Direkt zum Hauptbereich

NO GAME - Jetzt ist Schluss mit Schweigen! von Natasha Friend - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





NO GAME - Jetzt ist Schluss mit Schweigen! 


von Natasha Friend



Ein Mädchen wacht würgend auf dem Golfplatz, auf, ein widerlicher Geschmack im Mund, ihre Freundin Cam hat sie geweckt. Adam Xu sitzt neben ihr. Wie kommt sie hier her und wie diese beiden? Sie war auf einem Verbindungsfest der UNI, hatte Root-Bier (alkoholfreies Getränk in den USA und Canada, hat einen sehr eigentümlichen, extrem süßen Geschmack, ursprünglich aus Extrakten der Wurzelrinde des Sassafrasbaumes hergestellt) getrunken, war Kettenkarussell gefahren – und ab da ein Filmriss. 

Die Rettung naht

Der Jugendroman ist aus der Perspektive von vier Protagonist:innen geschrieben: Nora, Cam, Adam Xu und Noras Bruder Asher. Cam erklärt Nora, Adam hätte sie angerufen, sie solle so schnell wie möglich kommen. Nun berichtet Adam, was er auf dem Golfplatz erlebte. Er war spät zum allabendlichen Trainieren des platzierten Baseball-Schlagtrainings auf den Golfplatz gegangen, hat sich extra einen leuchtenden Ball und Schläger gebastelt, eine Nachtsichtlampe mit Kamera geleistet. Da sieht er drei Jungs stehen, ein bewusstloses Mädchen am Boden, fragt sich, was hier vorgeht. Und als einer der Typen die Hose aufknöpft, ist es ihm klar. Er knipst das Licht am Baseballschläger an, stellt die Kamera an und stürmt mit chinesischem Wutgeschrei auf die Gruppe zu. Der Schläger leuchtet wie das Schwert von Obi Wan und dank der grotesken Szene rennen die drei Jungen fort. Adam bekommt Nora nicht wach, ruft Cam an. Noras Unterhose flattert an einem Fahnenstock, die zieht ihr Adam vorsichtig an. Das alles ist auf der Sportkamera von Adam aufgenommen. Nora ist entsetzt. Sie erkennt keinen der Jungen – sie bestimmt, die Aufnahme sofort zu löschen. Das alles ist ihr peinlich, sie will auch niemanden anzeigen. Dank Adams Eingreifen ist ja nichts passiert.


Bloß nicht darüber reden

Das Setting ist in einer fiktiven amerikanischen Universitätsstadt mit zahlreichen Sportteams und Studentenverbindungen angelegt. Noras Vater ist Sportdirektor der Universität, war selbst früher ein wichtiges Mitglied einer Studentenverbindung dort und er hatte sich stets für «seine Jungs» eingesetzt, wenn sie von Studentinnen wegen diverser Sexualdelikte angeschuldigt waren. Alles Rache; sowas machen die nicht. Niemals wurde bisher einer der Studenten verurteilt. Nora und ihre Freunde gehen auf die dort angeschlossene Schule. Cam bittet Adam, das Video noch in der Wolke zu behalten. Nora sei aufgewühlt, vielleicht würde sie mit klarem Kopf die Sache später anders sehen und dann benötige man Beweise. Klar ist: Man hatte Nora irgendetwas in ihr Getränk gemixt. Cam arbeitet nun darauf hin, Nora zu überzeugen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Zu Hause stellt Nora fest, jemand hat ihr im oberen Bereich auf den Oberschenkel mit Filzstift eine 7 gemalt. Was hat das zu bedeuten? 


