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Mörderische Auslese von Mattis Ferber - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Mörderische Auslese 


von Mattis Ferber


Erste Seite: 

Der Stein fiel nicht. Er rieselte hernieder. Schwebte. Langsam wie eine Feder. Und krachte berstend wie ein Fels auf den Haufen anderer Steine. Die Welt krampfte um sein nervöses Herz.

Es war einer dieser Augenblicke, dachte der Sommelier, in denen sich das ganze Leben schlagartig veränderte. Von jetzt auf gleich. Eine Sekunde, und alles war anders. Ticktack. Ein einziger Schritt und dazwischen nur eine unsichtbare Linie, über die man ging, und erst im Nachhinein bemerkte man, dass sie da gewesen war. Augenblicke. So einprägsam, dass sie für ewig ein Loch ins hauchdünne Seidentuch der Seele stanzten und den Lebensweg in eine andere Richtung lenkten.


Als Benjamin Freling, Sommelier eines Luxushotels am Kaiserstuhl, eine mumifizierte Leiche in der aufgeschlagenen Wand des Weinkellers entdeckt, ist er fassungslos. Er glaubt, sein ehemaliges Kindermädchen entdeckt zu haben, das vor 20 Jahren verschwand. Eine eingemauerte mumifizierte Frauenleiche ... Die Familie bittet die Polizei, diskret zu ermitteln, solch ein Skandal könne das Haus ruinieren, insbesondere, da die Vergabe der Michelin-Sterne für den Guide Michelin bevorstehen und Benjamins Schwester auf einen zweiten Stern hoffen kann. Doch Benny lässt der Fall nicht los: In der Nacht, als seine Eltern bei einem Autounfall starben, verschwand auch sein Kindermädchen. Niemals wäre sie einfach so abgehauen, ohne sich von dem Zehnjährigen zu verabschieden!


Eine Familiengeschichte, eine Hoteldynastie

Insgesamt betrachtet ist dies ein netter, lesbarer Krimi mit interessanten Wendungen und einem überraschenden Ende. Ein Genusskrimi, in dem viel gekocht wird auf Sterne-Niveau und wir haben es mit einem Sommelier zu tun, der Weine aussucht, trinkt, sammelt und dementsprechend viel über Weine redet und sinniert – eben soweit, dass es des Öfteren auf auf die Nerven geht, das Ganze mit unterschwelliger Schleichwerbung bestückt ist. Eine Familiengeschichte, abwechslungsreich, informativ, ein Luxushotel von der Seite der Eigentümer und des Personals betrachtet. Journalisten und Foodblogger und machen ihnen das Leben schwer. So weit so gut. Die Geschichte ist stimmig, ebenso sind die wichtigen Charaktere gut erfasst. Der Krimi geht es langsam an und zieht mit der Spannung nach oben. Die Langsamkeit entsteht dadurch, dass jede neue Figur ausschweifend vorgestellt wird, anstatt sie während der Geschichte Stück für Stück aufzublättern. Das klingt manchmal so, als wenn der Autor hier seine vorher entwickelte Figurenbeschreibung in den Text einfügt. Genau das hat mich am Anfang fast dazu gebracht abzubrechen – es kam keine Stimmung, keine Spannung auf. Sobald alle Figuren aufgestellt sind, nimmt der Krimi Fahrt auf. Und ganz ehrlich, ich hatte nach der ersten Seite überlegt, das Buch wegzulegen. Gleich mehrere Metaphern machten mir Zahnschmerzen. Und das waren nicht die einzigen Klopfer, die im Laufe des Textes folgen werden. Grundsätzlich ist der Krimi gut geschrieben, drum habe ich weitergelesen. Aber immer wieder schreckte ich beim Lesen hoch. Hier geben Menschen Tierlaute von sich und andere Geräusche: Sie piepsen, schnauben, flöten, quietschen Sätze – gern würde ich mir einmal anhören, wie jemand einen Satz flötet. Metaphern des Grauens hätten einem guten Lektor ebenso auffallen müssen. Hier ein paar Beispiele: 


Horrorpuppen  im Wandschrank 

Siehe Zitat oben, erste Seite: Ein Stein, der rieselt, der dann wie eine Feder schwebt? – Der nun berstend auf andere Steine kracht?; «die Welt krampfte um sein nervöses Herz»; «dass sie für ewig ein Loch ins hauchdünne Seidentuch der Seele stanzten»

«Sie blickte also auf, ihren Kopf bewegte sie dabei keinen Millimeter, er war gesenkt auf die Unterlagen, aber ihre blutgeäderten Augen klappten mechanisch nach oben und durchbohrten ihren Bruder – sie war die Horrorpuppe, die plötzlich im Wandschrank zum Leben erwachte, sobald das Licht im Kinderzimmer aus war.»

«Ein letztes Stückchen Grün auf der verbrannten Erde ihrer leistungsgetriebenen Seele.»

«fischgesichtige Suffragette» 

«mit der Stimme wie ein überhitzter Vibrator»

«war der Puls des Sommeliers ein Hamsterrad» 

«Der Sommelier blickte kurz auf die große Lücke im Gebiss der Aktenordner.»

