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Sechs Koffer von Maxim Biller - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Sechs Koffer 


von Maxim Biller



Sprecher: Christian BrücknerUngekürztes Hörbuch - Spieldauer: 5 Std. und 14 Min.


Wer hat den Taten verraten?

Ich mag Maxim Biller, vermisse seine klugen Worte im literarischen Quartett. Ein emotionaler, streitbarer Mensch, ein neugieriger mit einer Portion jiddischem Humor, und einer mit klarem Standpunkt, ein Intellektueller – eine Kombination, die ihm gern als Arroganz ausgelegt wird. Ich war gespannt auf sein Familiengeheimnis – und ich ahnte es schon – ich werde es nicht erfahren. Wer hat den »Taten«, den Großvater, damals verraten? Ein Verrat, der dem alten Mann das Leben kostete. Einer der Söhne oder Schwiegertöchter? Viele hatten ihre Gründe. Letztendlich geht es doch nur darum: Warum hätte jemand einen Grund, für eine solch schmähliche Tat. Maxim ist ein Kind, als sein Opa stirbt und in seiner Jugend treibt es ihn an, das Geheimnis zu lösen, das ihn bis ins Erwachsenenalter verfolgt.

Familie Biller - viele Autobiografien auf dem Markt

Mit diesem für diese Zeit so typischen Familienschicksal landet Maxim Biller auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. Bei Biller dreht es sich oft um Biller. In »Der gebrauchte Jude: Selbstporträt« ging es um die Selbstfindung eines jungen jüdischen Schriftstellers in Deutschland, ein Land, das sozusagen judenfrei war. Das Skandalbuch »Esra« wurde eingestampft, durch das sich Billers Exfreundin und deren Mutter kompromittiert fühlten, mit 900 Seiten quälte man sich durch seinen monumentalen Roman »Biografie«, auch die Schwester hatte sich an die Familienbiografie gewagt, ebenso Mutter Rada auf Russisch. Und nun schon wieder die Billers? Mir hat der Roman gut gefallen!

Ihr seid doch alle in der Familie davon besessen, Geld zu verdienen, Geld zu wechseln, Geld zu verstecken.

Großvater Schmil Gregorewitsch wurde 1960 in Moskau hingerichtet. Jemand hatte den »Taten« verraten, denn die Staatspolizei wusste, dass er mit einem Bündel Westgeld unterwegs nach Tschechien war, man hat ihn am Flughafen gestellt. Sein Sohn Semjon, Maxims Vater, lebte mit der Familie zu der Zeit im Exil in Prag, sie werden nach Deutschland übersiedeln. Schmil wollte Auto zu kaufen. Dazu kam es nicht mehr. Der Großvater war Zeit seines Lebens ein Schmuggler, Schieber und Schwarzmarkthändler. Der trickreiche Jude, der Kaufmann, der alle über den Tisch zieht, dem Geld das Wichtigste im Leben ist. Wegen »schwarzer Geschäfte und anderer jüdischer Tricksereien« wird der Taten hingerichtet. – Biller darf so etwas schreiben. Wenn Biller von einem »bösen, verklemmten Antisemitenblick« schreibt, oder von »unverschämter, frecher, osteuropäische Art« und sagt, einer hätte ein »unfreundliches, kleines Osteuropäergesicht«, dann nimmt ihm das keiner übel, auch nicht »böse, bärtige, linke Deutschlehrer«, mit denen er später gequält wird. Für mich liest sich so etwas als reine Provokation - eben Biller. Denn als Rezensent würde er solche Passagen Autoren um die Ohren hauen.

Vier Söhne, zwei Schwiegertöchter, wer war es? Oder vielleicht doch jemand anderes, Biller forscht nach. Onkel Dima, dieser Nichtsnutz, der fünf Jahre im Gefängnis unter Stalin einsaß, weil er sich erwischen ließ, als er klammheimlich das Land verlassen wollte, ist einer der Hauptverdächtigen. Da wäre auch Dimas wunderschöne Frau, Natalia, die changeante Schauspielerin, der das Ausgeben von Geld so wichtig ist, die hätte er im stalinistischen Russland sitzen gelassen. Natalia ist diejenige, die vor Maxims Mutter mit Semjon zusammen war, mit ihm in den Westen abhauen wollte, den unbedarften Dima heiratete, weil sie Semjon nicht haben konnte. Die beiden Frauen haben selbstverständlich ein spezielles Verhältnis zueinander. Maxim begibt sich mit fünfzehn auf die Suche nach der Wahrheit, besucht Onkel Dima in Zürich. Dima ist von Natalia getrennt, die in den Kanada lebt. Und was ist mit Lev, der in West-Berlin als Außenhandelsattaché für die kommunistische Regierung eingesetzt war? Der hat sich nach Zürich abgesetzt und jeglichen Kontakt zur restlichen Familie abgebrochen. Wladimir lebt im Brasilien, von dem weiß man kaum etwas. Oder – undenkbar – die eigenen Eltern?

