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Der eiserne Herzog von Ulf Schiewe - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Der eiserne Herzog 


von Ulf Schiewe 


Guilhem nickt. Kein außergewöhnliches Schicksal. Besonders auf dem Land gibt es viele Sklaven, die meisten in der Landarbeit. Bei den Sachsen auf der anderen Seite des Meeres soll es jeder. Zehnte sein, in der Normandie sind es kaum weniger. Daheim hat Guilhem selbst Sklaven unter dem Gesinde. Manche wurden bei Raubzügen verschleppt, andere haben sich selbst verkauft, weil sie verschuldet waren oder weil ihnen durch schlechte Ernten der Hungertod drohte. Lieber Sklave sein als verhungern. Und immer noch landen Schiffe nordischer Händler in den Häfen, die menschliche Ware an Bord haben, meist arme Teufel aus dem fernen Osten. Aber so ist das eben. ‹Bestimmt geht es ihm gut›, sagt er. 

In der Schlacht bei Hastings am 14. Oktober 1066 besiegte der französische Normanne Herzog Guilhem die Angelsachsen unter ihrem König Harald II. und wurde in der Folge König von England. Mit der Schlacht endet dieser historische Roman. Das von Guilhem  erlassene Grundbuch Domesday Book dient teilweise selbst heute noch als Rechtsquelle, vor allem ist es eine überragende Quelle für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte.


Wer wird Thronfolger?

‹Na also!› Stigands Blick trifft Harold. Er nickt ihm zu. ‹Ich gratuliere dir. Er hat dich zum Thronerben bestimmt.›
‹Nein, nein! Er hat Guilhem gesagt. Er hat mich verwechselt. Seine Augen sind schwach.›
Stigand runzelt die Brauen. ‹Von Guilhem habe ich nichts gehört. Er hat dich angesehen und gesagt, du würdest ein guter König. Für mich ist das eindeutig.› Er wendet sich an den Truchsess, den er fast drohend ansieht. ‹Du hast es doch auch gehört, will ich meinen.›
Fitz Wimarc sieht ihn unschlüssig an, zuckt dann aber mit den Schultern und nickt.
‹Und du?›, fragt Stigand den Prior in einem Ton, der keine Widerrede duldet.
Der Prior weiß nicht, was er sagen soll. ‹Ich .... Ich bin mir nicht sicher›, stammelt er. ‹Ich war ja nicht an seiner Seite.›
‹Es war doch klar und deutlich!›
‹Ah ... ja. Ich denke schon.› 
‹Na also!› Stigands Blick trifft Harold. Er nickt ihm zu. ‹Ich Ich gratuliere dir.›


William the Conqueror, normannisch Williame II, französisch Guillaume le Conquérant; eine schillernde Persönlichkeit. Guilhem, wie er in diesem Buch genannt wird, hatte es nicht leicht in seiner Jugend, er wurde der Bastard genannt; geboren 1027 in Falaise, † 9. September 1087 im Kloster Saint-Gervais bei Rouen, Normandie, Frankreich. Doch er setzte sich durch, als Nachfolger seines Vaters, hatte sich ab 1035 als Herzog der Normandie behauptet, alle Widersacher niedergeschlagen. Er heiratet gegen den Willen des Papstes Matilda, die Tochter von Baldowin von Flandern; ihre Mutter war Adela von Frankreich. Als sein Onkel, König Eadweard von England, ihn überraschend zum Thronerben erklärt, nimmt er an. Matilda aber hat größte Bedenken, denn Guilhem hat einen mächtigen Gegner: den einflussreichen angelsächsischen Adel, geführt von Harold Godwinson, dessen Familie ebenfalls Anspruch auf den Thron erhebt. Der angelsächsische König Eadweard  der Bekenner, hatte längere Zeit in der Normandie gelebt, mochte seinen Neffen und war von seinem Erfolg sehr beeindruckt. Er wäre gern die Godwinsons losgeworden, die die wirklichen Herrscher im Land sind, bestimmt deshalb den Neffen zum Thronfolger. Des Königs Wort gilt, dem ist Folge zu leisten. Vielleicht hat sich der König aber auf dem Sterbebett umentschieden? Eine kleine verschworene Gemeinschaft von Anwesenden behauptet das jedenfalls. Guilhem jedoch will unbedingt den englischen Thron besteigen und die Herrschaft der Dänen beenden, sie aus dem Land verscheuchen, die Ländereien mit Normannen besetzen. Unmöglich, meinen seine Freunde, die Logistik zu bewältigen. Woher soll man die vielen Schiffe bekommen, Männer, die für ihn um den englischen Thron kämpfen? Und wie soll man Heer, Pferde, Ausrüstung, hinüberbringen, möglichst auch noch ohne, dass Harold es mitbekommt? Die mit Äxten kämpfenden Dänen sind gefürchtet.


