Direkt zum Hauptbereich

Zwei von jedem von Rebecka Lagercrantz und Rose Lagercrantz - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Zwei von jedem 


von Rebecka Lagercrantz und Rose Lagercrantz



Renn, wenn du kannst!


Siebenbürgen in den 1940er-Jahren: Eli und Luli sind neun Jahre alt und unzertrennlich. Lulis Mutter ist verstorben, der Vater in die USA ausgewandert, um erfolgreich zu werden; sie wohnt bei ihrer Tante. Elis Vater ist verstorben und er wohnt mit der Mutter beim alten Isaak, einem Stoffhändler, dem sie in Haushalt und Laden hilft. Das Lieblingsspiel von Luli und Eli ist laufen; sie starten ein Wettrennen nach dem anderen. Und die beiden haben vor Vampiren eine maßlose Angst. Als Eli plötzlich schwer krank wird, kommt Luli ihn jeden Tag besuchen. Halbwegs genesen, aber er ist immer noch schlapp, gibt sie ihm Heilwasser aus der Quelle vom Berg Szalavan zu trinken; sie ist extra für ihn hinaufgestiegen – sagt sie. Und Eli wird gesund! Herrlich, was ihm Luli später als Erwachsene zu dem Wasser erzählt ...  Nun erhält Luli das ersehnte Schiffsticket von ihrem Vater, um ihm nach Amerika folgen. Eli bleibt traurig zurück, doch Luli gibt ihm das Versprechen, ihn nachzuholen. Eli feiert seine Bar-Mizwa und die Zeiten werden schwieriger für Juden. Der Zweite Weltkrieg beginnt und nun müssen Juden sichtbar einen gelben Stern tragen. Es wird noch schlimmer, Juden werden aus ihren Häusern vertrieben und nach Auschwitz deportiert. Eli überlebt, wird nach dem Krieg als Jugendlicher von Schweden aufgenommen. Er schlägt sich durch als Arbeiter. Doch dann erreicht ihn ein lang ersehnter Brief aus New York …




Die Geschichte bewegt, eine Kinderfreundschaft, die über die lange Zeit von der Sehnsucht getrieben wird, wieder zueinanderzufinden – und es gelingt. Man erfährt etwas über jüdisches Leben und Gebräuche, ganz langsam tastet sich Rose Lagercrantz an den Holcaust heran. Die Vampire stehen letztendlich für Antisemiten. Für einen Erwachsenen ist das klar ersichtlich, doch für ein Kind? Natürlich ist es schwierig, Kinder an das Thema heranzuführen. Eli beschreibt in Kürze die Veränderung: Schulverbot, Judenstern, das Verbot, ein Radio zu besitzen, dann immer schlimmere Vorschriften, die Schließung des Ladens, Deportation im Viehwaggon, das Gefühl, wie er an der Selektionsrampe von Auschwitz gewaltsam von seiner Mutter getrennt wird, die das Lager nicht überlebt. Es war das letzte Mal, dass er sie sah, auch der alte Isaak verstarb, wie Millionen anderer Menschen. Mit seinem Bruder Adam kommt Eli nach Bergen-Belsen, überlebt schwer an Typhus erkrankt. Die KZ-Zeit bleibt in dem Buch eine Leerstelle. Eli wird später von Kindern und Enkeln befragt, gebeten, etwas von der Zeit des Holocaust zu erzählen. Er erklärt, dass es Dinge im Leben gibt, über die man nicht reden mag. Wer nicht reden mag, der kann schreiben, sagen die Enkel – damit die Nachwelt diese Zeit nie vergisst, so der Rat der Nachkommen.


In meinem Leben gibt es zwei von jedem – doch nur eine Luli.


Eine Liebesgeschichte in der Shoah, untermalt mit kleinen Aquarellen von Rose’s Tochter Rebecka Lagercrantz. Es sind kleine Vignetten, Tuschzeichnungen, die die Essenz aus dem Text ziehen: die Landschaft in Siebenbürgen, der Friedhof, glückliche Kinder, jüdische Symbole – Juden mit dem gelben Stern bei der Deportation, das Tor von Auschwitz – das glückliche Ende. Das Buch ist für das Lesealter ab 9 Jahren ausgewiesen. Es sind kurze Sätze, der Text ist in sehr großer Schrift für Leseanfänger gesetzt. Das halte ich eher für ab 7 Jahren geeignet, auch inhaltlich. Es ist eine zarte Herangehensweise den Holocaust zu erklären, kurz, angedeutet – und es ist eine wundervolle Geschichte über Freundschaft und Liebe. Neunjährigen kann man meiner Meinung nach kleinere Schrift und mehr Inhalt über die NS-Zeit zumuten, die Kinderliteratur hat viele kindgerechte Geschichten zum Thema zu bieten. Alles in allem ein bewegendes Buch.


Rose Lagercrantz, geboren 1947 in Stockholm (Schweden) arbeitete für Rundfunk und Fernsehen, bevor sie begann Kinderbücher zu schreiben. Für ihr Gesamtwerk wurde sie mit der Nils-Holgersson-Plakette und dem Astrid-Lindgren-Preis ausgezeichnet. Für «Das Mädchen, das nicht küssen wollte» (Antiquariat) erhielt sie den August-Preis, Schwedens wichtigsten Literaturpreis.

Rebecka Lagercrantz, geboren 1972, ist Kinderärztin und Künstlerin. Sie malt, bildhauert und illustriert Kinderbücher. Mit ihrem Mann und ihren Kindern lebt sie in Stockholm.



Rebecka LagercrantzRose Lagercrantz 
Zwei von jedem
Aus dem Schwedischen übersetzt von Angelika Kutsch
Kinderbuch, Holocaust, jüdisches Leben und Gebräuche, Freundschaft
Hardcover, 120 Seiten, 19,0 cm x 13,2 cm
Moritz Verlag, 2021
Lesealter: ab 9 Jahren



Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
Kinder- und Jugendliteratur

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler

  Mischa und Nits sind beste Freunde. Mischa liebt die Poems von Nits. Und der bewundert Mischa, weil er schlau ist und ein wandelndes Lexikon über Tiere zu sein scheint. Lügen geht gar nicht, so Nits Überzeugung. Darum fragt er sich, warum Mischa dem Lehrer weismachen will, er hätte eine Chlorallergie, als der Schwimmunterricht beginnt – Nits erzählt er, die Badehose sei von Mäusen angefressen worden. Überhaupt scheint Mischa in Schwierigkeiten zu stecken – doch wohl eher sein Vater ... Nits betritt in dieser Familie plötzlich eine völlig andere Welt – die der Armut. Aber das ist ein Unterthema – Mischas Vater ist untergetaucht; Mischa und Nits werden ihn nicht im Stich lassen – aber das könnte gefährlich werden ... Spannung, Humor und ein wenig Tragik machen das Buch zu einem Leseerlebnis. Meine Empfehlung ab 11 Jahren für diesen exzellenten Kinderroman.  Weiter zur Rezension:    Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler 

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi

Die kleine Spitzmaus lebt ganz allein ein ziemlich strukturiertes Leben, funktioniert wie ein Uhrwerk. Jeden Morgen dieselben Rituale: Frühstück, ab zur Arbeit, wo die fleißige Angestellte ihren Job macht. Vom Morgen bis zum Abend ein strenger Zeitplan. Es gibt nur wenig Abwechselung. Die Maus ist mit diesem Leben zufrieden, lebt im Einklang mit ihrem Rhythmus. Die Geschichte beschreibt die japanische Lebensphilosophie Ikigai , die das Glück im Kleinen sucht und findet. Bilderbuch ab 5 Jahren, Empfehlung. Weiter zur Rezension:    Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi 

Rezension - Balaclava von Campbell Jefferys

  Mara, eine Polizistin aus Berlin ist jeden Tag mit Gewalt konfrontiert. Die meisten ihrer Kollegen sind diszipliniert, korrekt. Aber es gibt auch gewaltbereite Typen mit rechten Sprüchen, die sich feindlich gegenüber Ausländern und Frauen verhalten. Mara stammt allerdings aus Hamburg und so liegt es nahe, dass man sie undercover nach Hamburg sendet, damit sie sich unter die linken Gruppen mischt, herauszufinden, wer bei einer Demo den einen Polizisten ermordet hat. Mara hat das Video gesehen – der Polizist sackt zusammen, neben ihm ein junger Mann, dessen Gesicht mit einer Balaclava verdeckt ist. Mara hat ihn erkannt! Diese Augen gehören ihrem Bruder! Und der würde niemanden umbringen. Ein Thriller mit Potential, allerdings zu aufgeblasen, zu viele handwerkliche Fehler. Weiter zur Rezension:     Balaclava von Campbell Jefferys

Rezension - Was uns Angst macht: Bilderbuch von Fran Pintadera und Ana Sender

  Wie man die Angst loswird, indem man sie annimmt - ein zartes Bilderbuch, das zum gemeinsamen Gespräch über Angst als Teil des Lebens einlädt. Der Vater erklärt, dass wir alle manchmal Angst haben. Zum Beispiel vor dem, was wir nicht kennen, oder vor dem Alleinsein, vor der Dunkelheit, in Höhen …Angst umgiebt uns, wir müssen nur lernen, damit umzugehen. Klasse Bilderbuch ab 4 Jahren, das zu Gesprächen anregt.  Weiter zur Rezension:   Was uns Angst macht: Bilderbuch von Fran Pintadera und Ana Sender

Rezension - Inspektor Mouse und der Gang in die Tiefe von Caroline Ronnefeldt

  Der Miezcedes steht unter der Katzanie. Sekretärin Mimi Stubenrein, Prokurist Kralle, Syndikus Tigerius Seidig, Kasimir Bart, Präsident Puschel, Sergeant Fischgrät … die Karthäuser Bank, ein mit Kratzbaumholz getäfelter Flur, ein von schweren rauchgrauen Samtportieren umrahmtes Bogenfenster, ein Tresor der Firma Schleicher & Söhne … Der Jugendkrimi ab 14 Jahren hat mich in seiner Wortspielerei und Atmosphäre anfänglich beeindruckt. Mit viel Humor, gespickt mit literarischen Anspielungen, ermitteln in Kratzburg Katzen mit krallenscharfem Verstand! So der erste Eindruck. Leider konnte mich der Katzenkrimi trotz allem nicht ganz begeistern, schon gar nicht als Jugendliteratur.  Weiter zur Rezension:    Inspektor Mouse und der Gang in die Tiefe von Caroline Ronnefeldt

Rezension - Hase Hollywood und das Geheimnis des Drachenlandes von Stefan Rasch, Simon Rasch und Anja Abicht

  Ein mächtiges Kinderbuch! Schwer an Gewicht, eine lange witzige, fantasievolle Geschichte. Der Hase Hollywood und seine Freunde betreiben ein Gasthaus in einer einsamen Bucht am Ende der Welt. Eines Tages taucht ein gefürchteter Piratenkapitän bei ihnen auf und vergisst doch glatt seinen Seesack unter dem Tisch. Darin befindet sich alte Schatzkarte und ein geheimnisvoller rosa Glitzerball. Der Ball entpuppt sich als Ei, aus dem ein kleiner Drachen schlüpft. Und damit beginnt eine abenteuerliche Reise zur Schatzinsel, denn auf der Karte sind auch die Drachen verzeichnet, den das Hasen-Team zu seinen Eltern bringen möchte. Sehr feine Illustrationen, grundsätzlich eine gute Geschichte, aber grobe handwerkliche Fehler für den Kinderroman. Weiter zur Rezension:     Hase Hollywood und das Geheimnis des Drachenlandes von Stefan Rasch, Simon Rasch und Anja Abicht