Direkt zum Hauptbereich

Unter der Drachenwand von Arno Geiger - Rezension

Rezension



von Sabine Ibing





Unter der Drachenwand 

von Arno Geiger


Sprecher: Torben Kessler, Michael Quast, Cornelia Niemann, Torsten Flassig
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 14 Std. und 23 Min.



Bald ein ganzes Jahr trieb ich mich in Mondsee herum, indessen der Krieg kein Ende nahm. Der Jahrestag meiner Verwundung war verstrichen, und ich wunderte mich selbst, dass es mir gelungen war, mir den Krieg so lange vom Leib zu halten. Als ich Ende November aus Wien eine Beorderung bekam, durfte ich mich nicht beklagen, jedenfalls nicht laut, denn in Wahrheit war es mir bisher vergönnt gewesen, einen unauffälligen Mittelweg zu gehen, der lag, sagen wir, zwischen dem allergrößten Glück mancher und dem härtesten Schicksal vieler.

Rekonvaleszenz am Mondsee 

Veit Kolbe, Wehrmachtssoldat, wird im Jahr 1944 an der Ostfront durch einen Granatsplitter schwer verwundet und muss zunächst nach einem Hospitalaufenthalt nachhause zurückkehren. Bei seinen Eltern in der Possingergasse in Wien fühlt sich der Vierundzwanzigjährige eingeengt, bittet den Onkel, ihm ein Zimmer bei ihm in Mondsee am Mondsee zu besorgen, wo dieser als Postenkommandant arbeitet. Die Quartiersfrau ist knurrig, hinterhältig und geizig. Margot aus Darmstadt, Mutter eines Säuglings, ist Veits Nachbarin, von den anderen Reichsdeutsche genannt, Veit nennt sie die Darmstädterin. Frisch mit einem Linzer verheiratet, weil alle schnell heirateten, bevor sie in den Krieg zogen, sitzt sie nun hier, Darmstadt ist zerbombt, korrespondiert mit dem Ehemann an der Front. Der Brasilianer ist der Bruder der Quartiersfrau, der Gärtner. Man nennt ihn so, weil er viele Jahre in Brasilien gelebt hat, hier am Mondsee von Wärme und Freiheit im fernen Land träumt. Während des Krieges wurden Kinderlandverschickungen organisiert, so landet eine Mädchenschulklasse aus Veits Wiener Nachbarschaft am Mondsee, inklusive einer sehr strengen, jungen Lehrerin. Zurück zu Veits Nachbarschaft in der Possingergasse, hier finden wir den jüdischen Zahntechniker Oskar Meyer, der mit seiner Familie versucht, aus Wien zu flüchten, alle Kontakte durchgeht. Zunächst gelingt die Flucht nach Budapest, wo es der Familie noch schlechter geht.

Wie schlecht eine Zeit ist, erkennt man daran, dass sie auch kleine Fehler nicht verzeiht. (Oskar Meyer)

Kriegstraumata - am Mondsee die Ruhe

Veit hat im Krieg Schlimmes erlebt, er beschreibt, wie die Armee ganze Dörfer in Schutt und Asche zerlegte, zwischen den Toten nur noch ein paar zerzauste Hühner herumgerannt seien. Er schreibt Tagebuch, die Gedanken abzuarbeiten und langsam erholt sich sein Bein, sein Kiefer, sein Geist. Er lernt die sehr zugeknöpfte Lehrerin kennen, einige Schülerinnen, freundet sich mit der Darmstädterin an und mit dem Brasilianer. Alle Protagonisten stehen in Briefkontakt mit Familie und Freunden. So erfährt man nicht nur etwas vom Mondsee, sondern auch aus Wien, Darmstadt, von der Front. Junge Menschen, alte, verzweifelte, hoffnungsvolle, versuchen, aus ihrem Leben das Beste zu machen. Oskar Meyers Familie lebt in der Illegalität, gerät immer mehr in die Hoffnungslosigkeit. Die Darmstädterin zweifelt an der Liebe zu ihrem Mann und Veit, der nicht an die Front zurückwill, ahnt, das Ende des Krieges ist nah, er trickst mit seiner Verletzung, bloß nicht zurück.

