Direkt zum Hauptbereich

‹Jemand musste Josef K. verleumdet haben …›: Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten von Peter-André Alt - Rezension

Rezension


von Sabine Ibing



‹Jemand musste Josef K. verleumdet haben …›: Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten


von Peter-André Alt


Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art.

Der erste Satz aus Tolstois «Anna Karenina». Wollen wir vom Glück einer Familie lesen, einer Idylle, konfliktfrei in rühriger Eintracht? Nein. Der Leser ahnt gleich, dass es hier auf ein Drama hinausläuft. Der erste Satz ist bekanntlich der schwierigste - und der wichtigste. Er muss den Leser verführen, weiterzulesen, und er verrät meist mehr, als wir bei der ersten Lektüre wahrnehmen. Meistens enthält er den Hinweis auf das Geschehen des ganzen Romans, auf die Stimmung.

Erste Sätze erheben sich scheinbar aus dem Nichts, aber sie bergen ein eigenes Autorenwissen über ihre Prämissen, über die Bedingungen und Abhängigkeiten, denen sie unterliegen. … Wer einen ersten Satz schreibt, erzeugt einen Kontext, den er danach ausbaut.

In vierzehn Kapiteln und 249 Anfängen erzählender Prosa beschreibt Alt das Grundmuster des ersten Satzes und teilt ihn in Kategorien ein. Der erste Satz soll den Leser neugierig machen, in den Handlungsrahmen einführen, der Geschichte eine Resonanz geben. Der erste Satz, die ersten drei Sätze, die erste Seite sind die Angelhaken in der Buchhandlung, mit dem der Autor seinen Leser fischt. Interessant ist Einteilung der Kategorien. Die Kapitel – Von der Schwierigkeit, mit dem Erzählen zu beginnen – Sprechende Götter und göttliches Sprechen – Die Souveränität der Literatur – Der Herausgeber redet – Steckbrief einer Person – Orte und Zeiten – Die Situation – Plötzliches Ereignis – Spannung – Stimmung – Bekenntnisse, Sprechakte, Gerüchte – Das Unwahrscheinliche – Kitsch und Triviales – Spiele der Ironie – Ende, der zweite Anfang – arbeiten das Ganze heraus.

Auch Auftakte von Romanen unterliegen der Mode

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne, dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (Franz Kafka, «Der Prozess»)

Hier bleibt alles unklar. Eine Verleumdung, eine Verhaftung, aber wer Josef K. ist und wer ihn verleumdet hat und warum, erfahren wir nicht. Er hätte nichts Böses getan, steht im Konjunktiv. Alt beginnt in der Antike: Die Anrufung der Götter. «Singe den Zorn oh Göttin …» (Homer -Ilias). In der frühen Neuzeit, des 16. und 17. Jahrhundert kam es in Mode, den Roman als Lügengeschichte zu präsentieren, zu beginnen, als wolle man von etwas Wahrem berichten, das man selbst erlebt habe. Beispiel Schiller, 1786, «Geisterseher»: «Ich erzähle eine Begebenheit, die vielen unglaublich erscheinen wird, und von der ich großenteils selbst Augenzeuge war.» Der Erzähler suggeriert, ein Beobachter der Ereignisse zu sein. Ein Roman ist Fiktion, aber schon ein erster Satz kann den Leser verführen, dass ihm hier eine wahre Geschichte offeriert wird. Baron von Münchhausen ist ein Beispiel für eine offene Lügengeschichte. Grass zeigt sofort im ersten Satz der Blechtrommel an, dass man dem Erzähler nicht trauen darf, denn er gibt unumwunden zu, Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt zu sein.

Steckbrief, Zeit und Ort

Der erste Satz kann ein Steckbrief sein, ein Fahndungsbild. Er beschreibt die Figur, schält das markante heraus, den Ritter der traurigen Gestalt, benennt seinen Stand oder Habitus, Standort, Zeit, oder stülpt das Innerste nach außen, wie Patrick Süßkind in «Das Parfüm», der seinen Protagonisten mit widersprüchlichen Attributen beschreibt: «Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte.» Dieser Satz ist übrigens bei Alt gering falsch zitiert (hier das Original, abgeschrieben aus dem Buch), so dass er den Sinn verliert und es gab noch ein paar andere Zitate, die ich in anderer Formulierung kenne – möglicherweise andere Übersetzungen – was auf Süßkind nicht zutreffen kann. Schade, dass hier ungenau gearbeitet wird. Eine Variante des Auftakts ist Zeit und Ort und, wie Alt erklärt, in Verbindung mit einer Erfahrung bildet sie ein Dreieck, das zu einer Vielfalt von Kombinationen für den ersten Satz taugt. Mit einer Idylle zu beginnen, baut über Stimmungen und Spannungen auf. Eine weitere Möglichkeit der Eröffnung birgt ein dynamisches Ereignis.

Ereignisse, Suspense, Stimmungen, Bekenntnisse

Freitag, den 20. Juli 1714, um die Mittagsstunde, riss die schönste Brücke in ganz Peru und stürzte fünf Reisende hinunter in den Abgrund.

