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Die Geschichte von Kat und Easy von Susann Pásztor - Rezension

Rezension

Sabine Ibing



Die Geschichte von Kat und Easy 


von Susann Pásztor


Der Anfang: 

Kat hat die Macht. Sie hat die Macht.


Der Roman beginnt 1973 in Laustedt. Kat und Easy sind beste Freundinnen, sie sind fast sechzehn Jahre alt, auf dem Weg zum Abitur. Hippiesound, Zigarettendrehen, Tütchen rauchen, abhängen, Musik hören, Jugendzentrum. Eines Tages taucht der zwanzigjährige Robert auf, ein Tischler, den alle Fripp nennen. Kat und Easy sind fasziniert von ihm. 


«Ich-wills-wissen» stellt Fragen im Blog


Wir fuhren durch Gegenden, in denen sogar das Meer und der blaue Himmel hässlich aussahen, die Oleanderbüsche am Straßenrand trugen statt Blüten zerfetzte Plastikbeutel, und ich redete mir ein, das höre bestimmt irgendwann auf, und irgendwann falle mir auch etwas ein, was ich zu Easy sagen könnte.


46 Jahre später: Kat betreibt unter dem Namen «Mockingbird» einen erfolgreichen Blog, auf dem sie Stellung zu allen Lebensfragen nimmt, indem Sie Fragen der Blogbesucher beantwortet, entsprechend einer Briefkastentante, wie man sie früher aus Zeitungen kannte. Eines Tages stellt ihr eine Besucherin namens «Ich-wills-wissen» dort eine Frage, die auf ihre Jugend zurückgreift; sie ahnt, wer dahinter steckt. «Ich-wills-wissen» berichtet, dass sie bei der Auswahl von Männern immer nur solche auswählt, bei der sie keine Schmerzen verspürt, wenn man sich später trennt. Ein Trauma, sie will es durchbrechen. Und Easy, die immer noch in Laustedt wohnt, nimmt plötzlich Kontakt mit Kat auf – nach all den Jahren – sie hatten sich nach diesem Sommer nie mehr gesehen. Easy lädt Kat ein, sie auf Kreta in ihrem kleinen Haus zu besuchen – nichts luxuriöses, ein uraltes kleines Häuschen. Sie würde Kat, die sich nun Katharina nennt, gern wiedersehen. Und Easy ist jetzt schlicht wieder Isi. 


Kreta zeigt sich nicht von einer betörenden Seite


Easy schloss die Tür auf und machte das Licht an, aus einer Reihe Halogenlampen knallte es gnadenlos auf die schäbige Kücheneinrichtung und eine Sitzecke im bedrückenden Design der sechziger Jahre.

‹Sieht Scheiße aus, Kat›, sagte Easy. ‹Aber irgendwie habe ich mich daran gewöhnt.


Kat zögert. Denn es gab einen Bruch zwischen den beiden. Fripp ist in diesem Sommer bei einem Unfall gestorben. Easy will wissen, was in jenem Sommer wirklich geschah, das ist Kat klar. Zögernd bucht sie einen Flug nach Kreta. Sie hat Easy nicht vermisst und sie weiß auch nicht, was sie sich heute zu sagen hätten – zu verschieden sind die beiden Frauen. Aber Katharina ist neugierig. Sollte sie die Nase vor Ablauf der Woche voll haben, kann sie immer noch in ein Spa-Hotel wechseln. Und richtig, Kreta ist grauenhaft. Bereits auf dem Flughafen nimmt sie die griechische Frauenstimme aus dem Lautsprecher als unangenehm wahr, «die Durchsagen klangen wie Lösegeldforderungen». Lieblose Vorstädte, alles heruntergekommen, Straßendörfer, «Gegenden, in denen sogar das Meer und der blaue Himmel hässlich aussahen». Isis Haus gleicht dann eher einer Bruchbude. Und eins ist geblieben: Isi ist immer noch die Unbeschwerte, die Fröhliche und Kat noch immer die Kopfgesteuerte.


Wann werden die beiden bereit sein, Auge in Auge zu sprechen?