#metoo

Je mehr die Jugendlichen recherchieren, umso unglaublicher wird für sie die Sache. Anscheinend geht es hier um ein Spiel: «18 Löcher» – und hier geht es nicht ums Golfspielen! Nora ist entsetzt und sie will dem ein Ende setzen, es öffentlich anprangern: Das Schweigen muss gebrochen werden. #nogame und #schlussmitschweigen lauten die Hashtags. Es geht hier um die #MeToo-Debatte, eine Problematik der US-Universitäten – Mädchen, die missbraucht werden, eine Männergesellschaft, die dies als Spiel betrachtet, das alles deckelt. Junge Männer, die für ihr rücksichtsloses Verhalten nie bestraft werden. Noch schlimmer, Frauen, die sich wehren, müssen damit rechnen, als Schlampen und Lügnerinnen geächtet zu werden, Täter werden zu bemitleidenswerten Opfern umfunktioniert. Es ist ein US-Roman und deshalb ein wenig anders zu bewerten, als wenn er in Europahandeln würde. Dies ist ein spezielles Problem der dortigen UNI’s. Aber letztendlich ist es trotzdem ein wichtiges Thema auch für uns: Frauen denen man etwas in Drinks schüttet (derzeit gehen Männer mit Spritzen um, um Frauen zu betäuben), sie sexuell missbraucht. Auch das geschieht bei uns täglich. Noch immer gilt in vielen Kreisen der sexuelle Missbrauch von Frauen als Kavaliersdelikt. Noch immer haben Frauen Angst, dies anzuzeigen. Noch immer werden vor Gericht die Frauen traumatisiert, weil sie vom Anwalt des Täters durch den Dreck gezogen werden, der Täter als braver Bürger und Opfer dargestellt wird. 


Ein wenig zu seicht geschrieben

Ein Jugendroman, der versucht zu erklären, wie man mit sexuellen Übergriffen umgeht. Ein wichtiger Roman. Trotzdem bin ich ein wenig enttäuscht. Mir hatte das Buch nicht genug Power, es wurde viel zu viel privates Geschehen um die Protagonisten herumgebaut, so dass dieser Jugendroman letztendlich sehr seicht ist. Der Fokus hätte meiner Meinung nach eher darauf liegen müssen, dass die Frauen gefunden werden, sie sich als Gruppe organisieren. Ein paar der Jungen werden am Ende gefunden, ein paar nicht weiter benannte Frauen melden sich. Ende. Interessant wäre gewesen zu erfahren, ob den Studenten der Prozess gemacht wird, wie dies abläuft, ob sich eine Wandlung der Universitätsleitung ergibt. Denn Letztere will nichts sehen, hören, darüber sprechen – die Teppiche sind groß, die man für den guten Ruf ausgelegt hat, um Dreck darunter zu kehren. Einerseits ein sehr gutes Buch wegen des angesprochenen Themas, andererseits doch recht harmlos, eben amerikanisch. Der Magellan Verlag gibt eine Altersempfehlung ab 14 Jahren. Für das Thema korrekt, drum schließe ich mich an. Vom Schreibstil hatte ich mehr erwartet, der ist doch eher im Bereich für Zwölfjährige angelegt. Auch hier hatte ich mehr Literarisches erwartet. Ich wünsche mir ein Jugendbuch zum Thema von einer guten europäischen Autorin – das wird dann garantiert ein Kracher, nicht so ein seichtes Buch, wie dieses hier.


Eigentlich hat Natasha Friend es ihren Eltern zu verdanken, dass sie heute Autorin ist - immerhin wuchs sie in einem Haus ohne Fernseher auf. Kein Wunder also, dass sie von der Leseratte zur Schriftstellerin mutierte und ihrem Vater schon bald Geschichten diktierte, damit er sie auf der Schreibmaschine abtippte. Heute, drei Kinder und neun Bücher später, vermisst sie den Fernseher gar nicht mehr. Jessika Komina (rechts) arbeitet gemeinsam mit Sandra Knuffinke als Übersetzerin. Sie träumen seit ihrem Studium in Düsseldorf von einem gemeinsamen Büro, bislang sitzt allerdings noch jede an ihrem eigenen Schreibtisch. Dafür verabredet sich das Übersetzerinnenteam regelmäßig zum Skype-Frühstück, um gemeinsam mit vollem Mund Metaphern zu zerpflücken und Synonyme zu jagen. Sandra Knuffinke (links) arbeitet gemeinsam mit Jessika Komina als Übersetzerin. Sie träumen seit ihrem Studium in Düsseldorf von einem gemeinsamen Büro, bislang sitzt allerdings noch jede an ihrem eigenen Schreibtisch. Dafür verabredet sich das Übersetzerinnenteam regelmäßig zum Skype-Frühstück, um mit vollem Mund Metaphern zu zerpflücken und Synonyme zu jagen.




