Direkt zum Hauptbereich

Das Vorkommnis von Julia Schoch - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Das Vorkommnis 


von Julia Schoch 

Teil 1 der Trilogie «Biographie einer Frau»


Der Anfang: 

An dem Tag, einem Dienstag im Dezember, war ich zu Gast im Kulturhaus einer norddeutschen Stadt und las aus meinem neuen Roman vor. Nach der Veranstaltung trat eine Frau zu mir an den Tisch, an dem ich noch sitzen geblieben war, um das eine oder andere Buch zu signieren. Sie schob mir ihr Exemplar hin. Während ich mich darüberbeugte und meinen Namen hineinzuschreiben begann, sagte sie:

Wir haben übrigens denselben Vater.


Eine Schriftstellerin wird am Ende einer Lesung von einer Fremden angesprochen, die behauptet, sie hätten beide denselben Vater. Kommunikation zu Ende. Es gibt keinen Austausch zwischen den beiden, aber die Begegnung löst in der Autorin eine Welle von Emotionen aus. Fragen drängen sich auf, über Ehe und Mutterschaft, über Adoption und andere Familiengeheimnisse, über das Thema Wahrheit an sich. 


Die Autorin zweifelt nicht am Wahrheitsgehalt der Aussage der Frau, denn sie weiß, dass es irgendwo ein anderes Kind gibt; ihre Mutter hatte davon berichtet – der Ausrutscher des Vaters. Die Mutter hatte durch Zufall den Beleg zu einer Unterhaltszahlung gefunden, damals noch in der DDR. Doch das Thema hatte sich erledigt, da die Mutter das Kind zur Adoption freigab, wohin auch immer, jeglichen Verpflichtungen war der Vater nun entbunden. Die Autorin ruft ihre Schwester an, doch die will davon nichts von der dritten wissen. Soll sie die Geschichte ruhen lassen oder recherchieren, Kontakt aufnehmen? Letztendlich entscheidet sich die Autorin, alles beim Alten zu lassen. Doch innerlich ist sie aufgewühlt. 


Ich erwähne diese alltäglichen Verrichtungen, weil die meisten überraschenden Vorfälle in unserem Leben gleichsam nebenbei passieren. Wir setzen nicht aus. Wir halten nicht inne.


Autofiktional überdenkt die Icherzählerin das Konzept Familie, geht episodenhaft zurück in die ihre Familiengeschichte, die sich als brüchig erweist. Familie, Ehe, Mutter zu sein, DDR-Geschichte – ihre Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben geht über in eine fast hysterische Ablehnung gegenüber ihrem Ehemann. Die Autorin erhält nun einen Gastvertrag in den USA, wo sie an einem College deutsche Literatur lehrt. Mit Mutter und Kindern zieht sie sich dorthin zurück und die Distanz ermöglicht ihr, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, sich über ihre Zukunft klar zu werden.


... in der es üblich war, dass die Eltern abends ausgingen, während die Kinder in der Wohnung zurückblieben.

In der es außerdem üblich war, dass ein Kind allein mit dem Rad zum Kindergarten fuhr. Einen Weg von beinah zwei Kilometern, der am Wald entlangführte und im Sommer durch den Zuckersand beschwerlich war, man musste absteigen und schieben.


Interessant sind Kindeserinnerungen der Protagonistin, «der Klang dessen, was üblich ist». Ein privilegiertes Kind, das glaubte, die Familie sei reich – nach dem Mauerfall erst begriff sie, «was wirklich Reichtum ist». In diesen Strängen war ich bei der Autorin, Rückblicke in die Vergangenheit. Es ist keine fließende Erzählung, sondern eher eine essayistische Ansammlung von inneren Ansichten, teils recht sprunghaft, manches wirkt wie ein Tagebucheintrag. Ich war etwas erstaunt, weshalb die Autorin die kurze Begegnung völlig aus der Bahn geworfen hat. Nachvollziehbar, wenn sie von der Existenz der Halbschwester nichts gewusst hätte. Aber die Sache wurde eingehend in der Familie diskutiert, war detailliert bekannt – dann jedoch unter den Teppich gekehrt. 


Immer gibt es etwas, das mich zurückzieht, der Vergangenheit zu, einem Sumpf, dem ich vergeblich zu entkommen versuche.