Konnte es sein, dachte ich auf einmal, dass es ganz anders war - dass im Gegenteil Onkel Lev an Tates Tod Schuld war und dass er darum vor uns allen weglief?

Biller spielt mit dem Leser. Sympathisch – unsympathisch, der eine sagt dies, der andere das und letztendlich sind wir alle Menschen. Der Leser wird angefüttert, dann zieht Biller das Bett unter den Füßen weg. Jeder hat eine andere Sicht der Dinge. Eine große Familie – schön weit über die Welt verteilt, damit man ja nicht miteinander reden muss. Na gut, zwei wohnen in Zürich, aber immerhin liegt ein großer See zwischen ihnen. Die glitzernde Natalia hat in Zürich den Glanz abgelegt, weil sie nun weiß, dass der schnell Patina anlegt, die Frau, deren Eltern im KZ verreckten. Sie selbst überlebte das KZ als Sexsklavin. Und schon wieder soll sie sich anbiedern, damit ihr Drehbuch verfilmt werden kann ...

Ich sitze in der Cafeteria im Jewish Community Center und beobachte die alten Männer und Frauen beim Essen und Streiten und denke, dass meine Eltern hier heute vielleicht auch sitzen würden, wenn sie nicht irgendwann aus dieser Welt verschwunden wären, so als hätte man sie einfach weggezaubert.

Der Roman beginnt im Mai 1965 in Prag. Billers Vater übersetzt Jaroslav Hašeks »Der brave Soldat Schweik«  ins Russische. Maxim ist sechs Jahre alt, an diesem Tag wird Onkel Dima in Russland aus dem Gefängnis entlassen. Die Billers sind Russlandjuden, die nach Tschechien geflohen sind und fünf Jahre später wird Maxim in Hamburg wohnen, in dem Deutschland, dass 30 Jahre zuvor noch die jüdische Rasse bestialisch ausradierte. Hier sind sie sicher. Immer wieder verfolgt, immer wieder auf der Flucht. Was macht das mit dem jungen Maxim? Die Juden in Deutschland vergast, der Großvater, von den Stalinisten erschossen. Sechs Kapitel – sechs Koffer – Biller ist böse, sarkastisch, er ist zärtlich, liebevoll und er ist unsagbar komisch, beherrscht den jiddischen Humor. Zornig hackt er auf dem Einzelnen herum, spitzbübisch macht er sich lustig, um ihn sodann herauszuheben und zu streicheln. Der Icherzähler steigt in manchen Abschnitten in die auktoriale Ebene ein. Hier weiß der Leser, wenn er an den Gedanken der Protagonisten teilnimmt – hey Maxim – das hier hast du dir ausgedacht! – Und was ist damit? Maxim findet die Geheimdienst-Akte seines Onkels Dima, liest sie zum Dilemma des Lesers nicht zu Ende, ebenso einen Brief von Tante Natalia an seinen Vater, den er nach dessen Tod in den Händen hält. Hätte es hier eine Auflösung gegeben? Wie immer mischt sich bei Billers autobiografischen Büchern Wahrheit mit Fiktion.

Wenn du erwachsen wirst, wirst du verstehen, dass das Leben daraus besteht, immer nur das Gegenteil von dem zu tun, was man möchte.

Eine entwurzelte Familie, zerstritten, in die Welt verteilt, voller Geheimnisse – Migräne, eine
Familienkrankheit. Maxims Schwester erfährt erst als Erwachsene, dass die Geschwister verschiedene Väter haben. Sechs Koffer – Sechs Sichten auf die gleiche Geschichte. Menschen, die sich lieben und hassen, sich gegenseitig diffamieren, von ihren eigenen Unzulänglichkeiten gern ablenken, die lügen, sich selbst was in die Tasche lügen; Eifersucht, Rachsucht, Altersmilde, Typen die menschlich sind. Am Ende weiß der Leser nicht, wer der Verräter ist, sämtliche Protagonisten sind selbst Verratene.

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