Tante Emma und Onkel Georg sind schon acht Tage begraben und sind zu siebzehnt in einem Sarg,

berichtet die Mutter der Darmstädterin, Oskar Meyer schreibt alle Bekannten und Verwandten an, sucht nach Lösungen, Geld, Fluchtwegen. Mit großer erzählerischer Kraft bringt Arno Geiger ein Zeitdokument des letzten Kriegsjahrs auf Papier.

 "Die Drachenwand macht im Süden eine breite Brust"

Die Drachenwand, eine Metapher für das Böse im Osten, für die Eroberer im Westen, für die Bedrohung des Krieges, für alles Böse und Ungewisse, denn davon gibt es eine Menge zu berichten. Trotz allem Schlechten bleibt der Ton von Veit plaudernd, im Großen und Ganzen zuversichtlich. Am Mondsee ist die Welt noch ein wenig in Ordnung, trotz überfliegender Bomberflotten. Der Erzähler Veit hat es nicht immer einfach, aber was sind diese Schwierigkeiten schon gegen die Front? Gegen seine immer wieder auftauchenden Panikattacken schluckt er Pervitin. Geheilt wird er durch Margot. Kleine Sätze sind eigenständige Randgeschichten, wenn berichtet wird, dass Schnüre zum Hochbinden von Tomaten fehlen, weil alle Bindfäden für die Pakete an die Front benötigt werden. Für Veit haben Schaufensterpuppen Soldatenhaltung, er berichtet von Hakenkreuzwimpeln, die auf den Gräbern der Alten flattern.

Einmal in Russland fanden Kameraden und ich auf einer Wiese einen Totenkopf, ein beunruhigender Anblick, wir spielten mit dem Totenkopf Fußball, ich weiß auch nicht. Ich glaube, wir taten es aus Respektlosigkeit gegen den Tod, nicht aus Respektlosigkeit gegen den Toten. Der Tote hätten wir selber sein können. Wir traten den Totenkopf im hohen Bogen über die Wiese, und für einige Minuten gab der Krieg uns frei.

Einbrüche in den Erzählrhythmus

Die Idylle des Erzählers wird immer wieder durchbrochen. Ein verliebter Bengel aus Wien vermisst seine Freundin, die mit der Schulklasse am Mondsee weilt … Die Mutter der Darmstädterin berichtet von zerstörten Städten, der Ehemann  schreibt der Darmstädterinvon der Front, und Oskar Meyer schreibt verzweifelte Briefe aus der Possingergasse, später aus Ungarn, so dass man tief Luft holen muss. Ein wundervoller literarischer Kniff, den Leser immer wieder aufzuscheuchen, wenn er es sich am Mondsee gerade wieder eingerichtet hat, blauer Himmel, ein warmer Tag, kichernde Mädchen am See. Arno Geiger schafft es, allen Figuren Leben einzuhauchen, den Leser mitzunehmen. Die Quartiersfrau ist eine boshafte Hexe, nun, sie hat einen verklemmten Nerv, der zwickt. Ihr Ehemann, ein Lackierer, ein Nazi-Scherge, der zuviel Terpentin geschnüffelt hat, ist ihr verfallen. Recht geschieht ihm. Und der Brasilianer ist ein wenig anders als alle anderen, hört Villa-Lobos in seinem Haus, er ist ein Rebell, ein Exot, vor dem die anderen sich fürchten, einer der sich wehrt, der sich was traut, der das NS-Regime als »Firma« bezeichnet. Mit Erzählkunst schafft Arno Geiger Bilder, seine Protagonisten zeigen dem Leser die Kunst des Überlebens, berichten über das letzte Kriegsjahr, jeder aus seiner Sicht, humorvoll, sarkastisch, verzweifelt. Unprätentiöse kleine Geschichten machen diesen Roman zu einem großartigen Ganzen, Sprachrhythmus, Metaphern, Symbole, gewollte Einbrüche in den Erzählrhythmus, ein Roman voller Kraft. Einer der besten Romane für mich in diesem Jahr.


Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger lebt in Wolfurt und Wien. Er erhielt u. a. den
Deutschen Buchpreis (2005), den Hebel-Preis (2008), den Hölderlin-Preis (2011), den Literaturpreis der Adenauer-Stiftung (2011), den Alemannischen Literaturpreis (2017) für seine »erstaunlich vielfältige Prosa« und den Joseph-Breitbach-Preis (2018).

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Drainting: Die Kunst, malen und zeichnen zu verbinden von Felix Scheinberger

  Als Drainting bezeichnet Felix Scheinberger die intuitive Kombination von Malen und Zeichnen. Damit hebt er die jahrhundertealte heute vollkommen unnötige Trennung zwischen Flächen malen und Linien zeichnen auf und verbindet das Beste aus beiden Welten. Früher machten wir einen Unterschied zwischen Zeichnen und Malen und damit fingen die Schwierigkeiten an. Wo es nämlich gar keine Umrisslinien gibt, gilt es, diese abstrakt zu (er)finden. Die intuitive Kombination aus Zeichnen (Drawing) und Malen (Painting) garantiert gute Ergebnisse und unendlichen Spaß! Eine gute Einführung erklärt das Knowhow und Grundsätzliches zum Malen und Zeichnen – gute Ideen, die man selbst umsetzen kann. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Die Kunst, malen und zeichnen zu verbinden von Felix Scheinberger 

Rezension - Lügen, die wir uns erzählen von Anne Freytag

  Helene hätte ihren Mann, Georg, verlassen können – damals – für Alex. Aber sie hat es nicht getan. Und jetzt hat ihr Mann sie verlassen – weil er sich in eine andere verliebt hat. ‹Es ist einfach passiert.›, sagt er, zieht bei Mariam ein. Aber vielleicht ist das Ende gar kein Ende? Vielleicht ist es ein Anfang für die Mittvierzigerin. Vielleicht ist sie gekränkt weil Georg einfach ging – eifersüchtig, eben auch, weil die Kinder diese junge Yogalehrerin mögen. Doch gleichzeitig ist sie jetzt frei – vielleicht für Alex, denn die beiden haben sich seit ihrer Studienzeit in Paris nie aus den Augen verloren. Eine verdammt gut geschriebene Familiengeschichte. Empfehlung!  Weiter zur Rezension:     Lügen, die wir uns erzählen von Anne Freytag

Rezension - Alt, fit, selbstbestimmt: Warum wir Alter ganz neu denken müssen von Lutz Karnauchow und Petra Thees

  Alter könnte so schön sein. Doch ältere Menschen werden in unserer Gesellschaft diskriminiert. Schlimmer noch, sie denken sich alt und grenzen sich selbst aus, sagen die Autor:innen. Das hat Folgen: Krankheit und Gebrechlichkeit im Alter gelten als normal. Altenpflege folgt daher dem Prinzip «satt, sauber, trocken». Und genau dieses Prinzip kritisieren Dr. Petra Thees und Lutz Karnauchow und gehen mit ihrem Ansatz neue Wege. Dieses Buch stellt einen neuen Blick auf das Alter vor - und ein radikal anderes Instrument in der Altenpflege. «Coaching statt Pflege» lautet die Formel für mehr Lebensglück im Alter. Ältere Menschen werden nicht nur versorgt, sondern systematisch gefördert. Das Ziel: ein selbstbestimmtes Leben. Bewegung, Physiotherapie und Sport statt herumsitzen! Ein interessantes Sachbuch, logisch in der Erklärung, ein mittlerweile erfolgreiches, erprobtes Konzept. Weiter zur Rezension:    Alt, fit, selbstbestimmt: Warum wir Alter ganz neu denken müssen von Lutz...

