Direkt zum Hauptbereich

Wir sind das Licht von Gerda Blees - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Wir sind das Licht 


von Gerda Blees


Der Anfang: 

Wir sind die Nacht. Wir bringen Düsternis und Trunkenheit, Katzenkämpfe, Schlaf und Schlaflosigkeit, Sex und Sterbefälle. Wer in aller Ruhe sterben möchte, ohne zu viel Trara und Drama, macht das vornehmlich in uns, der Nacht, während die angehenden Hinterbliebenen schlafen.


Als der Notarzt in einem Reihenhaus eintrifft, herrscht eine ruhige, fast unheimliche Atmosphäre. Eine Bewohnerin, Elisabeth, ist im Beisein ihrer Mitbewohner verstorben - sie ist verhungert. Eine Wohngemeinschaft von drei Frauen, einem Mann, und die Geschichte einer leisen Radikalisierung: Melodie, Muriel, Petrus und Elisabeth haben, jeder auf eigene Art, den Halt im Leben verloren; sektenartig haben sie sich dem Licht verschworen. Als Nahrung reicht das Licht – wer es sehen und fühlen kann, so glauben sie, kann sich vom Licht ernähren. Stilistisch besonders sind die vielfältigen Perspektiven, bei der auch Dinge zu Wort kommen, die mit «Wir sind ...» beginnen. «Wir sind die Nacht ...», die erste Perspektive, auch die Eltern, die Polizei oder der Tatort selbst kommen zu Wort: «Wir sind der Tatort. Vor nicht allzu langer Zeit waren wir ein gewöhnliches Haus, wir unterschieden uns kaum von den anderen Häusern im Viertel, ...» Literarisch und inhaltlich ein Leckerbissen. 


Die schräge WG


Wir sind die Fakten. Strafbar oder nicht, die beste Möglichkeit, sich uns zu nähern, bieten die Lügen. Alle Unwahrheiten eliminieren, bis wir als nackte Tatsache übrig bleiben.


Die Polizei ermittelt. Warum haben die Bewohner der WG namens «Klang und Liebe» den Notarzt nicht früher gerufen? Ist dies nun unterlassene Hilfeleistung? Darf sich jemand auf diese Weise das Leben nehmen; bzw. haben andere, die tatenlos zusehen, eine Mitschuld? Und wie kamen diese Menschen überhaupt auf die Idee, sich vom Licht ernähren zu wollen? Es gibt Websites, die erklären, dass dies möglich ist – aber sie sind tricky gestaltet, findet die Polizistin heraus, denn niemand behauptet hier definitiv, dass er die Ernährung über das Licht dauerhaft praktiziere ... Unterschiedlicher Lebensformen und Geisteshaltungen in unserer Welt, in der alles möglich ist. Melodie, die über die Lichternährung täglich aus der WG bloggt, ist die Mieterin, die Schwester der Toten. Die vier leben von Elisabeths Sozialhilfe, die nicht immer reicht. Die polizeiliche Ermittlerin geht sie hart als Hauptverdächtige an, will eine Anklage erwirken, ein Ermittler versucht es mit Verständnis. An der ausgeglichenen Melodie prallt das alles ab – sie lebt in ihrer Welt. Spirituelle Befreiung, oder Spinner, wie andere meinen?


Am Leben gescheitert


Manchmal machten sie einfach den Eindruck, als kämen sie von einem anderen Planeten. Auch, wie sie aussahen.


Die Beschreibung des verdunkelten Hauses, das die Bewohner kaum verlassen, ist kaum möbliert, sie schlafen auf dem Boden, ist atmosphärisch beklemmend beschrieben. Der Kühlschrank ist leer, aber es gibt eine Menge Obst und einen Entsafter. Hier leben esoterisch-querdenkerische Typen. Die Autorin berichtet im Nachwort, sie sei zu der Geschichte durch einen Fall in von 2017 in Utrecht inspiriert worden,  bei der eine Frau in einer Wohngemeinschaft verhungerte. Melodie ist die treibende Kraft. Vom Vater wurde sie als Wunderkind am Cello betrachtet, doch in ihrem Musikstudium ist sie später gescheitert. Gescheitert am Ehrgeiz, an der eigenen Fehleinschätzung zieht sie sich zurück, holt die anderen drei in ihre Wohnung, um Musik und Meditation zu betreiben, bis die Gruppe sich unter Melodies Führung radikalisiert. Die vier besuchen Online-Seminare zu Atem- und Licht-Meditationen – nur schaut man sich die Betreiber an, so scheinen sie wohlgenährt zu sein, denn die Seminare sind nicht billig. Mitbewohner Petrus scheitert an seiner Wut – durch aggressive Ausraster verliert er ständig seinen Job. Muriel musste bereits als Kind jeden Tag auf die Waage steigen, der Trigger, werde ja nicht zu dick und ernähre dich gesund, haben ihr die Eltern verpasst. Elisabeth stand immer im Schatten ihrer Schwester.


