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Die Liebeslieder von W.E.B. Du Bois von Honorée Fanonne Jeffers - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Die Liebeslieder von W.E.B. Du Bois 


von Honorée Fanonne Jeffers


Denn die Ursünde dieses Landes war nicht Sklaverei. Es war die Gier, und sie war nicht aufzuhalten. Immer mehr weiße Männer sollten kommen und begehren. Und sie sollten die von ihnen verschleppten Afrikaner in unser Land verschleppen. … Diese Weißen peitschten und peinigten und erniedrigten diese Afrikaner. Sie sollten deren Kinder verkaufen und Familien zerreißen. … diese Männer, die im eignen Land von ihrem eignen König geknechtet worden waren, vergaßen das Elend, das sie hinter sich gelassen hatten … Und sie ließen dieses Elend wieder auferstehen und gaben es an die Afrikaner weiter.

Eine Familiengeschichte, die bis nach Afrika zurückgeht, eine Geschichte der Sklaverei, Generationen von Sklaven, die Geschichte einer schwarzen Familie bis heute. Die Hauptprotagonistin ist Ailey Pearl Garfield; sie ist vorlaut, und sie weiß, was sie will. Jeden Sommer reist die Familie nach Chicasetta, Georgia, wo die Familie ihrer Mutter seit Jahrhunderten lebt. Ihre Großmutter wohnt dort in dem Haus, das früher dem Besitzer der Baumwollplantage Wood Place gehörte. Um ihren Platz in der Welt zu finden, muss Ailey die verschlungene Geschichte ihrer Familie verstehen. Denn sie trägt das Erbe der Unterdrückung und des Widerstands, der Sklaverei und der Selbstermächtigung in sich - ein Erbe, so widersprüchlich und lebendig wie Amerika selbst.


Lebensgeschichten über Jahrhunderte


Da waren die Hände seines Vaters, eines schottischen Hirschfellhändlers namens Dylan Cornwell. Da waren die Hände seiner Mutter Nila, einer Creek aus dem Windclan, dem angesehensten Clan des Dorfes.

Die Geschichte von Ailey, die in einer Stadt im Norden der USA aufwächst, aber ihre familiären Wurzeln im Süden in Georgia hat, wird linear erzählt – letztendlich die ihrer gesamten Familie, die ihrer Eltern, ihrer Schwester, Großmutter, die von Großonkel Root und viel weiter zurück – Familienmitglieder, die wir kennenlernen, von denen Ailey nichts weiß – eine Mischung aus den Genen von Schwarz, Weiß und Ureinwohnern. Und diese weiteren Lebensgeschichten werden nicht linear berichtet, sondern immer wieder eingeblendet. Ailey  macht es sich nicht leicht, driftet immer wieder ab, bis sie ihren Weg findet; behilflich ist dabei immer wieder Großonkel Root, der an sie glaubt, bis sie sich am Ende am Routlege College, einem historisch Schwarzen College, einschreibt und sich mit den Schriften von W.E.B. Du Bois auseinandersetzt, selbst Dozentin wird. 


Die Besiedlung Georgias


‹… wer ist die erste Person Plural in ‹unsere Südstaaten› ist? Sind es Weiße? Und beziehst du dich auf die Tatsache, dass in diesem Land nur weiße Bürger lebten, bis der vierzehnte Verfassungszusatz von 1868 Afroamerikanern die Staatsbürgerschaft zustand? Oder denkst du an den Indian Critizenship Act von 1924, als die amerikanischen Ureinwohner die Staatsangehörigkeit erhielten? Welchen meinst du, Rebecca?›
‹Bei unserer Südstaatenidentität geht es nicht um Rasse›, sagte sie. ‹Es geht darum, dass wir den Bürgerkrieg verloren haben.›
‹Und wieder gebrauchst du ein Pronomen in der ersten Person Plural›, sagte ich. ‹Auf welches WIR beziehst du dich? Denn meine Schwarze Familie hat den Krieg nicht verloren. Wir haben ihn gewonnen.

Ein gewaltiges Epos aus der Sicht der Schwarzen in Amerika; eine amerikanische Geschichtsschreibung  der ewigen Unterdrückung und geprägt von Rassismus. Fast 1000 Seiten – aber man fliegt nur so hindurch! Eine verschlungene Familiengeschichte, in der besonders die Frauen großes Leid ertragen müssen, eine Geschichte voller Gewalt. Aileys Familie geht es gut, ihre Eltern sind Ärzte, Onkel Root ist Professor an der Universität – sie haben es zu etwas gebracht; doch auch sie erleben täglichen Rassismus. Falsche Entscheidungen, Missbrauch, falsche Männer, ungewollte Schwangerschaften, auch dieser Teil der Familie hat es nicht einfach. Atmosphärisch, spannend und berührend, ein Buch das mitnimmt und noch lange nachhallt. Ein Roman, den es sich zu lesen auf jeden Fall lohnt! In gewisser Weise ist das Buch ein historischer Roman, weil er jeweils in seiner Zeit die Besiedlung Georgias beschreibt und die jeweilige gesellschaftliche Situation. Hier rollen Siedlertrecks nach Westen, über Lotterien wird von den dortigen Einwohnern (Farmen von Indianern) das Land gestohlen, an die Europäer verschenkt. Menschen, die entrechtet werden, nicht als Amerikaner zählen. Ein Land, in dem das Recht des Stärkeren zählt eins voller Gangster und Ganoven. 


Schwarze Community

Rassismus und Erniedrigung erleben Schwarze fast tagtäglich bis heute. Aber auch in der eigenen Community ist in diesem Buch nicht alles im Reinen. Machos, Missbrauch und Misogynie werden auch hier beschrieben, «weiße» Schwarze, die sich abgrenzen, weil sie sich der weißen Community zugehörig fühlen; die Sprache der Schwarzen mit eigenen Vokabeln (was den Übersetzerinnen hervorragend gelungen ist zu transportieren); hey Sister, Blattkohleintopf und Süßkartoffelkuchen als Soulfood auf den Tisch; und «Yakee ist keine Bezeichnung für Afroamerikaner. Es ist ein Begriff, der sich ausschließlich auf Weiße aus Neuengland bezieht.» Das Buch stand auf der Leseliste der zu empfehlenden Bücher von Barak Obama und auf der von Oprah Gail Winfrey, was ein Bestseller der New-York-Times und wurde mit dem National Book Critics Circle Award ausgezeichnet. Mit Recht! Empfehlung!


Honorée Fanonne Jeffers, geboren 1967 in Kokomo, Indiana, ist Professorin für Kreatives Schreiben an der Universität von Oklahoma. Sie hat zahlreiche Lyrikbände veröffentlicht. "Die Liebeslieder von W.E.B. Du Bois" ist ihr erster Roman.



Honorée Fanonne Jeffers 
Die Liebeslieder von W. E. B. Du Bois
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Maria Hummitzsch und Gesine Schröder
Bildungsroman, Rassismus, Sklaverei, Zeitgenössische Literatur, Amerikanische Geschichte, Georgia, Amerikanische Literatur
Hardcover, 968 Seiten 
Piper Verlag, 2024



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