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Interview mit Carola Christiansen 

von Sabine Ibing


©Manuela Obermeier


Carola Christiansen, geb. in Hamburg, hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. Sie arbeitet mittlerweile ausschließlich als Schriftstellerin. Davor war sie viele Jahre für eine Fluggesellschaft tätig. In dieser Zeit hat sie u. a. in Hongkong, Dänemark und Luxemburg gelebt. Zurzeit schreibt sie am dritten Teil ihrer Krimireihe um den Hamburger Hauptkommissar Siegfried Adam. Sie ist seit Oktober 2018 Präsidentin des Autorinnenverbandes:  «Mörderische Schwestern e.V.» und Mitglied im «Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V.» und seit 2019 Mitglied im «Syndikat». 


www.christiansen-krimi.com



S. I.:   Die Mörderischen Schwestern sind ein Netzwerk von Frauen, deren gemeinsames Ziel die
Förderung der von Frauen geschriebenen, deutschsprachigen Kriminalliteratur ist. In diesem Jahr werden sie ein Vierteljahrhundert alt. Du bist derzeit die Vorsitzende. Kannst du uns ein wenig zur Geschichte und den Gründerinnen erzählen?


C.C.:   Sehr gern, liebe Sabine. Die »Mörderischen Schwestern« von heute sind das Ergebnis eines Prozesses, der 1986 mit der Gründung der: »Sisters in Crime« in den USA begann. Zuerst gründete sich das German Chapter gewissermaßen als deutsche Zweigstelle oder Untergruppe, bis dessen Mitglieder irgendwann Unabhängigkeit von den Amerikanerinnen anstrebten. So entstanden die Mörderischen Schwestern 1996 in Frankfurt. Die beiden Vereine hielten weiterhin einen lockeren Kontakt. Unser erklärtes Ziel ist seitdem die Förderung der von Frauen in deutscher Sprache geschriebenen Spannungsliteratur. Außerdem engagieren wir uns zunehmend politisch, für Rechte und Anerkennung von Frauen, für Gleichberechtigung, aber auch für die Urheberrechte aller Kulturschaffenden. Wir sind Mitglied im »Netzwerk Autorenrechte« und der »Initiative Urheberrecht«.


S. I.:   25 Jahre sind vergangen. Was macht die Schwesternschaft heute aus? Was bieten sie den  Kimiautorinnen?


C.C.:   Unsere Besonderheit als Verein ist, dass wir allen Krimiliebhaberinnen ein Zuhause bieten. Autorinnen ebenso, wie Bloggerinnen oder Verlegerinnen – allen Arten von Buchbranchenprofis also, aber auch Leserinnen, die einfach Krimis lieben. Jede hat bei uns die Chance an den vielfältigen Programmen teilzunehmen und davon zu profitieren. Einmal jährlich unterstützen wir eine Frau durch ein nicht ortsgebundenes und altersunabhängiges Stipendium bei der Fertigstellung eines unveröffentlichten Buchprojekts. Auch Mörderische Schwestern können sich darauf bewerben, die Mitgliedschaft ist aber keine Voraussetzung.

Alle drei Jahre vergeben wir einen Preis, die Goldene Auguste, an eine Frau, die sich in besonderem Maße für Frauen und die Förderung der von Frauen geschriebenen Kriminalliteratur verdient gemacht hat.

Da wir über den gesamten deutschsprachigen Raum verteilt leben, sind wir in sogenannten Regio-Gruppen organisiert, die lokal viel für ihre Regio-Mitglieder auf die Beine stellen. Sei es ein Besuch in der Pathologie oder auf einem Schießstand der Polizei, sei es eine Einführung in Grundbegriffe der Selbstverteidigung u.v.m. Über vereinseigene Zoom-Accounts finden auch in der Pandemie-Zeit Treffen statt. Einmal im Jahr halten wir unsere dreitägige Vollversammlung ab, die jedes Mal von einer anderen Regional-Gruppe organisiert wird. Abgesehen von der Wahl des Vorstands, können dort Anträge eingereicht werden und es gibt ein umfangreiches Programm, wie Vorträge z.B. aus der forensischen Psychologie und anderen Kriminalwissenschaften oder Kurse und Workshops die für Autorinnen interessant und förderlich sind. Von gutem Essen und netten gemeinsamen Stunden an der Bar ganz zu schweigen… Außerdem haben wir eine interne Mailingliste, über die man sich im geschützten Rahmen über alle möglichen Themen austauschen kann. Da wir Apothekerinnen, Verlegerinnen, Lektorinnen – kurz eine bunte Vielfalt von Frauen als Mitglieder haben, finden sich über diese Liste Antworten auf fast alle Fragen.


