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Schmales Land von Christine Dwyer Hickey - Rezension

Rezension

von Sabine bing




Schmales Land 


von Christine Dwyer Hickey


Es ist das Jahr 1950. Mit einem Comic-Heft und einem Schokoriegel in der Tasche steigt der 10-jährige Michael, einer der «Trumans Waisen», am Bahnhof Grand Central New York in einen Zug ein. Seine Adoptivmutter bringt ihn zum Bahnhof, die er immer noch bissig «Frau Aunt» nennt, und es wird klar, Michael ist kein einfacher Junge. Er lebt bereits ein paar Jahre bei seiner Pflegefamilie, scheint sich immer noch nicht eingelebt zu haben. Er ist eine deutsche Kriegswaise, wurde mit anderen Kindern in die USA gebracht, nach einem Heimaufenthalt von dem New Yorker Ehepaar Novak aufgenommen. Ein Sommer am Meer in Cape Cod bei Mrs Kaplan soll ihm sein Trauma verblassen lassen. 


Josephine muss in dieses Ehe im Hintergrund stehen


Immer, wenn er nun zufällig hochblickt, haben sich die Formen verwandelt, hat sich die Intensität des Lichts verändert – vom ersten chromgelben Strich auf dem Boden bis zum jüngsten weißen Keil im Türspalt. Und es wird ihm, wieder, bewusst, dass die Achse sich dreht, dass selbst zu dieser frühen Morgenstunde sich der Tag bereits auf den Tod zubewegt.

Szenenwechsel. Das Künstlerehepaar Hopper verbringt den Sommer in ihrem Haus am Strand völlig zurückgezogen. Ein älteres Paar, das sich gern streitet. Die knurrige Mrs Hopper hält ihrem Mann, dem berühmten Edward Hopper, den Rücken frei. Sie heiratete ihn mit 40 Jahren, er arbeitete zu dieser Zeit noch als Illustrator in der Werbewirtschaft, hatte noch kein Bild verkauft. Mrs Hopper (Josephine Nivison) konnte zu der Zeit bereits auf eine sechzehnjährige erfolgreiche Laufbahn als Künstlerin zurückblicken. Sie gab das Malen für ihren Mann auf und hält ihm täglich den Rücken frei. Sie verscheucht die Strandbesucher vor ihrem Haus an «ihrem Stand», damit Edward einen freien Blick auf das Wasser hat; sie organisiert das tägliche Leben und bearbeitet Edward, endlich ein weiteres Bild zu produzieren. Josephine leidet darunter, nicht mehr als Künstlerin wahrgenommen zu werden, sondern als die Frau des Malers, die Hausfrau, für die sich niemand interessiert – lediglich ihr großartiger Ehemann steht stets im Mittelpunkt. Edward durchwandert die Gegend und beobachtet das Licht. Das Licht über dem Meer, den Dünen, in den Straßen, die Schatten, die es wirft. Sein Interesse gilt dem Licht, sonst fast nichts. Die Frustration von Mrs Hopper, im Widerspruch mit ihrer Begeisterung für die Werke ihres Mannes und ihrem Drängen, und einer inneren Entfremdung der beiden bricht immer wieder den Zwist auf. Zwei einsame Menschen, die miteinander leben. Edward kämpft mit sich: «Ich hätte Schreiner werden sollen, hatte er sich in jenem Sommer mehr als einmal gedacht, ich hätte ein Joseph sein können statt der am Kreuz.» Er fühlt sich ausgebrannt in seiner Arbeit, ihm fehlt die Kraft für ein neues Werk.


Stimmungsvoll und literarisch gut austariert


Nach allem, worauf ich für dich verzichtet habe. Nach allem, was ich für deine Karriere getan habe, dir den Vortritt gelassen, mich zurückgenommen. Weil ich dachte. Irgendwann. Irgendwann bin ich dran. Irgendwann würdest du mich unterstützen. Oh, wie dumm wir Frauen doch sind. Was habe ich mir dabei nur gedacht.