Das Jüngsten Gericht 

Nachdem William I./ Guilhem zum König gekrönt wurde, legte er los und entmachtete die Angelsachsen und besetzte alle Grafschaften neu. Im Norden hat er heftig gewütet. Der Historiker Trevor Rowley von der Universität Oxford schrieb: «Die ‚Plünderung des Nordens‘ (1068—70) kann man nur als barbarisch bezeichnen — selbst gemessen an den ziemlich unmenschlichen Standards der damaligen Zeit.» Guilhem / William war bereits in der Normandie bekannt dafür, gegen Feinde und Aufrührer extrem hart vorzugehen. Er befand sich in in England in einem Land, dessen Einwohner sich feindlich gegen ihn stellten und er hatte lediglich 10.000 Mann dabei, die verteilt über das Land seine Herrschaft halten mussten. Er ließ mehr als 500 Burgen und Befestigungen bauen, darunter den Tower von London. Während er das Land in Besitz nahm, ließ er in allen Grafschaften die Land- und Besitzverhältnisse genaustens dokumentieren. Für die Steuererhebung wurde der Wert von Haus und Hof, inklusive Wald- und Weideland, neu festgelegt einschließlich aller Tiere. Die unterdrückten Engländer verglichen dies mit dem Jüngsten Gericht (Day of Doom), was diesem Buch die Bezeichnung Domesday Book gab. Eine Art der Buchführung und rechtliche Legitimation von Besitz, die noch heute gilt.


Etwas schwülstig

Harold wischt sich die Hände an den Reiterhosen ab und lehnt sich zurück. ‹Und für Tostigs Hochmut und Fehlverhalten sollen wir in den Krieg ziehen?› 
‹Wenn’s sein muss.› 
‹Ist dir überhaupt klar, was das bedeutet? Lange Zeit hat Frieden geherrscht. Manche haben vergessen, was ein großer Krieg anrichten kann. Plündernde Horden würden durchs Land ziehen. Ein Krieg könnten die Bauern auf Jahre hungern lassen. Wenn man ihnen die Saat stiehlt, gibt es im Jahr darauf keine Ernte und kein Brot. Nur damit du weißt, um was es geht.›
Edythe nickt bekümmert und seufzt. ‹Trotzdem, Harold. Es geht um die Ehre der Familie. Wir können keine Schwäche zeigen, nicht einfach so klein beigeben. Das wäre der Anfang vom Ende. Vater hätte das nie zugelassen.› 
Harold seufzt. ‹Auch mir ist all dies durch den Kopf gegangen. Wie hätte Vater sich entschieden? Welche neuen Herausforderungen würden uns in Zukunft blühen, wenn wir jetzt Schwache zeigen? Würde man uns noch respektieren?›

