Direkt zum Hauptbereich

Creep von Philipp Winkler - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Creep 

von Philipp Winkler 


Als sie wieder mal auf der Suche nach einer Erklärung oder einer Bezeichnung für sich selbst war, stieß Fanni in einem Post im agender-Subreddit zum ersten Mal auf die Bezeichnung Meat Prison und verstand mit diesem Begriff die Entkopplung von sich und ihrem Körper.


Sie kennen uns, denn sie beobachten uns, Nerds, die sich in Überwachungskameras einhacken. Philipp Winkler erzählt die Geschichten von Fanni in Deutschland und Junya in Japan - beide suchen im Leben fremder Menschen, woran sie persönlich in der Realität scheitern: Zuneigung, Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Dabei überschreiten sie Grenzen, die für sie schon längst nicht  mehr gelten.


Für diese Familie entwickelt sie eine Obsession


Was Fanni am MonstroMart überzeugt hatte – neben dem vergleichsweise starken Fokus auf Data Dumps und Carding –, war der Name des Marketplaces selbst bzw. der Humor hinter der Simpsons-Referenz, den die Admins damit bewiesen. Sie gingen sogar die Extra Mile und übernahmen den Slogan in den Seitenheader: MonstroMart – Where shopping is a baffling ordeal. Fanni schätzte die Konsequenz. Immerhin riskieren die Admins, potenzielle User_innen, die die Referenz nicht verstehen, damit abzuschrecken. Außerdem kann man den Slogan natürlich auch als Metajoke über die allgemeine Shoppingerfahrung im Dark Web betrachten.


Die Handlung wird aus zwei Perspektiven erzählt: Fannis Geschichte beginnt damit, dass sie zusammen mit den Naumanns frühstückt. Eine Bilderbuchfamilie, in deren Leben sie sich hackt, die sich nach einem Wohnungseinbruch Sicherheitskameras einbauen ließen; für diese Familie entwickelt sie eine Obsession. Fanny selbst ernährt sich ausschließlich von abgepackten EPAs und Militärmenüs. Bei der Beobachtung der Familie kann sie sich entspannen, Nähe und Wärme in sich aufsaugen. Als Agender fühlt sie sich in ihrem Körper, den sie «Meat Prison» nennt, gefangen, fühlt sich keinem Geschlecht zugehörig. Sie arbeitet im Bereich Research & Development für die Home-Security-Firma namens BELL. Als professionelle Creeperin durchsucht die Wohnungen der Bell-Kundinnen, bringt dem «Überwachungsalgorithmus bei, was auf dem Kamerabild der Postbote ist, was eine Gassigängerin und was der Hund.» Welche Bewegungen gehören zum Tagesablauf und können vom Alarm ignoriert werden. Wenn am Ende der Schicht alle nach Hause gehen, bleibt Fanny allein zurück und beobachtet Menschen in ihren Wohnungen. Und sie verkauft Firmendaten im Darknet. Eines Tages beobachtet sie einen Einbruch und erlebt, wie der maskierte Täter sein schlafendes Opfer mit einem Hammer traktiert. Leider verlor ich schnell die Lust am Lesen, da der Autor den Text mit IT-Begriffen zuknallt. Ich hätte gern inhaltlich mehr über sie erfahren – was gibt es ihr, in diese Familie am Tisch hineinzublicken?


Wie jedes Mal vor dem Erheben des Hammers rasen Bilder durch seinen Kopf, so schnell, dass sie sich überlagern. Die hassverzerrte Fratze seiner Mutter. Die Ablehnung in den Augen seiner Lehrer. Dann sind die Gesichter verschwunden, und alles, was bleibt, ist immer nur ein Satz: Deru kugi wa utareru. Ein herausstechender Nagel muss eingeschlagen werden


Der zweite Strang handelt von Junya, der in Tokio lebt und sein Kinderzimmer kaum verlässt. Die Mutter stellt ihm Essen vor die Tür, er ihr später das leere Geschirr. Sie darf das Zimmer nicht betreten. Er bewirbt sich regelmäßig an einer Kunsthochschule und erhält ebenso regelmäßig eine Absage. Juny wurde in der Schule extrem gemobbt und genoss durch die alten Eltern eine beinharte Erziehung. Heute ist er ein Computernerd, zieht sich Gewaltvideos im Darknet rein und er nimmt real Rache im nächtlichen Tokio an seinen ehemaligen Peinigern, verkleidet durch Perücke und Maske – er ist ein Creeper. Seinen seinen ehemaligen Lehrer erschlägt er mit dem Hammer. Was bei Fanny mit IT-Begriffen überfrachtet ist, überfluten hier die japanische Worte und Begriffe den Text, was ebenso nervig ist.


Ein Thriller? Ein wenig, letztendlich doch nicht

Zwei Menschen, die die Netzwelt der realen vorziehen; allerdings gibt der Autor keine Antwort zu dem, was dieses Leben für sie gibt. Zwei depressive Menschen – so weit ist die Geschichte klar. Mobbing und Cybermobbing, Datenklau, Gewalt im Netz ansehen und streamen, elektronische Überwachung auf vielen Ebenen, Verlust der Privatsphäre – Themen, die gestreift werden. Fehlende Kommunikation, bzw. eine andere Kommunikation. Die Fanny-Kapitel sind gegendert (bis zum Erbrechen), die mit dem Japaner Junya nicht, das gibt Sinn. Doch beide haben die gemeinsame Sprache der Elterngeneration zugunsten  ihrer Netzsprache aufgegeben. Das nervt mich als Leserin. Weder stecke ich so tief in der Netz-Ausdrucksform, schon gar nicht in den japanischen Begriffen. Ein Glossar existiert nicht, das wäre dann wohl länger als 50 Seiten. Für mich hat sich dadurch leider kein Nerd-Sound, eine persönliche Sprache der Figur entwickelt – das war in dieser intensiven Form nicht nötig. Für mich eine Aneinanderreihung von nicht verständlichen Vokabeln. Sperrig ohne guten Sprachfluss hemmt es das Lesen. Was ist dies für ein Roman? Ein Thriller? Ein wenig, letztendlich doch nicht. Die Protagonisten werden sich niemals begegnen, es sind zwei parallele Geschichten mit offenen Enden. Ich habe viel geblättert, mich konnte der Roman rundherum nicht begeistern, obwohl ich die Grundidee recht gut finde.


Creeper

In den USA versteht man unter dem Begriff «Creeper» Personen, die durch fremde Wohnungen schleichen, ohne dabei bemerkt zu werden, während die Bewohner zu Hause sind. Es gibt auch einen Fall aus den USA, auf den der Autor sich in dem Buch bezieht: Der bis heute ungeklärte Mord an der US-Amerikanerin Missy Bevers, die 2016 in Texas in einer Kirche wahrscheinlich vom sogenannten «Church Creeper» mit einem Hammer getötet wurde.


Philipp Winkler, 1986 geboren, aufgewachsen in Hagenburg bei Hannover. Studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim. Für seinen Debütroman »Hool« erhielt er den ZDF aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Debüt, stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und war zum Festival Neue Literatur in New York eingeladen. Der Roman war ein Spiegel-Bestseller, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und für die Bühne adaptiert. Eine Verfilmung ist in Vorbereitung. Er lebt in Niedersachsen auf dem Land.



Philipp Winkler
Creep
Zeitgenössische Literatur, Netzliteratur, digitale Welt
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 342 Seiten
Aufbau Verlag, 2022


Weitere Rezension zu Philipp Winkler:



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Doppeltes Spiel von K.L. Slater

  Ein luxuriöser Wolkenkratzer mit dem Namen Orbit, in dem die Reichsten der Reichen zusammenkommen: hier arbeitet die attraktive Alicia als Kellnerin. Als der charismatische Eigentümer des Orbit ihr das Angebot macht seine Freundin zu spielen und dafür ein großzügiges Gehalt zu erhalten, in seinem riesigen Apartment im Orbit zu wohnen, nimmt sie an. Immerhin ist es nur ein Spiel, denn er braucht eine Begleitung, will sich vor den vielen Frauen schützen … bis das Spiel plötzlich mehr zu sein scheint. Langweilig, uninteressant, voller Klischees, sprachlich kraftlos – mehr muss ich nicht sagen.  Weiter zur Rezension:   Doppeltes Spiel von K.L. Slater 

Rezension - Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter von Lukas Bärfuss

Nach «Vaters  Kiste» hat Lukas Bärfuss nun in einem autobiografischen Essay mit dem Leben seiner Mutter abgerechnet. «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod.» 1971 in Thun geboren, die Mutter wohnt eher allein mit ihrem Sohn, bzw. mit vielen Männern. Lukas Bärfuss wächst im Rotlichtmilleu auf; seine Mutter war eine Frau ohne Bildung, die von ihrem Freiheitsverlangen getrieben wurde, in das der Sohn nicht hineinpasste. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen, am Abend stand sie an einer Rotlicht-Bar. Als sie älter war, arbeitete sie als Putzfrau und in einer Wäscherei. Der Junge war nie gewollt, so wurde er auch behandelt – als Rabenmutter titulierte sie sich sogar selbst. Eine Mutter, die ihn hat sitzen lassen in seiner Kindheit und ein System, das dieses Kind hängenließ. Ein wundervolles Buch, schnörkellos geschrieben, das sehr zu Herzen geht. Weiter zur Rezension:    Königin der Nacht – Ein kurzes Buch ...

Rezension - Generation Glücklich: Dein Handbuch für mehr Spaß und Freiheit in einer Welt voller Bildschirme von Jonathan Haidt und Catherine Price

Stell dir vor, du wächst auf in einer Welt voller Smartphones , Likes und endlosem Scrollen, als wäre das Handy an der Hand festgewachsen. Das Handy ist das Erste, was du morgens, und das Letzte, was du abends anschaust – ganz schön viel für ein Kind, oder? «Generation Glücklich» richtet sich an Kinder zwischen 9 und 12 Jahren, die genau in dieser Welt ihren eigenen Platz finden wollen – ohne sich dabei virtuell selbst zu verlieren. Medienkompetenz , Selbstsicherheit, Selbstständigkeit im Umgang mit Medien – Fallstricke kennenlernen, Mechanismen auf Social Media verstehen an Hand von Comics und Übungen. Zu verstehen, wie Social Media funktioniert und wie sie das Gehirn verändert . Empfehlung!  Weiter zur Rezension:     Generation Glücklich: Dein Handbuch für mehr Spaß und Freiheit in einer Welt voller Bildschirme von Jonathan Haidt und Catherine Price

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Recherche - Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton

  Die 12-jährige Bo Delafort ist eine «Schlammschwalbe» – Menschen die an der Themse leben, arbeiten als Schlammsucher, sie graben im Schlamm nach kleinen Schätzen und Angeschwemmtem, was man verwerten kann. Als Bo eine schimmernde Münze im Schlamm des Flusses findet, meint sie, der Fluss würde mit ihr sprechen. «Du wirst nicht verlieren …» raunt er ihr zu. Aber was bedeuten die Worte? Eine insgesamt spannende Fantasy ab 12 Jahren mit Tiefgang. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton

Rezension - Simone von Nikolaus Heidelbach

  Wally und ihre Mutter gehen zum Babyschwimmen und lernen Simone kennen. Man findet sich sympathisch, und so wird das Flusspferd als Babysitter engagiert, wird die engste Vertraute von Wally. Bevor das Mädchen in die Schule kommt, keinen Babysitter mehr benötigt, begeben sich die beiden auf eine letzte abenteuerliche Flussreise . Sie erleben Wasserfälle , wilde Picknicks und ein fröhliches Schlammbad mit Simones Familie. Ein liebevoll, atmosphärisches Bilderbuch ab 4 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Simone von Nikolaus Heidelbach

