichnet sie als frech und vorlaut und störrisch. Gern ist Nette in der Natur, stets trägt sie ihren geologischen Hammer dabei, immer auf der Suche nach Mineralien, stets mit sind ihre Kleidersäume lehmverschmiert.

Göttinger Poetengilde

Westfalen war echt das Letzte.

Die von Droste-Hülshoffs wohnen in einem Wasserschloss in Havixbeck bei Münster. Die Familie ist ziemlich verzweigt, riesengroß und Verwandte müssen besucht werden, ansonsten verärgert man sie. Gern fährt Nette auf den Bökerhof in Bökerdorf zu Onkel August von Haxthausen, freut sich auf seine Besuche, denn er ist ständig von dichtenden Studenten aus Göttingen umgeben, der poetischen Schustergilde, dem auch Anettes Bruder angehört. Die Gebrüder Grimm gehören zum Freundeskreis, die die erste Deutsche Grammatik niedergeschrieben haben und sich wissenschaftlich mit Märchen beschäftigen und die Brentanos. Wilhelm Grimm bekommt das Grausen, sobald er Nette nur sieht! Als größtes Dichtertalent gilt Heinrich Straube, ein armer Student, der von Nettes Bruder finanziert wird. Drei Jahre lang begleiten wir Nette auf der einen Seite, die jungen Studenten auf der anderen Seite, bzw. die Sommer, die gemeinsam verbracht werden.

Der Wimmer - welch hässlicher Mann

Geruch wie von einem nassen Hund

Nette ist schwer kurzsichtig, daher glotzäugig und manchmal etwas distanzlos wenn sie sehr dicht an Dinge und Menschen herantritt, um sie sehen zu können. Als ihr Bruder das erste Mal seinen besten Freund ins Haus bringt, den begabten Straube, erhält er von Anette keine Begrüßung, sondern sie stellt laut inmitten der Gesellschaft fest, der junge Mann stinke wie ein nasser Hund. Typisch Nette. Das liegt an seiner ewig alten Perücke, die bei Feuchtigkeit nach Schaf riecht und auch ansonsten wenig appetitlich duftet und aussieht - Heinrich Straube, den seine Freunde wegen seiner grauenhaften Stimme »Wimmer« nennen, ein grauslich hässlicher Mann.

Zeit der Dichter und Denker und der Maschinen 


Man schrieb das Jahr 1819. Die Lebensverhältnisse änderten sich mit bis dahin unbekannter Geschwindigkeit. Dampfmaschinen pumpten, hämmerten und walzten in fast allen deutschen Kleinstaaten, und die ersten Spinngeräte produzierten mit rasendem Geklapper mehr Garn in einer einzigen Stunde als zehn Spinnerinnen an einem Tag verdrehen konnten.

Die Industriezeit beginnt. Man reist in Kutschen, die öffentlichen Kutschen sind die Schlimmsten, besonders die modernen Schnellkutschen. Verschlammte Straßen, tiefe Kuhlen, immer wieder Regen, »Westfalen war echt das Letzte«. Es gibt wundervolle Beschreibungen von Westfalen, dem Leben der Adligen, den beschwerlichen Reisen. Mit der Großmutter fährt Nette zum Kuren nach Bad Driburg, literweise Heilwasser trinken, Nette gegen ihre Kopfschmerzen, die Oma gegen ihren Katarrh. Hier lernen sie auch einen der Familie von Knigge kennen, der sich darüber aufregt, dass sein Cousin, der Freiherr, auf das Benimmbuch reduziert wird, eine Schande, seine Romane seien viel besser. Schiller oder Goethe – sie lebten auch zu dieser Zeit – man ist für den einen oder für den anderen, beides geht ideologisch nicht zusammen. Schopenhauer, Hegel, Hoffmann von Fallersleben, Dichter Kotzebue samt seinem Mörder Sand begegnen wir auch. Es gibt eine Menge interessanter, bekannter Leute, die in diesem Buch auftauchen. Z.B. Harry Heine, von dem man munkelt, er sei ein Jud. Antisemitismus ist großgeschrieben zu dieser Zeit, es verschärft sich immer weiter. Harry wir später ein guter Freund von Straube und dieser Heine ist ein merkwürdiger Kauz. Er fährt gern aus der Haut und duelliert sich gern. Es gibt eine Stelle am Ende des Romans, die habe ich mehrfach zurückgespult, um sie immer noch mal zu hören. Duelle waren verboten, aber man ging dem selten nach. Doch die mit Pistole waren dem Dekan und den Richtern nun wirklich zu viel. Die Szene, die ich meine, geht um die Ehre. Heine und ein Mitstudent werden vom Gericht einzeln verhört, da sie sich mit der Pistole duellieren wollten, immer wieder rein, raus aus dem Saal. immer wieder eine neue Chance seitens der Obrigkeit, doch sie bleiben stur. Was hat der eine gesagt und wie wird es der andere ausgelegt und zurück ... Es ist köstlich! Ich habe selten bei einem Roman so gelacht.

