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Der Geruch von Ruß und Rosen von Julya Rabinowich - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Der Geruch von Ruß und Rosen 


von Julya Rabinowich


Der Anfang:
Alles hat seinen Preis.
Auch eine Rückkehr. Nein.
Vor allem eine Rückkehr.
Vielleicht habe ich ja sieben Leben wie eine Katze.

Bereits die ersten Seiten ziehen ins Buch, sind berührend, sprachlich kraftvoll und hervorragend. 
Madina und ihre Familie haben es geschafft, sie konnten vor dem Krieg ins Ausland fliehen. Sie wohnen im Haus von Lauras Eltern, Madina und Laura sind beste Freundinnen. Papa hat sie da herausgeholt, sogar Oma hat es geschafft und Tante Amina. Die erste Zeit war hart; eine neue Sprache lernen, sich in Österreich eingewöhnen. Die Erlebnisse hatten Madina traumatisiert und eine Therapeutin und eine Lehrerin haben ihr zur Seite gestanden. Doch dann ist Papa zurück in die Heimat, um zu helfen, denn er ist Arzt. Der Krieg ist beendet, doch wo bleibt Papa?

Manchmal ist das Leben wie eine Reihe von Berggipfeln. Immer wenn man einen geschafft hat, ist man erleichtert und stolz und glaubt, man ist jetzt endlich dort, wo man hin wollte. Und gleich darauf sieht man den noch größeren Berg dahinter. Und hinter dem den Nächsten. ‹Das Leben kickt›, sagt Markus dazu. Und ich denk mir: Ja, und zwar mitten in die Fresse.

Gut, ohne Papa hatte sich das Leben für die Frauen verbessert. Madina darf anziehen, was sie will, weggehen wohin und mit wem. Doch trotzdem vermisst sie Papa, schaut jeden Tag in den Briefkasten. Nur noch ein Jahr bis zum Abi! Und so fasst Madina den Entschluss, in den Ferien in die Heimat zu fahren und Papa zu suchen. Ihre Tante Amina, mit der Papa nichts am Hut ab, weil sie zu aufmüpfig ist, will auch in die Heimat: Etwas erledigen; sie hat so ihre Geheimnisse. Ganz früh schleicht sich Madina aus dem Haus; und sie ist froh, Amina dabeizuhaben, die sich auskennt. Der Krieg ist aus, doch es ist immer noch gefährlich, denn die Fronten stehen noch immer zwischen den Menschen nach dem Bruderkrieg. Wie wird es aussehen in ihrem Dorf? Steht Omas Haus noch, steht das Haus ihrer Eltern? Wird sie Papa finden? Die Wunden des Krieges sind noch frisch, Madina begegnet großem Leid und Misstrauen. 

Ein Krieg ist nie vorbei, das weiß ich jetzt. Er kriecht den Menschen, die ihn überstanden haben, unter die Haut wie Stacheldraht und Kugeln, er breitet sich im Blutstrom aus, dunkel und kalt, er vergiftet weiter und weiter. Und wer ihn überwinden will, der muss Stacheldrahtstrang um Stacheldrahtstrang aus seinen Adern ziehen, über den Abgrund schreien, der zwischen denen, die nach der großen Explosion noch da sind, liegt.

Sie muss feststellen, dass nicht jede Suche wie erhofft endet. Die Suche nach ihrem Vater führt Madina letztendlich zu sich selbst. Und sie begreift, dass es an der Zeit ist, die Verantwortung für ihre Familie abzugeben und ihren eigenen Träumen zu folgen. Dies ist eine Geschichte über die Abgründe, in die ein Krieg so viele Familien stürzt, und die einer starken jungen Frau, die über sich hinauswächst und sich selbst findet. Die Heimat wird nicht benannt – alles weist auf den Kosovo hin. Der Vater wird gefunden, versteckt, verletzt an Körper und Seele und er kann herausgeschafft werden. Was Madina in der Heimat erlebt, macht etwas mit ihr, es ist eine gefährliche Zeit. Der Vater kommt in der neuen Heimat nicht an, macht der Familie Ärger und versinkt in Depression. Die Frauen sind mit ihrer Freiheit gewachsen, lassen sich nicht mehr kommandieren – der Vater ist durch den Krieg traumatisiert, gebrochen – alles braucht seine Zeit. 

In der Nase hängt der Geruch von Rosen aus Omas Garten und der Geruch von Ruß, von einem zerstörten Land. Sprachlich eine starke Erzählung, ein Coming-of-age, das an ein Tagebuch erinnert – vielleicht ein wenig zu weise für eine Jugendliche, sprachlich zu ausgefeilt – darüber sieht man hinweg, weil es so schön ist. Ein Buch über Krieg und Frieden und Migration; was der Krieg mit den Menschen macht, auf allen Ebenen. Julya Rabinowich schreibt atmosphärisch, literarisch und schonungslos. Es ist wie es ist, ein grauenvolles Szenario mit Licht am Ende. Komplexe Figuren, die allesamt ans Herz wachsen, eine spannende Geschichte, die berührt. Ein starkes Jugendbuch, das ich unbedingt empfehle! Der Hanser Verlag gibt eine Altersempfehlung ab 14 Jahren. Das passt für mich.


Julya Rabinowich wohnt seit 1977 in Wien, wo sie auch studierte. Autorin (zahlreiche Theaterstücke), Malerin und Simultandolmetscherin. Im Standard erscheint wöchentlich ihre Kolumne "Geschüttelt, nicht gerührt". Für ihren Debütroman "Spaltkopf" erhielt sie 2008 den Rauriser Literaturpreis (2009).





Julya Rabinowich
Der Geruch von Ruß und Rosen
Jugendroman, Coming-of-Age, Krieg, Migration, Kinder- und Jugendliteratur, Österreichische Literatur 
Broschur, 256 Seiten
Hanser Verlag, 2023
Altersempfehlung: ab 14 Jahren





Dazwischen: Wir von  Julya Rabinowich

Nach «Dazwischen: Ich» erzählt Julya Rabinowich in «Dazwischen: Wir», wie die Jugendliche Madina ihren Weg in ihrer neuen Heimat findet. Madina hat den Krieg und die Fluchtsituation der Familie hinter sich gelassen und ist nun angekommen. Sie sind aus dem Flüchtlingsheim ausgezogen, haben eine eigene Wohnung in dem Haus, indem auch ihre Freundin Laura wohnt. Ein ganz normaler Alltag auf der einen Seite, mit allen Problemen, die man in diesem Alter haben kann – aber auch ein belastender Alltag mit Familienproblemen, die andere in dieser Form nicht haben. Alltagsrassismus, ein weiteres Thema. Ein spannender, bewegender Jugendroman ab 13 Jahren. Empfehlung!

Weiter zur Rezension:   Dazwischen: Wir von  Julya Rabinowich


Hinter Glas von Julya Rabinowich

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Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
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