Die Ich-Erzählerin spricht den Lesenden direkt an, blättert sich auf. Der Lesende fühlt sich fast als stummer Therapeut, der geduldig den inneren Ängsten einer Frau lauscht, nicht weglaufen kann. Schriftstellerisch erstklassig geschrieben und mit klugen, präzisen Gedankengängen der Selbstreflexion hat mir der Roman gut gefallen. Inhaltlich konnte ich der Hysterie, in die sie sich hineinsteigert, nicht immer ganz folgen; die Protagonistin blieb mir weitgehend fern mit ihrem depressiven Sound. Sie nähert sich sich selbst durch das Schreiben; hält sich aber auf Distanz: spricht von ihrem Mann, dem älteren Kind und dem jüngeren Kind – Menschen, die ihr plötzlich fremd werden. Durch das Schreiben findet sie zur Struktur ihres Lebens zurück, kann sich gestärkt neu aufstellen. Ein interessanter Roman einer schonungslosen Selbstreflexion.


Der Konjunktiv brach in mein Leben ein. Ich fing an, in einer Welt der Möglichkeiten zu leben, der Welt der Verdächtigungen und des Misstrauens.


Julia Schoch, 1974 in Bad Saarow geboren, aufgewachsen in der DDR-Garnisonsstadt Eggesin in Mecklenburg, lebt nach Aufenthalten in Bukarest und Paris als freie Schriftstellerin und Übersetzerin in Potsdam. Für ihr von der Kritik hochgelobtes Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, auch für ihre Übersetzungen französischer Literatur. Nach ihrem Erzähldebüt «Der Körper des Salamanders» veröffentlichte sie Romane. Für ihr schriftstellerisches Gesamtwerk wird ihr 2022 die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung verliehen.


Julia Schoch 
Das Vorkommnis
Teil 1 der Trilogie «Biographie einer Frau»
Zeitgenössische Literatur
Gebunden, 192 Seiten
dtv Verlag, 2022





Das Liebespaar des Jahrhunderts von Julia Schoch

Eine Frau will ihren Mann nach 31 Jahren verlassen. «Ich liebte dich sofort», berichtet die Icherzählerin und beschreibt schnörkellos, den Werdegang ihrer Ehe. Sprachgewaltig, mit wunderschönen Szenen filetiert sie ihre Beziehung, schildert mit feiner Beobachtungsgabe und schonungsloser Selbstreflexion. Das macht den Roman lesenswert, sprachlich ein Genuss. Gleichzeitig ist mir die Icherzählerin von der ersten bis zur letzten Seite auf die Nerven gegangen. Das liegt in der Persönlichkeit der Erzählerin. Der Roman ist keine Abrechnung, sondern die Beschreibung von einem Netz aus kleinen Rissen, die zum Sprung führen. Das Gegenstück aus seiner Sicht würde ich gerne lesen! Literarisch ist der Roman ein Meisterstück, aber für diesen Seelen-Striptees benötigt man Nerven – zumindest ging es mir so. Das trübsinnigste Liebespaar des Jahrhunderts!

Weiter zur Rezension:   Das Liebespaar des Jahrhunderts von Julia Schoch


Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Rezension - Der Fluch des Hasen von Bora Chung

  Bora Chungs «Der Fluch des Hasen» entzieht sich jeder literarischen Schublade und verwischt die Grenzen zwischen den Genres, ob magischer Realismus, literarischer Horror, Phantastik oder Speculative Fiction. Diese Kurzgeschichten sind klasse! Skurrile, unheimliche, intelligente Geschichten, die uns mit Gänsehaut überziehen. Die Titelgeschichte fand ich genial! Ein einfacher geliebter Haushaltsgegenstand ist mit einem Fluch belegt und bringt nun Unglück in eine Familie. Oder eine heftige Mensch-Android-Liebesgeschichte.  Oder «Narben», ein düsteres, gemeines Märchen. Klasse! Weiter zur Rezension:    Der Fluch des Hasen von Bora Chung 