Natasha Friend
NO GAME - Jetzt ist Schluss mit Schweigen!
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Jessika Komina und Sandra Knuffinke
Jugendroman, sexueller Missbrauch
Hardcover, 368 Seiten
Magellan Verlag, 2022
Altersempfehlung: ab 14 Jahren










Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
Kinder- und Jugendliteratur

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Ethnobotanik von Sarah Edwards

  Intro mit KI entwickelt Eine Pflanze ist niemals nur eine Pflanze! Hamamelis , die Zaubernuss, wird beispielsweise bei Hautreizungen und Entzündungen eingesetzt. Ihre Wirkstoffe finden sich heute weltweit in Salben und anderen Arzneimitteln. Das Wissen darüber ist allerdings sehr viel älter als die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Pflanze. Oder die Alraune , die in fast jedem Fantasy-Schmöker eingesetzt wird.  Und damit kommt Edwards zu einem Aspekt, den ich besonders interessant finde: Wem gehört dieses Wissen? Weiter zur Rezension:    Ethnobotanik von Sarah Edwards

Rezension - Schranken gehen auf von Eva Opitz

  Intro mit KI erstellt Bei diesem historischen Roman hatte ich nach dem Klappentext eine ziemlich klare Vorstellung davon, was mich erwartet: Die Geschichte einer Jüdin , die unter dem NS-Regime ihre Heimat verlassen muss – da denkt man unweigerlich an Verfolgung, Angst, eine gefährliche Flucht und an ein Leben, das von einem Tag auf den anderen aus den Fugen gerät. Genau diese Geschichte habe ich nicht erhalten. Natürlich hatte Elisabeth kein leichtes Leben, aber im Ausland war sie nicht den Repressalien ausgesetzt, die ich erwartet hatte. Zudem fehlt sie erzählerische Kraft der Geschichte.  Weiter zur Rezension:    Schranken gehen auf von Eva Opitz

Rezension - Reservoir Bitches von Dahlia de la Cerda

Intro erstellt mit KI Wütend, laut, brutal – und verdammt gut. Schon der Titel macht klar, dass dies kein Buch ist, das es sich nicht um einen romantischen Liebesroman handelt. Dahlia de la Cerda schreibt über Frauen in Mexiko , über Gewalt, Armut, Klasse, Abtreibung, Drogen und Femizide – und über eine Gesellschaft, in der es einen gewaltigen Unterschied macht, auf welcher Seite der Gesellschaft man geboren wird. Kurzgeschichten, die ein Geflecht bilden. Ein Noir , Kriminalliteratur , Gesellschaftsroman , nichts für schwache Nerven. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Reservoir Bitches von Dahlia de la Cerda

Rezension - Viper‘s Dream von Jake Lamar

Intro erstellt mit KI New York , 1961. Clyde Morton , genannt Viper, hat gerade seinen dritten Mord begangen, den ersten, den er bereut. Doch anstatt zu fliehen – sein Kontaktmann bei der Polizei hat ihm drei Stunden gegeben –, besucht er im Cathouse  Nica, die Baroness Pannonica de Koenigswarter . Hier denkt er über sein Leben nach, seine drei Wünsche, die Schutzpatronin der New Yorker Jazzszene ihm aufgetragen, aufzuschreiben, wie allen Jazzmusikern, die bei ihr ein- und ausgehen. ein Noir Kriminalroman , ein Gangsterroman , Kriminalliteratur, im Rhythmus des Jazz und im Rauch von Marihuana - ein Harlem , das mit dem Heroin abstürzt. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Viper‘s Dream von Jake Lamar

Rezension - Guten Morgen - Gute Nacht von Johanna Schaible

Intro erstellt mit KI   Die Reise von Sonne und Mond – 24 Stunden, die alle Menschen verbinden. Ein Wendebuch mit atmosphärischer Gestaltung. Eine Geschichte über das, was uns alle auf der Welt verbindet – die Dämmerung am Morgen die am Abend; die Veränderung des Lebens im Tageszyklus . Dieses Bilderbuch zeigt uns, was in 24 Stunden überall auf der Welt passiert: Die Sonne geht auf, ein neuer Tag beginnt, und wir stehen auf. Am Abend beginnt es zu dämmern und wir bereiten uns für die Nacht vor. Ein wundervolles atmösphärisches Bilderbuch ab 4 Jahren zum Schauen, fühlen und sprechen. Empfehlung – ein Kinderbuch zum Entspannen! Weiter zur Rezension:    Guten Morgen - Gute Nacht von Johanna Schaible

