Direkt zum Hauptbereich

Die Seele des Monte Pavione von Matteo Righetto - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Die Seele des Monte Pavione 


von Matteo Righetto


Der Anfang: Es gibt Dörfer, die scheinen das Unheil anzuziehen. Man riecht es schon, wenn man die Luft einatmet, die trüb ist, abgestanden und verbraucht wie alles, was dem Niedergang entgegengeht.

Dieser Roman, ein historischer, literarischer Thriller, ist angesiedelt in Italien, im nördlichen, bergigen Bereich des Veneto um 1900. Tabakanbau hat in Italien eine lange Tradition und stand immer unter staatlicher Kontrolle. Bis heute ist Italien in Europa der größte Tabaklieferant. Der «Nostrano del Brenta» hat höchste Qualität, da er bis heute per Hand getrocknet wird. Um genau diesen Tabak geht es.

Augusto de Boer ist einer dieser Tabakbauern, die unter staatlicher Knute Tabak anbauen. Die Samen werden zugeteilt, müssen vorsichtig vorgezogen werden, sorgsam ausgepflanzt und aufgezogen, jeden Tag umsorgt werden. Immer wieder kommen staatlichen Kontrolleure, überwachen, zählen die Pflanzen. Nach der Ernte erhält der Bauer einen staatlich festgelegten Preis pro Kilo. Handel findet nicht statt. Mit dem Erlös kommen die Bauern kaum über die Runden, obwohl sie in kärglichen Verhältnissen leben. Fällt die Ernte wetterbedingt schlecht aus, geht der Hunger durch das Dorf Nevada im Brentatal. Die Mutigen Männer zweigen ein wenig Tabak ab, verstecken ihn, schmuggeln den Tabak über die Grenze nach Österreich. Wer erwischt wird, geht ins Gefängnis. Die ganz Mutigen nehmen den gefährlichen Weg über den Passo di Pavione, der nicht ganz so streng bewacht wird, verkaufen in Imer und Mezzano ihren «Nostrano del Brenta» an die Bergleute. Sie erhalten dafür Kupfer- und Silberbarren. Einer von ihnen ist Augusto de Boer.

Jole ist auf sich allein gestellt

Zum Abendessen hatte es Polenta, Ricotta und Karden gegeben. Agnese hatte am Kopfende des Tisches gesessen, auf dem Platz ihres Ehemanns, der seit über einem Jahr verschollen war …

Seine älteste Tochter, Jole, nimmt er 1894 einmal mit auf den Weg, da er in diesem Jahr gut Tabak abzweigen konnte, Hilfe beim Tragen benötigt. Im Jahr darauf kehrt er nicht zurück von seiner Reise. Im Folgejahr geht es der Familie schlecht, sie wissen nicht, wie sie den Winter überstehen sollen. Sie hatten wieder Tabakblätter abgezweigt – und Jole wagt nun allein den gefährlichen Weg.

Atmosphärisch und unverblümt 

De Menech verließ sich auf sieben Männer seines Vertrauens … Dabei handelte es sich um Bergleute, die während der Arbeit Metalle heimlich hinunterschluckten und zu Hause zurückgewannen, indem sie sorgfältig ihren Kot untersuchten.

Atmosphärisch und unverblümt beschreibt Matteo Righetto das Leben der Bauern und Bergarbeiter, ausgepresst vom Staat. Der Tabakschmuggel in den Dolomiten gehörte zu den gefährlichen Zuverdiensten der Bauern, ein Wagnis, das mit Gefängnis oder Tod enden konnte. Seine Erzählung ist kurz und prägnant aufgebaut, und sie wird ab der Mitte sehr spannend. Ein Ein Coming of Age – Jole begegnet unterwegs  einigen Menschen – wem kann man vertrauen? Sagen wir es nach Brecht: «Der Mensch an sich ist schlecht.» Erzählerische Kraft zieht den Leser hinein in die Geschichte, die langsam startet, dann Vollgas bis zum Anschlag tritt. Einige Absätze lohnen sich, sie aufzusaugen, mehrfach zu lesen. Dann wieder gibt es kitschige Stellen, die verziehen sind. Bei den Protagonisten mag man auf den ersten Blick meinen, sie würden ins Klischee rutschen. Aber man muss sich in diese Zeit versetzen – eine Frau war Objekt, nichts wert. Insofern passen die Charaktere schon. Ein Roman im Genremix: literarischer Thriller, Abenteuerroman, historischer Roman, ein Coming of Age. Mir hat das Buch gut gefallen.

Hier hatte er die Arbeiter beobachten können, die dazu verurteilt waren, zwanzig Stunden am Tag in den Tiefen der Welt, im Bauch und in den Eingeweiden der Erde zu schuften. Vor dem Leben verborgen. Gezwungen zu einer Existenz ohne Luft und ohne Licht, ohne Himmel und ohne Sterne. Mehr Dämon als Mensch.

Matteo Righetto wurde 1972 geboren und lebt in Padua. Er ist Dozent für Literatur. Sein Roman «Das Fell des Bären» (Originaltitel: «La pelle dell’orso») war ein internationaler Bestseller und wurde von Marco Segato verfilmt.


Matteo Righetto 
Die Seele des Monte Pavione
Original: L´anima della frontiera
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Roman, literarischer Thriller
Blessing Verlag, 240 Seiten, Hardcover, 2019

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Gabriela Kasperski - Was sind Regiokrimis?

In diesem Beitrag zum Thema, Krimis und Thriller - eigentlich ein kunterbuntes Genre, geht es um ein typisch deutsches Subgenre: Der Regiokrimi. Gabriela Kasperski schreibt selbst in diesem Bereich und hat sich Gedanken dazu gemacht, war etwas erstaunt, was Wikipedia dazu zu erklären hat. Gibt es überhaupt einen Regiokrimi? In irgendeinem Ort muss eine Geschichte schließlich spielen – und sei es auf dem Mond.

Meine Definition sieht so aus: Wie für jeden anderen Krimi braucht es für einen Regiokrimi vielschichtige Figuren, einen Plot mit überraschenden Wendungen und eine Auflösung, die alles nochmal in Frage stellt. Es braucht eine passende Atmosphäre und ein überzeugendes Setting.
Neugierig? Hier geht es zum Artikel:   Was sind Regiokrimis? - von Gabriela Kasperski

Deutscher Kinder- und Jugendbuchpreis 2020 - Nominierungen

Am 16. Oktober 2020 wird auf der Frankfurter Buchmesse der Deutsche Kinder- und Jugendbuchpreis 2020 vergeben. Die Nominierungen stehen fest. Wir sind gespannt, wer gewinnt.
Einige der nun Nominierten habe ich bereits rezensiert, und ihr findet sie hier:

BilderbuchAusflug zum Mond von John Hare   Noch ein Bilderbuch, in das ich mich verliebt habe … Ohne Worte erzählen die Zeichnungen die intensive Geschichte von einem Jungen, der zum Mond fuhr, und dort vergessen wurde. Die erste Seite der Erzählung ist das Cover, denn dort sieht man Kinder (wohl eine Schulklasse) ein Shuttle besteigen. Ein Bilderbuch, das kei ne Sprache benötigt, um eine intensive Geschichte zu erzählen. Das Kind, der Mann im Mond – ganz viele …

Weiter zur Rezension:   Ausflug zum Mond von John Hare


Dreieck Quadrat Kreis von Mac Barnett und Jon KlassenDrei zusammengehörige Bilderbücher zum Thema Formen, Freundschaft und Ängste. Riesige spricht nicht aus mir. Aber lest selbst, es klemmt für mich an vielen Ecken.

Weiter…

Rezension - Einsiedeln von Silvia Götschi

Einsiedeln, Kanton Schwyz, bekannt durch das Kloster Einsiedeln Eine zerstückelte Leiche im Sihlsee und ein Hinweis zum Benediktinerorden … Welche Verbindung gibt es zum Kloster? Oberleutnant Valérie Lehmann fischt mit ihrem Team zunächst im Trüben. Ein spannender Krimi aus der Schweiz.

Hier geht es zur Rezension:   Einsiedeln von Silvia Götschi

Rezension - Das Holländerhaus von Ann Patchett

Eine amerikanische Familiengeschichte über den Aufstieg eines kleinen Mannes. Cyril Conroy kommt durch Fleiß zu Geld und stolz erwirbt das sogenannte Holländerhaus, eine Prunkvilla. Cyril ist besessen von dem Haus. Die Kinder lieben den großen Pool. Seine Frau Elna hatte Cyril nicht gefragt, ob sie das Haus haben möchte. Und sie fühlt sich unwohl in der pompösen Villa mit all dem Zeug, das Fremden gehörte, dem Hauspersonal. Eines Tages ist Elna verschwunden. Sie ist nach Indien gegangen, erklärt Cyril seinen Kindern Maeve und Danny. Ein paar Jahre später heiratet Cyril die junge Witwe Andrea Smith, die ebenso in das Haus vernarrt ist. Als Cyril früh verstirbt, schmeißt sie die Kinder aus dem Haus, denn sie hatte es geschafft, per Testament zur Alleinerbin zu werden. Das Haus wird Maeve und Danny nie loslassen. Immer wieder kehren sie zurück, um es vom Auto aus zu beobachten. Der Roman ist in Ordnung, Unterhaltungsliteratur. Mir fehlte Spannung, denn er zieht sich wie ein gespannter F…

