Direkt zum Hauptbereich

Abendflüge von Helen Macdonald - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Abendflüge 


von Helen Macdonald


Sie [Mauersegler] am Himmel ziehen zu sehen ist beinahe unerträglich berührend. Sie ähneln Sternen, Glutfunken, langsamen Leuchtspurfeuern. Selbst durch das Fernglas sind die, die höher fliegen, winzig, geisterhafte Lichtpunkte. Ich weiß, dass sie die locker gekrümmten Zehen an die Brust gezogen haben, dass ihre Augen leuchten und ihre Knochen zart sind und dass sie von dem Willen, nach Norden zu fliegen, angetrieben werden, Nacht für Nacht.


Später versammeln sie sich höher oben am Himmel. Und dann auf einmal steigen sie höher und höher, bis sie aus dem Sichtfeld verschwinden. Dieses Verhalten wird abendlicher Steigflug genannt oder im Englischen - poetischer - vesper flights, Abendflüge, nach vesper, dem lateinischen Wort für Abend.


Dieser Essayband enthält kleine Geschichten über das Spazierengehen, über die Natur. Aber das ist es nicht allein, denn Helen Macdonald schlägt den Bogen vom Kleinen ins Große. Ob sie von Migräneattacken geplagt, die sie sehr dezidiert beschreibt, die Ankündigung, die man ignoriert, bis der Schmerz anschwillt, sich wie eine Regenwolke von 300 Litern pro Quadratmeter ergießt und den gesamten Körper mit Schmerz überflutet; und sie dann auf den Weltschmerz, die Zerstörung der Umwelt, zur Klimakatastrophe überlenkt. Ob sie nun von Mauerseglern, Nestern, Ameisen, Möwen, Hasen, Hirschen, Füchsen oder Wildschweinen, von Pilzen, Gewitter und Vogelwarten berichtet, stets gibt es Gedanken, die mit dem Menschen verbunden sind. Vorsichtig dem Pirol auf der Spur oder durch das Röhricht kriechend lange ausharrend, um ein Tier zu entdecken, die Autorin nimmt uns mit. Sie berichtet von interessanten und schrulligen Hobbys der Briten. Gerade nach den Weltkriegen war in Großbritannien das Hobby der Ornithologie hoch im Kommen – die Sehnsucht zur Natur, das Entspannen und Vergessen, frei zu sein, wie ein Vogel. 


Spaziergänge in Wald und Flur, in der Stadt

Migräneattacken: Sie sind wie Regen, eine Kugel, die eines Morgens Tage nach der Androhung von Gewalt erst noch in der Kammer steckt. Eine Kugel, die durch eine Sperrvorrichtung rutscht und in den Schlitz deines Rückenmarks fällt ...


Mit «H wie Habicht» wurde Helen Macdonald als erfolgreiche Autorin des Nature Writing gefeiert. Mit «Falke» legte sie nach. Vögel sind ihr Metier, schon als Kind sammelte sie verlassene Nester und sezierte sie, legte tote Vögel auf Ameisenhaufen, um später die sauber abgefressenen Skelette zu untersuchen; sie selbst hält zu Hause einen Papagei. Sie beginnt den Band mit einem Essay über Nester und über einen toten Mauersegler, den sie einst fand; Vögel, die fast niemals den Boden berühren, am Abend als Schwarm in dünne Luftschichten aufsteigen, weit über die Wolken hinaus, die im Fliegen schlafen. Sie beobachtet und erzählt von Phänomenen, berichtet aus ihrer Kindheit, von Jagdgepflogenheiten der Briten. 


Nature Writing und die Bedeutung der Natur


Bei den meisten boxenden Feldhasen handelt es sich um Häsinnen, die sich der sexuellen Avancen ihrer männlichen Artgenossen erwehren. Sie stellen sich auf die Hinterläufe und versuchen, sie in die Flucht zu schlagen – die tierische Entsprechung einer Form von Gewalt, die ebenfalls ein Merkmal unserer Gesellschaft ist, wenngleich wir erst in jüngster Zeit begonnen haben, offen darüber zu sprechen.


