Direkt zum Hauptbereich

Beate und Serge Klarsfeld – Die Nazijäger von Pascal Bresson und Sylvain Dorange - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Beate und Serge Klarsfeld – Die Nazijäger 


von Pascal Bresson und Sylvain Dorange


Wenn ich verhaftet werde, ist das der Beweis, dass die Behörden lieber mich ins Gefängnis stecken, als die Kriegsverbrecher, die in Deutschland frei herumlaufen, an die Justiz auszuliefern.


In der Nachkriegszeit wollte man uns Kindern und Jugendlichen in der Schule weismachen, dass alle Täter, die etwas mit dem Holocaust zu tun hatten, in der Nürnberger Prozessen verurteilt wurden. Ich hatte sogar einen Geschichtslehrer, der den Holocaust verleugnete (was wir ihm übel nahmen) – aber später hatte ich einen Lehrer (er hieß auch noch passend Heinrich Heine), der uns erklärte, wer alles mit blutiger Nazivergangenheit in Deutschland etwas zu sagen hatte, wer entkommen konnte. Man nehme nur Adenauers Kanzleramtschef Hans Globke, parteitreuer Verwaltungsjurist und Mitverfasser der berüchtigten Nürnberger Rassegesetze des NS-Regimes. Aber das war nur ein Bruchteil von dem, was später alles herauskam. Heute wissen wir, dass der BND und die Amerikaner vielen die Flucht über die sogenannten Rattenwege ermöglicht hatten – u. a. Klaus Barbie. Und von diesem Lehrer hörte ich das erste Mal etwas über die Klarsfelds. Ich habe das Ehepaar sehr bewundert und ihre Arbeit weiter verfolgt. 





«Nazi!» Mit diesem Ruf stürmte Beate Klarsfeld am 7. November 1968 auf dem Bundesparteitag der CDU den Vorstandstisch und ohrfeigte den Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, der zur Wiederwahl als Kandidat nominiert wurde. Sie hatte sich mit einem Presseausweis hineingeschummelt. Ihr Mann Serge ist Jude, er hat mit Mutter und Schwester den Holocaust überlebt, weil sein Vater sich für die Familie opferte, das Versteck nicht verriet, in Auschwitz später ermordet wurde. Kiesinger war 1933 in die NSDAP eingetreten und hatte während des Zweiten Weltkriegs in der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes gearbeitet, dort einen hohen Posten im Propagandaapparat der Partei inne. Es war für die Klarsfelds unerträglich, dass solch ein Mann Bundeskanzler werden sollte! Mit der Ohrfeige wollte Klarsfeld die bundesdeutsche Gesellschaft auf die NS-Vergangenheit Kiesingers aufmerksam machen. Dies war der Startschuss für die Lebensaufgabe von Beate Klarsfeld und ihrem Mann Serge, man nannte sie die Nazijäger. Sie versuchten die, die entkommen waren, aufzuspüren. Überlebende Zeugen mussten gefunden werden, sie dokumentierten deren Aussagen, ließen Fotografien analysieren, bearbeiteten Staatsanwälte. In der Bundesrepublik konnten damals Menschen wie Herbert Hagen, der als SS-Mann beim Sicherheitsdienst Vorgesetzter von Eichmann war, oder Kurt Lischka, der während der deutschen Besatzung die Sicherheitspolizei in Paris befehligte, bis in die 1970er-Jahre offen leben. Likschka spürten die Klarsfelds schlicht über das Telefonbuch auf, er lebte als Getreidehändler als angesehener, wohlsituierter Bürger in Köln. 1971 versuchten die Klarsfelds den einstigen SS-Mann aus Köln nach Frankreich zu entführen; denn dort würde man ihm den Prozess machen. Strategisch brauchten sie eine  offene Bühne, inszenierten spektakuläre Aktionen, um die Presse aufmerksam zu machen, um öffentlichen Druck auszuüben. 



Großen Raum nimmt die Jagd auf Klaus Barbie, den «Schlächter von Lyon», denn das war Klarsfelds größter Erfolg. Der frühere Lyoner Gestapo-Chef leitete eine Sektion des SD und war berüchtigt für seine außerordentliche Brutalität. Anfang der 1970er-Jahre spürte das Paar Barbie in Bolivien unter einem Tarnnamen auf. Helmut Kohl hatte eine Auslieferung an die Bundesrepublik Deutschland verhindert, er hatte keinen Sinn dafür Kriegsverbrechen aufzuklären. Der Versuch, ihn zu entführen scheiterte; aber sie blieben dran und 1983 wurde Barbie nach Frankreich ausgeliefert, 1987 zu lebenslanger Haft verurteilt. 