Rezension - Bretonisch mit Meerblick von Gabriela Kasperski

Ein urlaubsträchtiger Regiokrimi mit Charme! Die Mieten in Zürich sind teuer. Tereza Berger, vierzig, geschieden, die Kinder sind ausgezogen, erbt von ihrer Tante eine Villa in der Bretagne, auf der malerischen Halbinsel Crozon. Die Gelegenheit, sich in eine Wabe in Zürich einzukaufen. Nach Frankreich reisen, verkaufen – sich in Zürich mit dem Erlös einkaufen – so der Plan. Die sogenannte Villa entpuppt sich als neobretonische Bruchbude an der Dorfstraße von Camaret-sur-Mer. Von wegen Meerblick! Den kann man nur aus dem Dachfenster genießen. Kein Wasser, Stromleitung gekappt, die Treppe ist morsch. Als ein Kölner Künstler ihr ein phänomenales Kaufangebot macht, ihr einen Scheck für die Anzahlung über den Tisch reicht, rückt die Wabe in Zürich wieder näher. Der attraktive Severin füllt Teresa ab. Am nächsten Morgen liegt er tot am Strand, Teresa kann sich an nichts mehr erinnern. Sie gerät unter Mordverdacht.

Weiter zur Rezension:   Bretonisch mit Meerblick von Gabriela Kasperski

Rezension - Palmen am Nordpol von Marc ter Horst und Wendy Panders

Alles über den Klimawandel Ein solches Buch habe ich mir gewünscht! Hier erfährt man sachkundig und unterhaltsam alles über den Klimawandel. Es beginnt mit der Eiszeit. Die Ursachen des Klimawandels bis hin zu den Auswirkungen auf die Natur, Tiere und Menschen werden in diesem Buch gut dargestellt – und Lösungen werden aufgezeigt, das Klima wieder in die richtige Bahn zu lenken, auch die kleinen Dinge, die jeder für sich selbst berücksichtigen kann. Ein Buch für alle, denen die Zukunft der Erde am Herzen liegt, und die nicht nur mitreden, sondern auch handeln wollen. Ein wichtiges Sachbuch mit wissenswerten Fakten für Kinder ab 10 Jahren.

Weiter zur Rezension:   Palmen am Nordpol von Marc ter Horst und Wendy Panders

Rezension - Romane schreiben und veröffentlichen für dummies von Axel Hollmann und Marcus Johanus

Ein wirklich guter Ratgeber für Schreibanfänger! Kurz und bündig, verständlich, angereichert mit Tipps. Das Buch kann ich jedem empfehlen, der vorhat, einen Roman zu schreiben und sich Gedanken über Strukturen macht – was ja auf jeden Fall auch machen sollte. Schreiben, organisieren, Hardware und Software, Figurenbildung, Prämisse, plotten, Dreiakter, Heldenreise, sprachliches, bis hin zur Vermarktung, alles drin.

Weiter zur Rezension:    Romane schreiben und veröffentlichen für dummies von Axel Hollmann und Marcus Johanus

Rezension - Ada und die Zahlenknackmaschine von Rachel Katstaller und Zoë Tucker

Dieses Bilderbuch erzählt die Geschichte von Augusta Ada Byron King, Countess of Lovelace, besser bekannt als Ada Lovelace, die Mitte des 19. Jahrhunderts zusammen mit ihrem Freund Charles Babbage ein komplexes Rechenprogramm entwickelte. Sie nannte es »Analytical Engine«. Es war der erste Computer auf der Welt und die Erfindung leitete das Computerzeitalter ein. Sie war die Tochter des berühmtesten englischen Literaten Lord Byron. Die Programmiersprache Ada wurde ihr zu Ehren so benannt. Doch kaum ein Mensch kennt Ada Lovelace. Das soll sich mit diesem Buch ändern.

Weiter zur Rezension:  Ada und die Zahlenknackmaschine von Rachel Katstaller und Zoë Tucker

Rezension - Richtig Sehen & locker Skizzieren von Eckard Funck

Wer skizzieren lernen will, liegt richtig. Allerdings ist es kein Buch für Anfänger, auch wenn es nach dem ersten Kapitel den Anschein gibt. Grundlagen in der Perspektive, Farbenmischen und dem Aquarellieren sollte man mitbringen.

Weiter: Richtig Sehen & locker Skizzieren von Eckard Funck

Rezension - Das Meerbuch

Herausgegeben von Matthias Reiner mit Illustrationen von Quint Buchholz Die Geschichten und Gedichte in dem vorliegenden Band sind prima. Doch ein bisschen fühle ich mich an der Nase herumgeführt. Meer! Ich hatte Texte erwartet, die direkt etwas mit dem Meer zu tun haben, mit literarischen Naturbeschreibungen, Nature Writing. Marie Luise Kaschnitz, Daniel Defoes Robinson, J.W. Goethe, Homer, Thomas Mann, Ingeborg Bachmann, Christian Morgenstern, Paul Celan, fantastische Schriftsteller, gute Kurzgeschichten – nur das Meer als Thema kommt zu kurz. Die Bilder von Quint Buchholz gefallen mir. Doch auch sie verlieren im Pocketformat ihre Wirkung.

Weiter zur Rezension:   Das Meerbuch