Vielschichtige Perspektiven


Wir sind die Geschichte. Langsam und vorhersehbar steuern wir auf unser Ende zu - den Höhepunkt oder die Enttäuschung, das bleibt abzuwarten. Wir vermuten, dass es eine Enttäuschung sein wird, wenn der Autor so weitermacht.


Ein Kunstgriff der Autorin besteht darin, die Perspektive von Dingen einzunehmen, die der Geschichte philosophische Gedanken geben oder etwas erklären: der Zweifel, der tote Körper, kognitive Dissonanz, zwei Zigaretten, der Duft von Orangen, die Demenz, der Zweifel, das Cello, die zwei Wollsocken von Melodie, das verführerische Brot, das sie in der Untersuchungshaft serviert bekommt – sogar die Geschichte selbst. Verschiedene Menschen kommen zu Wort: der Arzt, die Ermittler, der Rechtsbeistand, der Vater, ein Bruder. Stilistisch endlich mal etwas anderes, sensationell. Handwerklich fein ausgearbeitet, ist der Roman ein Vergnügen. Inhaltlich ein aktuelles Thema, das hier von allen Seiten beleuchtet wird: Wie kommt einer drauf, sektenähnlichen Verführungen zu folgen? Dürfen wir das verurteilen, uns einmischen? Dürfen wir die, die den freiwilligen Tod respektieren und zuschauen, rechtskräftig verurteilen? Ein Roman, den man unbedingt lesen sollte!


Wir sind Licht

Wir sind Liebe

Wir sind Klänge überall

Wir sind Zellen voller Leben

Wir sind nichts

Wir sind das All


Gerda Blees, geboren 1985, lebt in Haarlem, sie studierte Fine Arts an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam und unterrichtete an verschiedenen Universitäten. Ihr Romandebüt «Wir sind das Licht» wurde u.a. mit dem Nederlandse Boekhandelprijs und dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichnet.



Gerda Blees 
Wir sind das Licht
Originaltitel: Wij zijn licht, 2020
Aus dem Niederländischen übersetzt von Lisa Mensing
Zeitgenössische Literatur,  niederländische Literatur,  Lichtnahrung, unterlassene Hilfeleistung
Hardcover mit Schutzumschlag, 240 Seiten
Paul Zsolnay Verlag, 2022



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez

  Leigh Calvez erforscht als Wissenschaftlerin seit vielen Jahren das Leben der Wale. Hier erzählt sie sehr persönlich von ihren Begegnungen mit den Giganten der Tiefsee, darunter familiäre Orcas, weit wandernde Buckelwale oder uralte, tief tauchende Blauwale, die größten Tiere des Planeten.  Nebenbei erfährt man in diesem Buch viel über das Leben und Verhalten von sechs Walarten: Orcas, Buckelwale, Pottwale, Blauwale, Grauwale und Blainville-Schnabelwal, bzw. den Kleinen Schwertwal. Weiter zur Rezension:    Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez 

Rezension - Verwandlung von Lara Swiontek

  Nach der Novelle von Mary Shelley Was fällt einem zu Mary Shelley ein? Wahrscheinlich «Frankenstein» oder vielleicht noch «Der moderne Prometheus». Die Verwandlung – Kafka, na klar. Aber auch Mary Shelley hat sich mit diesem Thema befasst: Verwandlung. Lara Swionteks hat diese Geschichte als Graphic Novel umgesetzt, eine Literaturadaption. Sie ist schnell erzählt: Reicher, gewissenloser Sohn verschleudert sein Erbe, stößt alle Menschen an den Kopf, die noch zu ihm halten und landet bildlich in der Gosse – hier ist es das Meer. Ein Schiff zerschellt vor seinen Augen – nur ein Zwerg mit einem Schatz überlebt und macht ihm ein Angebot ... Weiter zur Rezension:    Verwandlung von Lara Swiontek

Rezension - Der Fluch des Hasen von Bora Chung

  Bora Chungs «Der Fluch des Hasen» entzieht sich jeder literarischen Schublade und verwischt die Grenzen zwischen den Genres, ob magischer Realismus, literarischer Horror, Phantastik oder Speculative Fiction. Diese Kurzgeschichten sind klasse! Skurrile, unheimliche, intelligente Geschichten, die uns mit Gänsehaut überziehen. Die Titelgeschichte fand ich genial! Ein einfacher geliebter Haushaltsgegenstand ist mit einem Fluch belegt und bringt nun Unglück in eine Familie. Oder eine heftige Mensch-Android-Liebesgeschichte.  Oder «Narben», ein düsteres, gemeines Märchen. Klasse! Weiter zur Rezension:    Der Fluch des Hasen von Bora Chung 

Rezension - Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl

  Die Politiker reden im Fernsehen über die faulen Armen, während Sonjas Ehemann als Leiharbeiter am Bau seinen Rücken verschleißt. Sie verkauft im Bio-Laden teure Tees. Und trotzdem reicht es mit zwei Kindern am Ende des Monats vorn und hinten nicht. Als sie dann ihre Arbeit verliert, weil sie unbezahlten Urlaub nimmt, um im Krankenhaus bei ihrem Sohn zu sein, bricht alles zusammen. Bald hat sie eine neue Arbeit: Mit dem Profil einer schönen, jungen Studentin soll sie nichtsahnende Männern auf einer Datingplattform lange in der Leitung halten. Weiter zur Rezension:    Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl

Rezension - Der beste Zufall der Welt von Rafik Schami und Annette Swoboda

  Emilia lernt im Supermarkt Samia aus Syrien kennen, die an einer Erdnussschokolade schnuppert. Ihre Lieblingsschokolade, die ihre Mutter ihr jedoch nicht kaufen kann, weil sie nicht genug Geld hat. Emilia ist betroffen, besucht Samia, bringt eine Schokolade mit. Die beiden haben viel gemeinsam: Sie lieben Malen und Tanzen, sind neugierig auf das Leben der anderen, und sie sind sofort zur Stelle, wenn jemand Hilfe braucht. So werden sie Freundinnen, eine Dritte kommt dazu. Ein Kinderbuch ab 5 Jahren über Freundschaft und Solidarität. Empfehlung!  Weiter zur Rezension:    Der beste Zufall der Welt von Rafik Schami und Annette Swoboda

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Rezension - Wunderwelt der Insekten von Ross Piper und Carim Nahaboo

70 besondere Arten, brillant illustriert Nach einer kurzen Einführung zu Insekten im Allgemeinen und der Liebe des Autors zu den Tieren, geht es gleich los. Das Buch ist in vier Kapitel geteilt: Farbenfroh – Großartig – Mustergültig – Formvollendet. Dieses Buch stellt 70 der schillerndsten, außergewöhnlichsten und manchmal auch beunruhigendsten Insekten der Welt vor. In diesem reich bebilderten Sachbuch werden die bemerkenswerten Anpassungen der Insekten vorgestellt, ihre verborgenen Welten und wie sie auf überraschende Weise das menschliche Leben beeinflussen. Klasse Illustrationen und ein sehr interessantes Sachbuch. Empfehlung! Weiter zur Rezension:     Wunderwelt der Insekten von Ross Piper und Carim Nahaboo  

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adria von Ines Cali

  Iva Markulin, Staatsanwältin in Zagreb , lässt sich in diesem Politkrimi nach Pula versetzen, als ihr Mann bei einem Attentat ums Leben kommt. Wem galt die Autobombe, die an ihrem Auto befestigt wurde? Ihm oder ihr? Mit ihrem kleinen Sohn Matteo zieht sie zu ihrem Großvater, der auf dem Familiengut Terra Rossa in Istrien Olivenöl produziert. Hier ruft sie eine Sonderkommission ins Leben, als deren Leiterin sie die Mörder ihres Mannes ausfindig machen will. Sie hat den Ruf der «Mafiajägerin», lernt schnell das Who is Who an Istriens Küsten kennen, denen es nicht passt, dass ihnen jemand auf die Finger schaut.  Spannender Wirtschaftskrimi , Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adriavon Ines Cali