Die Graphic Novel geht nicht chronologisch vor, sondern geht auch in die Vergangenheit der Protagonisten zurück, wobei die verschiedenen Zeitebenen unterschiedlich farbig gestaltet sind, Historisches in Grautönen – allerdings mit roten Nazibinden. Der Comic zeigt auch, wie das Paar für ihre Nazi-Jagd immer wieder Drohungen ausgesetzt war. 1972 explodierte ihr Auto. Sie bekamen Morddrohungen, Personenschutz, ein gefährliches Paket mit 500 Gramm Dynamit und 300 Gramm Tapeziernägel wurde glücklicherweise ungeöffnet der Polizei übergeben. Deses Ehepaar war mutig, unnachgiebig und immens ausdauernd. Nie gaben sie auf!



Dieser historische Stoff wird sehr spannend erzählt, die Klarsfels hatten mit enormen Widerständen und Rückschlägen zu kämpfen. Sylvain Dorange arbeitet bei seinen Illustrationen viel mit der Perspektive, Zoom und Weitwinkel, gibt dem Ganzen einen cineastischen Touch. In erdigen Farben zeigen den Retrostil. Sehr genau wurde auf die korrekte Darstellung der Zeit geachtet, Accessoires, Autos, Technik, Mode. Ein Comic gegen das Nichtvergessen – eine Aufarbeitung der Nachkriegszeit, in der viel versucht wurde, unter den Teppich zu kehren. Menschen, die sich dem widersetzten, aufdecken wollten, gerieten schnell ins Abseits. Auch das dürfen wir heute nicht vergessen! Eine Spannende historische Graphic Novel, die sich dieses Themas annimmt.


Pascal Bresson, Sylvain Dorange
Beate und Serge Klarsfeld – Die Nazijäger
Beate et Serge Klarsfeld - Um Combat Contre L’oubli
Aus Französischen übersetzt von Christiane Bartelsen
Comic, Graphic Novel, Holocaust, Nachkriegszeit, Vergangenheitspolitik, Sachbuch, historischer Roman
Gebunden, 208 Seiten
Carlsen Verlag, 2021




Graphic Novel, Comic, Grafisches  

Für die Fans von Comis / Graphic Novels und sonstigem Gezeichneten, wie Satire. Hier auf dieser Seite zusammengefasst.  Alle Altersgruppen. Graphic Novel, Comic, Grafisches



Historische Romane und Sachbücher

Im Prinzip bin ich an aller historischer Literatur interessiert. Manche Leute behaupten ja, historisch seien Bücher erst ab Mittelalter.  Historisch - das Wort besagt es ja: alles ab gestern - aber nur was von historischem Wert ist. Was findet ihr bei mir nicht? Schmonzetten in mittelalterlichen Gewändern. Das mag ganz nett sein, hat für mich jedoch keine historische Relevanz.  Hier gibt es Romane und Sachbücher mit echtem historischen Hintergrund.
Historische Romane

Sachbücher

Hier stelle ich Sachbücher vor, die im Prinzip nichts mit Fachliteratur zu tun haben. Eben Sachbücher jeder Art, die ein breites Publikum interessieren könnte.
Sachbücher

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Rezension - Der Fluch des Hasen von Bora Chung

  Bora Chungs «Der Fluch des Hasen» entzieht sich jeder literarischen Schublade und verwischt die Grenzen zwischen den Genres, ob magischer Realismus, literarischer Horror, Phantastik oder Speculative Fiction. Diese Kurzgeschichten sind klasse! Skurrile, unheimliche, intelligente Geschichten, die uns mit Gänsehaut überziehen. Die Titelgeschichte fand ich genial! Ein einfacher geliebter Haushaltsgegenstand ist mit einem Fluch belegt und bringt nun Unglück in eine Familie. Oder eine heftige Mensch-Android-Liebesgeschichte.  Oder «Narben», ein düsteres, gemeines Märchen. Klasse! Weiter zur Rezension:    Der Fluch des Hasen von Bora Chung 