Wir gehen fast 1000 Jahre zurück in der Geschichte und natürlich ist vieles fiktiv. Ulf Schiewe hält sich gut an die Eckdaten. Ob König Eduard wirklich seinem Neffen als Thronfolger ernannt hat, bleibt offen, die einen Quellen so, die andern bestätigen das nicht. Unüblich war aber, dass die Krönung am Tag der Beerdigung stattfand. Die Hektik hier deutet auf Betrug hin. So könnte es gewesen sein. Der Autor ist hier aber tief in die Charaktere hineingegangen. Er beschreibt mit Guilhem und William zwei bedachte, fürsorgliche Männer, die Freunde hätten sein können, die über die Folgen ihres Handels nachdenken, Familienmänner, die ihre Frauen unsagbar lieben und stets treu sind. Gut, Harold wird gezwungen, nach seiner Krönung eine andere Frau heiraten – er macht es aber nur um Frieden zu schaffen, das Land zusammenzuhalten. Etwas, was ich bezweifele. Guilhems Frau darf entscheiden, ob er sich den Thron kriegerisch holt, oder ob er sich mit der Normandie zufriedengibt. So viel Beratung und Entscheidung, innige Liebe, Treue mit den Frauen; also wirklich nicht! Wenn man bedenkt, wie Guilhem nach Schlachten mit seinen Gegnern umgegangen ist und wie er in England gewütet hat, so kann ich mir nicht diesen netten, charmanten Typ vorstellen. Es gibt viele Gespräche unter den jeweiligen Ehepartnern, viele Küsse und Liebesschwüre – was für meine Begriffe eher in Histo-Klamotten-Bücher passt. Ich habe mit Ulf mal darüber geredet, denn in dem ein oder anderen Buch neigt er dazu. Es verkauft sich besser … In diesem historischen Roman war es mir aber wirklich ein wenig überzogen und die Figuren selbst waren für mich nicht glaubhaft dargestellt. Viel lieber hätte ich gelesen, wie es Guilhem logistisch hinbekam, die Schiffe im Eiltempo zu bauen, die Ausrüstung zusammenzubekommen. Eine Meisterleistung! Ganz schwülstig wird es am Ende, wenn Guilhem mit Edyth Schwanenhals den toten Harald Godwinson auf dem Schlachtfeld sucht, ein Dialog, der von Pilcher hätte kommen können. Auch hätte mich mehr der Einzug als König von England interessiert, und die Zeit danach als das ganze romantische Geplänkel. Es ist immer schwierig, eine wichtige historische Person darzustellen, die vor 1.000 Jahren gelebt hat, zu der es nur wenig Quellen zum Charakter gibt. Alles nur Fiktion. Vielleicht hatte Ulf einen zweiten Teil geplant, er ist ja kurz nach Fertigstellung dieses letzten Romans überraschend verstorben. Ein wundervoller Mensch, ein Autor, den ich immer geschätzt habe – trotz dieser kleinen Kritik. Der Roman ist völlig in Ordnung für die Masse. Wem Schwülstiges so gar nicht liegt, wie mir, wird ein wenig Probleme haben. Was mir auch nicht gefallen hat, ist die Zeitform. Ich liebe das Präsens – aber in einem historischen Roman knirscht das bei mir.


Ulf Schiewe ist im Weserbergland und in Münster aufgewachsen. Er hat lange als Software-Entwickler und Marketingmanager in führenden Positionen bei internationalen Unternehmen gearbeitet und über zwanzig Jahre im Ausland gelebt. Mit dem Schreiben hat er spät angefangen, erst Mitte 50. So ist «Der Bastard von Tolosa» entstanden, der bis heute viele Leser findet. Seine Bücher sollen, wie alle guten Romane, Gefühle erwecken, das ewig menschliche Drama in Szene setzen, den Leser fesseln und zum Nachdenken bringen - vielleicht gelegentlich sogar den Bogen zu unserer Zeit schlagen.



Ulf Schiewe 
Der eiserne Herzog 
Historischer Roman, William the Conqueror, König Harald II., Könige von England, Domesday Book, Schlacht bei Hastings, Normannen 
Taschenbuch, ‎560 Seiten
Lübbe, 2022






Historische Romane und Sachbücher

Im Prinzip bin ich an aller historischer Literatur interessiert. Manche Leute behaupten ja, historisch seien Bücher erst ab Mittelalter.  Historisch - das Wort besagt es ja: alles ab gestern - aber nur was von historischem Wert ist. Was findet ihr bei mir nicht? Schmonzetten in mittelalterlichen Gewändern. Das mag ganz nett sein, hat für mich jedoch keine historische Relevanz.  Hier gibt es Romane und Sachbücher mit echtem historischen Hintergrund.
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