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Morgengrauen von Selahattin Demirtaş - Rezension

Rezension 

von Sabine Ibing



Morgengrauen 


von Selahattin Demirtaş


Der Anfang: Unser Gefängnishof ist so groß wie ein rechteckiger Betonbrunnen. Vier mal acht Meter. Zu Fuß kaum zu bewältigen. Wenn man morgens losgeht, ist man abends immer noch nicht angekommen.

Selahattin Demirtaş hat diese Texte im Gefängnis von Edirne geschrieben. Er ist der ehemalige Co-Vorsitzende der türkischen Oppositionspartei HDP und die Vertreter der Anklage forderten gegen ihn eine Strafe von 142 Jahren. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Was er hier schreibt, hat mit Tränen in die Augen getrieben, die Kurzgeschichten selbst – und die Kraft seiner Sprache. Es geht um Gewalt –  Gewalt gegen Frauen, Staatsgewalt. Ein paarmal musste ich beim Lesen das Buch zuklappen und Luft schnappen, bevor ich weiterlesen konnte. Diese zwölf kurzen Geschichten hat der Journalist als Briefe getarnt aus dem Gefängnis heraus verschickt, die in diesem Band zusammengefügt wurden.

Allen misshandelten und ermordeten Frauen ist dieses Buch gewidmet.

Frauen sind immer Schuld

Seher wird von drei Männern vergewaltigt. Drei Männer, ihr Vater und zwei Brüder richten sie, stellen die Familienehre her – Kopfschuss. Wer die Vergewaltiger waren, interessiert die Familie nicht.
Narzan geht putzen, fährt jeden Tag mit dem Bus zur Arbeit. Eines Tages hält der Bus an, alle müssen aussteigen, eine Demonstration versperrt den Weg. Nasran will nicht zu spät kommen, geht zu Fuß weiter. Nun sitzt sie im Gefängnis wegen Aufruhr. Sie wurde verprügelt, verhaftet – am falschen Ort zur falschen Zeit – sie war dort, also hat sie teilgenommen an der Demo. Verurteilt.
Eine Sperlingsmutter im Gefängnishof stellt sich gegen die »Staatsvögel«, vertreibt sie. Ihr Mann ist ein feiges Vögelchen. Viel mehr will ich zu den Geschichten nicht verraten.

Lass mich dir noch einmal die Hand küssen, Papa‹, sagte Seher erschöpft. Der Vater hielt ihr die Hand hin, sie küsste sie und hielt sie an ihre Stirn. ›Verzeih mir, Papa‹, sagte sie. Der Vater wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und brachte nur heraus: ›Ich verzeihe dir, aber verzeih du mir auch.‹ … Dann kniete Seher, der die Eltern den Namen ›Morgengrauen‹ gegeben hatten, nieder. Engin hob den Revolver auf und berührte mit dem Lauf Sehers Nacken. … ›… Pass im Gefängnis auf dich auf.

Geschichten, die nahe gehen

Jede einzelne Geschichte hat die Wucht einer Rakete. Von der Montage her ist jede einzelne literarisch ein Gedicht: Sanft daherkommend, manchmal an Kitsch grenzend, Unheil aufbauend, bis am Ende alles zusammenbricht – die Hoffnung des Lesers stirbt. Trotz alledem schafft es der Autor, dem Leser zu vermitteln, dass die Menschlichkeit noch zu retten ist – es ist noch lange nicht alles verloren. Selahattin Demirtaş ist für den Friedens-Nobelpreis 2019 nominiert. Ich würde mich freuen, wenn er ihn bekommt. Er schreibt für Menschlichkeit und Achtung vor dem Einzelnen, für Frauen und Demokratie – gegen Hass, Ehrenkodex, Zwangsehen, gegen Staatsgewalt. Dieses Buch ist in der Türkei ein Bestseller geworden. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat die Türkei Ende letzten Jahres aufgefordert, Demirtaş freizulassen, jedoch Erdoðan weigert sich, wirft dem Gerichtshof »Terrorverehrung und Terrorliebe« vor. Noch ist nicht alles verloren. Durchhalten!

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