Die Autorin nimmt sich gesellschaftlicher Probleme an und wird auch politisch, soweit man das überhaupt auseinanderhalten kann. Brexit, Rassismus, ein im Stich gelassener Flüchtling, beschäftigen die Autorin. Boxende Hasen – wie können wir (sie) darauf kommen, es handle sich um Männchen, die sich um ein Weibchen schlagen? Es gibt solche Arten, dazu gehört auch der Mensch. Die Natur ist großartig und voller Überraschungen. Hier wehren sich die Weibchen gegen sexuelle Übergriffe. Der Hase, ein magisches Wesen, es gibt nur noch wenige auf der Welt. «In Großbritannien ruft das Töten eines Schwans noch heute ungeheure Entrüstung hervor.» Der Schwan gilt als Symbol des Royalen, und es gleicht einem Angriff auf die Monarchie, fast einen Terroristen gleich, wenn jemand einen Schwan angreift. Geschichtliches, Mythen und Märchen, manche dieser 41 Essays sind knapp, fassen eine gute Seite, andere bringen es fast auf 20 Seiten, einige enden unvermittelt. Ein feines Natur Writing Buch, das aber darüber hinausgeht, mit Fragestellungen an den Menschen und seiner kulturellen Entwicklung, Gedanken dazu, wie die Welt vielleicht zu retten ist und die Frage, ob die Menschheit das will. Der Mensch ist nur ein kleines Rädchen im Getriebe, die Natur schert sich nicht um uns. Wir sollten aber aufpassen, dass wir nicht herausgeworfen werden.



Ich wollte nicht, dass sie wussten, was ich da tat, weil die Kultur des Beobachten von Vögeln in freier Wildbahn zwar die gesellschaftliche Akzeptanz des Weintrinkers besitzt, sich das Halten von Vögeln aber eher wie legalisiertes Canabisgebrauch anfühlt.


Helen Macdonald ist Autorin, Dichterin, Illustratorin und Wissenschaftshistorikerin. Ihr Buch H wie Habicht wurde zum international gefeierten Bestseller, der u. a. mit dem Samuel-Johnson-Preis, dem Prix du Meilleur Livre Etranger und als Costa Book of the Year ausgezeichnet wurde. Sie schreibt regelmäßig für das New York Times Magazine und lebt in Suffolk.



Helen Macdonald
Abendflüge
Essays, Naturkunden, Nature Writing
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Kretschmer
Gebunden, 352 Seiten
Hanser, 2021



Falke von Helen Macdonald 

Ein Buch, das in keinem Genre Platz hat; ich würde es schlicht als die Hommage an den Falken bezeichnen: Der Mensch und seine Beziehung zum Falken im Laufe der Jahrhunderte in verschiedenen Kulturepochen. Aus jeder Seite sprüht die Begeisterung für diesen Vogel hervor. Denn Falken sind nicht nur die schnellsten Tiere der Erde, sie haben bei dem Menschen im Laufe seiner Kultur Spuren hinterlassen. Der Falke ist nicht einfach ein Vogel, ein Raubvogel, sondern er ist ein Symbol. Helen Macdonald schafft in diesem Sachbuch eine Verbindung von Natur- und Kulturgeschichte, mit Leidenschaft erzählt, eine Monographie, die viel vereint und gerade darum Spaß macht zu lesen.

Weiter zur Rezension:   Falke von Helen Macdonald 



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler

  Mischa und Nits sind beste Freunde. Mischa liebt die Poems von Nits. Und der bewundert Mischa, weil er schlau ist und ein wandelndes Lexikon über Tiere zu sein scheint. Lügen geht gar nicht, so Nits Überzeugung. Darum fragt er sich, warum Mischa dem Lehrer weismachen will, er hätte eine Chlorallergie, als der Schwimmunterricht beginnt – Nits erzählt er, die Badehose sei von Mäusen angefressen worden. Überhaupt scheint Mischa in Schwierigkeiten zu stecken – doch wohl eher sein Vater ... Nits betritt in dieser Familie plötzlich eine völlig andere Welt – die der Armut. Aber das ist ein Unterthema – Mischas Vater ist untergetaucht; Mischa und Nits werden ihn nicht im Stich lassen – aber das könnte gefährlich werden ... Spannung, Humor und ein wenig Tragik machen das Buch zu einem Leseerlebnis. Meine Empfehlung ab 11 Jahren für diesen exzellenten Kinderroman.  Weiter zur Rezension:    Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Rezension - Urknall: Livs und Iggys unglaubliche Reise durch die Evolution von Reidar Müller, Sigbjørn Lilleeng

  Die Geschichte des Lebens als Comic-Abenteuer Wie begann das Leben auf der Erde ? Welche Tiere lebten vor den Dinosauriern ? Und wie entstand der Mensch ? Diese großformatige Graphic Novel nimmt junge Leser mit auf eine faszinierende Zeitreise durch die Geschichte des Lebens . Liv fährt mit dem kleinen Saurier Iggy ungefähr 4.567 Millionen Jahre zurück in die Vergangenheit, zum Urknall, zur Ursuppe – und Iggy erklärt Liv die Evolution und sie reisen zurück Step by Step. Komplexen Fragen werden in der Graphic Novel kindgerecht erklärt. So lernen schon kleine Weltentdecker, dass das Leben aus vielen Facetten besteht. Wissens-Comic ab 8 Jahren. Klare Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Urknall: Livs und Iggys unglaubliche Reise durch die Evolution von Reidar Müller, Sigbjørn Lilleeng

Rezension - Ich schweige für dich von Harlan Coben

  Gesprochen von Detlef Bierstedt Gekürztes Hörbuch, Spieldauer: 8 Std. und 49 Min. Adam Price lebt den amerikanischen Traum: Der Anwalt ist glücklich verheiratet, stolzer Vater zweier Söhne. Doch dann ruft ihn ein Fremder an, der behauptet, seine Frau Corinne hätte ihm, dem Ehemann, vor einiger Zeit ihre Schwangerschaft nur vorgetäuscht. Corinne war vor ein paar Jahren schwanger, hatte das Kind verloren – das alles in einer Ehekrise. Aber warum soll Adam den Quatsch glauben?, sagt er sich. Doch der Unbekannte gibt Hinweise, wie Adam zu den Beweisen finden kann. Nach einigem Bedenken sucht Adam nach einem Corpus Delicti und wird fündig! Spannender Thriller – Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Ich schweige für dich von Harlan Coben

Rezension - Inspektor Mouse und der Gang in die Tiefe von Caroline Ronnefeldt

  Der Miezcedes steht unter der Katzanie. Sekretärin Mimi Stubenrein, Prokurist Kralle, Syndikus Tigerius Seidig, Kasimir Bart, Präsident Puschel, Sergeant Fischgrät … die Karthäuser Bank, ein mit Kratzbaumholz getäfelter Flur, ein von schweren rauchgrauen Samtportieren umrahmtes Bogenfenster, ein Tresor der Firma Schleicher & Söhne … Der Jugendkrimi ab 14 Jahren hat mich in seiner Wortspielerei und Atmosphäre anfänglich beeindruckt. Mit viel Humor, gespickt mit literarischen Anspielungen, ermitteln in Kratzburg Katzen mit krallenscharfem Verstand! So der erste Eindruck. Leider konnte mich der Katzenkrimi trotz allem nicht ganz begeistern, schon gar nicht als Jugendliteratur.  Weiter zur Rezension:    Inspektor Mouse und der Gang in die Tiefe von Caroline Ronnefeldt

Rezension - Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi

Die kleine Spitzmaus lebt ganz allein ein ziemlich strukturiertes Leben, funktioniert wie ein Uhrwerk. Jeden Morgen dieselben Rituale: Frühstück, ab zur Arbeit, wo die fleißige Angestellte ihren Job macht. Vom Morgen bis zum Abend ein strenger Zeitplan. Es gibt nur wenig Abwechselung. Die Maus ist mit diesem Leben zufrieden, lebt im Einklang mit ihrem Rhythmus. Die Geschichte beschreibt die japanische Lebensphilosophie Ikigai , die das Glück im Kleinen sucht und findet. Bilderbuch ab 5 Jahren, Empfehlung. Weiter zur Rezension:    Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi 

Rezension - Weiß die KI, dass sie nichts weiß? von Katharina Zweig

  Chatbots wie ChatGPT und Co helfen uns bei der Arbeit, in der Freizeit. KI-Agentensystemen beantworten Fragen, schreiben eigenständig Texte, erledigen Suchaufgaben. Doch wie genau funktionieren die Sprachmodelle : Haben sie intellektuelle Fähigkeiten? Sie können weder denken, noch sind sie intelligent – sie basieren auf Musterfindung dessen, was der Mensch ihnen eingegeben hat. Katharina Zweig, Informatikprofessorin, zeigt, was ChatGPT und Co. wirklich können und und vielleicht niemals können werden. Zweig gelingt es, komplexe Zusammenhänge zwischen KI, Fehlerverhalten und Ethik verständlich zu machen, die Grenzen aufzuzeigen. Ein feines Sachbuch, das Sprachmodelle, KI, in seiner Funktionsweise verständlich erklärt. Weiter zur Rezension:    Weiß die KI, dass sie nichts weiß? von Katharina Zweig