So beginnt Thornton Wilder «Die Brücke von San Luis Rey». Im weiteren Verlauf recherchiert ein Franziskanerpater, wie es zu diesem Ereignis kam. Ein Geschehen zieht den Leser in Bann. Suspense, eine Eröffnung durch Spannung. Hier einer meiner Lieblingssätze zum Thema: «Da liegt ein Kleiderhaufen an den Gleisen.», Paula Hawkins, «Girl on the Train». Ein dahingeschmissener Satz? Nein, er weckt beim Publikum Neugier, Ahnung, die Fantasie öffnet sich. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit Stimmungen, Innenwelten, die durch äußere Umstände geprägt sind. Die Erwartung auf ein eintretendes Wetter: Sturm, glühende Sonne, Schnee, ein Abschied, ausgelöste Erinnerungen … «Bekenntnisse, Sprechakte, Gerüchte», das nächste Kapitel. Hier wird oft der Leser direkt angesprochen: Dies Buch ist für die, welche ... nur etwas für starke Nerven … «Preiswerteste Zecher und ihr meine allerkostbarsten Lustseuchlinge …» (Rabelais, 1532-1564, «Gargantua und Pantagruel». Manch einer beginnt damit, dass sein wirklicher Name anders lautet, oder damit, ein Verbrechen zu gestehen. Oder er offeriert etwas Persönliches, wie seine Homosexualität usw. Ist dies die Wahrheit oder gehen wir hier einem unzuverlässigen Erzähler auf den Leim? Peter-André Alt lässt sich auch über Kitschiges und Trivialliteratur aus – eben wie man einen guten Roman nicht beginnen sollte. Es werden die Großen der Literatur zitiert und die üblichen verdächtigen Bestseller ihrer Zeit.

Ein Standardwerk für alle, die sich mit Literatur beschäftigen

Insgesamt hat mir das Buch ziemlich gut gefallen, die Systematik, Anfänge von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Ich ahnte es die ganze Zeit, denn die meisten Zitate behandeln Schriftsteller von der Antike bis 1800. Aus 2000+ kam, glaube ich mich zu erinnern, lediglich ein Zitat vor. 95 % der Zitate beziehen sich auf Bücher, die 150 Jahre und mehr auf dem Buckel haben. Natürlich sind die Beispiele gut. Dabei gibt es einige Bandwurmsätze, mit denen man heute die Leser erschrecken würde. Im Kapitel Kitsch und Trivialliteratur trat diese schrecklich elitäre deutsche Germanistensicht zu Tage, was denn so alles trivial sei … Hermann Hesses Romane werden fast allesamt mit dem ersten Satz zitiert – was für ein trivialer Bursche doch Hesse war, ebenso Heinrich Mann … Da Peter-André Alt einen guten geschichtlichen Überblick über Modeerscheinungen der Romaneröffnung gibt, frage ich mich, warum er nicht im Zwanzigsten und Einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen ist. Schade, dass es sich bis in die deutschen Universitäten noch nicht herumgesprochen hat, welch gute Schriftsteller das 21. Jahrhundert zu bieten hat. Trotz dieser Kritik, das Buch ist ein gutes Standardwerk für Schriftsteller und alle die Menschen, die sich mit Literatur beschäftigen. 


Peter-André Alt ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin, die er von 2010 bis 2018 als Präsident leitete. Seit 2018 ist er Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.


Peter-André Alt 
‹Jemand musste Josef K. verleumdet haben …›: Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten
Sachbuch
C.H.Beck, 2020, Hardcover, 262 Seiten

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Der Fluch des Hasen von Bora Chung

  Bora Chungs «Der Fluch des Hasen» entzieht sich jeder literarischen Schublade und verwischt die Grenzen zwischen den Genres, ob magischer Realismus, literarischer Horror, Phantastik oder Speculative Fiction. Diese Kurzgeschichten sind klasse! Skurrile, unheimliche, intelligente Geschichten, die uns mit Gänsehaut überziehen. Die Titelgeschichte fand ich genial! Ein einfacher geliebter Haushaltsgegenstand ist mit einem Fluch belegt und bringt nun Unglück in eine Familie. Oder eine heftige Mensch-Android-Liebesgeschichte.  Oder «Narben», ein düsteres, gemeines Märchen. Klasse! Weiter zur Rezension:    Der Fluch des Hasen von Bora Chung 

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Rezension - Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez

  Leigh Calvez erforscht als Wissenschaftlerin seit vielen Jahren das Leben der Wale. Hier erzählt sie sehr persönlich von ihren Begegnungen mit den Giganten der Tiefsee, darunter familiäre Orcas, weit wandernde Buckelwale oder uralte, tief tauchende Blauwale, die größten Tiere des Planeten.  Nebenbei erfährt man in diesem Buch viel über das Leben und Verhalten von sechs Walarten: Orcas, Buckelwale, Pottwale, Blauwale, Grauwale und Blainville-Schnabelwal, bzw. den Kleinen Schwertwal. Weiter zur Rezension:    Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez 