Rezension - Der Kaffeedieb von Tom Hillenbrand

  Gesprochen von Hans Jürgen Stockerl Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 12 Std. und 7 Min. Wir schreiben das Jahr 1683. Der junge Engländer Obediah Chalon, Spekulant, Händler und Filou, hat sich in London gerade mit der Investition von Nelken verspekuliert und eine Menge Leute um ihr Geld gebracht, das mit gefälschten Wechseln. Conrad de Grebber, Direktoriumsmitglied der Vereinigten Ostindischen Compagnie bietet Obediah  die Möglichkeit, der Todesstrafe zu entgehen: Er wird auf eine geheime Reise geschickt, um etwas zu stehlen: Kaffeepflanzen. Spannender Abenteuerroman rund um den Kaffee. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Der Kaffeedieb von Tom Hillenbrand

Helisee - Der Ruf der Feenkönigin von Andreas Sommer

  Im 10. Jahrhundert gehört der westliche Teil der heutigen Schweiz zum Königreich Birgunt, erzählt uns diese Geschichte. Es ist eine wilde Gegend voller Wälder und Sümpfe, wo viele Menschen noch im Glauben an die alten Götter und Geister leben. Die Mauren greifen das Land an. Die Königin Bertha schützt das Land tapfer gegen räuberische Einfälle der mediterranen Mauren. Als der Hirtenjunge Ernestus, den die Leute im Dorf Erni nennen, einer ausgerissenen Ziege in den Wald folgt, überschreitet er unabsichtlich die Grenze des verrufenen Landstriches Nuithônia, dem Land der Feen. Seit Menschengedenken ist es verboten, dieses Gebiet am Fuß der Alpen zu betreten. Und er findet dort einen besonderen weißen Kiesel … Ein epischer Roman der High Fantasy, ein wenig Schweizer Sagenwelt, gut zu lesen. Weiter zur Rezension:    Der Ruf der Feenkönigin von Andreas Sommer

Rezension - Lindis und der verschwundene Honigtopf von Viola Eigenbrodt

Bendix, der Häuptling des Keltendorfs Taigh, ist außer sich: Jemand hat seinen Honigtopf gestohlen! Lindis, der Ziehsohn der Dorfdruidin Kundra und dessen Freunde Finn und Veda wollen der Sache auf den Grund gehen. War der Dieb hinter der wertvollen Amphore her oder hinter deren speziellem Inhalt? War es einer der fahrenden Händler? Und dann ist auch noch die kleine Tochter der Sklavin verschwunden! Unter dem Vorwand, fischen gehen zu wollen, machen sich die drei Jugendlichen heimlich auf die Suche nach den Händlern und kommen dabei einem Geheimnis auf die Spur … Weiter zur Rezension:    Lindis und der verschwundene Honigtopf von Viola Eigenbrodt 

Rezension - So weit der Fluss uns trägt von Shelley Read

  Am Fuße der Elk Mountains in Colorados strömt der Gunnison River an einer alten Pfirsichfarm vorbei. Hier lebt in fünfter Generation in den 1940ern die 17-jährige Victoria mit ihrem Vater, dem Onkel und ihrem Bruder Seth. In der Stadt begegnet sie Wilson Moon, und beide fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Dramatische Ereignisse zwingen Victoria, selbst das Leben in die Hand zu nehmen. Ein wenig schwülstig, doch gut lesbar, atmosphärisch, ein Familienroman, ein Coming-of-age – gute Unterhaltung … eine Hollywood-Geschichte. Die Pilcher-Fraktion wird begeistert sein!  Weiter zur Rezension:    So weit der Fluss uns trägt von Shelley Read

Rezension - Der Gott des Waldes von Liz Moore

Im August 1975 findet wie jedes Jahr ein Sommercamp in den Adirondack Mountains für Kinder und Jugendliche statt. Als Barbara eines Morgens nicht wie sonst in ihrer Koje liegt, beginnt eine großangelegte Suche nach der 13-Jährigen. Barbara ist keine gewöhnliche Teilnehmerin: Sie ist die Tochter der reichen Familie Van Laar, der das Camp und das umliegende Land in den Wäldern gehören. Viele Jahre zuvor verschwand hier der achtjährige Bear, ihr Bruder, der seit 14 Jahren vermisst wird. Hängen die Vermisstenfälle zusammen? Liz Moore zeigt mit ihrem literarischen Krimi ein Gesellschaftsbild, bei dem Frauen nichts zu sagen haben. Spannender Gesellschaftsroman, ein komplexer Kriminalroman. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Der Gott des Waldes von Liz Moore