Rezension - Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler

  Mischa und Nits sind beste Freunde. Mischa liebt die Poems von Nits. Und der bewundert Mischa, weil er schlau ist und ein wandelndes Lexikon über Tiere zu sein scheint. Lügen geht gar nicht, so Nits Überzeugung. Darum fragt er sich, warum Mischa dem Lehrer weismachen will, er hätte eine Chlorallergie, als der Schwimmunterricht beginnt – Nits erzählt er, die Badehose sei von Mäusen angefressen worden. Überhaupt scheint Mischa in Schwierigkeiten zu stecken – doch wohl eher sein Vater ... Nits betritt in dieser Familie plötzlich eine völlig andere Welt – die der Armut. Aber das ist ein Unterthema – Mischas Vater ist untergetaucht; Mischa und Nits werden ihn nicht im Stich lassen – aber das könnte gefährlich werden ... Spannung, Humor und ein wenig Tragik machen das Buch zu einem Leseerlebnis. Meine Empfehlung ab 11 Jahren für diesen exzellenten Kinderroman.  Weiter zur Rezension:    Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler 

Rezension - Grumpel und der furchtbar fiese Weihnachtsplan
 von Alex T.
 Smith

  Kennst du den Grumpel? Und seinen furchtbar fiesen Weihnachtsplan? Und weißt du von der fürchterlichen Sache, die am Weihnachtsabend am Nordpol passiert ist? Vielleicht sollte ich dir davon erzählen ... Wer ist eigentlich dieser Grumpel? Ein zottliger Typ, stets, grantig, eben unausstehlich – ein Kerl, der sich nicht benehmen kann. Die Leute verstummen und ziehen die Schultern ein, wenn er den Laden betritt. Und er hat eine lange Liste von Dingen, die er nicht mag. Sein Plan, Weihnachten zu vernichten, wird umgesetzt. Er reist zum Nordpol, um Weihnachten zu verhindern! Auf dem Weg dorthin begegnen ihm nette Wesen. Wird er seinen Plan verwirklichen? Spannende Weihnachtsgeschichte in 24 Kapiteln ab 6 Jahren – Allage.  Weiter zur Rezension:    Grumpel und der furchtbar fiese Weihnachtsplan
 von Alex T.
 Smith

Rezension - Und dann gab’s keines mehr von Agatha Christie, Pascal Davoz und Callixte

Agatha Christie Classics Der Klassiker schlechthin! Der meistverkaufte Krimi von Agatha Christie als Grafic Novel . Zehn Menschen werden von einer Familie, die sie nicht kennen, aus unterschiedlichen Gründen auf eine kleine abgelegene Insel eingeladen. Entweder sollen sie dort arbeiten oder sich vergnügen. Einige von ihnen lernt der Lesende bereits auf der Anfahrt kennen. Acht Menschen treffen vergnügt im Hafen aufeinander, sechs Männer, zwei Frauen. Auf der Insel empfängt sie ein Dienerpärchen, von dem sie erfahren, der Gastgeber wird erst erst am nächsten Tag eintreffen. Doch gleich zum Begrüßungscocktail wird ihnen offenbart, wozu sie angereist sind: Alle Anwesenden werden sterben! Klasse umgesetzt als Comicadaption, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Und dann gab’s keines mehr von Agatha Christie, Pascal Davoz und Callixte 

Rezension - Lázár von Nelio Biedermann

  «Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.», so wird von ihm geschrieben. Nelio Biedermann schreibt mit 20 Jahren sein erstes Buch und das Manuskript geht in die Versteigerung – die Verlage überbieten sich, es wird in 20 Sprachen verkauft, man redet über ein sechsstelliges Vorschusshonorar – über den neuen Thomas Mann . Uff. Ich war gespannt. Mich konnte der Familienroman nicht überzeugen – leider. Weiter zur Rezension:    Lázár von Nelio Biedermann