Rezension - Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall

  Die Kunst des guten Essens vor dem Essen Der Aperitivo gehört in Italien schon lange zur Alltagskultur, wie in der Schweiz der Apero, und auch hierzulande wächst der Trend, den frühen Abend mit Sarti Spritz und Negron zu feiern. Und welche regionalen Unterschiede gibt es zwischen Turin , Mailand , Venedig , Rom und Palermo ? Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall stellen die Aperitivi und Bitter vor, auch die  alkoholfreien Alternativen. Dann folgen die Rezepte zu den kleinen Köstlichkeiten, die zum Feierabendritual gehört. Wer Anregungen zum Mixen von Aperos sucht, Rezepte zu kleinen Appetithappen als Beilage, wird hier auf jeden Fall fündig! Weiter zur Rezension:    Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall 

Rezension - Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

  Der Kinder- und Jugendroman entblättert sich als packendes Survivalabenteuer vor dem Hintergrund des Klimawandels in der Arktis. In einem Rutsch durchgelesen – ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen: Zunächst lernen wir abwechselnd Bee und Yutu kennen, deren Wege sich später kreuzen werden – ein Kampf ums Überleben beginnt, und der gegen die Männer, die Bee auf der Spur sind, sie gefangen nehmen wollen. Abenteuer in der Arktis und Freundschaft bis zum Limit. Hervorragender Kinder- und Jugendroman ab 10/11 Jahren und weit darüber hinaus. Weiter zur Rezension:   Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

Rezension - Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adria von Ines Cali

  Iva Markulin, Staatsanwältin in Zagreb , lässt sich in diesem Politkrimi nach Pula versetzen, als ihr Mann bei einem Attentat ums Leben kommt. Wem galt die Autobombe, die an ihrem Auto befestigt wurde? Ihm oder ihr? Mit ihrem kleinen Sohn Matteo zieht sie zu ihrem Großvater, der auf dem Familiengut Terra Rossa in Istrien Olivenöl produziert. Hier ruft sie eine Sonderkommission ins Leben, als deren Leiterin sie die Mörder ihres Mannes ausfindig machen will. Sie hat den Ruf der «Mafiajägerin», lernt schnell das Who is Who an Istriens Küsten kennen, denen es nicht passt, dass ihnen jemand auf die Finger schaut.  Spannender Wirtschaftskrimi , Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adriavon Ines Cali

Rezension - Verwandlung von Lara Swiontek

  Nach der Novelle von Mary Shelley Was fällt einem zu Mary Shelley ein? Wahrscheinlich «Frankenstein» oder vielleicht noch «Der moderne Prometheus». Die Verwandlung – Kafka, na klar. Aber auch Mary Shelley hat sich mit diesem Thema befasst: Verwandlung. Lara Swionteks hat diese Geschichte als Graphic Novel umgesetzt, eine Literaturadaption. Sie ist schnell erzählt: Reicher, gewissenloser Sohn verschleudert sein Erbe, stößt alle Menschen an den Kopf, die noch zu ihm halten und landet bildlich in der Gosse – hier ist es das Meer. Ein Schiff zerschellt vor seinen Augen – nur ein Zwerg mit einem Schatz überlebt und macht ihm ein Angebot ... Weiter zur Rezension:    Verwandlung von Lara Swiontek

Rezension - Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez

  Leigh Calvez erforscht als Wissenschaftlerin seit vielen Jahren das Leben der Wale. Hier erzählt sie sehr persönlich von ihren Begegnungen mit den Giganten der Tiefsee, darunter familiäre Orcas, weit wandernde Buckelwale oder uralte, tief tauchende Blauwale, die größten Tiere des Planeten.  Nebenbei erfährt man in diesem Buch viel über das Leben und Verhalten von sechs Walarten: Orcas, Buckelwale, Pottwale, Blauwale, Grauwale und Blainville-Schnabelwal, bzw. den Kleinen Schwertwal. Weiter zur Rezension:    Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez 

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl

  Die Politiker reden im Fernsehen über die faulen Armen, während Sonjas Ehemann als Leiharbeiter am Bau seinen Rücken verschleißt. Sie verkauft im Bio-Laden teure Tees. Und trotzdem reicht es mit zwei Kindern am Ende des Monats vorn und hinten nicht. Als sie dann ihre Arbeit verliert, weil sie unbezahlten Urlaub nimmt, um im Krankenhaus bei ihrem Sohn zu sein, bricht alles zusammen. Bald hat sie eine neue Arbeit: Mit dem Profil einer schönen, jungen Studentin soll sie nichtsahnende Männern auf einer Datingplattform lange in der Leitung halten. Weiter zur Rezension:    Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl