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Bei Licht ist alles zerbrechlich von Gianni Solla - Rezension

Rezension 

von Sabine Ibing





Bei Licht ist alles zerbrechlich 


von Gianni Solla


Der Anfang:
In Tora kannten sie mich als den Schweinehirten und einzigen Sohn von Tommaso Raffaele Fortunato Buonasorte, genannt Furtunà, Analphabet, schwach auf der Brust, Pilzsammler, Besitzer von fünfzehn Schweinen und Mitglied der Faschistischen Partei, Ortsgruppe Caserta.

Italien zwischen dem Ende des Faschismus und der Nachkriegszeit, ein süditalienisches Bergdorf zwischen Monte Cassino und Caserta: Davide und Teresa träumen sich schon lange fort aus ihrem Dorf, fort von den vorgezeichneten Wegen. Doch 1942 taucht plötzlich Nicolas aus Neapel auf. Es wird der Sommer ihres Lebens. Drei Jugendliche aus unterschiedlichen Herkünften in einem kleinen neapolitanischen Dorf. Der eine Junge, ein ungebildeter Schweinebauer, der andere ein Jude, der mit seinem Vater im Dorf Unterschlupf findet, weil die Juden von den Faschisten deportiert werden. Und ein Mädchen, das zwischen ihnen stehen wird. Jahre später kommt es zu einem Wiedersehen …


Eine neue Welt tut sich auf


Schreiben lernte ich von den Juden, von den Faschisten das Lesen, und Teresa lehrte mich den Schmerz.

Davide wächst mit einer Gehbehinderung auf, wird deshalb im Dorf gehänselt; seine Welt ist überschaubar: Vater, Mutter, Schwester, das Schweinehüten. Seine Eltern halten die Schule für verschwendete Zeit. Die Schweine sind seine Freunde, und er studiert ihr Verhalten, meint, das der Menschen sei ziemlich ähnlich. Es ist Krieg, der Duce regiert. Davide ist fasziniert von Nicolas, der oft aus Shakespeares Tragödie ‹Richard III.› zitiert, und von seinem gütigen Vater, den er bittet, das Schreiben und Lesen lernen zu dürfen. Davide übt zu Hause mit den Flugblättern der Faschisten. «Mein erstes Lesebuch war ein Zettel, auf dem die Prinzipien der Rassengesetze abgedruckt waren, deren Bedeutung mir nun ein jüdischer Lehrer erklärte.» Alles läuft gut, bis die Liaison zwischen Teresa und Nicolas das Dreierbündnis zerbricht. Gianni Solla beschreibt das Leben der armen Menschen mit allen Gerüchen, die Liebe, die Davide für seine Scheine hegt, die er für seine Familie nicht haben kann. Eine Gemeinde, die die Juden versteckt, sie nicht den Deutschen ausliefert, aber «sonntags schwatzend auf dem Kirchplatz am Podestà standen, um allen zu zeigen, an was sie glaubten: an die Kirche und an den Faschismus, einen Gott im Himmel und einen auf Erden.» Davides Eltern haben bereits eine Ehe für ihn arrangiert, etwas Anständiges, Akzeptables; doch er spürt nichts für dieses Mädchen  – so er nimmt sein Leben selbst in die Hand und verlässt das Dorf. 


Der Sprung aus dem Dorf heraus


Wäre ich nicht gesprungen, wäre mein Gespenst für immer auf diesem Holzsteg am Ende des Waldes geblieben. Ich nahm Anlauf und spürte den Rausch der Leere. Mit diesem Sprung begann mein Leben.

Im Original heißt der Roman «Il ladro di quaderni» – der Notizbuchdieb. Warum hat man das so nicht übernommen – denn das ist die Essenz dieser Geschichte. Davide, dem die Bildung verwehrt wird, gibt sich damit nicht zufrieden, greift dort zu, wo sie sich ihm offenbart – nämlich da, wo diese über die Grenzen des Dorfs eine literarische Welt für ihn eröffnen. Ein Schatz, den er für sein neues Leben zu nutzen weiß. «Wenn wir unser Schicksal nicht ändern können, sind wir nichts.» Ein junger Mann, der sich aus eigner Kraft von seinem brutalen, despotischen Vater befreit, der den Weg wählt, der tief in seinem Inneren ruht, den er erkennen lernt und verwirklicht. Gianni Solla erzählt diese Geschichte mit viel Empathie für seine Figuren. Eine Freundschaft, die einen Riss bekommt, doch trotzdem über die Jahre Bestand hat. Ein Roman, der tief bewegt und lange nachhallt, mit einem interessanten Ende. 

‹Der Teufel kommt nicht einfach so, der rührt sich nur, wenn es einen Grund gibt›, sagte ich. Was soll ich Ihnen sagen. Einen Grund muss es wohl geben. Wir wissen so gut wie nichts über das, was uns widerfährt. Wir kennen nur, was wir sehen, und glauben, das ist alles, dabei ist es nur ein Bruchteil. Der Teufel ist alles, was wir nicht sehen, alles, was wir uns ausmalen.


Gianni Solla, geboren 1974 in Neapel, schreibt Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Sein jüngster Roman ›Bei Licht ist alles zerbrechlich‹ erscheint in 12 Sprachen. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Neapel.




Gianni Solla
Bei Licht ist alles zerbrechlich
Originaltitel: Il ladro di quaderni
Aus dem Italienischen übersetzt von Verena von Koskull
Zeitgenössische Literatur, Mussolini, Judenverfolgung, Schoa, Italienische Literatur,
Hardcover Leinen mit Schutzumschlag, 320 Seiten
Diogenes Verlag, 2024



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman


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