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Aus unseren Feuern von Domenico Müllensiefen - Rezension

Rezension

Sabine Ibing



Aus unseren Feuern 


von Domenico Müllensiefen


Der Anfang:

Im Herbst 1998 hatten wir eine Themenwoche in der Schule. Es ging um unsere Heimat, also um Leipzig.


Der Roman beschreibt die junge Generation nach der Wende in Leipzig-Grünau, die größte Plattensiedlung in Sachsen. Träume, Hoffnungen – Realität; ein Arbeiter- und Nachwenderoman, der die sogenannten «Baseballschlägerjahre» beschreibt. Ein gnadenloses Buch, wundervoll geschrieben, mit Charakteren, die realistischer nicht sein können. Thomas soll den elterlichen Schlachtbetrieb übernehmen, Heiko macht eine Lehre zum Elektriker und Karsten möchte nach Amerika auswandern. Doch das Buch beginnt ein paar Jahre später. Heiko arbeitet nun als Bestatter und wird zu einem Autounfall gerufen, den Toten abzutransportieren. Es ist Thomas.


Ich sagte nichts, sah auf den Ackerboden und zuckte mit den Schultern.

‹Du kennst den?›

Raik! Sei still!, dachte ich und schaute auf Thomas. Carpe Diem und diese dumme Windmühle. Wessen Idee war das gewesen? Karstens? Meine? Oder doch die von Thomas? Ich wusste es nicht, hatte es nie gewusst. Wir waren zu besoffen gewesen. Zu bekifft. Wir waren alles. Und vor allem waren wir unsterblich gewesen. Damals.

Nach ein paar Sekunden sagte ich: ‹Nein.›

‹Na dann los, sonst denken die noch, wir sind irgendwelche Freaks. Die sind sowieso schon so aufgekratzt›, sagte er und ging zum Auto.

Ich sah ihm hinterher, am liebsten hätte ich mich auf den Ackerboden zu Thomas gesetzt und eine geraucht. Es war klar, dass der Tag kommen würde, an dem ich jemanden holen muss, den ich kenne.


Eine hoffnungslose Jugendzeit

Sie hängen ab, qualmen eine Zigarette nach der nächsten, saufen, beobachten Nudisten am Baggersee – Milieusprache, krass. Vor langer Weile zünden diese drei Jungen ihre Schulbücher an (später werden sie Bomben basten). Der westliche Direktor ist empört. An eben diesen Dialogen erklärt sich eine Menge. Thomas’ Vater will sich nicht von einem Wessi die Welt erklären lassen. Und Karstens Mutter hat kein Geld, neue Bücher zu kaufen. Brutale Väter, bissige Arbeitskollegen erziehen, schnell gibt’s eine Schelle. Das Leben läuft nicht so, wie die jungen Männer es sich vorgestellt hatten. Sorgen und Ängste der Ostdeutschen, überhebliche Wessis – das aber nicht mit erhobenen Zeigefinger geschrieben, sondern aus der Seele heraus. Prosa mit ziemlich guten Dialogen. Interessant auch die Szene aus einem Bewerbungstraining. Ein junger Mann rastet aus, die ganze Sch... würde sowieso nichts bringen; er will hinausrennen. Die Trainerin spricht ihn an mit lieber Christian ... Der aber antwortet «Halt die Fresse! Ich bin nicht der liebe Christian! Ich bin Christian Köhler!» Und dann fragt er: «‹Was ist mein Beruf?› Sie weiß es nicht.» Der junge Mann ist Zimmermann. - Szenen, die das Ost-West-Verhältnis kristallklar beschreiben. 


Holzgetäfelte Wände und braungefliester Boden. Rolf Persberg, Schützenkönig 1987, Sofa mit Blumenmuster und Häkelkissen. Mein Vater hatte es gerne gemütlich. Sitzecke, Ochsenjoch und Bieruntersetzer. Vitrine, Pilstulpen und Sammeltassen. Tresen, Reudnitzer und kleine Rehgeweihe. Kompaktstereoanlage, Papiergirlanden und Matthias Reim. Zu jedem Geburtstag: dicke, betrunkene Männer. Die da oben, das muss man ja mal sagen dürfen, und früher war alles besser.

Neben dem Partykeller ein Scheißhaus, das meine Mutter regelmäßig von Kotze befreien musste.


Roman mit biografischen Zügen

Erdverbundene Menschen, die sich nicht von der Stelle bewegen, manche, die sich nicht anpassen wollen, gebrochene Biografien. Von der Wende-Euphorie zur Ost-Lethargie, bis hin zur Politikverweigerung. Eine feine Milieubeschreibung. Es geht nicht immer ganz lecker in diesem Roman zu, der seine Arbeitsplätze detailgetreu beschreibt. Heiko jobbt als Schüler in der Fleischerei und ist später Bestatter. Müllensiefen wuchs auf einem Bauernhof in der Altmark auf, jobbte beim Fleischer, machte eine Ausbildung zum Systemelektroniker. Während des Studiums arbeitete er als Bestatter, seit 2016 wieder als Elektroniker. «Den Osten zu verlassen kam für mich nie in Frage», kann man auf seiner Website «muskeldomingo.de» nachlesen. Somit hat der Roman eindeutige biografische Züge. Ein sehr gelungenes Debüt, ein Autor, von dem wir sicher noch mehr hören werden.


Irgendwann waren Stasi, Staat und Frau weg, dieses Loch füllte jetzt der Alkohol.


Domenico Müllensiefen wurde 1987 in Magdeburg geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er auf einem Bauernhof in der Altmark. Mit 16 lernte er bei der Deutschen Telekom. Danach Anstellung als Techniker in Leipzig. Ab 2011 Studium und Master am Deutschen Literaturinstitut. Nebenbei arbeitete er als Bestatter. Er war Mitherausgeber der Anthologie »Tippgemeinschaft«, lebt in Leipzig und arbeitet als Bauleiter. »Aus unseren Feuern« ist sein erster Roman.


Domenico Müllensiefen
Aus unseren Feuern
Zeitgenössische Literatur, Gesellschaftsroman, Nachwenderoman, Baseballschlägerjahre
Gebunden, 336 Seiten
Kanon Verlag, 2022




Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

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