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Die letzten Tage der Raubtiere von Jérôme Leroy - Rezension

Rezension 

von Sabine Ibing



Die letzten Tage der Raubtiere 


von Jérôme Leroy


Das Gesicht der Gelbwesten-Aktivistin, der es bei einem anderen schwierigen Provinz-Termin in Lunéville gelang, sich für ein paar Sekunden an ihre Autoscheibe zu pressen, zeigte der Präsidentin, wie verzweifelt ihr Land war aufgrund dieser absurden Idee, auf die Vernunft der Reichen zu setzen. Dieses Bild brannte sich ihr ein: die von geplatzten Äderchen durchzogene Haut dieser Frau, ihre hervortretenden Augen, in einem als Folge des übermäßigen Verzehrs von hochverarbeiteten Lebensmitteln aufgedunsenen Gesicht, ihre furchtbare Verzweiflung, ihr verzerrter Mund, der deutlich das Wort ‹Schlampe› formte, was Präsidentin Séchard hinter ihren kugelsicheren Scheiben jedoch nicht hören konnte.

Sie hasste diese Frau, hätte zu gern gesehen, wie ein Hartgummigeschoss ihr die Hälfte ihres hässlichen Gesichts wegreißt. Im nächsten Moment wollte sie am liebsten aussteigen und sie an sich drücken, ihr über ihre dünnen, fettigen Haare streichen und ihr sagen, es würde schon alles gut werden, und dass es ihr leidtäte.


Es herrscht Chaos in Frankreich: Eine Dürre ist ausgebrochen und das Wasser wird knapp, Waldbrände sind kaum zu bändigen, Gelbwesten blockieren die Straßen, Impfgegner machen mobil; die Polizei setzt einen brutalen Lockdown durch, nur wer einen Passierschein hat, darf sich frei draußen bewegen … Emmanuel Macron im Rock mit langen blonden Haaren, mit Namen Nathalie Séchard: Die Präsidentin ist müde, hat ihren Job satt und will zum nächsten Mal nicht mehr kandidieren; sie will lieber mit ihrem sehr jungen Liebhaber mehr Zeit verbringen. Die Nachricht schlägt wie eine Bombe ein und das Messerstechen um eine:n neue:n Kandidat:in ist eröffnet. Agnès Dorgelles, Führerin des rechtsradikalen Patriotischen Blocks (die eindeutig den Front Nationale von Marine Le Pen verkörpert), und zahlreiche männliche Kulissenschieber auf Regierungsebene, warten nur darauf, der «blonden Cougar» die Präsidentschaft abzuknöpfen. Und für manche stellt sich ein hohes Ziel, egal wie: Agnès Dorgelles im Vorfeld zu verhindern und ebenso jeden anderen Gegner. 


Französische Politik als Noir-Thriller


Es gab Dutzende Tote und Hunderte Verletzte, die in den Fluren der durch das Virus ohnehin stark unter Druck stehenden Notaufnahmen auf ihre Behandlung warteten, Schäden in Milliardenhöhe. Das in der Grünanlage an der Promenade du Peyrou schnell hochgezogene Feldlazarett, die erschöpften und verzweifelten Gesichter, die nach oben schauten, als der Helikopter über sie hinwegflog. Sogar Beauséant, so dermaßen ein Mann von gestern, murmelte in das Mikro seines Headsets: ‹Das sieht hier ja aus wie im Krieg.›


Innenminister Patrick Beauséant, ein elitärer Nationalist, wird von der Präsidentin unterstützt, als Gegenkandidat stellt sich der linksliberale, grüne Guillaume Manerville, Staatsminister für soziale und solidarische Ökologie. Hier wird alles aufgeblättert: Französische Eliten, die Geschichte der Sozialdemokraten, französische Geschichte über alte Arbeitskämpfe, es geht zurück bis zur Kolonialzeit und nimmt die Macht des Militärs aufs Korn. Auch die heutigen linksradikalen Öko-Aktivisten spielen eine Rolle, als Figur dazu die zwanzigjährige Clio, linke Aktivistin und Studentin einer Elite-Uni, Tochter des Kandidaten Guillaume Manerville, die in eine Intrige gerät, eine Hetzjagd auf sie gestartet wird. Denn Manerville kommt gut an beim Volk – seine Tochter ist sein verletzlicher Punkt.


Wollen wir hoffen, dass dies nur ein Roman bleibt!


Er ist ein Mann um die Fünfzig, fast zwei Meter groß, breitschultrig, hat graue Augen, trägt ständig zerknitterte marineblaue Tweedanzüge, Club-Krawatten und eine Frisur à la Boris Johnson. All das gibt ihm das Aussehen eines leicht zerstreuten und sanftmütigen Oxford-Professors, der an der kritischen Ausgabe eines in Vergessenheit geratenen Sokrates-Vorläufers arbeitet.


Geheimdienste, die die aus dem Untergrund mitmischen, Kandidaten, die mit allen Tricks agieren, ihre Gegner versuchen auszuschalten, dabei über Leichen gehen. Waldbrände und Wassermangel, was die Bürgermeister vor Ort an den Rand des Wahnsinns treibt, die sich alleingelassen fühlen. Raubtiere, die sich zähnefletschend gegenüberstehen, um ihre Kandidaten durchzubringen. Polit-Noir, ein fast apokalyptischer Ritt durch die französische Politszene … «Dutzende Tote, eine ermordete Ministerin, ein Beauséant, der die gesamte mediale Aufmerksamkeit auf sich zieht», und der ein richtiges Miststück ist, Anschläge verüben lässt, die er politischen Gegnern anhängt. Ein alter Mann, einer mit Militärhintergrund, stocksteif, konservativ, der am Alten festklebt: «Transistorradio. «Er mag das Knistern, es mag es, mit einer Hand voller Rasierschaum meckernd am Radio herumzudrehen, weil der Sender mal wieder weg ist.» Literarisch gut geschrieben, fein ausgearbeitete Charaktere, Atmosphäre, eine vorstellbare bitterböse Geschichte. Wollen wir hoffen, dass dies nur ein Roman bleibt! Empfehlung!


Jérôme Leroy, geboren 1964 in Rouen, ist Autor, Literaturkritiker und Herausgeber. Er hat zahlreiche Kriminalromane veröffentlicht. Auf Deutsch erschienen bisher Der Block (2017), Die Verdunkelten (2018) und Der Schutzengel (2020) sowie Terminus Leipzig (2022), ein Gemeinschaftswerk mit Max Annas. Der Block wurde mit dem Deutschen Krimipreis 2018 in der Kategorie International (3. Platz) ausgezeichnet. Jérôme Leroy lebt in Lille.



Jérôme Leroy
Die letzten Tage der Raubtiere
Originaltitel: Les dernier jours des fauves, 2021
Aus dem Französischen übersetzt von Cornelia Wend
Kriminalroman, Kriminalliteratur, Frankreich, Polit-Thriller, Noir, Noir-Thriller, Französische Literatur
Klappenbroschur, 400 Seiten
Edition Nautilus, 2023




Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller




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