Zwei Seelen finden sich


… die großen Talente, die immer ein bisschen falsch verstanden sein würden, nie ganz dazugehörig. Fremdlinge in dieser brav-katholischen Herde, und deswegen, genau deswegen war es auch möglich, dass er Nette gleich küssen würde, dass sie eines Tages seine Frau sein würde, seine Kinder bekam und ihm in seinem literarischen Schaffen zur Seite stand - eine nicht mit Geld aufzuwiegende Hilfe, seine erste Leserin, der süße Trost seines Daseins und noch dazu eine Zierde in seinem Salon, die zu plaudern verstand wie keine Zweite.

Annette von Droste-Hülshoff ist Dreiundzwanzig Jahre alt, als sie auf Straube trifft. Er ist der einzige Mann, der sie ernst nimmt und ihre Dichtkunst würdigt, zwei Seelen finden zueinander. Natürlich sehen auch alle anderen Männer das Talent von Anette, doch einer Frau steht es nicht an zu schreiben, zu dichten, mit der weiblichen Hohlköpfigkeit kann nichts Gutes gedeihen. Eifersüchtig putzt man Nette herunter. Die glubschäugige Nette und der hässliche Straube, eine zarte Bande entsteht. Nette blüht auf, wird plötzlich auch von anderen Männern umgarnt, die die scharfsinnige Frau verehren. Neid kommt bei Cousinen und der jungen Tante auf. Zumal Anette exzellent Klavier spielen kann, obendrauf kann sie noch singen. Nette spielt alle Frauen an die Wand. Führt sich auf wie wild und wird auch noch umgarnt! Da kommt Zorn auf. Straube und Nette – unmöglich für die Familie! Straube ein Habenichts und obendrauf noch Protestant! Natürlich verehrt man den Feingeist und Dichter, aber das reicht ja wohl – man finanziert ihm sogar sein Studium. Und da wäre noch Arnswaldt, der wunderhübsche Studiosus und Adliger, der zum Freundeskreis gehört, der sich selbst für genial hält. Der verdreht allen Frauen den Kopf, auch Nette glaubt, sie könne sich in den Charmebolzen verlieben. Anfangs findet er Annette unweiblich, zickig, doch äußerst attraktiv vom Geiste. Man kann ihr später das Widerspenstige austräumen, träumt er. Was die wohl an dem ollen Staube finden mag. So entsinnt er eine Intrige, hofft im Hinterkopf, Annette für sich zu gewinnen. Doch die liebt nun mal Straube, was sie Arnswaldt auch mehrfach ins Gesicht sagt, ihn abweist. Der Schönste, Genialste wird abgewiesen, das tut weh! Es hat zur Folge, dass sich aus der Intrige eine ausgemachte Hinterfotzigkeit entwickelt. Involviert ist die halbe Familie und der halbe Freundeskreis, jeder verfolgt dabei seine eigenen Interessen.