S. I.:   Ladies-Crime-Nights, eine ziemlich professionelle Veranstaltung – erzähl uns etwas darüber.


C.C.:   Das ist ein besonderes, von uns erfundenes Veranstaltungsformat, bei dem mehre Autorinnen zwischen sechs und zwölf Minuten aus ihren Krimis lesen. Der Clou ist, dass sie am Ende ihrer Lesezeit, am besten natürlich bei einem spannungsgeladenen Cliffhanger, durch einen Schuss in ihrer Geschichte unterbrochen werden. Diverse Beiprogramme sind dabei möglich, oft gibt es z.B. ein begleitendes Musikprogramm.


S. I.:   Du bist seit 2018 Präsidentin des Vereins, wolltest 2020 eigentlich den Stab weitergeben, hast dich entschlossen, coronabedingt ein Jahr zu verlängern. Was sind deine Aufgaben und wie viel Zeit beansprucht diese ehrenamtliche Tätigkeit?


C.C.:   Die Aufgaben als Präsidentin sind vielfältig. Zusammen mit allen Präsidiumsmitgliedern kümmere ich mich z.B. um die eingehenden Mails im Präsidiumspostfach. Mit unserer Presseschwester bemühe ich mich um Kontakte, um unseren Verein weiter ins Interesse der Öffentlichkeit zu rücken. Dafür gebe ich immer wieder Interviews. Dieses Jahr haben wir Jubiläum, dafür finden eine ganze Reihe von Aktionen statt. Die Goldene Auguste wird ebenfalls in diesem Jahr verliehen, wir schreiben, wie jedes Jahr, unser Stipendium aus und es sind Vorbereitungen für die Frankfurter Buchmesse zu treffen. Letztere sind in diesem Jahr aufgrund der Pandemie besonders aufwendig. Dazu kommen die Aktionen, die vom Netzwerk Autorenrechte und der Initiative Urheberrecht auf politischer Ebene initiiert werden. Es ist gut, dass wir ein Teil davon sind.

Ich versuche, einen Blick auf das große Ganze des Vereins zu haben. Zum Glück habe ich ein phantastisches Präsidium - wir kommunizieren und teilen und helfen uns.


S. I.:   War dir bewusst, wie viel Arbeit auf dich zukommt, oder hast du das überschätzt?


C.C.:   Überschätzt habe ich es gewiss nicht! Eher das Gegenteil! Aber es ist auch unglaublich bereichernd und führt in Gefilde, in die man als „einfache“ Autorin kaum Einblick erhält. Außerdem ist es möglich, dem Verein auf diese Weise etwas zurückzugeben.


S. I.:   Sollte solch ein Ehrenamt einen finanziellen Ausgleich erhalten?


C.C.:   Das wird kaum darstellbar sein. Zudem ist es eben bei einem eingetragenen Verein im Idealfall nicht vorgesehen. Wie sollte eine Arbeit, die vor Feiertagen und Zeiten nach Feierabend (und im Notfall auch vor Nächten) nicht Halt macht, angemessen vergütet werden? Der Verein könnte es sich schlicht nicht leisten! Zudem gibt es nicht nur eine Präsidentin und ein Präsidium, sondern eine ganze Reihe anderer Schwestern, die sich z.B. als Sekretärin, in der Webredaktion und vielen anderen Positionen engagieren.

Wir erhalten eine Ehrenamtspauschale, die wir, aufgrund der erhöhten Ausgaben im Jubiläumsjahr, gesenkt haben.


©Manuela Obermeier

S. I.:    Was sind deine Zukunftsvisionen für die Mörderischen Schwestern?


C.C.:   Mehr Möglichkeiten, etwas für Frauen, vor allem in der Kriminalliteratur, zu bewegen. Gesellschaftlich gesehen, nicht ausschließlich in der Kriminalliteratur, sondern für Frauen generell. Und politisch gesehen – für alle Kulturschaffenden! Denn für uns alle werden heute in der Politik die Weichen für die Zukunft gestellt. 


S. I.:   Die großen Namen der deutschsprachigen Krimiautorinnen treten nicht in der Mitgliedsliste der Mörderischen Schwestern auf, sie sind aber alle beim Syndikat, dem Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur. Wie kommt das?


C.C.:   Ich kann Dir bei dieser Aussage nicht ganz zustimmen. Wir haben durchaus bekannte Schriftstellerinnen im Verein. Natürlich fällt von den sogenannten Erfolgsautor*innen mindestens die Hälfte weg, ganz einfach weil sie männlich sind. Außerdem ist das Sammeln von erfolgreichen Autorinnen nicht unser Bestreben. Unser Anliegen ist, Möglichkeiten für viele und einen fruchtbaren Austausch zu bieten. Im Übrigen sehe ich die verschiedenen Schriftsteller*innen-Verbände überhaupt nicht als Konkurrenzunternehmen. Wir sind fast alle unter dem Dach des NAR (Netzwerk Autorenrechte) vereint, und kämpfen somit gemeinsam auf politischer Ebene für unsere Rechte. In welchen dieser Vereine eine Autorin oder ein Autor eintritt, ist letztendlich eine rein persönliche Entscheidung. Ich freue mich, dass wir mittlerweile alle an einem Strang ziehen und nicht um unsere Mitglieder kämpfen. Viele Autor*innen sind Mitglied in mehreren Vereinen.


S. I.:   Du selbst bringst jetzt deinen dritten Krimi heraus, hast dich zum ersten Buch entschlossen, den Weg der Schriftstellerin Vollzeit einzuschlagen. War das ein Risiko?


C.C.:   Liebe Sabine, das war es in der Tat. Aber es war jede einzige Stunde wert! Ob es Schriftstellerei oder etwas anderes ist – das Gefühl, genau das zu tun, was einen (mich) wirklich erfüllt, ist unbezahlbar.


S. I.:   Du bist Hamburgerin, und natürlich schreibt man über das, was man kennt. Warum wurde gerade der Stadtteil Altona der Schauplatz deines ersten Krimis? Und nun Venedig. Du scheinst das Wasser zu lieben. Aber warum Venedig, was verbindet dich mit dieser Stadt?


C.C.:   Beginnen wir mit Altona… Vor einem knappen Jahrzehnt zog ich hierher. Und ich habe mich verliebt! Dieser Stadtteil ist so bunt, so lebendig. Die Nähe zur Elbe so allgegenwärtig. Einfach zu Fuß runter an die Elbe gehen zu können, ist für mich ein unglaubliches Geschenk. Ja, Du liest es schon – ich liebe das Wasser und das Geschrei der Möwen. Und die Vielfalt. Als i-Tüpfelchen durfte ich sogar in einem Altonaer Polizeirevier einen Tag hospitieren.

Jetzt zu Venedig. 2019 war ich mit mehreren Autorinnen auf einem Schreibretreat am Lido. Bei den Bootsfahrten ins Centrum ist es geschehen - Venedig hat mich erwischt. Danach war ich noch dreimal in Venedig. Das Wasser, die Farben… Es gibt hier ein ganz besonderes Licht. Ich habe versucht, es in meinem Krimi zu beschreiben.


S. I.:   Erzähl uns ein wenig über das Buch. Und wann erscheint es?


C.C.:   Das Buch schlägt eine Brücke von Hamburg nach Venedig und zurück. Der Auslöser ist natürlich, krimibedingt, eher finster. Im Groben geht es um eine gefährliche verbrecherische Organisation, die von Venedig ausgehend Hamburg zu umschlingen droht und sich die Hilflosigkeit Geflüchteter zunutze macht. Zur Recherche durfte ich u.a. mehrere Tage in einer Geflüchtetenunterkunft hospitieren. Es sind interessante Ermittler am Werk – und es gibt eine wirklich böse Antagonistin. Was das Erscheinungsdatum betrifft: Zurzeit suche ich einen Verlag. Dass ich eigentlich kaum Zeit für die Suche habe, macht es nicht leichter…


S. I.:   Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg!


C.C.:   Vielen Dank, liebe Sabine, das wünsche ich Dir auch!





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