Rezension - Die Spur der Vertrauten von Christelle Dabos

  Intro mit KI erstellt Christelle Dabos entwirft in in diesem Jugendroman eine Gesellschaft, in der nicht das Ich, sondern das Wir zählt. Jeder Mensch besitzt einen Instinkt, eine angeborene Bestimmung, mit der er der Gemeinschaft dient. Es gibt Beschützer, Vertraute, Reparierer und zahlreiche weitere Funktionen. Persönliche Wünsche haben sich diesem System unterzuordnen, Individualität ist nicht vorgesehen. Ich habe mich durch den Wälzer hindurchgequält, der in Komplexität, Sprache und und Auswälzug sehr anstrengend ist. Daher von mir für das Jugendbuch, eine Dystopie, die Empfehlung: ab 16 Jahren, vom Verlag ab 14 Jahren. Weiter zur Rezension:    Die Spur der Vertrauten von Christelle Dabos 

Rezension - Das Glück liegt hinter der Hecke von Sara Pennypacker

Intro erstellt mit KI   Leeva  lebt in einem Haus mit ihren profitüchtigen Eltern zusammen, für die nur Geld und Ruhm etwas bedeuten. Sie darf das Haus, bzw. den Garten nicht verlassen, wächst völlig vernachlässigt auf. Ihre Neugier und ihr Wunsch auf den Blick hinter die Gartenhecke lässt sie die Verbote vergessen und sie büchst aus, schleicht ins nächstgelegene Haus: die Stadtbibliothek . Welch wundersame Welt sie draußen findet! Menschen, die sie mögen, mit denen sie Freundschaft schließt. Davon handelt dieses herrliche Kinderbuch, begleitet vom Duft von Ingwerkeksen – eine Befreiung aus der Zwangswelt. Ein charmantes Buch, witzig, eine zärtliche Hommage an die Kraft von Beharrlichkeit, Gemeinschaft und Freundschaft. Weiter zur Rezension:    Das Glück liegt hinter der Hecke von Sara Pennypacker

Rezension - Die Frau als Mensch von Ulli Lust

  Intro mit KI erstellt Wie viel können wir über Menschen wissen, die vor 30.000 Jahren gelebt haben? Wir finden ihre Werkzeuge, ihre Gräber, ihre Kunst und einige wenige Spuren ihres Alltags. Aber wir wissen nicht, was sie glaubten, welche Geschichten sie sich erzählten und welche Bedeutung sie den Dingen gaben, die sie hinterlassen haben. Genau in diesen Zwischenraum zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und dem, was wir nur vermuten können, begibt sich Ulli Lust in Sachcomic . Weiter zur Rezension:    Die Frau als Mensch von Ulli Lust

Rezension - I Don’t Know How to Draw a Tree von Carmen José

  Intro mit KI erstellt Wie zeichnet man eigentlich einen Baum? Ein Stamm, ein paar Äste, eine grüne Krone – fertig ist der Baum. So ungefähr haben vermutlich die meisten von uns als Kinder angefangen. Später lernen wir Perspektive , Proportionen , Licht und Schatten . Wir lernen, genauer hinzusehen und möglichst genau zu zeichnen. Aber was passiert dabei mit dem eigenen Blick? Carmen José stellt in diesem Buch eine wunderbar einfache Frage, die sich letztendlich als nicht so einfach erweist: Das Bilderbuch ist gleichzeitig ein Gedichtband, ein Künstlerbuch und kleines philosophisches Experiment . Ein ungewöhnliches, wunderschön gestaltetes kleines Buch, das sich mit Kreativität , Wahrnehmung und die Freiheit, etwas nicht zu wissen beschäftigt. Empfehlung - Allage! Weiter zur Rezension:      I Don’t Know How to Draw a Tree  von Carmen José

Rezension - Endzeit von Frauke Buchholz

  Intro erstellt mit KI Ein grausamer Mord erschüttert die kanadische Kleinstadt Moose Jaw . Eine Mutter und ihre beiden Töchter wurden mit einer Axt erschlagen, der Vater und sein dreijähriger Sohn sind verschwunden. Am Tatort findet die Polizei eine Adlerfeder . Was hat sie zu bedeuten? Der ehemalige Profiler Ted Garner soll bei den Ermittlungen helfen und glaubt schon bald, den Täter ausfindig gemacht zu haben. Ein junger Indigener , der bereits wegen eines ähnlichen Verbrechens verurteilt wurde, gerät in seinen Fokus. Doch Garner verrennt sich in seine eigenen Vermutungen. Ein wirklich guter Krimi: Kanada, Indigene Stämme , Prepper , Verschwörungstheorien – Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Endzeit von Frauke Buchholz