Direkt zum Hauptbereich

Ich werde das Land durchwandern, das Du bist von Corinna Bille und Maurice Chappaz - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Ich werde das Land durchwandern, das Du bist 


von Corinna Bille und Maurice Chappaz 


Am Tag, nachdem ich von dir wegging, war ich so traurig, dass ich sterben wollte, doch dann hat sich alles aufgehellt und jetzt bin ich glücklich, ein stilles, gewaltiges Glück, Maurice, wir besitzen eine ganze Welt, wir können uns nie langweilen, wir können nie wirklich unglücklich sein.

Corinna Bille und Maurice Chappaz waren ein Schweizer Liebespaar (wohl das unkonventionellste Schriftstellerpaar dieses Landes), Eltern von drei Kindern. Ein Paar, das immer auf Reisen war, häufig seperat, sie wohnten bewusst oft getrennt, später gingen sie viel gemeinsam auf Reisen. Lis Künzli hat ca. ein Drittel des Briefaustausches des Paars herausgesucht und aus dem Französischen übersetzt. Ein Buch, das ich nicht in einem Zug gelesen habe, da es sehr persönlich ist: die aufkeimenden Liebe, eine gefestigte Liebe, Schreibblockaden, Trauer, Wut, Eifersucht, Einsamkeit, Sehnsucht, depressive Phasen, Geldsorgen, Probleme mit Kindern und Verwandten, zum Ende auch die Krankheit von Corinna Bille. Der erste Brief beginnt mit ihrer ersten Begegnung 1942 und endet mit dem Tod von Corinna Bille im Jahr 1979. Letztendlich ist dies auch ein Zeitdokument. Komischerweise wird der Krieg, Politisches völlig ausgeklammert. Maurice Chappaz wird während des Zweiten Weltkriegs eingezogen, an der Grenze zu Italien und Frankreich Dienst zu schieben und er hat bei dem ein oder anderen Flüchtling weggeschaut. Viel mehr wird zum Krieg nicht erwähnt, auch nichts zum Nachkriegsgeschehen. Da dies eine Auswahl ist, mag es sein, dass diesbezügliche Korrespondenz ausgeschlossen wurde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man hierüber völlig hinwegtappte im Austausch. Beim Lesen stockt man häufig, grübelt, was wohl der Auslöser zu dem Brief gewesen sein mag. Wütende Briefe, depressive, ständiges Entschuldigen, besonders von Corinna, bei der die Ursache nicht immer klar ist.

Deine Zärtlichkeit umhüllt Körper und Seele noch immer wie ein Balsam.

S. Corinna Bille wuchs als Tochter des Glasmalers Edmond Bille im Wallis auf und heiratete 1934 den Schauspieler Vital Geymond, lebte mit ihm in Paris, reiste nach Italien und Spanien. Zurück im Wallis, lernte sie den Schriftsteller Maurice Chappaz kennen. Beide verliebten sich sofort. Es gibt wundervolle Passagen in den Briefen, wie die beiden ihre Liebe beschreiben, gandios, ganz ohne Kitsch und doch so innig vertraut. Als verheiratete Frau musste Corinna Bille ihre Liebe zu Maurice Chappaz im erzkonservativen, katholischen Walis zunächst verheimlichen. Sie verabredeten sich im Verborgenen, Chappaz kaufte im Laufe der Zeit diverse Chalets, in denen sie sich u.a. trafen. Als 1944 ein uneheliches Kind aus dieser Beziehung hervorging, musste der Junge heimlich in einem dieser Chalets aufwachsen. Chappaz schickte Corinna hierhin Lebensmittelmarken für Milch, Butter und Sahne. Einmal ließ er ihr eine Gams zukommen, erklärte, wie man das Fleisch zerlegt, pökelt, einkocht. Es dauerte Jahre, benötigte viele Kämpfe, bis die Kirche einer Annullierung der unglücklichen Ehe von S. Corinna Bille und Vital Geymond zustimmte. Auch für  Maurice Chappaz war es schwierig, seinem strengen, verhassten Vater und den Verwandten seine Vaterschaft beizubringen, seine Beziehung zu Corinna. Das Paar heirateten 1947 und sie hatten drei Kinder. 1957 zogen sie nach Veyras. Später reisten sie durch die Welt.

Meine Romanprojekte haben bereits Schiffbruch erlitten. Ich habe es probiert, ein Dutzend Seiten, und das hat nichts ergeben. Die Lust allein reicht nicht, wie für alles andere. Du kannst also beruhigt sein, da Du Dich ja so davor gefürchtet hast, dass ich etwas Neues in Angriff nehme.