Rezension - Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

  Der Kinder- und Jugendroman entblättert sich als packendes Survivalabenteuer vor dem Hintergrund des Klimawandels in der Arktis. In einem Rutsch durchgelesen – ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen: Zunächst lernen wir abwechselnd Bee und Yutu kennen, deren Wege sich später kreuzen werden – ein Kampf ums Überleben beginnt, und der gegen die Männer, die Bee auf der Spur sind, sie gefangen nehmen wollen. Abenteuer in der Arktis und Freundschaft bis zum Limit. Hervorragender Kinder- und Jugendroman ab 10/11 Jahren und weit darüber hinaus. Weiter zur Rezension:   Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

Rezension - Verwandlung von Lara Swiontek

  Nach der Novelle von Mary Shelley Was fällt einem zu Mary Shelley ein? Wahrscheinlich «Frankenstein» oder vielleicht noch «Der moderne Prometheus». Die Verwandlung – Kafka, na klar. Aber auch Mary Shelley hat sich mit diesem Thema befasst: Verwandlung. Lara Swionteks hat diese Geschichte als Graphic Novel umgesetzt, eine Literaturadaption. Sie ist schnell erzählt: Reicher, gewissenloser Sohn verschleudert sein Erbe, stößt alle Menschen an den Kopf, die noch zu ihm halten und landet bildlich in der Gosse – hier ist es das Meer. Ein Schiff zerschellt vor seinen Augen – nur ein Zwerg mit einem Schatz überlebt und macht ihm ein Angebot ... Weiter zur Rezension:    Verwandlung von Lara Swiontek

Rezension - Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl

  Die Politiker reden im Fernsehen über die faulen Armen, während Sonjas Ehemann als Leiharbeiter am Bau seinen Rücken verschleißt. Sie verkauft im Bio-Laden teure Tees. Und trotzdem reicht es mit zwei Kindern am Ende des Monats vorn und hinten nicht. Als sie dann ihre Arbeit verliert, weil sie unbezahlten Urlaub nimmt, um im Krankenhaus bei ihrem Sohn zu sein, bricht alles zusammen. Bald hat sie eine neue Arbeit: Mit dem Profil einer schönen, jungen Studentin soll sie nichtsahnende Männern auf einer Datingplattform lange in der Leitung halten. Weiter zur Rezension:    Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl

Rezension - Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adria von Ines Cali

  Iva Markulin, Staatsanwältin in Zagreb , lässt sich in diesem Politkrimi nach Pula versetzen, als ihr Mann bei einem Attentat ums Leben kommt. Wem galt die Autobombe, die an ihrem Auto befestigt wurde? Ihm oder ihr? Mit ihrem kleinen Sohn Matteo zieht sie zu ihrem Großvater, der auf dem Familiengut Terra Rossa in Istrien Olivenöl produziert. Hier ruft sie eine Sonderkommission ins Leben, als deren Leiterin sie die Mörder ihres Mannes ausfindig machen will. Sie hat den Ruf der «Mafiajägerin», lernt schnell das Who is Who an Istriens Küsten kennen, denen es nicht passt, dass ihnen jemand auf die Finger schaut.  Spannender Wirtschaftskrimi , Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adriavon Ines Cali

Rezension - Marlas Bitcoin Abenteuer von Edwin Schotland

  Der Fall in den Kaninchenbau Was ist Bitcoin? So genau verstehen wir es ja selbst nicht. Also wie «das Geld aus dem Internet» Kindern erklären? Ist es stark wie ein Spinnennetz? Oder so schnell wie ein Gepard? Was ist dieses «Biencoin», fragt sich die Biene Marla, die ein Gespräch im Wald belauscht? Sie fragt verschiedene Tiere – doch die haben keine Ahnung, preisen nur ihre eigenen Stärken an. Zum Glück weiß Karl, das Kaninchen, dass es Bitcoin heißt und er erklärt Marla das digitale Zahlungsmittel. Bitcoin, Währungen, Kryptowährung, Blockchain, dieses Kindersachbuch erklärt das ganz gut – allerdings nur das Positive, keine Risiken. Es hinterfragt nichts – preist nur an; ist sozusagen eine Werbebotschaft. Bilderbuch ab 8 Jahren. Weiter zur Rezension:   Marlas Bitcoin Abenteuer

Rezension - Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall

  Die Kunst des guten Essens vor dem Essen Der Aperitivo gehört in Italien schon lange zur Alltagskultur, wie in der Schweiz der Apero, und auch hierzulande wächst der Trend, den frühen Abend mit Sarti Spritz und Negron zu feiern. Und welche regionalen Unterschiede gibt es zwischen Turin , Mailand , Venedig , Rom und Palermo ? Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall stellen die Aperitivi und Bitter vor, auch die  alkoholfreien Alternativen. Dann folgen die Rezepte zu den kleinen Köstlichkeiten, die zum Feierabendritual gehört. Wer Anregungen zum Mixen von Aperos sucht, Rezepte zu kleinen Appetithappen als Beilage, wird hier auf jeden Fall fündig! Weiter zur Rezension:    Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall