Direkt zum Hauptbereich

Lügen über meine Mutter von Daniela Dröscher - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



L

ügen über meine Mutter 


von Daniela Dröscher 

Gesprochen von: Sandra Voss
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 11 Std. und 40 Min.


Der Anfang: 

Meine Mutter passt in keinen Sarg. Sie ist zu dick, sagt sie. Nach ihrem Tod soll die Asche nicht in einer Urne aufbewahrt werden, sondern einfach über das offene Wasser zerstreut. ... Wir sprechen viel über den Tod. Eigentlich spricht nur sie davon. Es ist ihr Gewicht, das ihr zu schaffen macht, und das, obwohl sie keines der klassischen Leiden hat, die Ärzte dicken Menschen unbesehen attestieren. Ihre Schmerzen sitzen in den Muskeln, den Gelenken. Ich kann über vieles mit meiner Mutter reden. Über fast alles eigentlich. Das Einzige, woran wir nie rühren, ist die Frage nach dem Geld. ... ‹Alle glücklichen Familien ...›, hebe ich an, doch da dreht meine Mutter bereits den schönen Kopf beiseite. ‹Ach was. Unglück.›


Der Titel könnte auch lauten: Mein Vater, der Lügner – oder: Szenen einer Ehe – oder: Mein Vater, das Miststück. Daniela Dröscher erzählt ihre Familiengeschichte, die Geschichte ihrer Mutter, deren Leben von einem Thema dominiert wurde: ihr Körpergewicht. Diese schöne  Frau ist zu fett! So jedenfalls kommentiert es der Vater. Gib uns unser täglich Wort, die tägliche Demütigung der Ehefrau: Du bist zu dick, zu fett, ich kann dich nicht vorzeigen, ich muss mich für dich schämen, das geht so nicht weiter! – so der Vater unermüdlich tagtäglich. Muss sie abnehmen? Ja, das muss sie, entscheidet ihr Ehemann. Die Erzählerin, heute erwachsen, möchte ihre Mutter ins rechte Licht rücken, berichtet von ihrer Kindheit in einem Dorf im Hunsrück der 1980er. Die Mutter ist eine herzliche, verantwortungsvolle, fleißige Frau, eine, die sich für andere einsetzt, sich um sie kümmert. Eine, die alles im Griff hat. Der Vater ist genau das Gegenteil: Ein Möchtegern, der alles in den Sand setzt – das Geld der Mutter zum Beispiel – einer der ohne Absprache entscheidet, der sich alles nimmt, ein rücksichtsloser Typ, der seine Frau kleinredet, kleinhält und ausnimmt. Psychische Gewalt – dieser Mann ist gegenüber seiner Frau ein Gewalttäter, psychischer Missbrauch an der Ehefrau. «Gaslighting», indem er täglich versucht, die Frau gezielt zu verunsichern, zu manipulieren, zu demütigen – bis zum völligen Zusammenbruch. 


Die Schuld projizieren

Seine eigene Unzulänglichkeit, sein Versagen haben eine Ursache für ihn; sei es die Beförderung, die nicht klappt, der soziale Aufstieg, die Anerkennung in der Dorfgemeinschaft – das alles funktioniert nicht, weil SIE zu dick ist. Den ganzen Roman lang möchte man schreien: Warum lässt du dir das gefallen? Warum trittst du diesem miesen, respektlosen Typen nicht in den Allerwertesten und setzt ihn vor die Tür? Natürlich, zu solch einer Ehekonstellation gehören immer zwei! Aber gehen wir juristisch zeitlich zurück in den Anfang dieser Ehe: Hier ging es noch um die Schuldfrage bei der Scheidung. Wer abhaut ist schuld (oder er kann dem anderen Untreue nachweisen) und bekommt gar nichts, im Zweifel nicht mal die Kinder. Der Ehemann durfte über das Kapital (hier das Erbe der Frau) entscheiden, es sozusagen abgreifen, bei der Scheidung steht ihr nur die Hälfte des eigenen Geldes zu. Und wir dürfen nicht vergessen, wie Frauen erzogen wurden: Sei dem Manne untertan; im Zweifel lass dir alles gefallen. Und aus dieser sozialen Gefangenschaft konnte sich Mutter der Erzählerin nie befreien. Still hat sie alles geschluckt, sich nie gewehrt: mit gesundheitlichen Folgen.