Der Briefwechsel spiegelt die Zeit. Corinna hütet die Kinder, macht den Haushalt, hat weniger Zeit zum Schreiben, während Maurice ständig unterwegs ist, sich zum Schreiben in eins der vielen Chalets zurückzieht. Aber beide suchen Unabhängigkeit und Freiheit. Bei Corinna führt die Isolation in Haushalt und Kinderbetreuung zu depressiven Schüben. Maurice kümmert es wenig, er nimmt sich die Freiheit, zu gehen. Corinna reißt oft aus dem Alltag aus, überlässt die Kinder Verwandten. Und anscheinend ist Maurice das ein oder andere Mal eifersüchtig auf ihren Erfolg, siehe Zitat. Neben den Schwierigkeiten am Anfang der Beziehung, die bestehende Ehe aufzulösen, zeigt ein anderer Umstand die Stellung der Frau in der Gesellschaft: die Arbeitsaufteilung. Corinna beschreibt, wie die Bankangestellten der «Crédit Suisse» sie auslachen, als sie vom gemeinsamen Konto Geld abheben will. Denn bis 1981 standen Schweizer Frauen unter der Vormundschaft ihrer Ehemänner. Das Wahlrecht für Frauen wurde erst 1971 eingeführt. Unglaublich, wenn man heute darauf zurückblickt!
In der Mitte befinden sich Fotos des Paars.

Ich brauche nichts hinzuzufügen, du bist so ganz und gar wunderbar, dass ich eine Ewigkeit brauchen werde, um das Land zu durchwandern, das du bist.Es ist auch mein Land, nicht wahr?Gib mir deine Hand und drück fest die meine, so werde ich nie sterben.Du bist mein Freund, mein Kind, mein Bruder, mein Vater, mein Gott.Ich liebe dich im Wissen, dass ich nur noch dich lieben werde.

Alles in allem ein interessantes Buch mit vielen wundervollen Passagen. Historisch relevant lediglich ein wenig gesellschaftlich, weil Geschichtsträchtiges nicht erwähnt wird. Ein Band für bibliophile und Freunde von Brief-Dokumenten der Literatur.

Hier, an der Seite eines Tyrannen (und ich glaube, dass alle Männer Tyrannen sind), verausgabe ich täglich jede Menge Energie, nur um frei atmen und denken zu können. (Corinna über ihren Vater)


S. Corinna Bille / Maurice Chappaz 
Ich werde das Land durchwandern, das Du bist.
Briefwechsel
Herausgegeben und aus dem Französischen übersetzt von Lis Künzli.
Rotpunktverlag, 2019, 399 Seiten

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Balaclava von Campbell Jefferys

  Mara, eine Polizistin aus Berlin ist jeden Tag mit Gewalt konfrontiert. Die meisten ihrer Kollegen sind diszipliniert, korrekt. Aber es gibt auch gewaltbereite Typen mit rechten Sprüchen, die sich feindlich gegenüber Ausländern und Frauen verhalten. Mara stammt allerdings aus Hamburg und so liegt es nahe, dass man sie undercover nach Hamburg sendet, damit sie sich unter die linken Gruppen mischt, herauszufinden, wer bei einer Demo den einen Polizisten ermordet hat. Mara hat das Video gesehen – der Polizist sackt zusammen, neben ihm ein junger Mann, dessen Gesicht mit einer Balaclava verdeckt ist. Mara hat ihn erkannt! Diese Augen gehören ihrem Bruder! Und der würde niemanden umbringen. Ein Thriller mit Potential, allerdings zu aufgeblasen, zu viele handwerkliche Fehler. Weiter zur Rezension:     Balaclava von Campbell Jefferys

Rezension - Lázár von Nelio Biedermann

  «Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.», so wird von ihm geschrieben. Nelio Biedermann schreibt mit 20 Jahren sein erstes Buch und das Manuskript geht in die Versteigerung – die Verlage überbieten sich, es wird in 20 Sprachen verkauft, man redet über ein sechsstelliges Vorschusshonorar – über den neuen Thomas Mann . Uff. Ich war gespannt. Mich konnte der Familienroman nicht überzeugen – leider. Weiter zur Rezension:    Lázár von Nelio Biedermann

Rezension - In ihrem Haus von Yael van den Wouden

  Seit dem Tod ihrer Mutter lebt Isabel allein in dem großen, von der Zeit gezeichneten Familienhaus auf dem Land, ihre beiden Brüder wohnen in der Stadt. Die Tage ziehen ruhig und geordnet dahin. Isabel lebt mit ihren Erinnerungen, ihren Möbeln und Haushaltsgegenständen, mit denen sie redet, die sie ständig durchzählt, in Angst, das Dienstmädchen könnte einen Löffel stehlen. Doch als ihr Bruder Louis seine Freundin Eva bei ihr einquartiert, geraten Isabels stille Routinen ins Wanken, und das Haus, das Stabilität gibt, wird zum Schauplatz unheimlicher Veränderungen, die bis zum Holocaust zurückgehen, zur Sharia . Ein wundervoll subtiler Roman, der zu Recht auf dem Internationalen Booker-Preis stand. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   In ihrem Haus von Yael van den Wouden

Rezension - Wo ist Walter? Ab ins Wasser von Martin Handford

  Knobelalarm für clevere Kids Wo ist Walter? Die kultigen Wimmelbuch-Bücher kennt wahrscheinlich jeder. Mit Walter auf hoher See! Ein Mitmachbuch für Kinder ab 8 Jahren mit vielen Rätseln, Suchbildern und Stickern. Klar, auch hier muss man Walter suchen , doch dies hier ist ein kunterbuntes Beschäftigungsbuch für unterwegs, am Strand oder für die Ferien mit Rätseln, Malen, Suchen: Mit Walter gibt es keine Langeweile, und dazu  gibt es mehr als 100 knallbunte Stickern für noch mehr Rätselspaß. Weiter zur Rezension:     Wo ist Walter? Ab ins Wasser von Martin Handford 

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Rezension - Cascadia von Julia Phillips

  Gesprochen von Pegah Ferydoni Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 7 Std. und 38 Min. Auf einer Insel vor der Küste des Bundesstaates Washington im äußersten Nordwesten der USA lebt Sam mit ihrer Schwester Elena und der schwerkranken Mutter in ärmlichen Verhältnissen. Sam arbeitet auf der Fähre, die die wohlhabenden Urlauber zu ihren Feriendomizilen bringt, während Elena im Golfclub kellnert. Das meiste Geld geht für die medizinische Versorgung der Mutter drauf. Sie beide träumen von einem besseren Leben, davon, woanders neu anzufangen. Dann, eines Morgens erblickt Sam einen Braunbären direkt vor ihrer Haustür. Zwei Schwestern, die immer zusammengehalten haben, driften völlig auseinander. Die eine bleibt in den Kinderträumen verwachsen, die andere stellt sich der Realität. Weiter zur Rezension:   Cascadia von Julia Phillips 

Rezension - Was ihr wollt von Alwina Calma, William Shakespeare, Sarah Raffelt

  Shakespeare, ein Meister der Dramatik . Neu interpretiert als Graphic-Novel-Adaption des gleichnamigen Theaterstücks , das mit viel Liebe, unerwiderter Liebe und Verwechslungen irgendwo an der Küste von Illyrien einhergeht – eben typisch Shakespeare. Viola sucht nach einem Schiffbruch ihren Zwillingsbruder. Sie lässt sich von Herzog Orsino als Pagen einstellen, schneidet sich aber vorher die Haare ab, nennt sich Cesario, – und verliebt sich in ihn. Der allerdings ist in die Gräfin Olivia verliebt … Shakespeare als Comic auf die Romance sprachlich reduziert, einfache Grafiken. Graphic Novel ab 12/13 Jahren. Weiter zur Rezension :    Was ihr wollt von Alwina Calma, William Shakespeare, Sarah Raffelt

Rezension - Der Mini-Musketier von Joann Sfar

  Ein bisschen Rabelais , ein bisschen Lewis Carroll , ein Hauch von Cyrano de Bergerac als Robinson Crusoe im Stil von den Abenteuern des Barons Münchhausen ist in dieser Graphic Novel vorhanden. Ein stattlicher Musketier, der ein Schlankheitsmittel einnimmt, ist plötzlich auf die Größe eines Däumlings geschrumpft und findet sich an einem Ort wieder, an dem alles winzig klein ist. Ein Comic voller Abenteuer – eine Trilogie der Comic-Serie als Gesamtausgabe über den Minuscule Mousquetaire , ein sehr umfangreiches Buch, humorvolle, frivole Geschichten aus Frankreich als Comic verarbeitet. Weiter zur Rezension:   Der Mini-Musketier von Joann Sfar