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Alleingang von Stefan Moster - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Alleingang von Stefan Moster


Der Anfang: In der Vorstellung ist das Meer immer blau. Bitte ein Kind, den Ozean zu malen, und es weiß sofort, nach welcher Wachsmalkreide es zu greifen hat.

Als Kinder sind sie Freunde: Freddy und Tom. Sie wohnen in derselben Straße: auf der einen Seite die Villa, gegenüber die Mietskaserne. Sie besuchen dieselbe Klasse der Grundschule, nachmittags spielen sie Baader-Meinhof-Bande. Toms Eltern sind betucht, er wächst geborgen auf, wird gefördert. Freddys Vater ist abgehauen, später auch die Mutter. So zieht die überforderte, gnatzige Oma das Geschwisterrudel auf, in einem verwahrlosten Haushalt, in dem nie Geld genug für Essen da ist, Freddy ist der Jüngste der 13 Geschwister. Tom geht aufs Gymnasium, Anfang der Achtziger beginnt er sein Jurastudium, zieht in eine Studenten-WG. Freddy schafft den Hauptschulabschluss und wird Kfz-Mechaniker. Die Jungs bleiben Freunde und so schnuppert Freddy in die Studentenwelt der alternativen Gruppen hinein, und die Elite rühmt sich, »einen wie Freddy« aufzunehmen. Freddy ist drin in der Clique, aber er steht gleichzeitig immer weit draußen. Freddy ist eine ehrliche Haut, nimmt alles ernst und handelt konsequent – geht dabei über Grenzen, die die Studentenclique nur mit dem Mundwerk zustande bekommt. Und als die Parole «Freie Liebe» vertreten wird, greift Freddy zu, die Mädchen mögen ihn. Scheinheiligkeit bei den Herren – mit Theorie und Praxis haben die Studenten immerfort ihre Probleme, nämlich dort wo sie die Rechtsstaatlichkeit oder ihr eigenes Ego überwinden müssten, nutzen Freddy aber gern aus. Er ist ein echter Freund – geht sogar mit seiner Freundschaft so weit, dass er im Knast landet.

Die Generation Revolte hatte etwas Neues gedacht und Neues entwickelt, ihnen hingegen fiel nichts ein. Nichts Neues. Der Fluch der späten Generation lastete auf ihnen. ... Weil sie unablässig an die bessere Welt dachten, drohte ihnen die vorhandene fremd zu werden. … Sie kannten die Theorie, sie kannten das Rezept, doch mit der Verwirklichung haperte es.

Rückblick auf Freddys Leben

Zu Beginn des Romans ist Freddy bereits 51 Jahre alt, wird aus dem Knast entlassen. Niemand wartet auf ihn. Er ist auf dem Weg nach Frankfurt, zum Bahnhof – aber wohin eigentlich genau? Wir lernen Freddy und seine Vergangenheit aus seiner Perspektive kennen. Freddy, der sich beständig nach Anerkennung sehnte, der dazugehören wollte, alles gab, um ein vollwertiges Mitglied der Clique zu sein – der aber nur ein brauchbares Anhängsel war.

Mit hängendem Kopf lacht er auf der Bahnsteigbank über sich selbst. Er hatte den Mut. Den Mut des Dummen. Den Mut dessen, der glaubte, den anderen etwas beweisen zu müssen.

Grenzen wahren und grenzenloser Alleingang

Die Generation der End-70-er, die nach den radikalen 68-ern folgte: Antiatomkraft, gegen Nato-Doppelbeschluss, Startbahnwest usw. Eine Zeitreise in die Vergangenheit, die manchmal etwas klischeehaft herüberkommt – und freie Liebe gehörte doch in die Generation davor. Mich interessierte der Roman, da ich genau ein Kind dieser Zeit bin, aus dieser Studentenzeit der Alternativen. Im geschichtlichen Rückblick ist mir die Geschichte ein wenig zu oberflächlich – aber das macht nichts. Die Charaktere sind sehr gut gelungen. Auf der einen Seite die braven Kinder aus elitärem Haus, die politisch sich links-alternativ engagieren, die Grenzen kennen. Auf der anderen Seite Freddy, der in einem gewalttätigen Haushalt ohne Grenzen aufwächst, bei einer überforderten Oma, ältere Geschwister sitzen teils im Knast oder sind Alkoholiker. Ein stets wütender, ausrastender Freddy, die die andere Straßenseite kennenlernt, ein liebevolles Elternhaus bei Tom, regelmäßiges, gutes Essen – und er darf ein kleiner Teil davon sein. Eine Studentenclique, die sich engagiert, für die Freddy organisiert – und er darf ein kleiner Teil davon sein. Je älter Tom und Freddy werden, umso mehr driftet die Freundschaft auseinander. Erst ist man stolz, einen waschechten Arbeiter unter sich zu haben, später schämt man sich für ihn. Hier ist das Buch authentisch. Freddy, der sich für andere aufopfert, Freddy, der Knastbruder, der nicht weiß, wo er hingehen soll, als er aus dem Knast entlassen wird. Fein formuliert, authentisch, eine Sprache, die einen gereiften Freddy zeigt, der in seinem Lebensrückblick begreift, dass er der Depp war. Doch ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt am Horizont und er macht sich auf den Weg. Ein guter Roman.

Genaugenommen gibt es Tom gar nicht mehr, denn sein Freund von früher nennt sich nun Thomas und lebt in Hamburg. Trotzdem ist er für Freddy in die Robe des Verteidigers geschlüpft, weil es um den Tod ihres gemeinsamen Freundes Finger ging. … Einige Zeit nach der Urteilsverkündung erreichte Freddy ein Schreiben mit dem Briefkopf der Hamburger Kanzlei, in dem Thomas ihn aufforderte, sich zu melden, sollten die Haftbedingungen dazu Anlass geben. Ansonsten werde man sich nach der Haftentlassung miteinander verständigen – Zwecks Regelung der Folgemaßnahmen.

Stefan Moster, geboren 1964 in Mainz, lebt als Autor, Übersetzer, Lektor und Herausgeber in Helsinki und Berlin. Unter anderem übertrug er Werke von Petri Tamminen, Rosa Liksom, Selja Ahava und Daniel Katz vom Finnischen ins Deutsche. Für seinen neuesten Roman «Alleingang» wurde der Autor mit dem Martha-Saalfeld-Preis ausgezeichnet.


Stefan Moster   
Roman
Mareverlag, 2019, gebunden, 362 Seiten


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