Es war früh am Morgen. Der Himmel hing tief, und die Sonne war kraftlos und hing noch tiefer. Aus einem Buchenwald traten ein kleiner, grundhässlicher Mann namens Heinrich Straube und ein zartes, sehr blondes und etwas glotzäugiges Freifräulein. Bodennebel, dicht und grau wie die Wolken am Himmel, wanden sich um ihre Füße. In Fräulein Nettes Gürtel steckte ein leichter Berghammer

Zeitgeschichte und Zeitgeist gut eingefangen

Das alte Westfalen und seine Adligen, junge Menschen, Liebschaften, ausschweifendes Leben in reaktionären Burschenschaften, Dichterkreise, Literaturverliebte, Karen Duve transportiert den Zeitgeist von damals hervorragend. Die Geschichte ist akribisch recherchiert. Der zentrale Punkt ist die Liebe zwischen Nette und Straube, aber alle anderen involvierten Personen und die drum herum, wie Heine und die Gebrüder Grimm, werden auch wundervoll porträtiert. Jugend und Zeitgeist sind gut herausgearbeitet, Napoleon ist aus dem Land vertrieben und man treibt den Code Napoleon mit aus dem Haus, Nationalismus ist wieder angesagt, und damit klingt ein starker Antisemitismus an, besonders in den reaktionären Burschenschaften. Der junge jüdische Heine wird Katholik und damit wird aus dem Harry ein Heinrich. Nette träumt vom Männerleben, fügt sich an ihren weiblichen Platz zum Sticken und Stricken. Aber sie bleibt sich treu, sie heiratet nicht, dichtet weiter und schreibt Romane, meist auf der Meersburg, die ihr Schwager gekauft hatte, auch ein literaturbesessener Charakter. Annette Droste-Hülshoff (1797-1848), die bedeutendste Schriftstellerin und Komponistin der Romantik stirbt am Bodensee auf der Meersburg. Heinrich Straube hat sie nie wieder gesehen. Straube, von dem man behauptete, er sei besser als Goethe, wird von seinem Gönner August Droste-Hülshoff gezwungen, seine Studien der Dichtkunst abzubrechen, er müsse sein Studium abschließen, etwas zum Geldverdienen, man kann ihn nicht ewig finanzieren. So studiert Straube im Eiltempo Jura und wird Jurist, heiratet berufsfördernd. Er wir nie wieder dichten, es wurde ihm verleidet. Nach seinem Tod findet man in einem Kästchen die Haarlocke, die ihn Annette damals schenkte. Karen Duve lässt ihre Erzählstimmen in verschiedenen Tönen berichten. Poetisch, angepasst an die Zeit, bissig und nüchtern, das Nettchen, humorvoll und zornig, aber auch hinterhältig. Der Roman ist, ich muss es noch mal erwähnen, äußerst humorvoll. Das ist, so meine ich, die beste Biografie, die ich kenne. Selbst wer sich nicht für die deutschen Dichter interessiert, wird sich königlich amüsieren.

Das Schlafzimmer und Sterbebett der Annette von Droste-Hülshoff auf der Meersburg

Das Schreibzimmer der Annette  von Droste-Hülshoff





Heinrich Straube (1794–1847) war ein Studienfreund Heinrich Heines und Mitherausgeber der Literaturzeitschrift »Wünschelrute« und ist auch bekannt durch diese Intrige, bei der man ihm und Annette von Droste-Hülshoff übel mitspielte. Annette wird die »Haxthausensche Mischpoke« (Annette) 17 Jahre nicht mehr besuchen. Sie erklärt sich und die Situation einige Monate später in einem Brief an ihre Stieftante Anna von Haxthausen (Sie weiß zu der Zeit noch nicht, dass die eifersüchtige Tante mitten drin im Intrigenspiel sitzt). Zu Arnswaldts Handeln schreibt sie: »… ich sollte mit Gewalt recht schuldig werden, Str(aube) sollte gerettet werden, und ich zu Grunde. Oh wie muss der mich hassen! … Und Anna heiratet zehn Jahre später August von Arnswaldt.



Das Grab von Annette  von Droste-Hülshoff auf der Meersburg


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sandbergs Liebe von Jan Drees

Eine Liebesgeschichte – obsessiv, zerstörerisch. Jan Drees sagt, die Geschichte ist ausgedacht, aber an eine ähnlich gelagerte Liebe aus seinem Leben angelegt. Der Leser sitzt voyeuristisch gefangen im Inneren des Autors und leidet mit ihm die ganze Geschichte lang, denn hier stülpt jemand sein Inneres ganz nach außen. Ist Kristian Sandberg an eine Narzisstin geraten, die ihn wie einen Tanzbär an der Nase durch die Manege zieht? – Ich liebe dich – ich hasse dich – »Gaslighting«, emotionale Abhängigkeit mit zerstörerischer Kraft - ein Auf und Ab der Gefühle …

Weiter zur Rezension:   Sandbergs Liebe von Jan Drees

Rezension - Zornfried von Jörg-Uwe Albig

Der Roman ist als Satire angelegt, obwohl, diese Gruppierung die Satire an sich selbst ja schon ist. Und natürlich ahnt man, wer hinter diesen Typen stecken soll, denkt an Götz Kubitschek, der sich auf seiner Burg in Schnellroda gern Journalisten einlädt. Der kurze Roman ist gefüllt mit Gedichten vom fiktiven Storm Linné, grotesk, witzig, mystisch voll Walhalla-Sound. Slapstickartige Übungen zu Aufmärschen im Burghof von jungen Germanen, teutsch, Gelage die an die ritterliche Tafelrunde bei völkischem »Ziegencouscous mit gehäckselten Runkelrüben«, serviert von des Burgherren Töchter machen das Lesen zum Vergnügen.

Weiter zur Rezension:   Zornfried von Jörg-Uwe Albig

Rezension - Leonardo da Vinci – Das Auge der Welt von Volker Reinhardt

Volker Reinhard hat tief in den Fakten geschürft, sich unter anderem auf Leonardos Notizbücher bezogen, und zum 500. Todestag Leonardo da Vinci eine Biografie gewidmet. Wer war dieser Renesance-Maler, dieses Genie? Und warum gibt es so viele unvollendete Bilder von ihm? War er Maler oder Wissenschaftler? Ein Kriegsingenieur und Gestalter von Festen - Leonardo das Multitalent. War er ein Sturkopf, der sich oft selbst im Weg stand, oder war er ein prinzipientreuer Mann? Freund oder Feind von Michelangelo Buonarotti? Und warum holte ihn Giovanni di Medici als Papst Leo X. nach Rom und gab Leonardo dann doch keine Aufträge für die Gestaltung des Petersdoms? – Eine gelungene Biografie!

Weiter zur Rezension:   Leonardo da Vinci – Das Auge der Welt von Volker Reinhardt

Rezension - Sofia trägt immer schwarz von Paolo Cognetti

Es ist ein wundervoller Roman mit einer außergewöhnlichen Technik, den Paolo Cognetti hier vorgelegt hat, der mich begeistert hat. 10 Kurzgeschichten, die eigentlich alleine stehen könnten, verwoben zu einem Roman, in dessen Mittelpunkt Sofia steht, eine Dreiecksverbindung Vater – Tochter – Mutter, ein Blick in die Spätsiebziger von Norditalien. Aber das ist es nicht allein, denn auch die verschiedenen Perspektiven sind durchdacht gewählt, sie passen sich der Sicht des jeweiligen Erzählers an. Distanziert personal und dicht in der Ich- und Du-Perspektive wechselt die Nähe und die Sprache. Wem »Alles ist möglich« von Elisabeth Strout gefallen hat, wird auch von diesem Roman begeistert sein.

Weiter zur Rezension:   Sofia trägt immer schwarz von Paolo Cognetti 

Rezension - Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Ein wundervoller Roman, brutal-romantisch, Wild West. Zwei Jugendliche, Freunde für Leben, eine Liebe fürs Leben, sie tanzen und schießen, um zu überleben. Goldgräber, Bisonjagd, Soldatenleben im Kampf gegen Indianer, später im Sezessionskrieg gegen die Südstaatler, Farmersleben ... eine Sprache in Bildern auf der einen Seite – beinhart auf der anderen.

Weiter:   Tage ohne Ende von Sebastian Barry