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Bewölkt aber trocken von Marion Zechner - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing


Bewölkt aber trocken 


von Marion Zechner


Dem Drachen ins Gesicht spucken. Aber sein Gesicht ist mein Gesicht. Nochmal duschen. Was soll das bringen? Als ließe sich Würde so einfach zurückholen. Dich selbst kannst du nicht abwaschen.


Lucy, 35, ist schlicht überfordert. Eine pubertierende Tochter, ein zweijähriger Sohn, ein Mann, der zwar mit anpackt, aber sich oft tagelang im Ausland aufhält. Die Lehrerin ist getrieben, sie muss funktionieren: Kinder, Haushalt, Unterricht, Vorbereitung, Korrektur, Elternstammtisch, Elterngespräche, Konferenzen, den Referendar betreuen, Schülergespräche – sie hetzt durch den Tag, der immer zu kurz ist. Ein Glas Wein entspannt, es können auch eins mehr sein. Ein Wodka und noch einer – dann das Fläschchen Wodka in der Handtasche, Picolo im Handschuhfach ... so kann man den Tag überstehen. Immer ein bisschen mehr. Der Morgen danach: Die Kopfschmerzen, die Abgeschlagenheit. Der Tag wird immer schwieriger, immer mehr zieht sie der Strudel hinein: Tabletten, Alkohol, Dauermüdigkeit. Die Tochter sagt es ihr ins Gesicht: Immer die Weinflasche dabei; sie hält das nicht aus, zieht zum Vater. Ihre Schülerinnen machen sich Sorgen, sie könne in ein Burnout abgleiten. Der Mann schaut pikiert weg, entfernt sich immer mehr. Bis zum Unfall, mit ihrem zweijährigen Sohn Jakob auf dem Rücksitz: Mit 1,2 Promille in der Leitplanke gelandet – nichts passiert, bis auf ein verbeultes Auto. Lucy wacht auf – es kann so nicht weitergehen. Ihre Freundin Marie nimmt sich ihrer an und überzeugt Lucy in den Entzug zu gehen. Drei Monate Klinikaufenthalt.


Das Grau trügt. Der Abend noch so weit weg. Viel zu weit. Und was dann? Die Nacht überstehen, um den Tag zu überstehen? Wo doch alles besser werden soll.


Zechner Marion arbeitet als Suchtberaterin, weiß, wovon sie schreibt. Der Roman ist fast wie ein Tagebuch aufgebaut, ein Zustandsbericht. Der schleichende Weg des Alkohols in Lucys Leben. Kurze, gehetzte Sätze, Satzfragmente, der Druck auf Lucy ist spürbar. Die Erwartung von außen, der ewige Zeitdruck – sie hetzt durch den Tag, will die Anforderungen erfüllen, zerbricht an dem Druck. Die Schulleitung verlangt noch dies und das, nervende Eltern wollen ein Gespräch, und kannst du nicht mal mit der Schülerin aus deiner Klasse sprechen, sie ritzt sich. Noch schnell einkaufen, das Kind anziehen, das quengelt, wo sind nun wieder die Schuhe, Blick auf die Uhr – es ist schon viel zu spät. Der Drachen im Nacken flüstert ihr zu: nur ein Schluck, und gleich geht es dir besser. Doch der Alkohol hat seinen Preis – er frisst sich in den Körper, macht alles nur noch schlimmer. Ein protokollarischer Zustandsbericht. 


Kein Alkoholiker kann je wieder kontrolliert trinken. Wenn du drauf bist, bist du drauf. Das Suchtgedächtnis ist wie eine Autobahn. Und wo die hinführt, wissen wir alle.


Die Therapie. Was soll sie bringen? Der Tag ist getaktet, viele Angebote sind Pflicht – wie der Morgenspaziergang vor dem Frühstück. Am Anfang darf kein Besuch empfangen werden. Gruppengespräche, Einzelgespräche, die anderen Therapieteilnehmer ... Sich seiner Sucht stellen! Wie soll das gehen? Und was ist mit Lucys Mutter, die sie möglichst aus ihrem Leben ausschließen möchte? Die Therapeutin lässt nicht locker. Wie weit hat sich Lucys Mann entfernt, gibt es eine Zukunft für ihre Beziehung? Lucy beschreibt ihren Alltag in der Klinik, ihre Gedanken, die Gespräche mit den anderen, Therapiesitzungen. Mit Lucys langsamer Entspannung entschleunigt sich der Text, lässt die Ruhelosigkeit in seinen Sätzen beruhigen. Zechner Marion hat ihrer Protagonistin einiges an Selbstironie zugesprochen, was dem Roman etwas Erfrischendes gibt. Neben Lucy sind auch alle anderen Protagonisten sehr authentisch. Ein gut gelungener Roman über die Sucht, über den Weg hinaus, der nie enden wird.


Zeit. Das wollte ich doch immer. Niemand, der etwas von mir will. Keine Korrekturberge, keine Wäsche, kein Abwasch. Kein - Gute - Nacht- Buch. Kein - Guten - Nacht - Kuss. Zeit für mich.


Zechner Marion, geboren in München, Mutter zweier Kinder, arbeitet als Sozialpädagogin und systemische Therapeutin bei einem bayrischen Suchthilfeträger. Neben Schreibwerkstätten absolvierte sie ein Fernstudium zum Prosaschreiben veröffentlichte Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien. Mit einem Ausschnitt aus diesem Romandebüt war sie für den Irseer Pegasus nominiert und gewann den österreichischen Literaturpreis Schreiberei.



Marion Zechner 
Bewölkt aber trocken
Roman, zeitgenössische Literatur, Alkoholismus
Hardcover mit Fadenheftung und Lesebändchen, 456 Seiten
Leykam Verlag, 2021


Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

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