Aus dem Vollen schöpfen

Das Leben einer Frau: Der Mann versucht Karriere zu machen, die Frau muss verzichten, in diesem Fall für Kinder, Haushalt, Pflegekind, Pflege der Alten. Sie ist ans Haus gebunden – er zwitschert durch die Gegend: Sport, Urlaub, Liebchen, während sie zu Hause nicht herauskommt, nicht weiß, wo ihr der Kopf steht. Die Mutter hat anfangs einen guten Job als Übersetzerin für Englisch; mit dem Diplom für Französisch könnte sie Chefsekretärin werden, ein höheres Gehalt erhalten. Der Vater neidet ihr den Aufstieg, der ihm nicht gelingen mag. Er gibt ihr die Erlaubnis nur, wenn sie vorher abnimmt und den Kurs selbst zahlt. Sie bekommt den Job, den Kurs fürs Diplom wird sie nicht beenden, eine Schwangerschaft kommt dazwischen und die Pflege der Mutter. Der Vater bedient sich ständig am Geld seiner Ehefrau, ohne zu fragen. Das Haus ist ihm zu klein, das Auto nicht schnittig genug, in der Selbstständigkeit geht er krachend unter, muss beim alten Arbeitgeber darum bitten, wieder eingestellt zu werden ... «Wir haben doch genug Geld», sein ständiges Reden – geht etwas schief, so ist es ihm egal. Es ist das Geld seiner Frau, das er auf den Kopf haut. 


Was kann ein Mensch ertragen?

Beim Lesen könnte man sich ständig übergeben. Die Frage stellt sich immer wieder: Warum schmeißt diese Frau ihren Mann nicht raus? Das ist die Frage, die sich jeder stellt, der in der sozialen Arbeit tätig ist – warum tut ein Mensch das, warum ändert er nichts, wenn er doch kann? Die menschliche Psyche ist kompliziert und sie hat ein großes Volumen der Leidensfähigkeit. Es ist nicht immer einfach, das Handeln, bzw. das Nichtagieren von Menschen zu verstehen. Und leider gibt es bis heute diese verwöhnten Macho-Bubis, die zielgenau eine verschüchterte Frau finden, die sie kleinmachen, kleinreden, versuchen, sie zu beherrschen. Und bevor jetzt einer meckert – das gibt es auch anders herum. 


Eine Familiengeschichte

Der Roman ist aus der Sicht der Tochter geschrieben, zu Beginn rückblickend als Erwachsene – die aber in der Erzählung aus der Sicht des Kindes die Familie beschreibt, stetig reifend. Immer wieder gibt es Einschübe der erwachsenen Tochter, die interpretiert, ebenso Kurzkapitel, die Fachbegriffe erklären. Der Familienoman wurde für den Deutschen Buchpreis 2022 nominiert, gelangte auf die Shortlist. Ein emotionales Drama, eine Familiengeschichte, die emotional berührt, die man aushalten muss. Empfehlung!


Daniela Dröscher, Jahrgang 1977, aufgewachsen in Rheinland-Pfalz, lebt in Berlin. Sie schreibt Prosa, Essays und Theatertexte. Studium der Germanistik, Philosophie und Anglistik in Trier und London, Promotion im Fach Medienwissenschaft an der Universität Potsdam sowie ein Diplom in »Szenischem Schreiben« an der Universität Graz. Ihr Romandebüt »Die Lichter des George Psalmanazar« erschien 2009 im Berlin Verlag, es folgten der Erzählband »Gloria« und der Roman »Pola« sowie das Memoir »Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft« bei Hoffmann & Campe. Sie wurde u.a. mit dem Anna-Seghers-Preis, dem Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds sowie dem Robert-Gernhardt-Preis (2017) ausgezeichnet. Seit Herbst 2018 ist sie Ministerin im Ministerium für Mitgefühl.