Rezension - Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall

  Die Kunst des guten Essens vor dem Essen Der Aperitivo gehört in Italien schon lange zur Alltagskultur, wie in der Schweiz der Apero, und auch hierzulande wächst der Trend, den frühen Abend mit Sarti Spritz und Negron zu feiern. Und welche regionalen Unterschiede gibt es zwischen Turin , Mailand , Venedig , Rom und Palermo ? Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall stellen die Aperitivi und Bitter vor, auch die  alkoholfreien Alternativen. Dann folgen die Rezepte zu den kleinen Köstlichkeiten, die zum Feierabendritual gehört. Wer Anregungen zum Mixen von Aperos sucht, Rezepte zu kleinen Appetithappen als Beilage, wird hier auf jeden Fall fündig! Weiter zur Rezension:    Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall 

Rezension - Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adria von Ines Cali

  Iva Markulin, Staatsanwältin in Zagreb , lässt sich in diesem Politkrimi nach Pula versetzen, als ihr Mann bei einem Attentat ums Leben kommt. Wem galt die Autobombe, die an ihrem Auto befestigt wurde? Ihm oder ihr? Mit ihrem kleinen Sohn Matteo zieht sie zu ihrem Großvater, der auf dem Familiengut Terra Rossa in Istrien Olivenöl produziert. Hier ruft sie eine Sonderkommission ins Leben, als deren Leiterin sie die Mörder ihres Mannes ausfindig machen will. Sie hat den Ruf der «Mafiajägerin», lernt schnell das Who is Who an Istriens Küsten kennen, denen es nicht passt, dass ihnen jemand auf die Finger schaut.  Spannender Wirtschaftskrimi , Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adriavon Ines Cali

Rezension - Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

  Der Kinder- und Jugendroman entblättert sich als packendes Survivalabenteuer vor dem Hintergrund des Klimawandels in der Arktis. In einem Rutsch durchgelesen – ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen: Zunächst lernen wir abwechselnd Bee und Yutu kennen, deren Wege sich später kreuzen werden – ein Kampf ums Überleben beginnt, und der gegen die Männer, die Bee auf der Spur sind, sie gefangen nehmen wollen. Abenteuer in der Arktis und Freundschaft bis zum Limit. Hervorragender Kinder- und Jugendroman ab 10/11 Jahren und weit darüber hinaus. Weiter zur Rezension:   Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

Rezension - Verwandlung von Lara Swiontek

  Nach der Novelle von Mary Shelley Was fällt einem zu Mary Shelley ein? Wahrscheinlich «Frankenstein» oder vielleicht noch «Der moderne Prometheus». Die Verwandlung – Kafka, na klar. Aber auch Mary Shelley hat sich mit diesem Thema befasst: Verwandlung. Lara Swionteks hat diese Geschichte als Graphic Novel umgesetzt, eine Literaturadaption. Sie ist schnell erzählt: Reicher, gewissenloser Sohn verschleudert sein Erbe, stößt alle Menschen an den Kopf, die noch zu ihm halten und landet bildlich in der Gosse – hier ist es das Meer. Ein Schiff zerschellt vor seinen Augen – nur ein Zwerg mit einem Schatz überlebt und macht ihm ein Angebot ... Weiter zur Rezension:    Verwandlung von Lara Swiontek

Rezension - Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez

  Leigh Calvez erforscht als Wissenschaftlerin seit vielen Jahren das Leben der Wale. Hier erzählt sie sehr persönlich von ihren Begegnungen mit den Giganten der Tiefsee, darunter familiäre Orcas, weit wandernde Buckelwale oder uralte, tief tauchende Blauwale, die größten Tiere des Planeten.  Nebenbei erfährt man in diesem Buch viel über das Leben und Verhalten von sechs Walarten: Orcas, Buckelwale, Pottwale, Blauwale, Grauwale und Blainville-Schnabelwal, bzw. den Kleinen Schwertwal. Weiter zur Rezension:    Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez 

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl

  Die Politiker reden im Fernsehen über die faulen Armen, während Sonjas Ehemann als Leiharbeiter am Bau seinen Rücken verschleißt. Sie verkauft im Bio-Laden teure Tees. Und trotzdem reicht es mit zwei Kindern am Ende des Monats vorn und hinten nicht. Als sie dann ihre Arbeit verliert, weil sie unbezahlten Urlaub nimmt, um im Krankenhaus bei ihrem Sohn zu sein, bricht alles zusammen. Bald hat sie eine neue Arbeit: Mit dem Profil einer schönen, jungen Studentin soll sie nichtsahnende Männern auf einer Datingplattform lange in der Leitung halten. Weiter zur Rezension:    Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl