Direkt zum Hauptbereich

Mattanza von Germana Fabiano - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Mattanza 


von Germana Fabiano


Du wirst die Geheimnisse der Meeresströmung erfahren und bewahren, das Gesetz, das die Thunfischschwärme durch die Ozeane in deine Netze treibt, die Architektonik der Meerestiefen, die geheimen Gesänge der Fische. Du wirst hinnehmen, dass der Tod den trifft, der dir am teuersten ist, wirst zulassen, dass das Meer deine Seele verschlingt …

Der Raìs ist der Hüter der Tonnara, ihr Führer, ihr Lenker. Der Raìs liest die Strömung, die Wellen, die Winde, hört ihnen zu. Er knüpft die Netze, überprüft sie; und er bestimmt, wann die Jagd beginnt, den Zeitpunkt auszufahren, den Punkt, die Netze hochzufahren. Dieses Wissen wird von Generation zu Generation weitergegeben, vom Vater an den Sohn. Doch dieser Raìs hat keinen Sohn. So wartet man auf den Enkel. Nur Mädchen in dieser Generation, ein Unglück, die Kette darf nicht reißen … So wird das Mädchen bestimmt, der nächste Raìs zu werden. Von Geburt an ist ihr Weg bestimmt – sie wird die Tonnara führen, den Punkt für die Mattanza bestimmen. 


Eine neue Zeit bricht an


Die ersten Touristen gingen Anfang es Sommers an Land. Das Dorf beobachtete sie hinter angelehnten Fensterläden, musterte sie genau und verurteilte sie gnadenlos.
Sie waren rot, verschwitzt, derangiert und schlecht angezogen … sie seinen unglaublich hässlich. Rosalba Rollo ergänzte; sie würden stinken, Provvidenza Lo Casico hingegen hielt sie für dumm, und der Pfarrer verdammte sie als vulgär, weil sie halb nackt herumliefen.

Germana Fabiano erzählt in diesem Roman vom letzten Raìs (so der Titel im Original), vom Aufbruch in neue Zeiten, vom Wandel der Fischerei und vom Einzug des Tourismus auf der kleinen Insel Katria vor Sizilien. Noch herrscht ein Leben im Einklang mit der Natur, die von jahrhundertealten Traditionen bestimmt ist. Ab März ziehen die Thunfischschwärme durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer, um ihre Laichgründe aufzusuchen. Nora ist von Geburt an bestimmt, der neue Raìs zu werden, und sie nimmt ihr Schicksal an. Erfolgreich holt sie mit den Fischern bei ihrem ersten Thunfischfang beste Quoten ein. Parallel reisen die ersten Touristen ins Dorf, und die ersten Dörfler vermieten Zimmer, eine Pension entsteht, ein neues Restaurant, Nippes aus Muscheln wird verkauft. Komische Typen, diese Urlauber – rennen mit Fotoapparaten herum und wollen alles einfangen … 


Das Ende der Tonnara


Die Tonnara mit ihren vier Phasen hatte gerade wieder begonnen: Cruciatu, das Spannen und Fixieren der Verankerungsseile, Calatu, das Ausbringen der Netze, Mattanza, das Töten, und Salpatu, das Einholen und Einlagern der Reusenanlage, wonach alles bis zum nächsten Jahr aus dem Kopf verbannt war.

Mattanza übersetzt heißt Schlachten – und das ist es letztendlich auch. Die Thunfische werden in ein Labyrinth von Netzkammern gelockt, die immer mehr zusammengezogen werden, bis sie in der inneren Kammer gelandet sind (südital. càmira dâ morti, die Todeskammer). Die Netze werden hochgezogen, die Fische bestialisch abgestochen, mit Enterhaken auf die Fischerboote gehoben – das Meer färbt sich rot. Die jährliche Thunfischjagd war für die Sizilianer jahrhundertelang ein wichtiges Einkommen. Mit Erfindung der Dosen ein einträgliches Geschäft. Riesige Fische gingen ins Netz und nicht immer überlebten alle Tonnatori den gefährlichen Fang. Mit der Entwicklung der größeren Boote, Motoren, durch feinere Netze, holte man die Fische bereits weit draußen ins Boot; die kleinen Fischer fingen immer weniger und auch die Thunfischfischer hatten ihre Probleme: Jedes Jahr kleinere Fische und jedes Jahr weniger. So starb irgendwann die jahrhunderte alte Tradition der Tonnara. Diese Geschichte steht exemplarisch für den Zeitwandel. 


Schon wieder eine Änderung der sozialen Verhältnisse


Der Umbruch der Tradition in den 60-er Jahren – auch der ewig alte Adel, hier als die Familie Filangeri beschrieben, fällt dem zum Opfer. Gelangweilte, spielsüchtige Söhne verpulvern das Erbe an Kredithaie, auch ein Teil der Epoche. Wundervoll beschrieben die Arbeit des Raìs, der eins sein muss mit der Natur, der fühlen muss, prüfen, hören, beobachten, wann genau auf den Punkt die Zeit reif ist. Die Netze müssen gut verankert sein, jeder Knoten muss perfekt sitzen, nicht einer darf sich öffnen, kein Strang darf reißen … Die Arbeit im Boot ist gefährlich – der Raìs hat den Überblick über die Tonnatori. Der Fischfang wandelt sich, der Tourismus zieht ein und irgendwann liegen in den Netzen der Fischer Leichen, und erschöpfte Menschen landen in ramponierten Botten am Strand – immer mehr. Lampedusa lässt grüßen! Eine neue Epoche beginnt … 

Atmosphärisch Zeitgeschichte eingefangen

Atmosphärisch beschreibt Germana Fabiano die Insel, ihre Bewohner und den Thunfischfang. Humorvoll wird es, wenn es zum Zusammentreffen zwischen Touristen und Ansässigen kommt. Einige Dorfbewohner ahnen, welche Goldgrube die Ausländer für sie bedeuten können und richten sich ein; andere sperren sich. Das ist absolute Zeitgeschichte – literarisch sehr fein verpackt. Kompakt mit Feingefühl, bildstark. Der Roman entwickelt schnelle einen Sog, der nicht mehr loslässt! Empfehlung!


Germana Fabiano, geboren 1971 in Palermo, lebt heute auf Sizilien und in Tübingen, wo sie ihre Arbeit als Autorin mit einer Dozentur für Menschenrechte an der Universität verbindet. 2009 veröffentlichte sie ihren Debütroman Balarm und wurde für eine ihrer Kurzgeschichten mit dem Colonna d’Eroma ausgezeichnet. Nach weiteren Publikationen ist Mattanza ihr erstes Buch, das auf Deutsch erscheint. 




Germana Fabiano
Mattanza
Originaltitel: L’ultimo raìs
Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Neeb und Katharina Schmidt 
Taschenbuch, 192 Seiten
Zeitgenössische Literatur, Thunfischfang, Raìs, Tourismus, Italienische Literatur, Sizilien
Mare Verlag, 2023



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Lázár von Nelio Biedermann

  «Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.», so wird von ihm geschrieben. Nelio Biedermann schreibt mit 20 Jahren sein erstes Buch und das Manuskript geht in die Versteigerung – die Verlage überbieten sich, es wird in 20 Sprachen verkauft, man redet über ein sechsstelliges Vorschusshonorar – über den neuen Thomas Mann . Uff. Ich war gespannt. Mich konnte der Familienroman nicht überzeugen – leider. Weiter zur Rezension:    Lázár von Nelio Biedermann

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Rezension - Der Freund von Tiffany Tavernier

  Mit dem Haus im Grünen hat sich Thierry einen Traum erfüllt. Zusammen mit Élisabeth genießt er die Ruhe und Abgeschiedenheit des Wohnens nahe einem Wald. Die einzigen Nachbarn weit und breit, gleich nebenan, Guy und Chantal. Eins Tages im Morgengrauen stürmt die Polizei das Gelände. Die Nachbarn und gute Freunde, werden in Handschellen abgeführt. Was haben sie getan? Journalisten belagern das Gelände. Ein psychologischer Kriminalroman , der sich mit den Folgen der «Opfer» befasst, denn letztendlich sind die schockierten Freunde auch Opfer des Massenmörders. Weiter zur Rezension:    Der Freund von Tiffany Tavernier

Rezension - Ein Haus für viele Sommer von Axel Hacke

  Ein Haus im Süden, der Traum von vielen Menschen. Doch ein Haus, wenn es einige Jahre auf dem Buckel hat, bringt manche Überraschung mit sich. Magische Momente ... die gibt es natürlich auch, aber genauso viel Arbeit. Axel Hacke erzählt in seinen Geschichten über die Menschen von Elba, beschreibt Landschaft, berichtet von Schlangen, Gottesanbeterinnen, Fakirtauben, Ziegendreck vor der Haustür, von olive und oliva und von einem Schreiner, der aus dem Ehebett heraus ein Wildschwein erschießt. Er erzählt von seiner Liebe zur Insel Elba im ligurischen Meer, gegenüber von Grosseto in der Toscana. Ein feines selbstironisches, humorvolles Buch für entspannte Stunden, Sommerfeeling. Empfehlung!  Weiter zur Rezension:    Ein Haus für viele Sommer von Axel Hacke

Rezension - Nordische Wesen von Johan Egerkrans

Dieses Buch ist etwas für Fans von Märchen und Mythen, etwas für Skandinavienfans. Mit wundervolle n Illustrationen ist dieses Buch liebevoll gestaltet - ein Schmuckstück. Elfen, Wichtel, Meerjungfrauen, Riesen, Nixen, Trolle, Vitte und Vätte, Nöck und Michhase usw. Helfergeister, Gestaltwandler, Totenwesen und Ungeheuer, Riesenkrake, Drache, Lindwurm, Grollborste, Vorsich ist angesagt, wenn man die nordischen Gefilde besucht. Unter Spiritus verstehen die meisten Leute wohl etwas anderes – ich hätte gern einen. Ein schönes Geschenkbuch, ein Kunstband – auch für sich selbst. Weiter zur Rezension:    Nordische Wesen von Johan Egerkrans

Rezension - Das Nest von Sophie Morton-Thomas

  Ein Küstenort in Großbritannien, wo das Marschland auf den Ozean trifft, wo Vögel die bessere Gesellschaft sind, lebt Fran eine ereignislose Routine. Sich um den Campingplatz kümmern, der mit Mobilheimen ausgestattet ist, ihren Sohn von der Schule abholen, Abendessen kochen. Mit Dom, ihrem Mann, läuft es nicht mehr so, ihre Schwester lebt mit ihrer Familie in einem Wagen, zahlt keine Miete, dem Schwager hatte sie den Entzug finanziert und jetzt trinkt er wieder, hat keine Arbeit. Freude findet Fran nur an den verschiedenen Vogelarten, die sie am Strand beobachten kann; sie hat auch ein Häuschen zur Beobachtung finanziert. Und nun entdeckt sie ein Nest mit einer seltenen Vogelart, hofft, dass die Jungen ausschlüpfen werden. Und verschwindet die Lehrerin … Ein leiser Thriller. Weiter zur Rezension:    Das Nest von Sophie Morton-Thomashttps

Rezension - Rath von Volker Kutscher

  Gelesen von David Nathan Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 21 Std. und 49 Min. Gereon und Charlotte Rath warten im Herbst 1938 nur noch auf den richtigen Moment, Deutschland zu verlassen, um nach Amerika zu gehen. Sie treffen sich heimlich in Hannover , denn Charly lebt immer noch in Berlin und Gereon, der als verstorben gilt, wohnt inkognito in Rhöndorf am Rhein , weil er seinen im Sterben liegenden Vater nicht im Stich lassen will. Charly sucht ihren ehemaligen Pflegesohn Fritze, der ausgerissen ist und unter Mordverdacht steht. Als sich die Lage zuspitzt, muss Gereon sein Versteck verlassen und Charly zu Hilfe kommen, nach Berlin reisen. Der 10. und letzte Band der Gereon Rath-Reihe - wie immer hochspannend, historisch gut recherchiert. Noirliteratur , ein feiner literarischer Krimi ! Empfehlung!  Weiter zur Rezension:    Rath von Volker Kutscher

Rezension - Der war's von Juli Zeh, Elisa Hoven und Lena Hesse

  In der 6a ist ein Verbrechen geschehen: Marie, dem beliebtesten Mädchen der Klasse, wurden täglich die Pausenbrote gestohlen. Torben, sein Vater ist Polizist, meint, es wisse, wie man ermittelt und hat sofort Konradunter Verdacht. Der dicke Konrad ist neu in der Klasse und hat noch mit niemandem Freundschaft geschlossen. Statt auf dem Schulhof zu gehen, verbringt er die Pausen im Klassenraum. Wer soll es denn sonst gewesen sein? Ein Kinderkrimi, ein Gerichtskrimi, der einen interessanten Inhalt zum Verständnis zur Bedeutung der Unschuldsvermutung und Verfahrensfairness zu vermittelt, zu erklären, wie eine Gerichtsverhandlung abläuft - aber mich als Gesamtkonzept nicht überzeugen konnte. Kinderbuch ab 8 Jahren. Weiter zur Rezension:    Der war's von Juli Zeh, Elisa Hoven und Lena Hesse