«Die Zeit fiel wie Putz von der Wand»


Etwas für Feinschmecker und Weinverrückte

Eben das und der lange Anlauf verderben ein wenig das Lesevergnügen, obwohl es grundsätzlich eine gute Story ist. Geduld ist gefragt – Spannung setzt erst in der Mitte ein. Stilistisch kann der Autor eine volle Schippe drauflegen. Metaphern sind Perlen der Sprache, wohldosiert selten einzusetzen – dann aber ausgefeilt. Und das wunderschöne Wort sagte, sagt immer noch mehr aus als ein Grunzen. Wer sich an diesen Dingen nicht stört, erhält insgesamt einen netten Genusskrimi – etwas für Feinschmecker und Weinverrückte. Für den allgemeinen Weintrinker war es ein wenig zu viel Etikettengeschwurbel, eben ein Markenkrimi. 


Mattis Ferber ist ein Pseudonym von Hannes Finkbeiner. Der Autor wuchs in einem Hotelbetrieb im Schwarzwald auf, machte eine Lehre zum Restaurantfachmann und studierte an der Hochschule Hannover Journalistik, wo er heute auch als Dozent lehrt. Finkbeiner schrieb u.a. für FAZ, Spiegel Online oder RND. Für die HAZ verfasst er eine wöchentliche Gastro-Kolumne.



Mattis Ferber
Mörderische Auslese
Band 1 der Sommelier Benjamin Freling-Reihe 
Krimi, Kriminalroman, Genusskrimi, Cosikrimi, Whodunnit, Markenkrimi
Taschenbuch, 352 Seiten
Bastei-Lübbe Verlag, 2021





Vom Wesen und Sinn von Marken-Krimis von Andreas Giger

© Andreas Giger
Der Schweizer Krimiautor Andreas Giger stellt uns den Markenkrimi vor. Brands? Was hat so etwas im Krimi zu suchen? – Wir kennen das aus den James Bond Filmen - man bezeichnet die Filme als die längsten Werbefilme der Welt. Product Placement - nicht geschüttelt, gerührt: Autos, Handys, Alkoholika … Starke Marken erzeugen Emotionen und entziehen sich damit auch dem logischen Verstand, womit (Kauf)Entscheidung und Markenpräferenzen gefestigt, bzw. Aufmerksamkeit für das Produkt geschaffen werden. Was der Film kann – das kann ein Krimi schon lange! Aber! Im Buchhandel kann man dieses Produkt eigentlich selten erwerben.
Wenn neben dem in jedem Krimi unvermeidlichen Personal, also Opfer und Täter, Verdächtige und Ermittelnde, eine zusätzliche Figur eine zentrale Rolle spielt, nämlich eine Marken-Persönlichkeit, dann handelt es sich um einen Marken-Krimi. Erfahren Sie hier mehr über ein ebenso originelles wie nachhaltig wirksames Instrument der Markenpflege. 
Neugierig? Hier geht es weiter zum Text:  Vom Wesen und Sinn von Marken-Krimis von Andreas Giger


A Cozy Crime is a Mystery to Me oder Cozy Crime ist mir (k)ein Rätsel - ein Beitrag von Fenna Williams

© Fenna Willams
Ein weiterer Beitrag zur Rubrik: Krimis und Thriller - eigentlich ein kunterbuntes Genre
Cozy Crime ist für mich Mystery. Nein, kein Buch mit 7 Siegeln und auch kein unlösbares Rätsel. Cozy ist schlicht der nordamerikanische Begriff für ein Krimigenre, welches in britischen Landen mit Mystery Crime betitelt wird – also Kriminalromane von Agatha Christie (damals) bis Anthony Horowitz (heute). Der Ausdruck wurde zum ersten Mal verwendet, als man im späten 20. Jahrhundert begann, die Golden Age of Detective Fiction, aufleben zu lassen, in dem man wieder das Rätsel um einen Tod oder ein Verbrechen in den Mittelpunkt stellte.
Weiter zur Rezension:   A Cozy Crime is a Mystery to Me oder Cozy Crime ist mir (k)ein Rätsel_von Fenna Williams

Kriminalliteratur: Krimis und Thriller - eigentlich ein kunterbuntes Genre

Auf dieser Seite kommen die Kriminalisten zu Wort – die Schreibenden. Was ist Kriminalliteratur? Kann man das in einem Satz beantworten. Nein. Denn diese Genres haben jede Menge Untergenres, die sich teilweise überschneiden oder letztendlich so gar nichts miteinander zu tun haben. Und wer nun neugierig ist, wie viele Untergenres es gibt, was sie ausmachen, wie vielfältig sie in Machart und literarischer Gestaltung sie sind, wie viel Arbeit in ihnen steckt, wissen möchte, was Autor*innen, Verleger*innen zu ihrem Genre zu sagen haben der sollte sich diese Seite ansehen. So verschieden, wie die Autor*innen sind, so verschieden sind ihre Texte. Es lohnt sich auf jeden Fall sie zu lesen, das kann ich garantieren! - Diese Folge hat gerade erste begonnen, Stück für Stück folgen weitere Beiträge:
Krimis und Thriller - eigentlich ein kunterbuntes Genre




Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller

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