Daniela Dröscher 
Lügen über meine Mutter
Gesprochen von: Sandra Voss
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 11 Std. und 40 Min.
Zeitgenössische Literatur, Drama, Familienroman, Gaslighting
Argon Verlag, Audible, 2022
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2022, Hardcover, 448 Seiten



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter von Lukas Bärfuss

Nach «Vaters  Kiste» hat Lukas Bärfuss nun in einem autobiografischen Essay mit dem Leben seiner Mutter abgerechnet. «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod.» 1971 in Thun geboren, die Mutter wohnt eher allein mit ihrem Sohn, bzw. mit vielen Männern. Lukas Bärfuss wächst im Rotlichtmilleu auf; seine Mutter war eine Frau ohne Bildung, die von ihrem Freiheitsverlangen getrieben wurde, in das der Sohn nicht hineinpasste. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen, am Abend stand sie an einer Rotlicht-Bar. Als sie älter war, arbeitete sie als Putzfrau und in einer Wäscherei. Der Junge war nie gewollt, so wurde er auch behandelt – als Rabenmutter titulierte sie sich sogar selbst. Eine Mutter, die ihn hat sitzen lassen in seiner Kindheit und ein System, das dieses Kind hängenließ. Ein wundervolles Buch, schnörkellos geschrieben, das sehr zu Herzen geht. Weiter zur Rezension:    Königin der Nacht – Ein kurzes Buch ...

Rezension - Marie Käferchen von Kai Lüftner und Wiebke Rauers

  Lieblich mit dem Po wackeln, Augenaufschlag, niemals wild und laut – so sollte sie sein. Aber Marie Käferchen hat darauf keine Lust! Ein wildes Käferchen, das auf Punk und Rock abfährt. Und als das Mädel zur Gitarre greift, ist der ganze Wald nur noch genervt. Ein herrliches Bilderbuch zur Stärkung des Selbstbewusstseins. My way! Das rockt: Gedichtform und bezaubernde Grafik! Empfehlung ab 4 Jahren. Weiter zur Rezension:    Marie Käferchen von Kai Lüftner und Wiebke Rauers

Rezension - WAS IST WAS Kraken. Acht Arme und drei Herzen von Dr. Stephanie Helber

  Perlboot , Sepia , Kalmar , Krake, Oktopus alles kompakt über das Leben der intelligenten Oktopusse , ihre Tarnung , Aufzucht und clevere Jagdtechniken . Sie sind wahre Verwandlungskünstler, blitzschnelle Jäger und ziemlich wendig: Kraken gehören zu den faszinierendsten Lebewesen der Ozeane. Sie haben acht Armen voller Saugnäpfe und eine Haut, die ihre Farbe im Bruchteil einer Sekunde ändern kann . Mit ihrer erstaunlichen Lernfähigkeit sind sie uns viel ähnlicher, als wir denken. Klasse Sachkinderbuch ab 8 Jahren über Tintenfische . Weiter zur Rezension:  WAS IST WAS Kraken. Acht Arme und drei Herzen von Dr. Stephanie Helber  

Rezension - Doppeltes Spiel von K.L. Slater

Intro mit KI erstellt   Ein luxuriöser Wolkenkratzer mit dem Namen Orbit, in dem die Reichsten der Reichen zusammenkommen: hier arbeitet die attraktive Alicia als Kellnerin. Als der charismatische Eigentümer des Orbit ihr das Angebot macht seine Freundin zu spielen und dafür ein großzügiges Gehalt zu erhalten, in seinem riesigen Apartment im Orbit zu wohnen, nimmt sie an. Immerhin ist es nur ein Spiel, denn er braucht eine Begleitung, will sich vor den vielen Frauen schützen … bis das Spiel plötzlich mehr zu sein scheint. Langweilig, uninteressant, voller Klischees, sprachlich kraftlos – mehr muss ich nicht sagen.  Weiter zur Rezension:   Doppeltes Spiel von K.L. Slater 

Rezension - Tödliches Angebot von Marisa Kashino

  Margo sucht für ihre hoffentlich bald wachsende Familie eine größere Wohnung, doch die Angebote sind rar. Nach monatelanger frustrierender Suche wird sie in der Nachbarschaft fündig. Sie hört, man wolle in der Nähe demnächst ein Haus verkaufen ... Und so versucht sie sich in die Familie einzuschleichen, das Haus abzusahnen, bevor es überhaupt auf den Markt kommt. Der Klappentext geht bis kurz vor Ende des Buchs, was es nicht besser macht. Die Geschichte schleicht langsam dahin – es fehlt jede Spannung und psychologische Raffinesse . Weiter zur Rezension:    Tödliches Angebot von Marisa Kashino

Rezension - Alte Feinde von Petra Ivanov

Um es gleich vorwegzusagen, mit diesem Thriller küre ich Petra Ivanov zur Queen of Crime der Schweiz. Schon das erste Kapitel ist atemberaubend. Cavalli ist wieder da! Wo hat er nur gesteckt? Der Leser wird es erfahren, Regina Flint noch lange nicht. – dies ist der achte Fall für Cavalli und Flint, wer die anderen sieben nicht kennt, der kann hier problemlos einsteigen. Regina Flint ermittelt derzeit in einem ungewöhnlichen Todesfall, ein Mann wurde mit einer historischen Waffe mit Pulvermunition erschossen. Der Tote ist ein Nachfahr von Heinrich Wirz, eine umstrittene Figur aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Und damit wären wir beim dritten Strang, der in die Zeit des Sezessionskrieges zurückführt. Weiter zur Rezension:    Alte Feinde von Petra Ivanov Petra Ivanov - Lesung Schloss Rapperswil Petra Ivanov, Sabine Ibing - Lesung Schloss Rapperswil

Rezension - Die schwarze Lilie von Dirk Schümer

  Intro mit KI erstellt 1348: In der Finanzmetropole Florenz wütet die Pest in den letzten Zügen, während die Söhne des mächtigen Bankiers Pacino Peruzzi nacheinander ermordet werden. Wittekind Tentronk, den es als Agent des Patriarchen aus Avignon an den Arno verschlagen hat, soll recherchieren, die Familie beschützen. Nebenbei erzählt der Autor von der größten Bankenpleite dieser Zeit, von Pest, aber auch von Wittekinds Liebe zu der schönen Marktfrau Cioccia und einem illustren Freundeskreis um den erfolglosen Poeten Boccaccio und Dantes versoffenen Sohn Jacopo . Ein außergewöhnlich guter historischer Krimi. Weiter zur Rezension:   Die schwarze Lilie von Dirk Schümer 

Rezension - Leere Häuser von Brenda Navarro

Intro mit KI erstellt Nur für einen kurzen Moment war seine Mutter in die Nachrichten auf ihrem Mobiltelefon vertieft gewesen, als der dreijährige Daniel vom Spielplatz verschwindet. Eine Unbekannte hat den Jungen mitgenommen und sich so den ersehnten Kinderwunsch erfüllt. Sie nennt ihn Leonel. Beide Frauen erzählen von ihrem Schmerz, ihrer Verzweiflung und ihren Schuldgefühlen. Beide reflektieren ihre Liebesbeziehungen und Lebensträume. Psychologisch gut aufgebaut, hervorragender Roman, lateinamerikanische, feministische Literatur . Weiter zur Rezension:    Leere Häuser von Brenda Navarro

Rezension - Curry: Die besten Rezepte von Indien bis Japan von Jimmy Guo

  Intro mit KI erstellt Kaum ein Gericht ist internationaler als ein «Curry». Wobei es das eine Curry natürlich nicht gibt. Denn in jedem asiatischen Land gibt es andere Varianten, die so unterschiedlich wie die Länder selbst sind – in jeder Familie die eignen Rezepte. Was als indischer Eintopf begann, hat sich weltweit als beliebte Speise verbreitet. Currys haben eine jahrtausendealte Reise hinter sich gebracht, die durch koloniale Machtstrukturen globalisiert wurde und sich heute als kulinarisches Chamäleon in fast jeder Kultur wiederfindet. In diesem Kochbuch finden wir aus Indien, Thailand , Sri Lanka , Singapur , Japan und Weltküche – dazu Kulinarisches, Wissenswertes und Tipps. Klasse Rezepte zu Currys, Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Curry: Die besten Rezepte von Indien bis Japan von Jimmy Guo

Rezension - Impossible Creatures von Kathrine Rundel Der vergiftete König

Intro mit KI erstellt   Dieses Mal steht neben Christopher das Mädchen Anya im Vordergrund. Ihr Großvater, der König, wird heimtückisch ermordet. Ihr Vater wird des Mordes beschuldigt und als Anya selbst in Gefahr gerät, muss sie fliehen. Gemeinsam mit Christopher, dem Hüter der Fabelwesen, muss sie nun ihren Vater retten und das magische Reich vor dem Untergang bewahren. Spannende Fantasie ab 10 Jahren! Weiter zur Rezension:   Impossible Creatures von Kathrine Rundel Der vergiftete König