Michael wohnt bei Mrs Kaplan, bei der ebenfalls ihre krebskranke Tochter, ihre verwitwete Schwiegertochter und ihr Enkel Richie den Sommer verbringen. Bereits im Vorfeld sollten sich die gleichaltrigen Jungen per Brief anfreunden. Aber Richie, der unter dem Tod seines Vaters leidet, ist genauso traumatisiert wie Michael, der den Verlust seiner Eltern und die Kriegsereignisse noch nicht verarbeitet hat. Die beiden Jungen haben sich nichts zu sagen und Michel erkundet so die Gegend, wobei er auf die Nachbarin Mrs Hopper trifft. Es entsteht eine Freundschaft, die bald auf die gesamte Familie Kaplan überspringt. Die Ehe zwischen Edward Hopper und seiner Frau Josephine ist ein Teil dieses Romans, aber es ist keine Biografie, stellt auch Hopper nicht in den Vordergrund. Bei den Kaplans kriselt es aus verschiedenen Gründen und die Hoppers versuchen, das aufzufangen, nähern sich wieder an. Alle Protagonisten stehen im Mittelpunkt, denn ein dynamisches Miteinander ist das Zentrum dieses Romans. Ein wundervoller Roman über Freundschaft und Einsamkeit, über das Malen und Beobachten. Eine Gesellschaft, in der die Männer fehlen, die im Krieg gefallen sind oder zu neuen Kriegen aufbrechen. Stimmungsvoll und literarisch gut austariert, tiefgehend in die Charaktere, ist es eine Wonne, diesen wundervollen Roman zu lesen. 


Hopper, der bedeutendste Malern des Amerikanischen Realismus


Man muss die Schatten richtig lesen.


Edward Hopper (1882-1967) zählt zu den bedeutendsten Malern des Amerikanischen Realismus. Seine in kühler Farbgebung gehaltenen realistischen Bilder weisen auf die Einsamkeit des modernen Menschen und die Leere des modernen Lebens hin. Er gilt als Chronist der US-amerikanischen Zivilisation. 1923 traf Josephine Nivison auf Edward Hopper, heiratete ihn ein Jahr später. Ende 1923 wurden Nivisons Arbeiten bei einer Gruppenausstellung im Brooklyn Museum gemeinsam mit Werken von Georgia O’Keeffe und John Singer Sargent gezeigt. Sie bat darum, auch einige Werke von Edward Hopper auszustellen. Am Ende konnte keins ihrer Aquarelle verkauft werden, doch das Museum erwarb Hoppers Bild «The Mansard Roof» - das zweite Bild, das er in seinem Leben verkaufen konnte. Auf Druck ihres Ehemannes gab Josephine ihre Arbeit auf, wurde stattdessen Edward Hoppers wichtigstes weibliches Modell, auf nahezu allen seinen Bildern; sie wurde auch seine Sekretärin und Managerin. Hopper wurde berühmt. Meist thematisierte er in seinen Landschaften Eingriffe des Menschen in die Natur. Motive wie Strommasten, Autos oder Eisenbahnschienen, stehen exemplarisch für die zivilisatorische Eroberung der Natur. Ebenso malte er die Einsamkeit der einzelnen Großstädter mitten in Gruppen. Josephine hingegen verlor ihren Freundeskreis und war von Hoppers Freunden nicht akzeptiert; sie verlor ihre Kreativität: «Zwei können nicht Künstler sein.» Ihre Worte «prize hog» (Levin, S. 304),: Sie war gebunden an ein preisgekröntes Schwein, bis zu seinem Tod. Sie hatte ihre Werke dem Whitney Museum nach ihrem Tod überlassen, einem Museum, das stolz den Nachlass Edward Hoppers verwaltete und dann den Großteil des Lebenswerkes von Nivison entsorgte. Nach Auskunft von Gail Levin, die von 1976 bis 1984 als Kuratorin im Whitney den Hopper-Nachlass bearbeitete, waren zu ihrer Zeit von Josephine Nivison sechs Ölgemälde auf Holz und ein paar Arbeiten auf Papier, die falscherweise Hopper zugeschrieben wurden, vorhanden. 96 Nivison-Gemälde waren vom Whitney an New Yorker Krankenhäuser verschenkt worden und drei Jahre später verschwunden. 


Christine Dwyer Hickey, geboren 1958 in Dublin, ist Autorin und Dramatikerin. Sie schreibt Romane, Kurzgeschichten und Theaterstücke, ihre Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin lehrt sie Kreatives Schreiben. Für ihre Romane war sie u. a. für den Orange Prize und den Prix L’Européen de Littérature nominiert, für Schmales Land wurde sie mit dem Walter Scott Prize und dem Dalkey Literary Award ausgezeichnet.



Christine Dwyer Hickey
Schmales Land
Aus dem Englischen übersetzt von Uda Strätling
Zeitgenössische Literatur, Irische Literatur, Edward Hopper, Josephine Nivison
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Unionsverlag, 2023



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane








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