Direkt zum Hauptbereich

Der Sonnenschirm des Terroristen von Iori Fujiwara - Rezension

Rezension 

von Sabine Ibing



Der Sonnenschirm des Terroristen

von Iori Fujiwara


Es würde nicht lange dauern, bis sie mich gefunden hätten. Zwei, drei Tage. Eine Woche. Mit Glück einen Monat vielleicht. Aber irgendwann würden sie mich finden. Viel Zeit blieb mir nicht. Genauso wenig wie meiner Leber bis zur Zirrhose. Das stand fest.

Shimamura besitzt seit ein wenigen Jahren in Tokyo eine Bar, die erst am Abend öffnet. 1993: Meistens hängt er tagsüber in einem Park ab, säuft eine Flasche Whisky, er versucht, sein Leben wegzutrinken. An diesem Tag ist alles anders, ein kleines Mädchen unterhält sich mit ihm, geht dann mit ihrem Vater in Richtung U-Bahn. Kurz darauf erschüttert eine Explosion den Park. Shimamura rennt zur Bahnstation. Scheinbar war eine Bombe in der Station detoniert. Dort liegt das kleine Mädchen auf dem Boden. Sie lebt noch, Shimamura bringt sie in Sicherheit und macht sich schnell vom Acker. Mehr als fünfzig Tote und Verletzte sind zu beklagen, ein terroristischer Anschlag, entnimmt der Barbesitzer dem TV. Er erinnert sich an die Whiskyflasche, die er auf der Bank hat stehen lassen. Seine Fingerabdrücke sind darauf zu finden und irgendjemand wird ihn wiedererkennen. Unter den Toten, so findet er heraus, befindet sich eine frühere Genossin und Freundin aus Studentenzeiten, Yuko Endo, von der er nie wieder etwas gehört hat und ein hoher Polizeioffizier, das alles kann kein Zufall sein. Jahrelang war Shimamura von Ort zu Ort gezogen, um nicht entdeckt zu werden, und nun hatte er sich endlich eine neue Existenz geschaffen. Das nützt nun nichts mehr. Er muss untertauchen, trotz falscher Identität – sofort. Denn in den Sechzigern gab es schon einmal ein Bombenattentat, bei dem seine Fingerabdrücke eine Rolle spielten. Wenn er aus dieser Sache heile herauskommen will, muss er herausfinden, wer die Bombe gelegt hat. Doch bevor er sich aus dem Staub machen kann, stehen ein paar Jungs der japanischen »Mafia« in seiner Bar, die Yakuzas warnen ihn davor, dass ein paar andere Jungs auftauchen werden, die an seiner Bar interessiert sind. Hier trifft Respekt auf Respekt, und einer dieser Yakuzas wird Shimamura später weiterhelfen. Hotels sind zu teuer, zu auffällig, also zieht der Barbesitzer in einen Pappkarton in die Obdachlosenszene. Niemand wird ihn hier vermuten.

»Im Kartonhaus stank es. Gen hatte auf die zwei Kartons, die den Boden des Hauses bildeten, eine Binsenmatte und mehrere Decken gelegt. Die stanken, und zwar nicht zu knapp.«

Der Roman ist von 1993, kommt noch ohne viel Technik aus. Die Story liest sich flott und spannend herunter. Man kommt der japanischen Mentalität ein wenig näher, in den Rückblicken geht es in die Sechziger, bis zu den Studentenrevolten gegen den Vietnamkrieg. Zwei Zeitebenen gehen aufeinander zu, die Rückwärtige wird von hinten nach vorn aufgespult und trifft mit dem Heute am Ende zusammen. Letztendlich geht es um Freundschaft und politischen Fanatismus, auch um eine Leistungsgesellschaft, die einen Teil der Menschen gefühlskalt vor die Tür setzt. Von daher ist die japanische Gesellschaft unserer nicht unähnlich. Die Geschichte an sich ist schon ein wenig konstruiert, klar, aber gut konstruiert und spannend. Iori Fujiwara schafft es, die Charaktere sehr liebevoll und genau zu zeichnen, hierin liegt die Glaubwürdigkeit. Die Sprache selbst ist schlicht strukturiert, die kurzen Sätze wirken ein wenig statisch. Die Stärke liegt in den Dialogen. Alles in allem: spannende Unterhaltung.


Interessant, bzw. kurios ist die Entstehungsgeschichte des Romans. Iori Fujiwara, damals ein süchtiger Mahjongg-Spieler, hatte zehn Millionen Yen Schulden, das sind circa 70.000 Euro. Er hatte die Yakuza im Nacken, die das Geld bei ihm eintreiben sollten. Der Romanist Iori Fujiwara nahm sich in dieser Klemme vor, den japanischen Krimipreises zu gewinnen, den Edogawa-Ranpo-Preis (übersetzt Edgar Allen Poe - Preis) dotiert mit zehn Millionen Yen. Er schrieb seinen ersten Krimi, um sozusagen sein Leben zu retten. Und das ist ihm geglückt. Ein Jahr später erhielt er zusätzlich den Naoki-Literaturpreis. Im selben Jahr, 1996, wurde der Roman fürs Fernsehen verfilmt. Fujiwara starb im Mai 2007 an Speiseröhrenkrebs.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler

  Mischa und Nits sind beste Freunde. Mischa liebt die Poems von Nits. Und der bewundert Mischa, weil er schlau ist und ein wandelndes Lexikon über Tiere zu sein scheint. Lügen geht gar nicht, so Nits Überzeugung. Darum fragt er sich, warum Mischa dem Lehrer weismachen will, er hätte eine Chlorallergie, als der Schwimmunterricht beginnt – Nits erzählt er, die Badehose sei von Mäusen angefressen worden. Überhaupt scheint Mischa in Schwierigkeiten zu stecken – doch wohl eher sein Vater ... Nits betritt in dieser Familie plötzlich eine völlig andere Welt – die der Armut. Aber das ist ein Unterthema – Mischas Vater ist untergetaucht; Mischa und Nits werden ihn nicht im Stich lassen – aber das könnte gefährlich werden ... Spannung, Humor und ein wenig Tragik machen das Buch zu einem Leseerlebnis. Meine Empfehlung ab 11 Jahren für diesen exzellenten Kinderroman.  Weiter zur Rezension:    Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler 

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - Inspektor Mouse und der Gang in die Tiefe von Caroline Ronnefeldt

  Der Miezcedes steht unter der Katzanie. Sekretärin Mimi Stubenrein, Prokurist Kralle, Syndikus Tigerius Seidig, Kasimir Bart, Präsident Puschel, Sergeant Fischgrät … die Karthäuser Bank, ein mit Kratzbaumholz getäfelter Flur, ein von schweren rauchgrauen Samtportieren umrahmtes Bogenfenster, ein Tresor der Firma Schleicher & Söhne … Der Jugendkrimi ab 14 Jahren hat mich in seiner Wortspielerei und Atmosphäre anfänglich beeindruckt. Mit viel Humor, gespickt mit literarischen Anspielungen, ermitteln in Kratzburg Katzen mit krallenscharfem Verstand! So der erste Eindruck. Leider konnte mich der Katzenkrimi trotz allem nicht ganz begeistern, schon gar nicht als Jugendliteratur.  Weiter zur Rezension:    Inspektor Mouse und der Gang in die Tiefe von Caroline Ronnefeldt

Rezension - Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi

Die kleine Spitzmaus lebt ganz allein ein ziemlich strukturiertes Leben, funktioniert wie ein Uhrwerk. Jeden Morgen dieselben Rituale: Frühstück, ab zur Arbeit, wo die fleißige Angestellte ihren Job macht. Vom Morgen bis zum Abend ein strenger Zeitplan. Es gibt nur wenig Abwechselung. Die Maus ist mit diesem Leben zufrieden, lebt im Einklang mit ihrem Rhythmus. Die Geschichte beschreibt die japanische Lebensphilosophie Ikigai , die das Glück im Kleinen sucht und findet. Bilderbuch ab 5 Jahren, Empfehlung. Weiter zur Rezension:    Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi 

Rezension - Balaclava von Campbell Jefferys

  Mara, eine Polizistin aus Berlin ist jeden Tag mit Gewalt konfrontiert. Die meisten ihrer Kollegen sind diszipliniert, korrekt. Aber es gibt auch gewaltbereite Typen mit rechten Sprüchen, die sich feindlich gegenüber Ausländern und Frauen verhalten. Mara stammt allerdings aus Hamburg und so liegt es nahe, dass man sie undercover nach Hamburg sendet, damit sie sich unter die linken Gruppen mischt, herauszufinden, wer bei einer Demo den einen Polizisten ermordet hat. Mara hat das Video gesehen – der Polizist sackt zusammen, neben ihm ein junger Mann, dessen Gesicht mit einer Balaclava verdeckt ist. Mara hat ihn erkannt! Diese Augen gehören ihrem Bruder! Und der würde niemanden umbringen. Ein Thriller mit Potential, allerdings zu aufgeblasen, zu viele handwerkliche Fehler. Weiter zur Rezension:     Balaclava von Campbell Jefferys

Rezension - Was uns Angst macht: Bilderbuch von Fran Pintadera und Ana Sender

  Wie man die Angst loswird, indem man sie annimmt - ein zartes Bilderbuch, das zum gemeinsamen Gespräch über Angst als Teil des Lebens einlädt. Der Vater erklärt, dass wir alle manchmal Angst haben. Zum Beispiel vor dem, was wir nicht kennen, oder vor dem Alleinsein, vor der Dunkelheit, in Höhen …Angst umgiebt uns, wir müssen nur lernen, damit umzugehen. Klasse Bilderbuch ab 4 Jahren, das zu Gesprächen anregt.  Weiter zur Rezension:   Was uns Angst macht: Bilderbuch von Fran Pintadera und Ana Sender

Rezension - Hase Hollywood und das Geheimnis des Drachenlandes von Stefan Rasch, Simon Rasch und Anja Abicht

  Ein mächtiges Kinderbuch! Schwer an Gewicht, eine lange witzige, fantasievolle Geschichte. Der Hase Hollywood und seine Freunde betreiben ein Gasthaus in einer einsamen Bucht am Ende der Welt. Eines Tages taucht ein gefürchteter Piratenkapitän bei ihnen auf und vergisst doch glatt seinen Seesack unter dem Tisch. Darin befindet sich alte Schatzkarte und ein geheimnisvoller rosa Glitzerball. Der Ball entpuppt sich als Ei, aus dem ein kleiner Drachen schlüpft. Und damit beginnt eine abenteuerliche Reise zur Schatzinsel, denn auf der Karte sind auch die Drachen verzeichnet, den das Hasen-Team zu seinen Eltern bringen möchte. Sehr feine Illustrationen, grundsätzlich eine gute Geschichte, aber grobe handwerkliche Fehler für den Kinderroman. Weiter zur Rezension:     Hase Hollywood und das Geheimnis des Drachenlandes von Stefan Rasch, Simon Rasch und Anja Abicht