Rezension
von Sabine Ibing
In Küstennähe
von Joachim B. Schmidt
Eine Unschuld lag über dem Wasser, im kühlen Abendwind, dem Glitzern der letzten Sonnenstrahlen auf den Wellen, als wäre die Welt eben erst erschaffen worden.
Lárus arbeitet als Hausmeistergehilfe im Altenheim Isafjörður. Ein schmales Gehalt – darum betätigt er sich als Kleindealer mit prächtigem Gewinn. In Grímurs Zimmer, 37-A, ist die Heizung kaputt. Über den alten Fischer, der kaum noch spricht, gibt es Gerüchte – er hätte seine Schwester umgebracht – «Grímur der Schlächter» wird er genannt. Der eine hat das Leben noch vor sich, beim anderen geht es zu Ende. Der grimmige Alte ist Lárus unheimlich; doch er ist auch neugierig. Während er in Zimmer 37-A arbeitet, kommen sich die beiden Männer ein wenig näher. Grímur weiß noch ganz genau, welche Jungen ihn damals ständig geärgert haben – und wer von ihnen ihm vor die Tür … Kindereien, sagt Lárus, es wurde so viel erzählt über «Grímur der Schlächter».
Zwei Außenseiter
So war ich. Ich konnte lügen, ohne mit der Wimper zu zucken, konnte Mitgefühl und Anteilnahme heucheln, mich anbiedern oder auch still sein, wenn es die Situation verlange. Ich war ein Chamäleon, ein Verkäufer – oder einfach nur Schlitzohr. Nur mit echten Gefühlen ging ich sparsam um.
In der Abgeschiedenheit von Islands Westfjorden ist der Hund verfroren – jeder kennt hier jeden. Lárus will heraus aus dem Kaff und irgendwohin gehen, wo es warm ist. Dafür spart er. Er selbst fasst keine Drogen an und er verachtet die Abhängigen, wie auch seinen alten Schulfreund. Zwei einsame Männer, einer jung und einer alt, der eine kauzig und der andere ein Schlawiner, der unter seinem Scheffel arbeitet. Eine Annäherung, entwickelt sich aus dieser Beziehung, die fast einer Freundschaft gleich kommt. In einem Strang erfahren wir etwas über Grímurs Familie, über sein Leben und in dem anderen Strang läuft die Drogengeschichte von Lárus langsam aus dem Ruder. Eine alte Geschichte und eine neue, zukunftsbasiert.
Eine süffige, empathische Sommergeschichte
‹Wolltest du nie weglaufen?›, fragte ich ihn.‹Doch›, sagte er.‹Und wieso bist du nicht?›‹Meine Mutter. Sie hatte nur mich.›‹Manchmal möchte ich auch einfach weg von hier.›Grímur betrachtete mich. ‹Vielleicht solltest du das›, sagte er. ‹Du bist noch jung.›
Eine unaufgeregte Story, recht banal – doch einfach gut erzählt. Genau darin liegt die Kunst! Hier benötigt der Autor keine Kracher. Zwei kleine Geschichten aus dem Leben gegriffen, die sich an manchen Punkten berühren und im Finale zusammenfinden. Das tun, was man tun muss! Zwei Außenseiter, die man erst Stück für Stück lieb gewinnt. Joachim B. Schmidt schafft schöne Bilder von Island, fängt Land und Leute ein, lässt seine Charaktere langsam reifen. Eine süffige, empathische Sommergeschichte.
Der Bauer nannte ihn einen Faulpelz und half mit dem Gürtel nach. Niemand störte sich daran. Grímur war ein Bastard und ein frühreifer Lustmolch, und er konnte froh sein, in der Gemeinde geduldet zu werden.
Joachim B. Schmidt, geboren 1981, aufgewachsen im Schweizer Kanton Graubünden, ist 2007 nach Island ausgewandert. Seine Romane ›Tell‹ und ›Kalmann‹ waren Bestseller; mit ›Kalmann‹ erreichte er den 3. Platz beim Schweizer Krimipreis und erhielt den Crime Cologne Award. ›Tell‹ war auf Platz 1 der Schweizer Bestsellerliste und erhielt den Bündner Literaturpreis. Der Doppelbürger lebt mit seiner Frau und zwei gemeinsamen Kindern in Reykjavík. Auszeichnungen: Bündner Literaturpreis für Tell, 2023; Tell ist SBVV-Lieblingsbuch 2022; Preis des Deutschschweizer Buchhandels, 2022; Crime Cologne Award für Kalmann, 2021.
In Küstennähe
Zeitgenössische Literatur, Island
Taschenbuch, 334 Seiten
Diogenes Verlag, 2022
Zeitgenössische Literatur

Zeitgenössische Romane
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