Kein einziger Verlust, den wir erfahren, hat den Zweck, unser eigenes Leben zu vernichten. So machtvoll und schmerzhaft der Tod eines anderen Menschen auch ist: Was er uns bringt, ist niemals die Zerstörung. Nichts geschieht umsonst, nicht das Unglück, nicht die Freundschaft.


Ich wollte das Buch eigentlich nur anlesen – doch plötzlich war ich bei der letzten Seite angelangt – wie jetzt?, schon zu Ende?, wirklich schade. Die Kapitel wechseln zwischen diesem Sommer in 1973 und dem Treffen der fast Siebzigjährigen auf Kreta. Heiter bis wolkig: eine dicke Mädchenfreundschaft, die erste Liebe, der erste Sex, ein Erlebnis, von dem Easy nicht loslassen kann – etwas Unterschwelliges: Da war doch mehr, los sag es! Susann Pásztor greift zu einem Kniff: Die alten Freundinnen sitzen zusammen, Isi offen, Katharina sehr zurückhaltend. Beide wissen, um welches Thema Isi wie Tiger im Käfig kreist. Sie packt es aber nicht auf den Tisch. Und Katharina wird ihr nicht den Gefallen tun, darüber zu reden. Alte Geschichten aufwärmen, was soll das bringen? Sie weiß aber ganz genau, das hinter «Ich-wills-wissen» Isi steckt, die ihr auf ihrem Blog diese Frage gestellt hat – und Katharina hat sie beantwortet. «Ich-wills-wissen» lässt nicht locker, stellt eine weitere Frage, die Katharina wieder beantwortet usw. Die Frage stellt sich, wie weit wird «Ich-wills-wissen» gehen und wann werden die beiden bereit sein, Auge in Auge zu sprechen? Es werden Missverständnisse ausgeräumt, denn die beiden Charaktere sind grundverschieden – Unterstellungen und falsche Interpretationen sind vorprogrammiert. Psychologisch gut austariert, sprachlich fein ausgearbeitet, macht es Spaß, diesem Kammerspiel beizuwohnen. Ein Roman, der sich süffig, unterhaltsam liest – auf den ersten Blick – auf den zweiten tiefgründig gestrickt ist und manche sprachliche Perle herausrollen lässt. Der historische Teil wird durch einen Erzähler berichtet, wogegen die Zeit auf Kreta durch die Icherzählerin Katharina in Szene gesetzt ist.


Locker mit viel Humor unterfüttert


Doch die Hoffnung wird gern unterschätzt, weil sie sich totstellen kann wie eine vertrocknete Zimmerpflanze.


Emotionale Brüche, Eifersucht, Betrug, nicht loslassen können ... Isi hat ein Trauma und glaubt, Katharina könne es lösen, denn die ist Teil des Problems. Feine Rückblicke in die Siebziger; wer in dieser Zeit im Teenyalter war, findet sich wieder. Locker mit viel Humor unterfüttert, wandern wir durch das Jahr, bis hin zum legendären Rockfestival in Scheeßel. Die verkniffene Katharina öffnet sich immer mehr, auch für die schönen Seiten von Kreta. «Du guckst jedenfalls immer noch genauso wie früher. Als wärst du von lauter Idioten umgeben», sagt der alte Klassenkamerad zu Katharina, als er unversehens auf Kreta auftaucht. Da ist es wieder. Immer nur Isi, die die Menschen wie Motten anzieht! Jetzt muss es raus! Am Ende sind die Protagonistinnen zusammengerückt. Ein wenig. Reicht das, um an die alten Tage wieder anzuknüpfen? 


Susann Pásztor, 1957 in Soltau geboren, hat die siebziger Jahre nicht nur miterlebt, sondern kann sich auch an sie erinnern, und was sie vergessen hat, erfindet sie. Nach »Ein fabelhafter Lügner« und »Die einen sagen Liebe, die anderen sagen nichts« erschien 2017 ihr dritter Roman »Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster«, der mit dem Evangelischen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Sie lebt und schreibt in Berlin.


Susann Pásztors 
Die Geschichte von Kat und Easy
Roman, zeitgenössischer Roman
Hardcover, 272 Seiten
Kiepenheuer & Witsch, 2021



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

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