Direkt zum Hauptbereich

Verwandlung von Lara Swiontek - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Verwandlung 


von Lara Swiontek

Nach der Novelle von Mary Shelley



Was fällt einem zu Mary Shelley ein? Wahrscheinlich «Frankenstein» oder vielleicht noch «Der moderne Prometheus». Die Verwandlung – Kafka, na klar. Aber auch Mary Shelley hat sich mit diesem Thema befasst: Verwandlung. Lara Swionteks hat diese Geschichte als Graphic Novel umgesetzt, eine Literaturadaption. Sie ist schnell erzählt: Reicher, gewissenloser Sohn verschleudert sein Erbe, stößt alle Menschen an den Kopf, die noch zu ihm halten und landet bildlich in der Gosse – hier ist es das Meer. Ein Schiff zerschellt vor seinen Augen – nur ein Zwerg mit einem Schatz überlebt und macht ihm ein Angebot ...




Das Setting beginnt an der italienischen Riviera in Genua in der heutigen Zeit. «Ich war ein furchtloses und arrogantes Kind.» Wir lernen einen fiesen Jungen namens Guido kennen, der seine einzige Freundin Juli beim Spielen quält, wo er nur kann. Ein Kind, dem der stinkreiche Papa alles verzeiht, der alles bekommt, was er will. Auch das Versprechen von Juli, ihn später einmal zu heiraten. Der Vater stirbt, als der Sohn achtzehn ist, und nun bereist der Hipster die Hauptstädte: Paris, Florenz, Rom, Neapel, Toulon, gibt glamouröse Partys, lässt sich feiern, schmeißt das beträchtliche Erbe zum Fenster hinaus. Handyfotos markieren sein ausschweifendes Leben, er meint Anerkennung und Freunde zu gewinnen. Es kommt, wie es kommen muss: Der Dandy ist pleite und Guido steht allein da. Nun erinnert er sich an Genua und an Juli, die auch später ein beträchtliches Erbe antreten wird.



Guido kratzt das letzte Geld zusammen, verkauft die Ländereien seiner Väter, um sein Elternhaus in Genua protzig auszustaffieren, schmeißt krachende Partys. Und dann klopft er bei dem besten Freund seines Vaters an, Julis Vater. Zunächst zeigt sich Juli abweisend, doch dann willigt sie in die Hochzeit ein. Doch Guido hat nicht mit den Vätern gerechnet. Die hatten zu einer möglichen Hochzeit ihrer Kinder vor langer Zeit einen Vertrag geschlossen, der nun, da das eine Vermögen bereits verpulvert ist, für das von Juli eine Sperre bekommen soll, nur langsam reguliert ausgezahlt wird. So hatte der junge Mann sich das nicht vorgestellt. Ein Wutanfall lässt ihn toben und so packt man Guido, fährt ihn weit hinaus an eine menschenleere Küste und setzt ihn aus. Die reale Welt stellt dem Narzissten Grenzen, die der Vater ihm nicht setzen konnte.



Als er völlig deprimiert auf den Steinen sitzt, bricht ein Unwetter herein. Direkt vor seinen Augen zerschellt eine Jacht an einem Felsen. Es scheint niemand überlebt zu haben. Zu Guidos Erstaunen klettert dann aber ein hässlicher Zwerg aus dem Wasser, zieht eine Kiste hinter sich her, die voller Gold und Edelsteinen ist. Dieses unansehnliche Wesen macht ihm ein Angebot: Er bekäme die Kiste, wenn er für drei Tage mit ihm die Gestalt tauscht. Nur drei Tage. Der geldgierige Dandy kann nicht widerstehen, denn er definiert sein Selbstbewusstsein nun mal durch protzen und Reichtum. Unter Blitz und Donner wechseln die beiden den Körper. Als drei Tage später der Zwerg nicht zurück ist, erkennt der Jüngling: Er wurde hereingelegt. Und weil er dem Monster seine ganze Lebensgeschichte gebeichtet hat, dämmert es Guido, was dieses Scheusal vielleicht vorhat ... Wird er jemals in seinen Körper zurückfinden?



Riviera, Villen, felsige Meeresküste, ein gewaltiges Unwetter, Lara Swiontek bringt die Landschaften mit wenigen Strichen auf den Punkt. Emotionen explodieren oder ertrinken. Die Hintergrundfarben richten sich nach Stimmungen: zartes Rosa zum Taubenblau und Chrom, bis zu Nachtblau und Schwarz; Gelb für neidische Szenen. Feine Bleistiftzeichnungen mit Schraffuren, die teilweise ins Detail gehen, agieren wie eine Kamera. Keine Ausschnitte bis hin zu einseitigen und doppelseitigen Szenen sind zu finden. Mal die Großbildaufnahme, der verlorene Guido, klein, mitten in der Landschaft, dann herangezoomt, im nächsten Bild, Mikroaufnahme seiner Stiefel. Ausdrucksvolle Illustrationen, zeitlos zu einer zeitlosen Geschichte. Empfehlung für diese Graphic Novel–Literaturadaption eines Klassikers.


Lara Swiontek lebt und arbeitet als freischaffende Illustratorin in Wismar, wo sie bis 2020 Kommunkationsdesign & Medien an der Hochschule Wismar studierte. Die Graphic Novel ist ihre Diplomarbeit, die unter der Betreuung von Sophia Martineck an der Hochschule Wismar entstanden ist.


 

Lara Swiontek
Verwandlung 
Nach der Novelle von Mary Shelley
Comic, Graphic Novel, Klassiker, Literaturcomic, Literaturadaption
Hardcover, 192 Seiten
avant-verlag, 2021




Graphic Novel, Comic, Grafisches  

Für die Fans von Comis / Graphic Novels und sonstigem Gezeichneten, wie Satire. Hier auf dieser Seite zusammengefasst.  Alle Altersgruppen. Graphic Novel, Comic, Grafisches


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Lázár von Nelio Biedermann

  «Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.», so wird von ihm geschrieben. Nelio Biedermann schreibt mit 20 Jahren sein erstes Buch und das Manuskript geht in die Versteigerung – die Verlage überbieten sich, es wird in 20 Sprachen verkauft, man redet über ein sechsstelliges Vorschusshonorar – über den neuen Thomas Mann . Uff. Ich war gespannt. Mich konnte der Familienroman nicht überzeugen – leider. Weiter zur Rezension:    Lázár von Nelio Biedermann

Rezension - In ihrem Haus von Yael van den Wouden

  Seit dem Tod ihrer Mutter lebt Isabel allein in dem großen, von der Zeit gezeichneten Familienhaus auf dem Land, ihre beiden Brüder wohnen in der Stadt. Die Tage ziehen ruhig und geordnet dahin. Isabel lebt mit ihren Erinnerungen, ihren Möbeln und Haushaltsgegenständen, mit denen sie redet, die sie ständig durchzählt, in Angst, das Dienstmädchen könnte einen Löffel stehlen. Doch als ihr Bruder Louis seine Freundin Eva bei ihr einquartiert, geraten Isabels stille Routinen ins Wanken, und das Haus, das Stabilität gibt, wird zum Schauplatz unheimlicher Veränderungen, die bis zum Holocaust zurückgehen, zur Sharia . Ein wundervoll subtiler Roman, der zu Recht auf dem Internationalen Booker-Preis stand. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   In ihrem Haus von Yael van den Wouden

Rezension - Balaclava von Campbell Jefferys

  Mara, eine Polizistin aus Berlin ist jeden Tag mit Gewalt konfrontiert. Die meisten ihrer Kollegen sind diszipliniert, korrekt. Aber es gibt auch gewaltbereite Typen mit rechten Sprüchen, die sich feindlich gegenüber Ausländern und Frauen verhalten. Mara stammt allerdings aus Hamburg und so liegt es nahe, dass man sie undercover nach Hamburg sendet, damit sie sich unter die linken Gruppen mischt, herauszufinden, wer bei einer Demo den einen Polizisten ermordet hat. Mara hat das Video gesehen – der Polizist sackt zusammen, neben ihm ein junger Mann, dessen Gesicht mit einer Balaclava verdeckt ist. Mara hat ihn erkannt! Diese Augen gehören ihrem Bruder! Und der würde niemanden umbringen. Ein Thriller mit Potential, allerdings zu aufgeblasen, zu viele handwerkliche Fehler. Weiter zur Rezension:     Balaclava von Campbell Jefferys

Rezension - Cascadia von Julia Phillips

  Gesprochen von Pegah Ferydoni Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 7 Std. und 38 Min. Auf einer Insel vor der Küste des Bundesstaates Washington im äußersten Nordwesten der USA lebt Sam mit ihrer Schwester Elena und der schwerkranken Mutter in ärmlichen Verhältnissen. Sam arbeitet auf der Fähre, die die wohlhabenden Urlauber zu ihren Feriendomizilen bringt, während Elena im Golfclub kellnert. Das meiste Geld geht für die medizinische Versorgung der Mutter drauf. Sie beide träumen von einem besseren Leben, davon, woanders neu anzufangen. Dann, eines Morgens erblickt Sam einen Braunbären direkt vor ihrer Haustür. Zwei Schwestern, die immer zusammengehalten haben, driften völlig auseinander. Die eine bleibt in den Kinderträumen verwachsen, die andere stellt sich der Realität. Weiter zur Rezension:   Cascadia von Julia Phillips 

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Rezension - Wo ist Walter? Ab ins Wasser von Martin Handford

  Knobelalarm für clevere Kids Wo ist Walter? Die kultigen Wimmelbuch-Bücher kennt wahrscheinlich jeder. Mit Walter auf hoher See! Ein Mitmachbuch für Kinder ab 8 Jahren mit vielen Rätseln, Suchbildern und Stickern. Klar, auch hier muss man Walter suchen , doch dies hier ist ein kunterbuntes Beschäftigungsbuch für unterwegs, am Strand oder für die Ferien mit Rätseln, Malen, Suchen: Mit Walter gibt es keine Langeweile, und dazu  gibt es mehr als 100 knallbunte Stickern für noch mehr Rätselspaß. Weiter zur Rezension:     Wo ist Walter? Ab ins Wasser von Martin Handford 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - Streng geheim: Spione, Agenten, Geheimnisse von Soledad Romero Mariño und Julio Antonio Blasco

  Die unglaublichsten Spionagegeschichten der Welt. Vom alten Rom über England zur Zeit der Tudors bis ins 20. Jahrhundert hinein hat sich die Kunst der Spionage enorm weiterentwickelt. Eines aber blieb immer gleich: Der grenzenlose Erfindergeist der Menschen, auf immer neuen Wegen an streng geheime Informationen zu gelangen. Philipp II von Spanien, Herrscher über ein Weltreich, investierte viel Geld für sein dichtes Spionagenetz, entwickelte eine ausgeklügeltes Chiffriersystem und das effizienteste Postsystem. Katharina von Medici bildete Spioninnen aus, um ihre Feinde zu kontrollieren. Der kleinste Spion war nur 58 cm groß. Doppelspion:innen, ausgeklügelte Systeme … ein spannendes Sachbilderbuch  ab 10 Jahren! Weiter zur Rezension:   Streng geheim: Spione, Agenten, Geheimnisse von Soledad Romero Mariño und Julio Antonio Blasco